Der Enforcer

Der Fernsehexperte Oliver Kahn fand hinterher mal wieder alles in Ordnung. Sergio Ramos sei halt ein Fuchs, delirierte er im Studio, sei mit allen Wassern gewaschen und „wisse sich zu wehren.“ Das war noch die alte deutsche Fußballschule, ein Blitzkrieg reloaded: Scheiß auf das Spiel – wer Spaß will, soll ein Witzbuch lesen – und der Fiesere möge gewinnen.

Was war geschehen?

In einer Szene, in der die taz in Kahnscher Manier ein „Ausloten der Grenzbereiche“, der Jurist jedoch eine schwere Körperverletzung erkannte, entschied Ramos das Spiel für seine Mannschaft. Er liquidierte den gefährlichsten Stürmer des FC Liverpool, Mohamed Salah, und das ging so: Wie einen Schal wickelte er den deutlich schmächtigeren Gegenspieler um sich, zog noch einmal entschlossen straff, als hätte die Großmutter ihn ermahnt, sich bloß nicht zu erkälten, rammte das Männlein dergestalt ungespitzt in den Boden und planierte dann das unter ihm liegende Opfer so lange und ausgiebig, bis er das lang ersehnte Knacken oder Reißen in der Schulter des Patienten hörte, beziehungsweise als erfahrener Vorstopper auch nur spürte. Es war vollbracht, rien ne va plus.

Kein Foul natürlich und Ramos‘ Mitspieler waren nicht so unsubtil, nach der Szene jubelnd auf ihren kriminellen Kameraden loszustürmen. Salah wälzte sich derweil bitterlich schluchzend auf dem Rasen und verließ kurz darauf das Spielfeld. Eine halbe Stunde war gespielt und Liverpool bis dahin klar besser gewesen. Danach nicht mehr. Die Medien verkündeten, Salah habe „sich verletzt“, das klang wie ein ungeschickter Küchenunfall, selbst verschuldet. Stimmt aber nicht. Sergio war’s.

Jammerschade auch um den Spieler Ramos. Der war schließlich mal ein großartiger Abwehrspieler, der Beste, ein Zugochse für die Moral des gesamten Teams, wenngleich er mit dem Wort Fairness noch nie viel anzufangen wusste, aber das galt und gilt vermutlich für alle anderen Buchstabenkombinationen auch.

Nun nimmt mit dem Alter die Schnelligkeit ab, die Souveränität, darunter leidet auch die Technik. Die schwindenden Mittel versucht der Betroffene mehr denn je durch fußballfernes Handeln zu kompensieren. Es ist die uralte Mär vom Machtverlust. Er ist der zahnlose Löwe, der mit Glück im eigenen Rudel noch ab und zu ein Jungtier erdrossseln kann, wenn die Löwin schläft; die geknickte Edelfeder, die von einer Bierkiste herab einer Handvoll anderer Wichte rassistischen Kryptokram predigt; die Eintagsfliege, deren letzte Amtshandlung der abendliche Sturz ins Rotweinglas ist.

Und so wird Ramos immer mehr zum „Enforcer“, wie man diesen Spielertyp beim Eishockey nennt, der mit unfairen Aktionen systematisch das gegnerische Spiel zerstört. Das sind böse, aber irgendwo auch bedauernswerte Menschen. Für oft nur eine halbe Million Dollar im Jahr leiden sie nicht selten unter Depressionen, Süchten und bleibenden Hirnschädigungen durch die von ihnen selbst initiierten Prügeleien.

Apropos Hirnschädigungen. Real Madrid war schon immer ein Sammelbecken für Arschlöcher Individualisten aller Art. Obwohl man durchlässig bleibt, denn so wie bei den Glasgow Rangers längst auch Katholiken mitspielen dürfen, beschäftigt Real nun sogar Profis, die noch nie wegen eines Vergewaltigungsvorwurfs Schweigegeld gezahlt haben. Da zählt dann tatsächlich nur die Leistung. Dasselbe gilt auch für Kicker ohne Stuntman- und Schauspielausbildung – schließlich genügt es, wenn acht Schwalbenkönige auf dem Platz stehen.

Ich erinnere nur an den legendären Mexikaner Hugo Sanchez, unerreichter Spezialist für Schwalben und versteckte Fouls, einer der linkesten ausgebufftesten Typen aller Zeiten – dagegen loteten Hitler und Stalin mit offenen Karten fromm die Grenzbereiche aus. In der aktuellen Mannschaft ist zum Beispiel der Erpresser Karim Benzema zu nennen. Oder Ronaldo, ach, da muss ich gar nichts sagen und wiederhole stattdessen einfach nur den Namen: Ronaldo.

