Blök
Auf mein Gepäck warte ich noch
Beim endgültigen Erreichen der Startbahn in Lviv stellt sich heraus, dass sämtliche Autorenkollegen um mich herum unter Flugangst in den verschiedensten Schweregraden leiden. Das wundert mich nicht im Geringsten bei diesem feinnervigen Völkchen, dem Denken und eben auch Zuvieldenken naturgemäß Berufung und zugleich Bürde ist. Am schlimmsten scheint es bei Günter Grass I neben mir zu sein. Ich habe das Gefühl, er stirbt gleich, auch wenn er sich bemüht zeigt, den Sterbevorgang nach Elefantenart diskret ablaufen zu lassen. (Ich nenne im Folgenden sämtliche Kollegen Günter Grass, zum Zwecke der Anonymisierung sowie der Einfachheit halber. Ich hoffe, dass wird ihnen schmeicheln – dieser Grass soll dem Vernehmen nach ein sehr berühmter Schriftsteller sein). Hinter mir bibbert Günter Grass II, obwohl er den Schalk im Nacken hat, wie der wiederum hinter ihm sitzende Günter Grass IV nicht müde wird, zu betonen. Der Phantasie scheinen in unseren Kreisen überhaupt keine Grenzen gesetzt zu sein. Das stelle ich einmal mehr mit einem Gefühl der Bewunderung fest, in der jedoch auch ein wenig Furcht mitschwingt: Wo soll das hinführen: diese Versuche, Gott im Geiste zu übertrumpfen, und – weiter, immer weiter! – in der Folge womöglich die Grenzen zwischen Raum, Seele und Materie zu verwischen?
Falsches Mitleid
Als ich vom Frühstück wieder hochkomme, steht der Putzwagen vor dem Krakauer Hotelzimmer, in dem der Torwart und ich untergebracht sind. Die Tür steht weit offen, es wird anscheinend saubergemacht. Ich mache auf dem Hacken kehrt und mache mich ganz leise davon, warte gar nicht erst auf den Fahrstuhl, sondern schleiche über die Treppe runter ins Foyer. Ich möchte dem Zimmermädchen nicht begegnen. Ich bin mir nämlich über die Zumutung durchaus im Klaren. Die Zumutung eines Fußballerausflugs und seine Wirkung auf das unschuldige Personal: Auf dem Schreibtisch stehen leere Bierflaschen sowie der fast geleerte Flachmann mit dem der Torwart heute früh zurückgekommen sein muss. Es riecht nach diesen ganzen durchgeschwitzten Stützstrümpfen und Halbprothesen, die Altherrenfußballer nun mal brauchen, damit sie nicht umfallen. An den gekippten Fenstern hängen in ganzer Breite die tropfenden, für das nächste Spiel von uns im Handwaschbecken notdürftig mit Doppel-Dusch „gewaschenen“ Trikots, Hosen, Socken. Auf dem Teppichboden liegt weiträumig verteilt das schwarze Granulat vom Kunstrasenplatz, das über den Umweg unserer müffelnden Fußballschuhe hier gelandet ist. Das ist kein Hotelzimmer mehr, sondern eine Wanderbaustelle.
Kehraus
Ich bin zurzeit damit beschäftigt, mein Leben wegzuschmeißen, denn der gängige Mechanismus zwingt mich zum Umzug: Ausgerechnet mir, der Speerspitze der Gentrifizierung hier, fällt die selbst herbeigeführte Entwicklung nun schwer auf die Füße. Erst habe ich Neukölln fast im Alleingang hip gemacht und nun kann ich mir eben deshalb die Bude nicht mehr leisten. Vor der Tür scharren schon die Spanier ungeduldig mit den Füßen wie Kampfstiere in einer Arena des globalisierten Wohnungsmarktes. Doch warum nicht auch mal das Positive sehen? Ich werde mich gehörig verschlanken. Das ist doch eine hervorragende Gelegenheit, sich vom unnötigen Ballast von Jahren zu trennen. Erinnerungen, Zeug, überflüssige Beweisstücke einer überflüssigen Vergangenheit. Schlechte Platten, schlechte CDs, schlechte Bücher. Nie gehört und nie gelesen - das würde ich gerne behaupten, doch leider stimmt es nicht. Beim Aussortieren schäme ich mich ganz alleine vor mich hin. Unglaublich viele T-Shirts mit unglaublich lustigen Aufdrucken. Tinnef formte diesen wunderschönen Haushalt. Bundesliga-Sonderhefte aus Zeiten, als die Spieler noch Schnauzbart, Vokuhila sowie eine Art Hot Pants in den Vereinsfarben trugen. Ab in die Tonne! Ich hätte nie gedacht, dass die Redewendung „Das eigene Leben wegwerfen“ eine derart konstruktive Bedeutung haben kann. Fast ist mir, als mache ich den Weg frei für meine Wiedergeburt. Und zwar mindestens zwei Kasten höher.
