Ganz Berlin ein Park

Auch nicht das Wahre …

Fast wäre ich achtlos vorbeigegangen. Denn ganz klein und bescheiden hat jemand mit schwarzem Filzer an die Holzverkleidung des Kreuzberger Bioladens gekritzelt: „Grün ist schon besser als CDU, aber es ist auch nicht das Wahre.“ Um der Essenz dieser Botschaft gerecht zu werden, muss man sie sich mit leiser, stockender Stimme vorlesen. Auf ein Wahlplakat gedruckt, würde sie alle anderen Plakate vollständig ersetzen.

In den Geisterbahnen, die dieser Tage unsere Straßen sind, grinst von jedem Laternenmast ein Schreckgespenst, darunter jeweils eine linkische Nullbotschaft. „Nie gab es mehr zu tun.“ „Respekt für dich.“ „Zuhören und Zutrauen.“ So etwas könnte man ebenso mit Zuckerguss auf Lebkuchenherzen schreiben, an Klowände, auf Milchtüten oder über die Eingangstür eines Meditationszentrums. Sympathische Do-it-yourself-Mentalität, Sparsamkeit und Selbstironie in allen Ehren, doch der offensichtliche Verzicht auf fähige PR-Agenturen und das übergroße Vertrauen in die Pfiffigkeit der eigenen Praktikanten erweist sich hier als Rohrkrepierer. Ist das noch Hybris oder schon Dummheit?

„Über hundert Sprachen. Und eine Stimme gegen rechts“, prahlt zum Beispiel die SPD die Friedrichstraße rauf und runter. Dass sich angesichts so vieler Sprachen nur ein einziger Mensch mit Anstand findet, ist erschreckend. Das stünde vielleicht einer Nazi-Partei gut zu Gesicht, die sich sagt, „die eine Stimme, diesen schwärenden Spreißel in unserem Volkskörper, werden wir auch noch los“, der SPD als vormals linker Partei jedoch eher nicht.

„Ganz Berlin ein Park“, fordert wiederum die Klimaliste. Und wo sollen wir dann wohnen? „Alle 5 Stimmen CDU“, befiehlt ein anderes Plakat ohne Angabe von Gründen. Für Argumente hat doch eh keiner mehr Zeit.

Der gegenseitige Unterbietungswettbewerb legt nahe: Sie wollen anscheinend nicht gewählt werden. Auf den ersten Blick verständlich: Politiker sind die Prügelknaben und -mädchen der Nation; auch ohne konkreten Anlass (deren es ja durchaus genügend gäbe) wirft man ihnen gern pauschal Unfähigkeit, Eitelkeit und Desinteresse vor. Sie sind verhasster als Zuhälter und Immobilienmakler. Dem Volk fehlt jeder Respekt vor ihnen. Sie werden auf den Titelseiten der Zeitungen beschimpft, in den sozialen Medien verspottet und in Satiresendungen durch den Kakao gezogen. Politikerbashing ist ein beliebterer Volkssport als Fußball. Wer möchte sich das antun?

Doch andererseits stimmt immerhin das Schmerzensgeld. Denn selbst wer nach ein paar Jahren aus dem Karussell der Macht fliegt, landet weich auf einem dicken Geldberg. Nicht wenige werden bis an ihr Lebensende alimentiert wie ausgediente Lawinenhunde. Und da ihr dickes Fell gegen Anfeindungen jeder Art komplett imprägniert ist, lohnt sich ein Wahlsieg zumindest persönlich.

Der wäre womöglich leichter zu erringen als gedacht. Wahrscheinlich würde es den Bürgern schon reichen, nicht immer bloß zur Sau gemacht zu werden. Dass, wenn sie krank sind, jemand kommt, und ihnen heiße Schokolade zubereitet. Eine Wohnung, Arbeit, Abtreibung. Gute, bezahlbare, legale Rauschgifte. Dass ihre Kinder und Enkel nicht verbrennen, verhungern und verdursten. Oder wenigstens mal einfach nur die Wahrheit.

So wäre es endlich an der Zeit, im angespannten Verhältnis zwischen Politik und Bürgern ein völlig neues Kapitel zu eröffnen, das von schonungsloser Ehrlichkeit, abgefedert durch ein schwarzhumoriges Augenzwinkern, geprägt ist. „Es ist ölf nach Zwölf“, steht auf den neuen Plakaten, „Wir werden alle sterben“, und der absolute Renner: „Es gibt viel zu tun. Packen wir ein.“

Es ist ölf nach Zwölf!