Doch vergessen wir nicht Oliver Kahn. Der hat zwar nie für Madrid gespielt, aber strange Charaktere gibt es ja auch noch jenseits des Estadio Bernabeu. Denn Real ist zwar ein großer Club, aber so groß nun auch wieder nicht, um sämtliche Asis dieser Welt in seinen Spielerkader aufzunehmen. Nachdem er seinen Blutbruder Ramos gründlich gesegnet hatte, mokierte sich besagter Kahn jedenfalls noch lang und breit über Salahs Tränen.

Er verstehe nicht, so Kahn, „warum die heutzutage alle weinen.“ Ein Junge weint nicht. Nicht auf dem Platz. Die sollen das gefälligst in der Kabine machen. Und kacken auf dem Klo. Und essen im Esszimmer. Und ficken im Bett. Wir „lebenden Leichen, wie sie die 60er Jahre von der Stange produzierten“ können ja nichts für dieses seltsame Loch in der Seele. Aber das Napola-Gewäsch dann noch als Wert an sich zu verteidigen, ist ebenso anachronistisch, wie die Straftäter, die Kollegen absichtlich verletzen, um dem eigenen Team einen Vorteil zu verschaffen, als clever abzufeiern.

Er denkt wohl, die jungen Spieler weinten, weil sie sich wehgetan haben, und nicht wegen der Enttäuschung, dass ihnen das wichtigste Spiel ihrer Karriere geraubt wurde. Doch wie erkläre ich einem Psychopathen Empfindungen? Körperlich sind die heutigen Spieler der erhöhten Anforderungen wegen ohnehin viel härter als Kahn und Konsorten. Die rauchten und soffen vor und nach dem Spiel – während der Partie lungerten sie auf dem Rasen herum wie Golfspieler, bloß ohne deren lange Laufwege zum nächsten Grün.

Aber immerhin weinten sie nicht, außer der Weinbrand war alle. Dabei ist doch wirklich egal, warum jemand heult. Und wenn Mo Salah öffentlich weinen würde, weil er sich das Fingerchen an dem Teelicht verbrannt hätte, auf dem er seiner Puppe eine Suppe hatte kochen wollen – na und, was geht Kahn das an?

Ich bin gut

Es ist als hätte ich Güte gesät und Harmonie geerntet

 

Seit neuestem kann ich über nicht weniger als zwei (!) Fälle versöhnlichen Miteinanders berichten, in die ich nicht nur involviert, sondern deren treibende Kraft ich sogar war. Vielleicht werde ich ja auf meine alten Tage noch handzahm, es kann aber auch an der Jahreszeit liegen. Das in den Sonnenstrahlen enthaltene Vitamin D brennt sich durch die Haut und weicht in der Seele langsam aber sicher die dicke Schicht aus gehärtetem Hass auf, die ich mir über die Jahre zugelegt habe.

Fall 1. Ich möchte am Ufer das Auto parken. In dem Moment, in dem ich rückwärts in die Lücke fahren will, prescht aus einer Gruppe herumlümmelnder Youngster ein vermutlich spanischer Typ auf mich zu und verwehrt mir das auf Englisch. Einen einwandfreien Parkplatz. Auf öffentlichem Grund. Und wenn die da filmen wollen, muss der Idiot eben besser aufpassen.

Aber gut. Nur wenige Meter zurück ist ja schon die nächste Parkgelegenheit. Seufzend will ich zurücksetzen, da springt mir der Wichtigtuer direkt hinter das Auto und fuchtelt wild mit den Händen. Die Knalltüte will sich offenbar trotz des schönen Wetters überfahren lassen. Ich zeige in Richtung der anderen Parklücke und schreie – sonst hört er ja nichts durch das geschlossene Fenster – „get out of my way“, schreie es in meinem komischen Englisch, weil ich ja viele Sprachen so ein bisschen kann, aber keine richtig, noch nicht mal deutsch.

Endlich tritt der Schwachkopf beiseite. Ich fahre die zwanzig Meter im Rückwärtsgang und parke ein. Alles nur ein Missverständnis. Er dachte halt, ich beharrte unbedingt auf meinen Willen – meine Güte, dann wäre ich aber schon lange tot. Ich steige aus, schließe ab und begebe mich in Richtung des Trottels. Und nun geschieht das Merkwürdige. Normalerweise würde ich jetzt der Pfeife noch mal verbal so richtig eine mitgeben. Damit er weiß, wie hier der Hase läuft. Doch ich höre mich sagen: „Sorry for being angry.“

Anschließend gehe ich weiter und spüre meinen Worten nach. Wie sich das anfühlt. Ich schwebe wie auf Wolken und merke, dass mich mein eigenes Verhalten nachhaltig rührt. Ein einziges Mal habe ich nicht losgepöbelt wie ein Bierkutscher und wie reich wird meine Seele gleich dafür belohnt! Alles fühlt sich so weich an, alles fließt. Die Vögel singen mir ein Loblied. Wenn ich das früher gewusst hätte, hätte ich nicht zwei Drittel eines gesamten Menschenlebens oder so damit verbracht, schlechte Stimmung zu verbreiten. Schade. Warum hat einem denn bloß keiner was gesagt?

