Rasendes Schlurfen

Ich habe erst hinterher kapiert, wozu die Farbe da war.

„Schön die Füßchen heben“, werde ich ermahnt. Schon wieder wäre ich um ein Haar gestürzt. Denn jetzt, da in Deutschland allerorten die Infrastruktur zusammenbricht, ereilen mich die Folgen des Verfalls auch ganz persönlich.

Und zwar in Form von Gehwegplatten. Kaum wahrnehmbar heben sich einzelne von ihnen ab, und bringen mich gefährlich zum Stolpern. Manche auch sichtbarer, aber ich gucke eh nicht hin. Mir hat es sich komplett ins Grundrepertoire meiner Erwartungen eingegraben, dass so was in Deutschland nicht passiert. Weil es nicht erlaubt ist. Weil es den TÜV gibt, und das Straßenverkehrsamt, und die deutsche Gründlichkeit, und die German Angst, und weiß der Fuchs was, das solche Dinge vollkommen unmöglich macht, verhindert, nicht zulässt, untersagt, verbietet.

Man fühlte sich jederzeit sicher. Alles wurde sofort repariert. Staatliche Plattenbegeher liefen stündlich das komplette öffentliche Straßenland ab. Und sobald irgendwo eine Platte auch nur einen halben Millimeter aus dem Bürgersteig ragte, schickte das Amt sofort ein Amtsauto mit gelben Warnleuchten, tatütata, der ganze Bereich wurde mit rotweißen Flatterbändern weiträumig abgesperrt, im Radio wurde amtlich darauf hingewiesen, Polizei hinderte Unbefugte an der Betretung, Eltern hafteten für ihre Kinder, und dann machten Amtsarbeiter alles komplett neu, weil von deutschem Boden nie wieder eine Platte abstehen darf.

Vorbei. Die Bürgerin, der Bürger, bleiben heute sich selbst überlassen. Sie nennen es Wirtschaftsliberalismus. Alles wackelt total, überall liegt Dreck rum, im Babyfutter sind Glassplitter, die Fahrbahnen sind mit Schlaglöchern übersät. Sollen sie doch abschmieren, denkt sich Stiefvater Staat. Nicht mein Bier, verreckt doch einfach, ist mir doch egal, ich hab eh kein Geld für so’n Scheiß.

Das Sondervermögen ist nicht für Gehwegplatten. Und die können ja sowieso nicht geliefert werden, wegen der Straße von Hormuz. Da geht nämlich alles durch: Diesel, Wackelpudding mit Waldmeistergeschmack und Gehwegplatten. Oder eben nicht.

Hormuzstraße, Sesamstraße, Einbahnstraße, Sackgasse. Kein Geld, kein Material, kein Bock. Fuck you, Fußgänger – in your face! Flicken vor Reparieren. Autobahnbrücken werden erst jahrelang mit Gaffer geklebt, und am Ende doch gesprengt; die Zähne der Kassenpatienten werden anstelle einer Füllung immer gleich rausgerissen, als einzige Sehhilfen dürfen sie durch die Böden ihrer leeren Schnapsflaschen gucken; statt Ampeln rufen jetzt Ein-Euro-Jobber laut „rot“, „gelb“ oder „grün“. Kostet ja alles Strom sonst.

In dem Park, wo ich öfter laufen gehe, sind sie immerhin dazu übergegangen, die sich mehrenden Gefahrenstellen mit gelber Farbe zu markieren. Das kostet nicht viel, und hält die meisten vom Stolpern ab. Mich aber nicht; ich habe erst hinterher kapiert, wozu die Farbe da war. Vorher bin ich, wie üblich ohne die Beine zu heben, munter auf die Gefahrenstelle drauf los gehoppelt, habe mich dabei noch gewundert, „Hä? Welcher Idi schmiert denn hier Farbe auf den Boden?“, und zack, aua! Meine Schulter war ein halbes Jahr lang lädiert.

„Guck doch mal hin“, sagt meine Frau, wenn ich bei Spazierengehen stolpere, und fast auf die Fresse falle. „Und heb doch um Himmels Willen deine Füße.“

Manchmal glaube ich ja, dass für sie weniger die Frage im Mittelpunkt steht, ob ich sterbe oder nicht. Sondern mehr, wie das denn aussieht: Also wie ich aussehe, und wie wir aussehen und damit, wie vor allem sie dabei aussieht: Neben so einem Stolperhannes, der dann automatisch ihr zugeordnet wird?

Das ist doch peinlich, das fällt schließlich voll auf sie zurück: Warum ist sie mit so einem unterwegs? Das werden, auch wenn es sie einen feuchten Dreck angeht, sich zwangsläufig die Leute fragen, denn die Leute sind nun mal oberflächliche Arschlöcher. Ob ich vielleicht innere Werte habe, ein gutes Herz, fein Rumbazumba tanzen kann – nein, all das interessiert sie nicht.

Stattdessen fragen sie: Wie konnte die arme Frau nur mit derart sicherem Griff ins Trottelregal greifen? Wäre es nicht weit sinnvoller gewesen, in Würde und Anmut allein zu bleiben? Und warum vermochte sie den Tollpatsch hier nicht so weit zu formen und zu instruieren, dass er wenigstens drei halbwegs unfallfreie Schritte geradeaus machen kann?

Das kann er nämlich nicht. Meine Gangart ist einzigartig, selbst beim Rennen – ein Mitspieler beim Fußball nannte das mal „rasendes Schlurfen“. Ich kann die Füße irgendwie nicht mehr als einen Millimeter heben; auf den Beobachter wirkt das, als ob ich auf unsichtbaren Schienen dahingleite.

Ich rate ihr daher immer, in der Öffentlichkeit Abstand zu halten. So merkt keiner, dass wir zusammengehören, beziehungsweise tun wir das dann überhaupt noch? Auch ist damit die Gefahr geringer, dass ich mich beim Straucheln instinktiv an sie klammere, und wir beide stürzen. Das will ich natürlich nicht.