Kicken und Kitsch
Es ist immer dasselbe. Nach dem Fußballtraining liegen sich in der Vereinskneipe „Zum üblen Werwolf“ weinende, harte Männer in den Armen und gestehen einander mit halberstickter Stimme ihre heimliche Liebe zu den „Cranberries“. Und „Chiquitita“ ist doch eigentlich der beste Song von ABBA. Blutender Schorf bedeckt Knie und Seelen und einmal mehr werde ich mir der verheerenden Macht der Sentimentalität bewusst, dieses buntesten und giftigsten aller falschen Gefühle. Unter den Empfindungen besetzt sie exakt die Nische, die der japanische Bubble Tea bei den Getränken einnimmt. Okay, wir haben ein wenig getrunken. Bier, nicht Bubble Tea. Erst geschwitzt, dann geduscht, dann getrunken. Das ist eine gute Reihenfolge, was die Wirkung des Kitsch-Katalysators Alkohol betrifft, doch eine fatale, falls man noch nennenswerte Erwartungen an sein Leben hat. Wo diese Erwartungen gering sind (oder euphemistisch ausgedrückt: bescheiden), vermag die Sentimentalität sie problemlos zu ersetzen und sogar vermeintlich zu veredeln, gerne in Zusammenarbeit mit ihren ebenso falschen Freunden Pathos, Romantik, und Selbstmitleid. Schwache und latent gewalttätige Persönlichkeiten, die die sinnlosen Lyrics von Pink Floyd’s „Wish you were here“ auswendig können, sind am anfälligsten. Oder wie der Polizeipsychologe Fitz in der englischen Krimiserie „Cracker“ anmerkt: „Mörder sind die sentimentalsten Menschen überhaupt.“
Sind so kalte Füßchen
Ich versuche, mit dem Laptop im Park zu arbeiten. Wegen der Sonne. Einfach ist das nicht, weil die Sonne auf den Bildschirm scheint, und ich nicht erkenne, was ich schreibe. Ein doppeltes Handicap, da ich wie üblich schon nicht weiß, was ich schreibe, und allein deshalb darauf angewiesen bin, es wenigstens sehen zu können. Dann kann ich nämlich den jeweils letzten Satz nachkontrollieren und einen inhaltlich und formell halbwegs darauf abgestimmten Anschlusssatz bilden. Ich reagiere praktisch instinktiv, wie die Motte auf das Licht. Viele ahnen ja gar nicht, wie simpel Literatur funktioniert. Die denken stattdessen: „Huiuiui!“ Manche denken vielleicht auch „Huiuiui, du Arschloch“, aber die sind nur neidisch und auf ihren Neid kann man im Grunde sogar stolz sein. Wer oben steht, hat nun mal die meisten Feinde. In jedem Fall denken alle in irgendeiner Form „Huiuiui“. Da führt kein Weg dran vorbei. Als Insider kann man nun entweder lachen oder sich verzweifelt an den Kopf greifen über diese naive Bewunderung, die einem allenthalben entgegenschlägt. Natürlich hat die Vorstellung, dass erwachsene Leute sich wie kleine Kinder ausmalen, ein Autor würde beim Schreiben irgendetwas denken, geschweige denn seine jeweilige Arbeit im Voraus konzipieren, auch etwas irrsinnig Rührendes. „Mama, haben Regenwürmer Schuhe?“ „Papa, weiß der Mann, was er da schreibt?“
Heraus zum ersten Mai oder so
Der erste Mai ist ein komischer Tag. Bis auf diejenigen, die sich noch an diversen Demonstrationen beteiligen, weil man das „früher auch gemacht hat“, lungern alle mit komplett undefinierbarer Erwartungshaltung in der Gegend rum. Bierflasche in der Hand, cooles Hütchen auf dem Kopf und heute mal auf der Straße, statt im Park. Da soll irgendwas los sein, hat der Methusalem der Peer Group aus Wikipedia, Radio oder seiner Acid-Birne ausgegraben. Die spürbare Grundspannung erinnert an Weihnachten, wo man auf das Klingeln des Glöckchens wartet, oder an Silvester darauf, dass es bunt kracht oder man mal so richtig lange aufbleibt oder so. Doch die einzige Gemeinsamkeit ist der Feiertagsstatus. Nur weiß keiner mehr, warum. Irgend so ein Arbeiterkampftag, dem Vernehmen nach. Aber was waren noch mal gleich Arbeiter: Sind das nicht diese zerlumpten Typen, die immer schnorrend vor Kaiser’s rumgrölen? Also die Nachfahren von so Leuten, die man in alten Schwarzweißfilmen irgendwas montieren sehen konnte. Das sah langweilig, schmutzig und anstrengend aus – keine Ahnung, warum die das gemacht haben.