Ich war permanent auf dem Holzweg. Vermutlich neidete ich den Jüngeren nur ihr längeres Leben und war deshalb immer so gemein zu ihnen. So ein Unsinn. Wenn ich unter meinen Radieschen fröhlich vor mich hinpfeife, weil ich es überstanden habe, wartet auf sie die Hölle: Sandstürme, Überschwemmungen, die Bienen sind tot, stattdessen überall Mücken, alle sind rechts, die Schrippen heißen Weckle. Ihre eigenen Muttis haben ihnen das eingebrockt, weil sie sie täglich mit dem SUV in den Kindergarten gekarrt haben. Was sie verdienen, ist mein Mitleid und meine Nachsicht.

Am nächsten Tag kann ich die neu erworbenen Soft-Skills gleich schon wieder anwenden: Ein älterer Hirni versteht die Kassenschlangenordnung bei Karstadt nicht und drängt sich vor. Selbstverständlich denke ich sofort, „du asoziale Drecksau“, und knirsche mit den Zähnen. Doch auf einmal schiebt sich erneut dieser rosafarbene Schleier vor mein Gemüt. Er hat das System halt nicht durchblickt. Kein Grund für mich zum Ausrasten. Und sowieso habe ich Zeit.

Da passiert etwas Wunderschönes. Nachdem der Vollpfosten bezahlt hat, dreht er sich um, sieht mich und erschrickt: „Hab ich mich jetzt vorgedrängt? Verzeihen Sie. Sie sind jetzt böse, stimmt’s?“ Es ist als hätte ich Güte gesät und Harmonie geerntet. Ich beschwichtige ihn mit sanften Worten: Ich sei nicht böse, keinesfalls, jedenfalls schon längst nicht mehr, das sei doch nicht weiter schlimm, er, der Asi, habe es ja nicht böse gemeint, das sei hier ja auch alles nicht leicht, für niemanden, alles gut.

Wir sind in dem Moment beide den Tränen nah. Uns umspült ein warmes Schaumbad der Nähe, des Erkennens und der tiefen Menschlichkeit. „Das ist fast wie Sex“, denke ich unwillkürlich. Denn darin liegt das Geheimnis der Zufriedenheit und des Wohlbefindens: einfach immer nur scheißnett zu dem Gesindel zu sein. Auch zu Nazis. Gerade zu Nazis und besonders am achten Mai. Ein Lächeln kostet so wenig und der freundlich dahingeworfene Satz, „bestimmt gewinnt ihr dafür den nächsten Krieg“, kann ein vergnügtes Strahlen in so manches verhärmte Gesicht zaubern. Und dann wird sie derselbe Sinneswandel ereilen, den ich nun bereits hinter mir habe.

 

Bowling for Kolumbien IV

El Fisch

Am Strand von Palomino liegt einer dieser welsartigen Fische, die hier gern auf den Tisch kommen. Bestimmt zwanzig Meter von der Wasserlinie entfernt liegt er einfach da im Sand und schnappt mühsam nach Luft. Er lebt also noch. Fragt sich nur, wie lange noch. Auch seine Rückenflosse ist verletzt. Es muss schnell gehen. Zu dritt beratschlagen wir, meine beiden Reisebegleiterinnen und ich, und treffen eine Entscheidung. Sie sind das Hirn dieses Beschlusses, ich bin die Hand.

Am Strand von Palomino.

Die Frauen streiten das ja mittlerweile alles ab. Aber es kann gar nicht anders gewesen sein. Frauen haben ja oft so konstruktive und lebensbejahende Einfälle. (Zu einer bunten Sammlung weiterer Geschlechterstereotypen aus dem Mustopf bitte hier, hier, hier und hier entlang >) Der Mann will immer jagen, töten und fressen (wenn er nicht grad ficken oder sich mit seinen Kameraden im Dreck balgen möchte). Wenn ich allein daran denke, wie viele von diesen Fischen ich in diesem Urlaub schon verputzt habe, gebraten, gedünstet, frittiert und mit kreolischer Soße. Jamjam.

Dazu fallen mir auch die ganzen kleinen Schweinchen ein, die hier überall herumlaufen, und die ich in Massen fotografiert, gestreichelt und mit spitzen Gottele-nein-wie-putzig-Schreien bedacht habe. Wenn das meine Dreckbalgkameraden hören, bin ich als Mann für sie verbrannt. Vor allem aber ist mein Verhalten völlig bigott eingedenk der zahllosen Schweine, die ich mir zuhause im Akkord reinpfeife; Schweine, die so unglücklich sind, dass man zur Zubereitung kein Salz mehr braucht, so vollgesogen mit ihren Tränen ist das Fleisch.

