Mein Alptraum

An der Supermarktkasse überkommt mich fast der Schock meines Lebens: Ich habe den Leergutbon im Automaten stecken lassen. Da waren locker ein Euro und acht Cent drauf. Von dem Betrag kann jemand wie ich fast eine halbe Stunde lang leben. Die wird mir nun am Ende abgehen. Wenn ich dereinst auf dem Sterbebett zu meiner letzten großen Abrechnung gegen die Abwesenden anhebe, wird der Röchelfluss exakt bei, „Mein ganzes Leben war eine einzige Enttäuschung. Ich habe alle abgrundtief gehasst. Dieser Hass hat mich krank gemacht und nun muss ich sterben. Ich verfl …“ abbrechen.

Doch der Tod des Einen bedeutet in der Natur stets auch das Leben des Anderen. Füchse, Krähen und Aaskäfer laben sich am Leib des im Walde Gestrauchelten. Und auch der Mensch ist des Menschen Geier. Denn in meinem Fall belagern hier um diese Tageszeit viele Flaschensammler den Pfandautomaten. Die freuen sich bestimmt sehr über meinen Bon. Ihre Freude soll auch meine Freude sein.

Der Gedanke beruhigt mich wieder und meine eigene Güte rührt mich an. Eigentlich könnte ich den Zettel sogar immer drinstecken lassen, da findet er in der Regel ganz von selbst den Richtigen: einen Bedürftigen am Rande des Existenzminimums. Wenngleich ich beim Blick in den Spiegel zuweilen denke, wie fließend die Übergänge zwischen oben und unten doch sein können und dass es gar nicht so falsch wäre, wenn ich den Bon auch ab und zu selbst einlöste.

Allerdings weiß man nie sicher, ob die dusselige Wohltat tatsächlich den korrekten Adressaten findet. In meinem Alptraum braust nun nämlich draußen ein rechtsgesinnter Millionär im Jaguar herbei, hält vor Edeka mit quietschenden Reifen und stürmt mit fiesem Lachen in das Foyer, wo die Flaschenrückgabeautomaten stehen. Bettler weichen erschrocken zurück, Mütter stellen sich schützend vor ihre Kinder, während der zuwanderungsskeptische Großschriftsteller sich rücksichtslos vordrängt und mit dem widerhakenartigen Zeigefinger seiner manikürten Hand den grünen Ausgabeknopf drückt.

Raffgierig zieht und zerrt er den Zettel, meinen Zettel, aus dem Schlitz, kaum dass dieser erscheint und oft noch ehe die treue Maschine ihn überhaupt loslassen kann. Vor Ungeduld und Wut brüllt der Pfeffersack auf, obwohl ihm der Gutschein doch nicht zusteht und er außerdem nur eine halbe Sekunde länger warten müsste. Dann ist es geschafft und er rennt zurück zu seinem Auto, nicht ohne zuvor dem kleinen Hubschrauber am Ausgang, in dem die Kinder für einen Euro schaukeln dürfen, einen derart kräftigen Tritt zu verpassen, dass er für Monate außer Betrieb ist.

Viele hundert Kinder, die sich bei jedem gottverdammten Einkauf darauf freuen, werden furchtbar traurig sein. Erst recht, wenn sie sehen, wie das schräg in die Feuerwehreinfahrt geparkte Auto von dem bösen Onkel nicht nur weiter bestens funktioniert, sondern auch noch ohne Münzweinwurf, und dazu schneller vom Fleck kommt als der Hubschrauber, der ja noch nie so richtig abheben konnte. Das Kinderweinen ist ihm schönere Musik als das liebliche Lied des Vogels, der betörende Klang der Schalmei oder die zarten Laute der Lust wie sie im Sommer aus einem geöffneten Fenster im Hof dringen.

Er springt in die Karre, gibt Gas, dass die Reifen qualmen und überfährt in seiner Hast eine kleine getigerte Mietzekatze, auf die nun vergeblich fünf noch kleinere und getigertere Babykätzchen warten. Doch er hat es eilig, denn schließlich muss er bis Feierabend weitere siebzig Supermärkte abklappern. Oder warum glaubt ihr, wird er sonst so reich geworden sein?