Crazy Circe

Deshalb soll hier und heute das gute Buch gepriesen werden.

Die Kulturorte sind alle dicht wie Schauspieler am Ende der Premierenfeier. So bleibt uns Kulturhäschen in Pandemiezeiten meist nur Stillbeschäftigung. Die eine oder andere Veranstaltung kann man zwar noch streamen, aber das ist wie Saufen vor verschlossener Kneipe, allein, aus einer leeren Flasche. Deshalb soll hier und heute das gute Buch gepriesen werden, genossen auf dem guten Sofa zu einer guten Schnitte Brot mit guter Butter.

Doch beginnen wir mit dem Lieblingsbuch für Buchstabenmuffel: der Fernsehserie. Seit Beginn der Seuche habe ich so viele Serien gestreamt, dass ich mich hier auf meine absoluten Highlights beschränke. Da wäre zum einen „Killing Eve“ (Amazon STARZPLAY): Drei tolle Hauptprotagonistinnen aus drei Generationen, und ein grimmig gutgelaunter Parforceritt in bislang drei Staffeln mit teils cartoonesker Brutalität irgendwo im verminten Niemandsland zwischen Nordic Noir, Splatter und Quentin Tarantino. Saulustig ist auch die norwegische Wikingerparodie „Norsemen“ (Netflix; am besten in der englischsprachigen Version mit norwegischem Akzent!), die ihre eigenen Tabubrüche immer gleich selbst in einer für das Jahr 790 bizarr modernen Weise metaverhandelt – bester Beweis dafür, dass man auch daraus, was in Deutschland oft nur hilflos als „Zwang zur politischen Korrektheit“ beheult wird, skurrilsten Humor ohne reaktionäres Lamento zaubern kann.

Gleich vier lange Staffeln hat mein Überraschungssieger in der Kategorie „Ulis Coronaserien“, die genialisch bescheuerte Comedy „Crazy Ex-Girlfriend“ (Netflix). Überraschung deshalb, weil die Machart durchaus Sitcom und Musical streift – beides Genres, die ich gewöhnlich meide wie der Teufel das Weihwasser. Goethe liest ja auch keine Micky-Maus-Hefte. Doch die Erklärung ist einfach: Die Hauptakteurin Rachel Bloom ist die komischste Frau der Welt. Stopp, ich korrigiere – das grundlose Othering wirkt hier sonst so, als hätte mal wieder nur das arglistige Fatum eines opportunistischen Zeitgeists uns Grandseigneure der Brüllkomik zugunsten semitalentierter Gören undekoriert gelassen: Sie ist auf jeden Fall der komischste Mensch (m/w/d) der Welt. Das haben mir die 62 Folgen dieser auch feministischen, auch diversen, vor allem aber megawitzigen Serie mit dem Schaumstoffhammer eingeprügelt: Blam!

Doch es geht auch ohne teure Streamingdienste. Mein Favorit im Angebot der öffentlich-rechtlichen Mediatheken stammt ebenfalls aus Norwegen: die superoriginelle Serie „Beforeigners“ (ARD; dort leider nur synchronisiert). Eine weitere Empfehlung gilt der englischen Feelgood-Serie „Detectorists“ (Arte; OmU), herzerwärmend wie ein warmes Pint im Pub, und niedlich wie ein beim Bad in einer Müslischüssel am Bauch gekrabbeltes Igelbaby (Youtube).

Wem das alles noch nicht reicht, die kann sich auch die kubikmetergroße DVD-Box mit sämtlichen Staffeln von Edgar Reitz‘ „Heimat“ von 1984 bestellen. Die Serie ist gut gealtert, gerade in ihrer postmodernen, urlangsamen Carlos Reygadas-Erzählweise, womit man nun fast schon wieder bei den echten Büchern wäre, denn Lesen ist tatsächlich etwas anspruchsvoller. So kann man nicht mitten im Buch Bier aus der Küche holen oder aufs Klo bringen, während sich das Buch von alleine weiterliest. Blöd.