Gottele, nein wie putzig.

Und jetzt plötzlich will ich diesen einen Fisch retten, weil ich zu ihm so eine Art persönliches Verhältnis aufgebaut habe, und weil, dessen bin ich mir nach wie vor sicher, die Frauen mich dazu angestachelt haben. Ich bin ein romantischer Retter. Bestimmt bekomme ich zur Belohnung für meine Heldentat ein Küsschen. Ohnehin verrichte ich seit jeher, was mir aufgetragen wird – mein schwaches Rückgrat wird durch stützende Fremdvorschläge so gerade noch zusammengehalten.

Ein bisschen bin ich wie die Unterstützer des Hundes Chico, der in Hannover seine Herrchen aufgefressen hat. Nun soll Chico leben. Dafür gibt es Demonstrationen und hunderttausende Unterschriften. Für einen verhaltensgestörten Mörder in einer menschlichen Todeszelle würden die noblen Aktivisten keinen Finger rühren. Da warten ja auch nur Ausländer auf den Tod und kein deutscher Hund. Der ist das Symbol ihrer „Tierliebe“, so wie bei mir nun eben dieser Fisch. Ich bin genauso ein Arschloch. Aber egal, ich nehme jetzt den Fisch und bringe ihn zurück ins Wasser. Außerdem haben die Frauen das gesagt. Ich hab das schriftlich. Hier, hier steht es doch.

Platsch.

Kurz befürchte ich, dass die starke Brandung das geschwächte Tier zurück an den Strand spült, aber irgendwie kämpft es sich durch. Geschafft. Als ich zu meinen mutmaßlichen Auftraggeberinnen zurückwill, ist mir ein Mann im Weg. Bislang ist der mir gar nicht aufgefallen. Kein Wunder, steht er doch einfach nur reglos da und hält eine gepannte Neylonschnur ins Meer.

Veinte mil“, sagt der Mann zu mir, „zwanzigtausend.“ Sonst nichts. Deshalb verstehe ich ihn auch. O ja, ich verstehe ihn sehr gut. So gut verstehe ich ihn, dass ich mich sogleich zurück ans Wasser begebe und, hüfttief in der Brandung stehend, mit beiden Händen die Karibik nach dem Fisch durchwühle. Das ist weder von der Idee her konsequent noch zielführend. Um es kurz zu machen: Ich werde des Fisches nicht mehr habhaft.

Mit leeren Händen kehre ich in der Absicht zurück, hart zu verhandeln. Für zwanzigtausend kolumbianische Pesos kriegt man schließlich schon das fertige Gericht mit allem Drum und Dran. Allerdings feilsche ich nicht lange. Denn der auf einmal doch recht gesprächige Mann erzählt, wenn ich das recht verstehe, von einer Art Bringschuld an eine gewisse „Doña“, die einen Fisch von ihm erwarte. Also habe er einen gefangen. Nun sei da aber leider kein Fisch mehr. Und eine Doña ist heiklerweise nicht nur irgendeine Frau, sondern eine Dame, eine Herrin, das weibliche Gegenstück zum „Padron“, womöglich seine persönliche Chefin, eventuell auch die Besitzerin eines von ihm zu beliefernden Restaurants, eine ernste Sache jedenfalls, das verstehe ich völlig; wer sonst, wenn nicht ich. Immerhin habe ich ja seinen Fisch ins Meer geschmissen. Ich gebe ihm sein Geld. Zum Glück hab ich’s klein – das ist hier ja auch immer so’n Problem.

Die Weiber lachen. Auf einmal behaupten sie, das sei alles völlig klar gewesen: Wie denn der Fisch da sonst hätte hinkommen sollen, ohne Beine, und es sei komplett meine eigene Entscheidung gewesen, die ich auch noch gegen ihren ausdrücklichen Rat getroffen hätte.

Im Nachhinein bin ich mir sicher, dass das Ganze eine Masche ist. Der Typ pfeffert seinen Fang jedes Mal lebend in den Sand, anstatt ihn in einem Wassereimer frisch zu halten. Damit man ihm den Fisch nicht zuordnen kann. Zusätzlich stellt er sich extra weit weg und beobachtet aus dem Augenwinkel, wann wieder so ein argloser Tourist vorbeikommt. Wenn er Glück hat, kann er mit einem einzigen Fisch am Tag mehrere Idioten fangen – vom Verkauf der Tiere allein kann keiner leben. Er hat ihm eigens eine Verletzung an der Rückenflosse zugefügt. Mit der verminderten Steuerfähigkeit schafft er es nie weit weg und beißt immer wieder an.