Der Letzte macht das Licht aus

Gebannt lauschten wir in einen leeren Resonanzraum hinein.

Im Nachhinein denke ich, der zweite pandemiebedingte Lockdown Ende 2020 war letztlich der ideelle Befreiungsschlag für unsere Lesebühne LSD – Liebe statt Drogen. Bereits während des ersten Lockdowns im März hatten wir notgedrungen auf einen Live Stream umgestellt. Zunächst sogar von zuhause aus, per Konferenzschaltung. Ab Sommer 2020 streamten wir zusammen im Freien, und auch schon wieder vor kleinem Publikum. Doch im Herbst wurde es kalt und dunkel. Die Zuschauer blieben aus, erst wegen der Unbilden der Jahreszeit, dann waren öffentliche Veranstaltungen ohnehin untersagt.

Wir streamten dennoch weiter, obwohl kaum noch Leute zusahen. An manchen Abenden verfolgten gerade mal sieben Zuschauer den Stream. Verständlich, denn das digitale Format eignet sich kaum für eine Lesebühne. Es ist ja nicht unseretwegen, wir sind auch nicht besonders gut gealtert: Ein Vorleserjahr entspricht bekanntlich drei Menschenjahren – da ist es im Grunde fast besser, man sieht uns nicht. Doch das Publikum muss den Bierdunst und den Geruch verlebter, abgestandener Künstlerleiber riechen, das Klirren umgestoßener Flaschen hören können. Lesebühne ist ein sinnliches Erlebnis. Merkwürdigerweise hatten jedoch Partnerbühnen wie die Reformbühne Heim & Welt oder die Brauseboys bei ihren Streams mehr Zuschauer, obwohl die sogar noch langweiliger sind als wir.

Doch wir schüttelten uns nur kurz, und beschlossen: jetzt erst recht. Wir wandelten den zart aufkeimenden Frust einfach in künstlerische Energie um, machten aus der Not eine Tugend und starteten das Megametading.

Ab sofort würden wir nur noch für uns selbst auftreten. Wer brauchte schon Publikum? Die wollten ja immer bloß unterhalten werden. Und scheiß auf das Geld. Übelriechende, bunte Papierfetzen, eine Ersatzbefriedigung für Loser. Die Leute ahnten ja nicht, wie reich wir in Wirklichkeit allein an sittlichen Werten, Glück und Lebensfreude waren. Jedenfalls würden wir keine neuen Texte mehr schreiben, sie würden auch niemandem mehr gefallen müssen. Inhalte sind für Idioten, Formen für Faschos. Wir machten uns von sämtlichen Erwartungen los. Wir waren frei.

Auch die irdischen Gesetze galten für uns nicht. Irgendwer von irgendeiner anderen Bühne hatte behauptet, es gäbe eine Art Bestätigung von „Klausi“, dem Kultursenator Klaus Lederer persönlich, des ungefähren Inhalts, was wir hier täten, sei „Arbeit“ und fiele daher nicht unter die allgemeinen Versammlungsrestriktionen. Allerdings fiel jener Freibrief im Verlauf meiner weiteren Nachforschungen immer reduzierter aus: Von einer Urkunde mit Siegel über eine E-Mail bis hin zu einem vagen Telefongespräch, das einer der Kollegen mit Lederer geführt haben wollte, vielleicht …

Anfang 2021 verließ uns auch noch unsere letzte treue Zuschauerin. Schon vorher hatten wir mit den verschiedensten Übertragungspannen experimentiert; nun nutzten wir die einschlägigen Erfahrungen und stellten Bild und Ton endgültig ab. Alles wurde immer puristischer. Gebannt lauschten wir in einen leeren Resonanzraum hinein. Nichts. Was für ein großartiger Urzustand. Weg von diesem neoliberalen Kosten-Nutzen-Denken, und hin zu einer Kunst in ihrer reinsten Form, die allein für sich spricht, und niemandem außer sich selbst verantwortlich ist. Wir überwanden ein narzisstisches, dem Materiellen und der eigenen Eitelkeit verhaftetes Kunstverständnis, und waren in Sphären des Schaffens und des Seins entrückt, die außer uns kein Mensch jemals schauen würde. Und schon gar nicht die Reformbühne Heim & Welt.