Dennoch habe ich auch viel gelesen. Manches ging bei einem Auge rein, beim anderen raus. Anderes blieb drinne. So kann ich mich aus der la main erinnern an Juan Moreno, Emilia Smechowski, Johannes Ehrmann (alle eher Sachbuch), Ocean Vuong, Stefanie Sargnagel, Dirk Stermann, Anke Stelling, Rafael Horzon, Paula Irmschler, Leo Tolstoi, David Niven, Ella Carina Werner und Leif Randt: Bei euch bedanke ich mich, dass ihr meine Tränen der Lockdownlangeweile getrocknet und mit der Brechstange eurer Worte meinen amöbenhaften Horizont erweitert habt – ihr seid schnafte Herzchen! Was Randts „Allegro Pastell“ betrifft, hoffe ich jedoch für ihn und mich, dass es sich bei seinen Charakteren, die seltsam steril wirken wie Androiden in einer Versuchsanordnung, die das echte Leben nur so fakt, auch wirklich um das von mir vermutete Stilmittel handelt.

Meine klare Nummer eins in Büchern ist ohnehin „Circe“ von Madeline Miller. Wie in „Crazy Ex-Girlfriend“ gibt es eine schräge Heldin. Und auch hier bin ich zwar zweifellos zu faul und zu doof, um zu beschreiben, worum es überhaupt geht, so plotwise, vor allem aber würde jeder technokratische Erklärungsansatz dem tieferen Grund meiner Begeisterung nicht gerecht; also recherchiert halt im fähigeren Feuilleton oder lest besser gleich den Roman.

Wer möchte, mag in meiner Auswahl den halbgebildeten Hang zum schlichten, aber niemals schnöden Wort erkennen. Und natürlich kann man auch Livestreams gucken. Stücke aus dem Maxim-Gorki-Theater zum Beispiel. Oder eine Show von Fil. Man kann es aber auch bleiben lassen, denn ohne Publikum wirkt dieser nach Rachel Bloom komischste Mensch der Welt ungewohnt lost. So als hätten ihn Entführer auf eine Bühne gezwungen, um ein Erpresservideo zu drehen – da fehlt nur noch das Schild um den Hals: „Seit 520 Tagen Gefangener des RKI“.

Dasselbe – und hier komme ich nun endlich zu mir – muss man erst recht über die Livestreams der Berliner Lesebühnen sagen, denn das Format ist ohne den Geruch von Bier und das Klirren der von ekstatisch schurrenden Füßen umgestoßenen Flaschen eigentlich nicht lebensfähig. Wir ziehen die Sache trotzdem durch wie der Volkssturm – die „Brauseboys“, die „Reformbühne Heim & Welt“ sowie „LSD – Liebe statt Drogen“ –, eben weil wir bockige alte Kleinkünstler sind. Es hat schon etwas Wahnhaftes, wir machen das im Grunde nur noch für uns selbst. Manchmal verfolgen gerade mal acht Leute unseren Stream, und in Wahrheit sind es sogar nur sieben, weil ich auf meinem Smartphone zur Kontrolle mitgucke. Doch das sage ich den Kollegen nicht, damit sie nicht noch trauriger werden. The show must go on – warum, weiß ich allerdings oft selbst nicht mehr.

Ein Lob der Spaltung

Außerdem war die Gesellschaft doch schon immer tief gespalten.

Es ist jeden Morgen dasselbe. Kaum blättere ich die ersten Seiten des Internets auf, schlägt mir lautes Gebrüll entgegen. Pandemie ist nur ein anderes Wort für: Alle hassen alle. Es wird nie wieder so werden, wie es mal war. Ich bin mir sicher, träfe eines Tages der zum Glück nur theoretische Fall ein, dass wir uns wieder leibhaftig in der Kneipe gegenüber säßen, gäbe es auf der Stelle Mord und Totschlag.

Friends, die einander dann über ein Jahr lang gegenseitig als „wichsende Internettrolle“ bezeichnet hätten – und das sind noch diejenigen, die sich gut verstehen – sollen jetzt auf einmal wieder ruhig miteinander reden? Im selben Raum, ohne Polizei, trennende Gitterstäbe oder den wenigstens vor physischer Versehrung schützenden Mantel der Virtualität? Das ist, als würde man eine Gang tollwütiger Wiesel erst an den Schwänzen anzünden, und dann zusammen in einen winzigen Käfig sperren.

Dennoch hört und liest man nun oft denselben windelweichen Quatsch: Man solle mehr aufeinander zu gehen, bitteschön recht zackig die Versöhnung suchen und die Gesellschaft nicht noch weiter spalten.

Höre ich dieses „Aufeinander zu gehen“, sehe ich vor meinem geistigen Auge immer nur zwei Horden, die mit Sensen und Dreschflegeln bewaffnet in einer riesigen Staubwolke aufeinander losstürmen. Da möchte ich weder im Weg stehen, noch auch nur einer dieser beiden Horden angehören.