Sie sind ein eingespieltes Team, auch wenn nicht beide mit demselben Elan bei der Sache sein dürften: Sobald sie jemanden wie mich von weitem näherkommen sehen, denkt der Mann „si, si, por favor!“ und der Fisch „no, no, por favor no!!“ Rein, raus, rein raus – das ist ein irrer Stress für ihn, schon rein nervlich, bloß damit er am Ende doch gefressen wird.

Bowling for Kolumbien III

Beim Stamm der Angeber

Unsere viertägige Dschungeltour zur Ciudad Perdida führte direkt durch das Stammesgebiet der Kogi. Das sind kleine Männchen in weißen Gewändern und mit krempigen Hüten, die in einer Art Schlumpfhäuser leben, vor denen unfassbar niedliche Kinder in weißen Kleidchen spielten, wiederum bewacht von knubbeligen jungen Müttern in Weiß, die niemals ein Wort sprachen, zumindest nicht in unserer Anwesenheit.

Man hatte uns vor der Tour gesagt, wir sollten dem Stamm gegenüber freundlich und respektvoll auftreten. Doch denen hat man offensichtlich nicht dasselbe eingetrichtert. Wenn die Männlein unsere Wege kreuzten, blickten sie starr geradeaus. Sie grüßten uns nicht und erwiderten keinen Gruß. Nie lächelte oder lachte gar einer. Elitär bis zum Get-no. Es war wie eine Bestätigung der ausgeleierten Klischees vom stolzen Indigenen, die man uns ein Leben lang auf sämtlichen Kanälen ins Hirn geschissen hatte. Würdevolles Schweigen. Erbpacht der Moral. Völlige Humorlosigkeit. Verachtung des Bleichgesichts, das schwatzt wie ein Weib und den tötenden Blitz mit sich führt. Stattdessen ein direkter Draht im Kopf zu Bäumen, Göttern und Dämonen, eh klar. Ein Indianer kennt keinen Scherz.

Meine Begleiterin machte das, wie sie es nannte, „superprätentiöse Verhalten“ richtiggehend wütend. Dass Natives im 21. Jhdt. noch derart plakativ auf ihrem Ureinwohner-Ticket surften, konnte nur eine blasierte Marotte von Blendern sein, die sich qua Herkunft für was Besseres halten. Also im Grunde wie bei uns die Rechten. Sie kaufte ihnen das entrückte Gewese nicht wirklich ab. Und es ging ja auch anders: Ein paar der Kogi arbeiteten als Guides – sie sind mit dem Gelände vertraut und werden niemals müde -, die grüßten dann zuweilen mit leicht gequälter Miene zurück.

Dabei konnte die Unfreundlichkeit auch ganz banale Ursachen haben. Sicher sind einige genervt von den Gruppen, von uns also, deretwegen die Tourveranstalter dem Stamm die entsprechenden Wegerechte abgekauft haben. Für manche Waren ist es eben nötig, Handel mit der Außenwelt zu treiben und dafür wiederum benötigt man Valuta wie man im Osten dazu sagte. Die Wegerechte können sie auch jederzeit zurückziehen.

Aber bis dahin dackeln eben ekelhaft schwitzende Gringos in Trekkingsandalen  mitten durch das Stammesgebiet. O Gott, o Manitou, o verfluchter Mist, dabei treten sie doch auf Bruder Stein und Schwester Sand und beschädigen so deren unsterbliche Seelen. Daher schließen die Kogi den gesamten Nationalpark zweimal im Jahr für je einen Monat, um ihn zu reinigen. Also nicht wörtlich zu reinigen, denn das geht hier alles schon eher Richtung Ökotourismus. Das heißt, es bleibt kein Bonbonpapier liegen und wenn doch, wird es von den kolumbianischen Führern akribisch eingesammelt. Sondern von den Anhaftungen der Touristen. Und auch damit sind nicht etwa Schweiß, Tränen und alte Kaugummis gemeint, sondern ihre blanke Anwesenheit. Igitt. Da gehen dann die Schamanen quasi mit einem heiligen Mopp aus Sprüchen, Gesängen und versengten Kräutern gründlich drüber, einmal im Februar und einmal im September, sonst wird man des Drecks gar nicht mehr Herr. Auch das wirkt wieder wahnsinnig prätentiös und irgendwie ja auch ein bisschen beleidigend für die Wanderer.

