Blök
Unhöflich ...
... fand ich die Frau, die gerade einen Oskar bekommen hat von der Oskarkomission, was ja eigentlich total nett war, und dann auf die Bühne gelatscht kam in ihrem selbstentworfenen Feld-Wald-und-Wiesen-Kamouflagekleid, den Oskar (was so ein Hampelmännchen aus Katzengold und ohne Strippen ist) grad mal so in die Hand nahm, ihn gar nicht anschaute und ins Mikrofon sinngemäß die "Dankesworte" sprach: "Na danke, ey, sorry, phh, aber ich hab doch schon zwei von diesen Staubfängern zu Hause rumstehen ..."
Vorsaison
Erster Tag in der Hasenschänke heute, Eröffnung der Schänkensaison. Ein wichtiger Eckpunkt des Jahres für mich und viel andere: Neujahr, Hasenschänkenbeginn, Ostern, Prinzenbaderöffnung, Geburstag, Prinzenbadabbaden, Hasenschänkenende, Weihnachten, Silvester. Irgendwann später der Tod. Apropos, so richtig Spaß hat es noch nicht gemacht bei schätzungsweise einem Grad über, gefühlt tausend Grad unter Null. Doch trotz oder gerade wegen der Kälte hat man das Gefühl der Erwachens, der Frische, des baldigen Sprießens neuen Lebens und neuer Energie.
Das Haus der Lady Alqvist
Hab ich vorgestern nach dem Fußballspiel gesehen. Schöner alter Film von 1944 mit Ingrid Bergman plus beigestellten Knallchargen, no name, aber wahrscheinlich damals die berühmtesten Schauspieler der Welt. Im Zentrum stand, hihi, ein Mann, der, haha, pass auf jetzt kommt’s, ständig seine, hehe, Kronjuwelen suchte. Nacht für Nacht wühlte, rumorte und buddelte er zwischen alten Mickymausheften, kaputten Toastern und verstaubten Portraits von Tante Alqvist auf dem Dachboden nach den guten Stücken, und weil Ingrid davon nichts wissen durfte, sie hätte ihn ja sonst für bescheuert gehalten, versuchte er zu erreichen , dass sie sich selber für bescheuert hielt. Das ging ganz einfach: der böse Mann brauchte nur zwei- oder dreimal einen Gegenstand von ihr zu verstecken und schon wurde sie schier wahnsinnig. So einfach geht das manchmal. Einen guten Titel hätte ich von daher auch gefunden: „Eichhörnchen am Rande des Nervenzusammenbruchs.“
Alles Gute zum einjährigen!
Heute, las ich, feiere man ein Jahr Einsturz des Kölner Stadtarchivs. Auch von dieser Stelle meine besten Glückwünsche dazu. Gemäß dem gängigen Mentalsedativum "In zehn Jahren lachst du drüber" sind es bis dahin nun also nur noch neun weitere Jahre. Wobei das mit den zehn Jahren ohnehin nur so ein redensartlicher Richtwert ist. Schließlich kommt es immer darauf an, um was es sich handelt, eine zerbrochene Freundschaft, eine enttäuschte Liebe, einen beruflichen Rückschlag, Todesfälle in verschiedenen Abstufungen, Heimniederlagen, ein kaputter Toaster. Die Halbwertszeiten liegen letztlich zwischen fünf Minuten und Sankt Nimmerleinstag.
Ein weiter Weg
Zum wiederholten Male habe ich denselben Fehler gemacht, beim Gemüsetürken am Kottbusser Damm diese großen und gutausehenden Boskop-Äpfel zu kaufen, die dort für nur 99 Cent das Kilo angeboten werden. Innen drin einmal mehr mehlig, verdorben, ungenießbar. So wird das nix mit dem EU-Beitritt, Herr Türke. An seinen Äpfeln muss er da noch reichlich schrauben, bis die den notwendigen Standard erreicht haben. Und jetzt komme bloß keiner daher, und sage, das seien doch deutsche Äpfel und der Gemüsetürke selber nur gefopptes Opfer. Am Ende der Fresskette stehe immer noch ich.