Und die Versöhnung? Oft tauschen sich nun „die Anderen“ (Arbeitstitel) darüber aus, dass man ja nach jener kriminell hochgejazzten Scheingrippe nicht nur die „Verantwortlichen bestrafen“ – und damit meinen sie nicht diejenigen, deren Opportunismus Menschenleben kostet und paradoxerweise die so doch angeblich geschützte Wirtschaft noch gleich mit ruiniert –, sondern leider auch noch uns Schlafschafen um des lieben Friedens Willen ein „Versöhnungsangebot“ unterbreiten müsse.

Zu gütige, liebe Andere, danke. Aber ich scheiße auf euer Angebot. Erst mir in die Fresse schlagen und mir dann dieselbe Hand entgegenstrecken, damit ich mich bei euch für eure Blödheit entschuldigen kann? Bleibt schön, wo ihr seid. Steckt mich nicht an.

Was haben die Leute bloß immer gegen eine Spaltung der Gesellschaft? Ich will mit denen so wenig zu tun haben wie sie mit mir – die Argumente sind zur Genüge ausgetauscht. Eine lange und unergiebige Zeit des Sprechens ist beendet, nun beginnt die goldene Zeit des Schweigens. Außerdem war die Gesellschaft doch schon immer tief gespalten. Die sozialen Medien machen das jetzt nur sichtbarer – in meinen Augen sogar ihre einzige konstruktive Leistung, außer der niedlichen Zwergotterfamilie, der man beim Fressen zusehen kann. Denn früher wurden die schlimmsten Gräben einfach stillschweigend akzeptiert – sie fielen nur deshalb kaum auf, weil sie keiner thematisierte. Marginalisierte konnten sich schlechter vernetzen, und merkten oft nicht, wie viele sie eigentlich waren. Die Kehrseite der Medaille: Dieselben Medien sind natürlich auch den Anderen Tummelplatz, Echokammer und Gummizelle in Einem.

Alles in allem wäre eine saubere Spaltung hier doch endlich einmal sinnvoll. Gerade für den besagten Frieden wäre es schlicht am besten, man hielte getrennt, was ohnehin nicht zusammengehört. Das wäre Vanillepudding für die Seele, ein warmer Strickpulli für die Nerven, ein Wolfszaun für uns Schlafschafe: Hier die Einen, dort die Anderen und jeder macht in Ruhe sein schwachsinniges, kleines Ding. Eintracht in Zwietracht. Genau darin liegt das ungeheure Potential der Spaltung, ihre heilende Wirkung auf die Gesellschaft, indem man separiert, was zusammen nicht mehr funktioniert – in der Chirurgie heißt das Amputation: keine schöne Sache, aber manchmal lebensrettend.

Und ewig weinen die Schweine

„Dann sperre ich die Schweine eben unten im Fahrradkeller ein …“

Drei Jahre ist Julia Klöckner nun Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft. Da wird es doch langsam Zeit für eine kleine Bilanz: Wie hat die Gegnerin der gleichgeschlechtlichen Ehe, die die Klimakrise für eine Modeerscheinung hält, dem Amt seitdem ihren Stempel aufgedrückt?

Auffällig ist ihr Faible für Umweltgifte, die Wasserhehler von Nestlé und toughe Landwirte. Was sie jedoch auf den Tod nicht leiden kann, sind ganz offensichtlich Schweine. Auf die hat sie es aber mal so was von abgesehen; das zieht sich wie ein blutigroter Faden durch ihre gesamte bisherige Amtszeit: Ob artfremde Haltung oder Ferkelkastration – so richtig hygge wird ihr erst beim Schweinequälen. Als die gesammelte Schweineschar im März 2018 erfuhr, wer fortan ihre Nemesis und oberste Dienstherrin sein würde, scholl ein entsetztes Quieken durch die Ställe von Schweinfurt bis Eberswalde.