Der kleine König
Vor vielen Jahren, als das Fluchen noch geholfen hat, lebte in einem Land namens Nürnbergdings ein kleiner König. Der König war so klein, dass er stets auf eine Leiter klettern musste, wenn er sich Kekse vom Tisch holen wollte. War keine Leiter da, behalf er sich mit einem Stapel Telefonbücher von Nürnbergdings, und er brauchte mehrere tausend Exemplare, denn auch sein Land war sehr klein. Im Grunde hatten nur zwei Leute Telefonanschlüsse: der hässliche Hundefrisör Holz sowie er, der kleine König. Was Wunder, dass die beiden öfter miteinander telefonierten und einander dabei immer näher kamen. Doch eigentlich konnte von echter Freundschaft nicht die Rede sein, denn der kleine König war über die Maßen missgünstig. Schien doch der Hundefrisör ein noch weit mächtigerer Mann zu sein: Wenn er Kekse wollte, so griff der riesige Kerl dem Vernehmen nach einfach von oben herab auf den Tisch, packte sich die Schachtel und schlungste einen ganzen Stapel Kekse auf einmal herunter. Dazu brauchte er keine Leiter, keine Lakaien, Niemanden. Das wurmte den kleinen König und so ersann er eine List. Er schrieb auf Büttenpapier eine Einladungsschrift an seinen Widersacher, des Inhalts, dass er, der kleine König, einen großen Empfang zu geben gedachte, auf dem es die erlesensten Kekse, unheimlich schöne Damen, Tanz, Ringelreih und Muh und Mäh und Pipapo …
Wie die Junkies am Kotti mal zu einer großen Bescherung kamen
Auf dem U-Bahnsteig neben dem Fahrkartenautomaten grinst mich breit ein Bettler an und erinnert mich auf diese Weise nonverbal daran, dass ich soeben auf dem Weg zum Zahnarzt bin. Er hält mir einen Becher hin, in den ich was reintun soll. Das ist ein ziemlich günstiger Moment für ihn, schließlich weiß ich nicht, ob ich lebend zurückkommen und also überhaupt noch jemals Geld brauchen werde. Er spürt das. Für Memmen scheint er einen siebten Sinn zu haben. „Ich brauche das Geld nicht für Alkohol“, setzt er eine vermeintlich weitere Entscheidungshilfe. „Ich trinke keinen Alkohol, wenn ich bettle.“ „Das würde mir aber echt nichts ausmachen“, sage ich. „Ich trinke doch selber ständig Alkohol. Das kostet nun mal Geld.“ Von wegen „umsonst ist der Tod“! Außerdem wüsste ich nicht, warum ich hier irgendjemand etwas vorschreiben wollte. Mir ist doch völlig piepsschnuppe, für was er hier bettelt. Meinetwegen kann er sich auch eine elektrische Eisenbahn zusammenschnorren. Wenn ich Zeit habe, helfe ich ihm auch gern beim Aufbauen: Schienen ineinanderstecken, Weichen isolieren und den kleinen Bahnhof aus Plastikfachwerk mit dem originellen Stationsschild „Neustadt“ aufstellen. Hoffentlich tritt da keiner drauf, während wir hier stundenlang auf den Knien herumrutschend spielen, auf dem belebten Bahnsteig der U7. „Ich finde“, insistiert der neunmalkluge Bettler weiter, „wenn man bettelt, sollte man keine Drogen nehmen. Und auch nur für das Allernotwendigste betteln: Kleidung, Nahrungsmittel, so was.“
Ohne Worte