Jeden Dienstag trafen wir uns weiter. Bauten alles auf – Laptop, Mikro, Scheinwerfer – ohne das Equipment ans Stromnetz anzuschließen. Dann schwiegen wir, anderthalb Stunden lang. Es war fast ein bisschen gruselig. Wir waren Matrosen auf einem Geisterschiff, das ziel- und führerlos über die Meere segelte. Wir schworen uns, so lange weiterzumachen, bis einer nach dem anderen im Dienst für die Kunst gestorben wäre. Der Letzte machte dann das Licht aus. Ach nein, das war ja gar nicht an. Es war eine ironische Performance, eine famose Farce, ein religiöses Ritual, ein dadaistischer Kult. Wenn wir endlich tot wären, schauten vielleicht auch wieder Leute zu, und applaudierten, wenn man unsere ausgemergelten Körper wie Abfall in die Armengräber schmiss.

Erst jetzt wurden wir richtig gut. Es war die ultimative Entfaltung. Kunst ist ja eigentlich Leere. Und Kunst ist auch Kälte. An einem Februarabend verbrannten wir bei minus vierzehn Grad sämtliche alten Texte in einer Tonne, um uns warmzuhalten. Die Erfrierungen an den Füßen schmerzten entsetzlich. Aber das Alleinsein war wunderschön. Gott wohnte in unseren Seelen und winkte achtsam aus den Fenstern, die unsere Augen waren.

Dann wurde es Frühling. Auf den Seen brach das Eis, schreiend kehrten die Gänse zurück, und wir entfernten Lage um Lage des Zeitungspapiers, mit dem wir unsere Kleidung unterfüttert hatten. Und wenige Monate später kamen, im Schlepptau sinkender Inzidenzwerte und steigender Temperaturen, auf einmal fremde Menschen zu uns.

Zunächst wussten wir gar nicht, wer diese Leute waren. Was wollten sie hier? Mit einer unverfrorenen Selbstverständlichkeit setzten sie sich vor uns hin und blickten uns mit großen Äuglein an. Unruhe machte sich in uns breit. Die Eindringlinge wirkten so erwartungsfroh, wie jene, die vorigen Sommer und vor allem vor Corona immer zu unseren Shows gekommen waren – wie nannten wir die gleich noch mal: Publikum? Genau, Publikum!

Vor Angst begannen wir, wie aus einem uralten Reflex heraus, zu lesen. Vielleicht würde sie das ablenken, und wir könnten unbemerkt fliehen. Sie klatschten. Eine lachte. Warum, was um Gottes Willen war denn bitte so lustig? Die lauten Geräusche schmerzten in unseren längst an konstruktive Stille gewöhnten Ohren. Das Adrenalin flutete unsere Nerven wie Eiswasser die Titanic. Zum Glück wird es bald wieder Herbst, dann ist der Spuk hoffentlich vorbei.

Die Aussprache

Harmonie soll herrschen allüberall .

Jetzt will ich aber doch mal etwas zu der ganzen Sache sagen. Denn es tut mir ja leid für den Nachbarn. Genau genommen ist er nur der Nachbar meiner Frau; ich könnte auf ihn und seine Gefühle also lässig scheißen, doch ich möchte keinen Missklang. Harmonie soll herrschen allüberall. So bin ich.

„Good to see you“, hat er schon wieder gesagt, oder „Great to see you“, oder was die immer so sagen in ihrem Englisch. Und ich stutze dann jedes Mal und lasse eine peinliche Schrecksekunde verstreichen, ehe ich ihm nachplappere, oder sogar variiere: „Äh … nice to see you.“ Weil ich ja weiß, dass die das so machen. Die meinen das ja nicht böse. Die meinen gar nichts. Die labern das halt so dahin. Das weiß man ja.