Doch woher kommt überhaupt Julia Klöckners unbändiger Hass auf Schweine? Das ist doch nicht normal, dieser alles verzehrende Hass, der ihr Leben in einem Maße bestimmt, dass davon jede andere Lebensäußerung komplett zugeschüttet wird. Das gilt sogar für die Grundtriebe. Nicht selten müssen ihre Mitarbeiter sie ermahnen, das Atmen nicht zu vergessen, so ausschließlich absorbiert sie ihr obsessiver Schweinehass. Auch für Körperpflege, Sozialverhalten, Sexualtrieb sind keinerlei emotionale, geistige und zeitliche Kapazitäten mehr übrig. Im Fall der Nahrungsaufnahme funktioniert noch am ehesten der Trick, sie daran zu erinnern, dass sie hier ja immerhin ein totes Schwein vernichtet, um ihr auf dem Sprung zwischen Büro und Bundestag mal eben eine Bifi unterzujubeln. In Ausnahmefällen kann das auch zu Übersprungshandlungen führen, in deren Rahmen Klöckner rasend schnell mehrere Kilo Schweinefleisch verschlingt, um diese später unter lauten Flüchen („verfickte Schweine!“) wieder zu erbrechen.

Letztlich lassen sich die Ursachen wie so oft in der Kindheit verorten. In freudiger Erwartung des heiligen Sakraments eilte die achtjährige Julia am Morgen ihrer Erstkommunion fromm den elterlichen Weinberg hinab und auf die malerische kleine Dorfkirche von Guldental zu, als sie stolperte und – batsch! – mit dem blütenweißen Festtagskleidchen mitten in einem Haufen Schweinescheiße landete. Der Tag war verdorben, den späteren Gottesdienst würde das Mädchen notgedrungen im Blaumann ihres Großvaters verfolgen müssen. Wer nun jedoch erwartet hätte, das Kind wäre altersgemäß in Tränen ausgebrochen, sah sich auf erschreckende Weise eines besseren belehrt. Es schüttelte vielmehr drohend die kleinen Fäustchen gen den jäh sich verfinsternden Himmel und schwor mit lauter Stimme, es „diesen Schweinen so richtig zu zeigen – bis an mein Lebensende und so wahr mir Gott helfe!“ In der Ferne zuckten Blitze. Augenzeugen berichten von einer Aura aus Flammen um den Kopf des Mädchens herum sowie von beißendem Schwefelgeruch.

Doch es kam noch schlimmer: Bei einem Ausflug in den Pfälzer Wald wurde ihre liebste Spielkameradin Babsi (B.Z.: „Sie war erst vierzehn!“) von einem wilden Keiler getötet und auf der Stelle aufgefressen. Hinter einem Baum versteckt musste die kleine Julia alles ohnmächtig mitansehen. Die feixende Miene des fiesen Schweins würde sie niemals vergessen.

Angesichts dieser prägenden Vorkommnisse ist es kein Wunder, dass der wiederholte Anwurf ihrer Mutter, doch bitte ihren „Saustall aufzuräumen“, das Kind auf unverantwortliche Weise triggerte und die Traumata stets aufs neue reproduzierte. Sein Herz erkaltete zunehmend, nur ganz tief drinnen loderte brennendheiß der Schweinehass.

Spätestens jetzt beginnen wir zu verstehen, warum Klöckner gegen alle Widerstände und nicht zuletzt die herrschende Rechtslage die quälende Schweinehaltung in zu engen Metallkäfigen bis aufs Blut verteidigt.

Wir sind jetzt bei ihr zuhause. „Dann sperre ich die Schweine eben unten im Fahrradkeller ein“, droht, wettert und weint die Agrarministerin vor ihrer Wohnzimmerwand mit den vom Kleinkaliber durchlöcherten Porträtfotos der Mitglieder des Deutschen Ethikrats. „Dort kann ich mit ihnen sowieso machen, was ich will.“ Man weiß in diesem Moment nicht genau, ob sie die Schweine meint oder die weinerlichen Moralapostel, die den schon seit 1992 verbotenen „Kastenstand“ anprangern.

„Diese gottverdammten Schweine“, knurrt die ehemalige Nahe-Weinkönigin und läuft vor Zorn dunkelviolett an. Zusehends umwölkt sich ihre ebenmäßige Stirn, ballen sich dahinter tiefschwarze Gedanken zu einem Taifun des Hasses. Doch auf einmal lächelt sie verschmitzt. „Dabei will ich ja nur eine Verlängerung der Übergangsfrist bis zum jüngsten Tag, und keine Sekunde länger.“