Die Freundin hatte recht. Die machten echt nicht den Eindruck, als ob sie sehr witzig wären. Theoretisch kann es natürlich sein, dass sie, wenn sie sich in ihren Schlumpfhäusern unter ihresgleichen wissen, nonstop die besten Jokes reißen. Geht ein Kogi zum Arzt. Aber das glaube ich nicht. Zum Lachen gehen die doch in die ewigen Jagdgründe. Und selbst noch ihren Drogenmissbrauch verbrämen sie durch ein pseudospirituelles Tamtam, obwohl Drogen doch vor allem eines bringen sollten: Spaß oder wenigstens einen netten, kleinen Kurzurlaub im Kopf. Das ist per se eher eine legere Angelegenheit: Joint gerollt oder Pille eingeworfen und fertig ist die Laube, gar kein Ding.

Nicht aber für unsere kleinen Freunde. Wird der Mann achtzehn, erhält er in einer feierlichen Zeremonie vom Schamanen den aus Hartkürbis geschnitzten sogenannten „Poporo“, in dem sich geriebener Muschelkalk befindet. Für den Rest seines Lebens hängt ihm das Gefäß nun um den Hals. Mit einem Stab holt er sich daraus Kalk hervor, der dann mit den Kokablättern in seinem Mund reagiert. Der Poporo steht dabei für das Weibliche, der Stab für das Männliche. Schwanzfixiertheit hat so was herrlich Ursprüngliches. Auch der Kalk ist männlich und steht für das Meer, aus dem die Muschi, äh, die Muscheln kamen. Die Kokablätter (weiblich) symbolisieren die Erde, auf der sie wachsen. Und die Kogi selbst – typischer Größenwahn des Koksers – sind die Hüter der Erde, logisch. Da fragt man sich schon, ob das nicht alles eine Nummer kleiner ginge.

Das Zeug wächst bei ihnen buchstäblich im Vorgarten.

Doch die scheinbar so alberne Konstruktion besitzt unbestreitbare Vorteile. Denn allein dank dieser Show sind sie die einzigen Menschen, die in Kolumbien noch offiziell Koka anbauen dürfen – das Zeug wächst bei ihnen buchstäblich im Vorgarten. Ob Beschneidung, Diskriminierung oder Tanzverbot: Das Totschlagargument Religion funktioniert wie so oft als beliebiger Freibrief, knickknack, die Behörden sind schachmatt. Insofern macht auch die Mimikri des ernsten und schweigsamen Kriegers Sinn, denn würden sie wie gewöhnliche Kokser mit hervorquellenden Augen auf einer Party, im Club oder im Bundestag herumblöken wie geil sie sich finden – flögen sie eventuell auf und schon wäre es Essig mit dem Sonderrecht. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, macht es natürlich einen Unterschied, ob man Kokain nimmt oder geröstete Kokablätter kaut. Dafür allerdings tun sie das dann den ganzen Tag. Hatte ich bereits erwähnt, dass die Herrschaften niemals müde werden?

Doch man stelle sich vor, das machte jeder so: Hallo, hallo, hallo, ich gehöre auch einer uralten Kultur an, bin Rastafari, Klebstoffbuddhist oder vom Stamme Alk: Ich fordere nur mein Recht auf freie Religionsausübung ein. Und dazu gehört eben, dass ich den ganzen Tag Schnaps trinke und danach rituell Frau und Kinder verdresche. Mit achtzehn hat mir der Tankwart – das ist bei uns so eine Art Druide – in einem Initiationsritus („die Übergabe der 7 Euro 49“) die aus Hartglas gefertigte Flasche, die sogenannte „Pulle“ überreicht. Sie symbolisiert „Fusul“, die Dreifaltigkeit aus gesellschaftlichem Niedergang, gesundheitlichem Ruin und vorzeitigem Ableben. Die Pulle muss ich nun immer dabeihaben und alle zehn Minuten daraus trinken, sonst zürnt der Große Getränke Hoffmann. Der spirituelleste Moment ist jedoch der anschließende Torkeltanz zu unrhythmischem Grölen mit gemeinsamem Erbrechen der Gläubigen. Das alles kann ich jederzeit behaupten und als immaterielles UNESCO-Kulturerbe reklamieren.

Ich finde es ja gar nicht falsch, Drogen zu nehmen. Das freie Recht auf Rausch wurde zum Teil schon von Strafrichtern aufgeworfen und ich bin dafür, nicht nur diejenigen Drogen zu legalisieren, die allein in Deutschland jährlich an die zweihunderttausend Menschenleben fordern, sondern auch solche, die es nicht auf diese stolze Quote bringen. Denn nur, weil sie weniger Leute töten, sind es ja nicht automatisch die schlechteren Drogen. Nur ist es eben völlig unangebracht, den Konsum auf so ein Podest zu stellen. Drogen zu nehmen, ist in etwa so weihevoll wie bei Rot über die Ampel zu gehen oder ins Badewasser zu pupen. „Prätentiös“ ist noch gar kein Ausdruck für den Aufwand, den die Kogi um eine folkloristische Farce herum betreiben, die zu nichts anderem dient als die bittere Wahrheit zu euphemisieren, dass sie sich schlicht zudröhnen, weil offenbar doch nicht alles so großartig ist wie sie uns glauben machen und sie mit irgendwelchen Issues anders nicht so richtig fertig werden.