Aber wegen der Verzögerung denkt er bestimmt, ich fände es nicht gut, ihn zu sehen. Tue ich ja auch nicht und ihm geht es garantiert genau so. Nur so deutlich will ich ihm das gar nicht zeigen, das macht man ja nicht. Ich schalte bloß nicht schnell genug. Werde ich auf der Treppe überraschend auf Englisch angesprochen, brauche ich immer kurz, um mich zu sammeln und umzuschalten. Für meine Generation kann ich zwar ganz okay Englisch, denn in der Schule hat man auch damals schon brauchbare Basics mitbekommen, aber mehr als B2-Niveau ist das trotzdem nicht. Ich musste niemals länger als sechs Wochen im Stück Englisch reden, habe es nie beruflich gebraucht und auch nie auf Englisch geliebt. Die Verkehrssprache war eigentlich immer deutsch. Jetzt steh ich da mit meiner Gartenzwergmentalität.

Höchste Zeit also, das Missverständnis ein für alle Mal mit einem gewaltigen Befreiungsschlag zu klären. Es tue mir leid, sage ich, und zimmere mir ein paar komplizierte Gerundstrukturen zurecht. Englisch ist mir immer eher zu wenig Grammatik. Mehr wäre mir lieber. Die Grammatik ist nicht das Problem, der ausufernde Wortschatz ist es, soll heißen, ich weiß eben oft die Wörter nicht. Außerdem verstehe ich schlecht und ich kann auch schlecht sprechen, aber der Rest ist im Grunde perfekt. Es tue mir also leid, dass ich immer so komische Pausen machte, fahre ich fort. Das sei nicht böse gemeint, „no offense, Mister Neighbour.“ Mein Englisch sei einfach nicht so gut, und ich müsse immer kurz nachdenken, ehe ich antwortete.

„Alles okay“, sagt der Typ. Er lacht nun so ein bisschen embarasst und würde wohl gerne weg, doch ich muss das unbedingt bereinigen, jetzt oder nie. Kein Schlammkorn soll fürderhin das Bächlein unserer Beziehung trüben.

Es sei ja weniger die Sprache an sich, gebe ich des Weiteren zu bedenken, sondern die Mentalität dahinter: „Good to see you“ – sorry, aber das sei völliger Quatsch, das sage man so in Deutschland nicht. Kein Schwein, zumindest keines über 35 und bei Sinnen, käme auf die Idee. Niemand fände es gut, geschweige denn „großartig“ – an dieser Stelle spreize ich affig den kleinen Finger ab –, einem Fremden zu begegnen, und würde es daher gar nicht erst behaupten. Was sollte das um Gottes Willen bringen? Eben darin läge mein Dilemma, denn eine solche Lüge sei gegen meine Natur und meine Vorstellung von Ehrlichkeit. Deutsche dächten halt „du mich auch“ oder „hau ab“ – ihm zu Ehren übersetze ich das kongenial in „fuck you“ –, und sagten daher lieber gar nichts. Da ich jedoch höflich sein wollte, passte ich mich gerne seinen Gepflogenheiten an, bräuchte gerade dafür aber jene Atempause. Und es täte mir wirklich leid, ich hoffte aber, er verstünde nun.

„It was really good to see you.“ Auf seinem Weg runter nimmt er nun hörbar mehrere Stufen auf einmal. Doch gelernt hat er, fürchte ich, nichts.

Die Schweine

Sie sind einfach nur perfekte Maschinen eines kalten und unreflektierten Selbstzwecks.

Mit über vier Monaten Verzug ist jetzt doch noch ein Zettel über 225 Euro Abschleppkosten eingetroffen. Dabei hatten wir uns langsam schon Hoffnung gemacht, dass uns unerwartet Anstand, Kulanz und Augenmaß entgegengebracht würde. Doch natürlich kennen der Staat und seine Häscher keine Gnade. Diese Sachwalter der Destruktion haben kein Herz und vermögen nicht eigenständig zu denken. Sie sind einfach nur perfekte Maschinen eines kalten und unreflektierten Selbstzwecks; unerbittlich wie die Eule, die mit starrem Blick ihre Krallen in das Katzenjunge schlägt, das nachts vor der verschlossenen Türe maunzt. Dann ist es still. Drinnen in ihrem Bettchen wartet die kleine Lieselotte vergeblich aufs geliebte Kätzchen. Das kömmt nun nimmermehr. Tränennass das Kissen. Vor dem Eulenhorst liegt Gewölle. Haare, Knochen und das Halsband mit dem Silberglöckchen. Trauer und Verzweiflung. Aaskäfer. Polizei. Telefon. Man hat unser liebes, kleines Auto abgeschleppt.