Spaziergang zu Onkel Wanja
Wieder zurück in Berlin und die gewohnten Beschäftigungen wiederaufnehmen: Ein Sonntagsspaziergang am Samstag zum Sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park. Leider habe ich vergessen, Onkel Wanja zu fotografieren, den riesigen sowjetischen Metallsoldaten, der ein kleines Kind im Arm hält und ein Hakenkreuz zerstampft. So gibt es hier nur ein Foto von diesen komischen Dreiecken am Eingang, dazu im Hintergrunde der Fernsehturm. Wenn man nah an Onkel Wanja rangeht, sieht man dass er ein Türchen im Bein hat. Außerdem hatten wir Angst, dass ihm ausgerechnet in dem Moment sein immer noch recht gewaltiges Bleibbaby runterfällt und auf uns drauf. Wenn es denn wenigstens die Trümmer vom Hakenkreuz gewesen wären - das wäre uns ja immerhin auf eine Art recht geschehen, ich sag nur Erbschuld, mehr sag ich gar nicht.
Rückfluch
Das letzte Stück vom Rückfluch erfolgte im Dunkeln. Madrid – Berlin. Ich fliege ja nicht gern, wenn man so gar nichts sieht. Nur am Anfang sieht man noch was, vor dem Start: Vor uns rollte ein Fluchzeug nach dem anderen zur Bahn und hob dann etwa im Zweiminutentakt blinkend in den Nachthimmel ab. Ein wenig fühlte ich mich an so arktische Taucherküken erinnert, die von ihren Eltern hintereinanderweg von der Klippe geschubst werden, um das erste Mal flügelschlagend Richtung Meer zu stürzen. Natürlich hinkt der Vergleich ein bisschen, weil die Fluchzeuge hochgeschubst werden und nicht runter, und auch nicht von ihren Eltern, sondern von den Turbinen, und blinken tun die Taucherküken ebenfalls nicht. Die Iberia ist übrigens die mit Abstand verschissenste (ein passenderer Ausdruck fällt mir grad nicht ein; aber den gibt es wohl auch nicht) unter den mir bekannten großen Staatsfluchlinen. Informationen gibt es erstmal gar keine, das Englisch klingt anschließend, als hätte man Kaspar Hauser mit vorgehaltener Pistole zu seinen ersten Sprechversuchen ausgerechnet in einerr fremden Sprache gezwungen, umsonst gibt es nicht mal einen Schluck Wasser und die Sitzreihen sind für Zwerge oder Beinamputierte konzipiert. Im Grunde hätte ich den ganzen Fluch über schreien müssen – zum Glück übernahm den Job dann ein Säugling. Wir hatten fett die Verspätung, weil in Frankreich die Fluchlotsen streikten. Da mussten wir zwar zum Glück nicht hin, aber leider drüber weg, schlimm genug, aber so hatte die Dunkelheit wenigstens auch ihr gutes.
Willkommen in der Hölle
Wie versprochen gibt es heute endlich zumindest ein Bild aus der Hölle. Die sieht vielleicht nicht direkt so aus wie auf den berühmten Bildern belgischer Maler, auf denen man meist merkwürdig unzufriedene Menschen durch einen überheizten Swingerclub hotten sieht. Womöglich fusst ihre Unentspanntheit auf dem unhöflichen Personal aus mit scheußlichen Reißzähnen ausgestatteten Riesenlurchen, wer weiß. Türsteher, das weiß der moderne Mensch müssen halt so sein – in ihrem Inneren aber sind sie sehr oft unsicher und liebesbedürftig. Nein, die Hölle ist vielmehr ein Berg auf der Nachbarinsel von La Camorra, deren Namen mir gerade entfallen ist. Ein Treppenwitz der Gastrogeografie eigentlich, dass die Berliner ihr Nationaleckkneipenkopfwehspülwasser „Futschi“ ausgerechnet nach diesem so sportlich und salopp wirkenden Hügel, der sich nebenher noch als Vulkan verdingt, benannt haben: Futschijama.
Der Himmel über Berlin
Sieht wahrscheinlich gerade anders aus. Nicht so durcheinander. Aufgeräumter. Vom Standpunkt der Ordnung aller Dinge sowie dem Chaos als größtmöglicher Feind einer gegebenen Organistaion her besser. Schöner. Schließlich ist der kackbunte Abendhimmel unter den Himmeln, was die Schiebespalte unter den Website-Aufbaus(-ten?), der ungeordnete Rückzug unter den militärischen Taktiken, ein vollgeschütteter Schweinetrog unter den Essensdarreichungsformen ist. Ein bunter Himmel bedeutet einen Himmel, der sich nicht entscheiden kann und das ist nicht gut. Wenn ich so darüber nachdenke, ist er wie eine reiche Frau, die mal in diese Boutique hineinrennt und mal in jene, und, obwohl sie sich alles leisten kann, nichts kauft. Sondern der Verkäuferin in dem letzten Laden mit einer Rasierklinge die Kehle durchschneidet, Feuer an die sündhaft teuren Kleider legt, auf der Straße vor dem brennenden Haus wild auf- und abtanzt und dabei singt: „La, la, la, la, la, la, li, la“, oder so.