Das Wissen um ihre Macht über die Schweine als willkürliche Knet-, Quäl- und Foltermasse, lässt sie rasch wieder vergnügt werden. Eine weitere Niederlage wie das seit Beginn dieses Jahres nun doch endlich wirksame Verbot der Ferkelkastration ohne Betäubung wird es nicht geben, hat sich die erklärte Abtreibungsgegnerin geschworen. Sie hat alles versucht, von einer nochmaligen Fristverlängerung bis hin zur Änderung des Tierschutzgesetzes, doch vergebens. Wo Männer beim Gedanken an den Eingriff schmerzhaft das Gesicht verziehen, ist ihnen weder mit Vernunft noch mit Hass beizukommen. Nun nimmt sich die Ministerin stets ein paar Ferkel mit nach Hause – „meine persönliche Tierwohl-Offensive“ –, um sie am Abend in der guten Stube vor dem Fernseher mit der Kneifzange zu verarzten. Das sind natürlich keine 20 Millionen wie sonst jedes Jahr in Deutschland, aber es ist besser als gar nichts.

Herr der Serviettenringe

Die Klamotten sind von irgendwann.

Erst mal ein Spoiler ganz zu Beginn, wo ein anständiger Spoiler ja auch hingehört: Die Serie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ (Amazon Prime) hört genauso auf wie „Ostwind“. Jedenfalls stelle ich mir den so vor. Das wäre dann vielleicht auch der bessere Titel gewesen. Denn echte Kinder kommen hier nicht vor.

Wir Erwachsenen vom Bahnhof Zoo. Eltern haften für ihre Kinder. Eltern haften für die Rollen ihrer Kinder. Eltern spielen ihre Kinder. Christiane F. sitzt mit Mama und Papa am Mittagstisch ihrer Wohnung in Gropiusstadt und spielt mit ihnen Vater, Mutter, Kind. Wer was ist, steht zum Glück auf den Serviettenringen, sonst wüsste man es nicht.

Aber gut, auch auf der Straße, auf dem Strich, auf dem Straßenstrich und in der Strichstraße, da, wo einem keine Serviettenringe helfen, kriegt man relativ bald raus, wer die Erwachsen sein sollen und wer die Kinder. Die Kinder werden angeschrien, die Erwachsenen schreien an. Auch in der Schule sehen alle so aus, als wären sie schon zwanzig mal durchgefallen. Das Heroin killt irgendwie den Lerneifer. Die Lehrerin guckt böse. Aha, wer böse guckt, ist also die Lehrerin.

Die Kinder nehmen Drogen. Warum saufen sie nicht, wie alle Erwachsenen? Wahrscheinlich, damit man sie besser von ihnen unterschieden kann. Rauchen ist übrigens der erste Schritt zum Heroin. Da fehlt dann nicht mehr viel, nach dem Weltbild dieser Nichtraucher mit Fahrradhelm – man spürt richtiggehend den befremdeten Lustgrusel der Macher durch: Alle rauchen ständig überall, daran erkennt man immerhin die 70er Jahre.

Nur irgendwas ist falsch. In einem fort lächeln die Darsteller und umarmen sich zur Begrüßung. Damals, Ende der 1970er hat man sich nicht umarmt, das wüsste ich aber, eher hätte man sich die Arme abgehackt. Und wer gelächelt hat, war nicht ganz richtig im Kopf. Lächeln war für Spinner, Anfassen war beim Arzt. Aber, ach, okay?, ist ja gar nicht damals, sondern ein bisschen 80er hier und 90er dort, also ein anderes Damals, gemischt auch noch mit ein bisschen Heute. Oder doch damals? Die Autos sind zum Beispiel von damals. Oldtimer vielleicht. Also heute, wo man mit Autos von damals als Oldtimern von heute rumfährt. Die Klamotten sind von irgendwann, die Musik ist querbeet, die Regie von vorgestern.

Das kann man theoretisch alles machen. „Game of Thrones“, „Bridgerton“ oder „Die Schlümpfe“ sind historisch ja jetzt auch nicht superstringent und funktionieren trotzdem auf ihre charmant semidilettantische Art. In der Zookinderserie wirkt das Zeitenwirrwarr jedoch nicht wie ein Stilmittel, sondern eher so, als hätten sich die Verantwortlichen gesagt, „och nö, die Requisiten, den Ort krieg ich jetzt nicht so hin“ oder „ich weiß nicht wie das war und es interessiert mich auch nicht die Bohne“ oder einfach „keinen Bock, sollen sich die Leute doch selber irgendwas zusammenreimen“ in Kombination mit: „Die Kritik hält das bestimmt für Kunst.“ Dasselbe gilt für den wiederholt wie jähe Durchfallattacken hervorsprudelnden magischen Realismus. Räusche, Träume, Entzugserscheinungen. Oder sollte das jetzt wieder Handlung sein? Das kann man schlecht unterscheiden, ist ja alles so schön bunt hier …