Woher ich das alles weiß? Nun, am dritten Abend war so ein Häuptling oder Medizinmann oder Pressesprecher der Kogi auf Einladung des Tourveranstalters in dem Camp, in dem wir übernachteten. Er sprach vor den versammelten Touristen, eine Führerin übersetzte ins Englische. Wir schwiegen fromm – die einen fakten Pietät, die anderen empfanden sie wirklich.

Als die Oberkoksnase mit ihrem Esosplaining durch war, durften wir noch Fragen stellen. Eine Frau wollte wissen, wie sie, die Kogi, es denn mit den Mücken hielten. Die Frage war alles andere als blöd, denn die Mücken in dem Dschungel waren schon ausgesprochen scheiße drauf. Einige schien das Antibrumm Forte noch anzuspornen – da hatten sie wenigstens mal nen Gegner.

Bevor ich zu seiner Antwort komme, hier noch ein kleines Detail am Rande: In einer der anderen Wandergruppen gab es eine unglaublich stulle wirkende Tante, eine Amerikanerin, an der aber auch jedes Körperteil falsch war. Versteht sich von selbst, dass wir in einem fort hinter ihrem Rücken über sie ätzten. Gehässigkeit ist das Brot der Welkenden, die üble Nachrede ihr Wein. Womöglich war aber auch einfach nur unser Ego angeknockt, weil sie, die mit ihren künstlichen Fingernägeln wirkte wie ein Pornostar im Dschungel-Camp, diesen entsetzlichen Gewaltmarsch durch die grüne Hölle überraschend gut durchstand, während wir, die wir uns viel fitter wähnten, unter den Strapazen fast verreckten. Bestimmt war sie in Wahrheit superschlau und außerdem kann ja wohl jede rumlaufen wie sie will.

Die grüne Hölle

Jedenfalls war sie zu dem Vortrag in der überfülten Baracke erst jetzt erschienen – vielleicht hatte sie noch die falschen Wimpern zum Trocknen aufgehängt – und die Übersetzerin, die zu ihrer Gruppe gehörte, winkte sie zu sich nach vorne, wo neben ihr und dem Indigena noch ein Plätzchen frei war.

Sie hatte kaum die Antwort zu Ende übersetzt, „wir lernen die Mücken als unsere Freunde anzunehmen“, oder ähnliches First People-Gewäsch von der Stange wie ich es sicher auch vom Stapel lassen würde, wenn ich uns an seiner Stelle gegenüber säße und wie ich es außerdem schon hunderttausendmal bei Winnetou gesehen hatte, als dieser aufgetakelte Kim Kardeshian Character direkt vor dem Kogi mit beiden Händen lautstark eine Mücke in der Luft zerpatschte.

Wir, die wir den Respekt eh nur vorgetäuscht hatten, kicherten haltlos. Die anderen schwiegen betreten. Sollten sie doch zusammen mit dem Häuptling ihren Mückenfreund beerdigen.

Bowling for Kolumbien (II)

Die Lösung

In einem improvisierten Reisebüro in der kolumbianischen Provinz erwarten uns ein Mitarbeiter sowie eine Mitarbeiterin. Wegen der Komplexität unseres Anliegens fragen wir die beiden, ob sie englisch sprächen.

Gleich meldet sich der Mann, um auf dem Prüfstand der Verständigung dann mit Bravour zu scheitern. Und das Problem versteht er schon mal gar nicht – Sprache hin oder her. Oder, wie der Didaktiker sagt: Er rafft halt nix. Das dünne Brett ist durch, nun gibt es hier nichts mehr für ihn zu tun. Nach nur wenigen Sekunden verlässt er entmutigt das Büro.

Also gut, dann eben auf Spanisch. Die Frauen müssen es richten. Meine Freundin und die Angestellte, bei der ich sehr schnell das Gefühl habe: Sie weiß, worum es geht und wird das irgendwie hinbekommen. Wahrscheinlich spricht sie so gut oder schlecht englisch wie ihr Kollege, deshalb behauptet sie es auch gar nicht erst.

Die Konstellation beobachte ich oft auf Reisen. Männer, die sich aufblasen und Frauen, die den Laden schmeißen und das beste aus zum Teil geringer Bildung machen. Die Männer aber sind wie Drohnen, weitgehend nutzlos und unbeweglich; reine Besamer, die sicher bald durch evolutionsbiologisch weitaus effektivere Apparaturen ersetzt werden. Das ohnehin stets ein wenig albern wirkende Konzept der Heterosexualität landet damit endgültig im Biomüll der Geschichte.