Gorillas im Nebel
Im recht geräumigen Kurpark unseres Erholungsinselchens, den man denn auch gleich großspurig Nationalpark zu nennen zu erträumen beliebt, ist das Wetter anders als am Meer, wo mehr Sonne ist und nicht soviel Nebel. Sondern umgekehrt: Viel Nebel, dafür weniger Sonne und zwar im Größenordnungsbereich in etwa zwischen Null und gar keiner. Man sah quasi den Wald vor lauter Bäumen nicht, wozu der Nebel, der sich immer wieder mal schützend vor, mal keck zwischen und mal akrobatisch unter die Bäume gelegt hatte, sicher sein gerüttelt Scherflein beitrug. Ebendiese Erfahrung machten wir, als wir den Kurpark optimistisch und voller unvoreingenommenen Wohlwollens durchmaßen, um auch dort, wie in der neuen Umgebung mittlerweile gewohnt, ordentlich Sonne zu tanken, Super, voll. So stapften wir also wohlgemut in das Dickicht hinein, um daraufhin einen kurzschlussähnlichen Schrecken zu erleiden: Keine Sonne! Nullo, kein Schimmer, Nixenhausen, Niente. So, Freundchen Urlaubsinsel, hatten wir nicht gewettet!
Man kann auch ohne Kälte Sportschau seh'n
Und hier die gute Nachricht für alle Daheimgebliebenen und frei nach einem Lied der Goldenen Zitronen („Man kann auch ohne Beine Sportschau seh'n“): Man kann auch ohne Kälte die Sportschau sehen, wie der kleine Schnappschuss aus der Terrassentür unseres Schlaf- und Fernsehzimmers beweist. Tückisch ist allerdings die Anfangszeit, da es auf La Gomorra eine Stunde früher ist, also muss man schon um Fünf einschalten, da sonst die Hälfte bereits vorbei ist. Das ist schon ziemlich schlimm auf ne Art und das Problem hätte man in Deutschland nicht, aber ich möchte trotzdem nicht tauschen. Wenn ich mir nämlich vorstelle, ich säße stattdessen in Felle gehüllt und trotzdem bibbernd zuhause auf meinem kalten Sofa aus Schnee und Beton, während am Fenster eine acht Meter dicke Schicht aus Eisblumen die ohnehin schon vormittags hereingebrochene Nacht noch weiter verdunkelt, vermag mich kein Gedanke an irgendeine wie auch immer dramatisch geartete Sportschau zu erwärmen, noch dazu, da der Samstagnachmittag längst für die Mainzes und Hannovers unter den Mannschaften reserviert zu sein scheint, den Abfall also, den Freitag und Sonntag gnädig übriglassen. Was ist das noch für eine Sportschau, die mit Botoxeinspritzungen aus zweiter und dritter Liga sowie rhythmischer Sportgymnastik zu einer geisterhaften Mumie aufgeblasen wird? Wären Mainz, Hannover und Nürnberg Tanzschüler, würden sie blass und verpickelt am Rand der Aula herumlungern und sehnsüchtig in die Mitte starren, wo sich frohgemut die strahlenden Klassenschönen im Reigen drehen. Die einzige Aufmerksamkeit, die diese Bochums, Frankfurts, Kölns und Mönchengladbachs erhalten, ist ab und zu ein Kichern, das frech und verächtlich zu ihnen herüberschallt, wenn die Klassenschönen sich mal wieder arrogant aber nicht völlig unoriginell („Vielleicht hat er ja bei Aknes ne Chance, hihi“ - „Hihihi - wer ist Aknes?“ - „Na, AKNES, hihihihi“ - „Ach so, Aknes, hihihihihi“ - „Hihihihihihi!“) über die Randsteher lustiggemacht haben. Doch ich schweife ab.


alles schön und gut