Es ist wie ein sieben Stunden langer Werbespot der Sorte, bei dem man einander im Kino anstößt und belustigt fragt, für was das denn jetzt eigentlich Reklame sein soll: für Heroin, Vintage-Klamotten, Serviettenringe oder für die BVG? Slogan: „Nach der Schule direkt auf die schiefe Bahn. Und 1018 € kassieren.“ Das wäre in DM umgerechnet etwa siebzig mal „französisch“.

Zuhause meckern die Erziehungsberechtigten immer wegen des Heroins herum. Die Idis schnallen einfach nicht, dass die Kinder das brauchen. Deshalb hängen die jungen Junkies ständig bei so einem Pädo rum, der eigentlich ganz nett ist, bis auf seine leidige Missbrauchsmacke. Er ist der einzige Erwachsene, der die Kinder versteht, also diejenigen Erwachsenen, die die Kinder spielen. Er will nur ihr bestes, und versorgt sie deshalb auch mit Heroin.

Das Heroin ist eine feine Sache, absolut. Unter seinem Einfluss wirken die Blagen gleich viel ausgeglichener. Deshalb weiß man gar nicht, warum sie zwischendurch ständig diese Scheißentzüge machen. Mit dem Heroin war schließlich alles super, während ihnen von den Entzügen immer total schlecht wird. Sobald der Entzug beendet ist, gehen sie wieder tanzen und anschaffen und lachen und spritzen und ficken und anschaffen und tanzen und zum Pädo chillen, und nichts davon interessiert, es ist leider vollkommen egal.

Dann stirbt Dings (Drogen) und dann Bums (ebenfalls Drogen), und es ist erneut so wurscht, wie wenn bei einer Wildwestschießerei eine Handvoll Komparsen umkippen, das löst so gar nichts in mir aus, da könnte auch in China ein Sack Reis an einer Überdosis sterben. Wenn die Drogenopfer ihre Serviettenringe immer mit dabei gehabt hätten, hätte man sich wenigstens ihre Namen merken können.

Auch den anderen „Kindern“ scheint es relativ egal zu sein – die Leute sterben eben, frei nach Thea Dorn. Heroin, Krieg, Corona, Altersschwäche, was soll‘s, ist doch schnuppe, das letzte Hemd hat keine Reißleine. Hier mal ein Tränchen, huch, die Friedhofstür geht irgendwie nicht auf, oder doch, simsalabim, hat bloß geklemmt, und dann schon wieder lecker Heroin, Musik und Blut: Willkommen erneut im Circus Realismus Magicus!

Babsi stirbt. Blöd, weil das war so ziemlich der einzige Name, den wir uns auch ohne Serviettenring merken konnten. Doch ebenfalls egal. Die war eh nicht nett, so wie es überhaupt keine sympathische Figur gibt, oder wenigstens eine, der man irgendetwas abnimmt. Vielleicht ja ganz gut, dass alle sterben. Dann können wir endlich weiter „In Therapie“ gucken.

Und die ganze Zeit über denkt man sich, das könnten die jungen Leute jetzt alles gar nicht machen. Wegen Corona. Das wird erst enden, wenn Armin Laschet Bundeskanzler ist. Dann wird alles wieder erlaubt sein. Heroinpartys drinnen mit ganz vielen Haushalten. Spritzentausch wie in den Siebzigern, Umarmen wie im einundzwanzigsten Jahrhundert. Und vor allem Sterben, ganz viel Sterben, so wie früher, ohne großes Tamtam.

Das wäre in DM umgerechnet etwa siebzig mal „französisch“.

Talk im Turm

Schriftsteller denken sich ja sehr viel aus.
(Bild: Uzi)

Und schon wieder haben sie in einem großen Medium einen Schriftsteller zu einem Thema jenseits seiner Kernkompetenz befragt. Ist jetzt im Grunde auch egal, wer mal wieder was wozu gesagt hat – es ist eh immer dasselbe. Medium A interviewt Autor B zu Thema C, von dem er keine Ahnung hat. Wie sollte er auch? Also labert er halt irgendeine Scheiße. Und es, das Medium A so: Mhm, mhm, ist ja interessant, wie schlau, Herr B, vielen Dank für das Gespräch.