„Stell dir vor, es ist Breivik-Prozess und keiner schaut hin“. Mit diesem frommen Wunsch bin ich offenbar nicht alleine: So bietet eine Norwegische Zeitung in ihrer Internet-Ausgabe einen Button an, der es dem genervten Leser ermöglicht, sämtliche Nachrichten über Anders Breivik auszublenden. Vermutlich steht hinter der Verweigerung weniger blankes Desinteresse, sondern eher das instinktive Bedürfnis, dem selbstverliebten Auftritt eines rechtsradikalen Massenmörders das Podium zu entziehen. Ein Podium, das ihm der gigantische Medienauflauf bietet, der aufgeregt um ihn herum kreist, wie die Fliegen um die Scheiße. Womit wir bereits beim passenden Vergleich sind. Denn beim mutmaßlich zurechnungsfähigen Täter handelt es sich nicht um einen „Teufel“ (Bild-Zeitung), ein „Monster“ (ebd.) oder sonst eine zwar negativ, aber dadurch leider umso erkennbarer erhöhte Sagengestalt, sondern schlicht um ein Arschloch. Und diesem Arschloch sollte man am besten einfach keine weitere Beachtung schenken. Natürlich ist es völlig in Ordnung, direkt nach der Tat den Blick darauf zu wenden, was eine Kombination aus Fremdenfeindlichkeit, Misogynie und regelmäßigem Geschlechtsverkehr mit zotteligen Langhornrindern bei einem solchen Arschloch bewirken kann, nicht zu unterschlagen auch die Lektüre einschlägiger Schriften von Broder bis Sarrazin. Denn sobald das Arschloch merkt, dass es in seiner Arschlochwelt alles andere als alleine dasteht, fühlt es sich gestärkt und inspiriert. Sich diese Zusammenhänge ins Gedächtnis zurückzurufen, ist notwendig und gut.
Die Mühlen der Bürokratie
Mein Überweisungsverhalten ist eher konservativ. Zum Beispiel habe ich nur wenige Daueraufträge laufen, da ich modernem Teufelszeug nur recht bedingt vertraue. Kurz vor meiner langen Reise überweise ich die wichtigsten laufenden Kosten folglich doppelt, darunter auch den Beitrag für die Künstlersozialkasse. Von dieser liegen nach dem Urlaub zwei Schreiben im Poststapel. Das eine dokumentiert die Rücküberweisung des zu früh bezahlten Monatsbeitrags, das zweite mahnt drei Wochen später dessen fehlende Begleichung an. Inklusive Mahngebührenüber einen Euro. Ich spüre leicht cholerische Anwandlungen, allein aus Prinzip, und möchte eigentlich auf der Stelle dort anrufen. Doch als ich das Schreiben auf die altbekannten Nummern hin abscanne, finde ich dort nur noch die Nummer eines Koll-Centers. Kosten des Gesprächs: Neun Cent in der Minute. Am anderen Ende der Leitung hätte also eine schlechtbezahlte und unterernährte Hilfskraft, die mit der KSK nicht das Geringste am Hut hat, da sie gleichzeitig auch noch für Maggi, Vodafone, Beate Uhse, Kabeldeutschland, DHL, Vivantes-Kliniken, OBI sowie das Bundesministerium des Inneren zuständig ist, exakt elf Minuten Zeit, auf dem Klavier wiederholt eine Wartemelodie zu intonieren, eine mehrseitige Begrüßungsformel abzuspulen, meine Frage anzuhören, zu verstehen, meine Daten aufzurufen und das Problem zu lösen, bevor ich mehr bezahlt haben werde als die Mahngebühr beträgt. Früher hätte man die Urheber solch einer schlichtweg kriminellen Betrugsmasche noch für die Bildung räuberischer Banden schwuppswupps durchs Rad geflochten. Es war nicht alles schlecht.