Diese Erkenntnis ist es, die mich mit einem Mal massiv frustriert. Denn ich bin selbst ein Teil des Phänomens, das eben nicht nur traditionellere Gesellschaften betrifft, sondern auch das scheinbar so moderne Mitteleuropa. In strukturschwachen Gebieten bleiben die jungen Männer zurück, die rundum den Anschluss verloren haben, während die jungen Frauen ihr Glück woanders suchen. Auch ich bin so ein Ochse, der keine Milch gibt. Ich steh hier ja bloß rum und gucke mir an der Wand die Fotos von den angebotenen Erlebnistouren an, die ich niemals machen werde, unflexibel, faul und mutlos.

Und auch hier sind wieder nur die Frauen mit der Lösung betraut. Der andere Typ kann kaum Englisch und ich kann kaum Spanisch. Nur das R kann ich besser rollen als meine Freundin, daher achte ich gewissenhaft darauf, dass der einzige Satz, den ich in ihrer Anwesenheit wie ein Mantra meiner Minderqualifikation herunterbete, auch genügend Rs enthält: „No entiendo mucho; la mujer habla mejor“ – nicht gerade eine abendfüllende Unterhaltung. Das ist alles so niederschmetternd.

Dabei soll es ja auch fähige Männer geben, sonst wären wohl kaum die meisten Autoren auf den Long Lists für die Buchpreise Männer, höhö, Tusch, Narrhallamarsch. Ausgerechnet Schriftsteller. Jedesmal, wenn die um eine Stellungnahme gebeten werden – egal zu welchem Thema: Politk, Kultur, Fußball, Religion – entpuppen sie sich als weltfremde Egozentriker. Zugute halten muss man ihnen, dass es selten ihrer eigenen Idee entspringt, über Dinge jenseits ihrer läppischen Inselbegabung Auskunft zu geben. Obwohl ihr Beruf sie mit weniger intellektuellem und moralischem Rüstzeug versieht als zum Beispiel Postboten, Piloten oder Prostituierte. Düster scheint die Ahnungslosigkeit in ihren toten Knopfaugen wider, während Blödes aus verkniffenen Mündern quillt wie eitel Exkrement aus runzeligem Rektum.

Und was ist mit den Erfindern und Wissenschaftlern: Einstein, Düsentrieb, Dr. Oetker? Klar die haben es drauf, obwohl sie ihre Baumwollsocken kochen. Doch für jeden nützlichen Schlaumeier, der die Glühbirne oder das Penicillin erfindet, hauen hundert Millionen Schwachköpfe sich und anderen den Schädel ein: beim sinnlosen Versuch, ungesichert eine Steilwand hochzuklettern; weil sie zwar ein Auto mit Bremse konstruiert haben, aber diese nicht benutzen; weil sie ihr Territorium unbedingt um ein wertloses Sumpfgebiet erweitern müssen. Da fragt man sich schon, ob das noch eine vertretbare Relation ist, umso mehr, weil die Glühbirne und das Penicillin früher oder später auch von einer Frau erfunden worden wäre, wenn man sie denn bloß gelassen hätte.

Damit sei es aber nun genug. Auf die Peische folgt das Zuckerbrot, auf die kostenlose Aufklärung der Bevölkerung die Lösung. Denn wir haben seine, sich geradezu HSV-mäßig aus gar nichts speisende, Hybris ja nur zerstört, um aus den Trümmern den neuen, besseren Mann entstehen zu lassen: Was also könnte man tun, um nach zehntausend Jahren der Verschwendung des Potentials einer Hälfte der Menschheit nun nicht auf einmal das der anderen Hälfte komplett in die Tonne zu treten? Das wäre zwar immerhin eine Abwechslung, aber unter dem Strich kein Fortschritt.

Zunächst muss man den im Licht der Einsicht aufkeimenden Minderwertigkeitskomplex behutsam wieder ersticken. Da können einfache Hilfsmittel erstaunliche Dienste leisten. So lässt uns ein präparierter Würfel mit sechs Augen auf jeder Seite immer eine Sechs würfeln. Erfolgserlebnisse wie dieses machen froh, erhöhen das Selbstbewusstsein und befördern eine emotionale Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Oder einfach mal ganz allein tief in den Wald gehen und dort laut „Scheiß-Weiber“ sagen. Fremdsprachen kann man dann noch immer lernen.

Mein Geschlechtsgenosse ist mittlerweile zurück. Wohl um zukünftigen Anforderungen gestärkt entgegenzublicken, hat er sich eine Tüte Maisfladen besorgt. Dümmlich kauend steht er im Eingangsbereich herum, ein Spiegel meiner eigenen Inferiorität.