Also gut, ich sag jetzt doch, worum es ging, ist ja eh klar: natürlich um Corona, Thema C, wie sowieso die ganze Zeit. Aber warum zum Henker fragen sie eigentlich immer Schriftsteller, und das zu buchstäblich allem möglichen? Den wohl Megacringe meines Lebens überhaupt hatte ich so mal vorm Fernseher, als Günter Grass in der Pause eines Heimspiels des SC Freiburg über Fußball befragt wurde.

Aaarrgh! Ich verstehe das nicht. Nichts gegen Schriftsteller, einige meiner besten Freunde sind Schriftsteller, auf ne bizarre Art bin ich sogar fast selber einer; Schriftsteller sind einfach Menschen. Vernünftige Menschen und unvernünftige, reflektierende und nicht reflektierende, informierte und uninformierte, weltläufige und weltfremde … im Schnitt vielleicht noch eher von der letzteren Art. Sie kochen echt mit eitel Brackwasser.

Der Fehler liegt jedoch vor allem bei denen, die sie fragen. Warum um Gottes Willen tun sie das? Warum fragen die keine Experten? Das, hier nur zur Erläuterung, sind Leute, die von der Materie etwas verstehen. In der Wahnidee, stattdessen Schriftsteller zu fragen, liegt der eigentliche Sündenfall; dass die armen Idioten dann auch antworten, ist nur allzu menschlich. Das würde ich an ihrer Stelle auch tun, aus Höflichkeit, weil mir das Interesse schmeichelte, oder warum auch immer, und im Zweifel natürlich ebenfalls Müll reden. Ich bin nun mal kein Spezialist. Kein Virologe, kein Soziologe, kein Politiker.

Zum Glück werde ich nicht gefragt. Das mag, allzumal Bekanntheit für unsereiner ja auch eine wichtige Währung darstellt, hier nach dem Fuchs klingen, dem die Trauben zu sauer sind. Doch solange es für ein bescheidenes Auskommen reicht, bin ich wirklich froh darüber, dass meine immanente Ahnungslosigkeit eben nicht für alle Zeiten die ganz große Runde macht – das Internet vergisst nämlich nur die schönen Dinge.

Schriftsteller denken sich ja sehr viel aus. Dazu chillen sie gern in höheren Sphären der eigenen Vorstellungskraft. Das Ergebnis kann sogar mal ganz pfiffig sein. Das können sie ja, das muss man ihnen lassen – da möchte den Lesenden zuweilen fast so etwas wie ein anerkennendes Schmunzeln entweichen. Was Ulkiges ersinnen, schön formulieren mit der Zungenspitze im Mundwinkel, Buchstaben sortieren, Sätze daraus drechseln, schwer seufzend vom Schreibtisch aus in den Himmel gucken: alles gut, können sie gerne machen, feini. Aber bitte nicht wirr vom Elfenbeinturm herunter über ihr nicht vorhandenes pandemisches Herrschaftswissen schwadronieren, zumindest nicht in der Öffentlichkeit, danke!

Schuster bleib bei deinem Leisten, sagt der Volksmund nicht zu Unrecht. Denn was in ihrem Beruf durchaus nützlich sein kann – Fantasy, Vollmeise, egozentrisches Weltbild –, verfängt nicht so richtig, sobald es um Dinge wie Wissenschaft oder auch nur Realität geht. Da muss man exakt sein und kann nicht einfach irgendwas vor sich hin behaupten. Auch wenn man das von Berufs wegen fünfmal so gewohnt sein sollte. Wann das endlich auch die Redaktionen checken, weiß wohl nicht mal der Geier.

Und komme mir bitte keiner mit, „das sind Denker“. Erstens, in welchem Beruf muss man denn bitte nichts denken; werden die dann etwa auch alle – Geografielehrer, Lokomotivführerinnen etc. – in den Tagesthemen sieben Minuten lang zu Pandemiemaßnahmen befragt? „Herr Klempnermeister Krause, Sie haben ja viel mit Verstopfungen aller Art zu tun; wie stehen sie zu einer drohenden Triage bei einer dritten Welle mit der britischen Virusvariante B.1.dingenskirchen?“ Und zweitens, „Denken“ ist gut, die Literaten schwurbeln sich ja in der Regel eh nur irgendwas zusammen. Ausdenken ist aber nicht Denken.