Schuld ist natürlich das Team von PandemiX Film. Wie kann man denn bitte mitten im dicksten Januar-Lockdown mobile Halteverbotsschilder am Spreeufer aufstellen lassen? Nur um in dieser Zeit einen Film zu drehen, auf dem zum millionsten Mal – wie originell – die Oberbaumbrücke zu sehen ist. Dafür, dass verantwortungsvolle Menschen auf dem Peak der Pandemie nicht unnötig rausgehen und rumfahren, bestrafen die perfiden Schweine sie auch noch, indem sie ihnen unbemerkt die Karre abschleppen lassen. Wer macht so etwas, was sind das für Leute, das ist doch krank? Schon im Januar hätte ich es daher wissen müssen: Filmschaffende und Corona – das ist wie König Midas und sein Gold: bei aller Anziehungskraft kein so richtig glückliches Händchen.

Wie ich die Schweine hasse! Nacht für Nacht wälze ich mich seit jenem Tag im Januar stöhnend im stinkend heißen Sud meines ohnmächtigen Zorns und sinne auf Rache.

Ihr alle dort draußen könntet mir einen ganz großen persönlichen Gefallen tun: Seht den Film, der dort gedreht wurde, bitte niemals und unter gar keinen Umständen an! Und auch keinen anderen unter Beteiligung von PandemiX Film. Ich will, dass diese Produktion im gesamten Weltall nie wieder auch nur einen kleinen Zeh auf den Boden bringt. Ich habe mir ihre völlige Vernichtung zur alleinigen Lebensaufgabe gemacht, und an dem Tag, an dem dieser Saftladen endlich pleite geht, werde ich auf dem Bürgersteig vor dem Insolvenzgericht tanzen, singen und nackig mit Champagnerkorken knallen. Dazu lade ich euch alle ein, die komplette Weltbevölkerung, versprochen! Also bei jedem deutschen Film immer erst checken: Produktionsfirma? Ah, PandemiX Film. Bitte bloß nicht angucken, boykottiert die Schweine! Danke.

Jetzt, da die dritte Welle abzuflauen scheint, lasse ich die ersten beiden noch einmal Revue passieren. Bei der ersten war man noch so merkwürdig motiviert. Heute fragt man sich verwundert: motiviert, wozu, um Gottes Willen? Viele wirkten fast stolz, bei diesem neuen, großen Ding mit dabei sein zu dürfen: Mondlandung, 9/11, Pandemie. Alles war wie ein Spiel, wenn auch kein schönes. Masken und Desinfektionsmittel waren das Spielzeug. Die Regeln waren komisch. Man wusste nichts. Vielleicht wäre im Mai schon wieder alles überstanden, oder wir wären alle tot? Keine Ahnung. Das war schon spannend.

Bereits die zweite Welle war dann nur noch nervig. Corona im Winter ist eine Schnapsidee. Wer kommt denn auf so was? Da kann man ja gar nicht draußen sitzen. Dazu kommen Sorgen, Frust und Verdienstausfälle – die Schikanen der Filmfuzzis hätte es da nicht auch noch zusätzlich gebraucht.

Crazy Circe

Deshalb soll hier und heute das gute Buch gepriesen werden.

Die Kulturorte sind alle dicht wie Schauspieler am Ende der Premierenfeier. So bleibt uns Kulturhäschen in Pandemiezeiten meist nur Stillbeschäftigung. Die eine oder andere Veranstaltung kann man zwar noch streamen, aber das ist wie Saufen vor verschlossener Kneipe, allein, aus einer leeren Flasche. Deshalb soll hier und heute das gute Buch gepriesen werden, genossen auf dem guten Sofa zu einer guten Schnitte Brot mit guter Butter.

Doch beginnen wir mit dem Lieblingsbuch für Buchstabenmuffel: der Fernsehserie. Seit Beginn der Seuche habe ich so viele Serien gestreamt, dass ich mich hier auf meine absoluten Highlights beschränke. Da wäre zum einen „Killing Eve“ (Amazon STARZPLAY): Drei tolle Hauptprotagonistinnen aus drei Generationen, und ein grimmig gutgelaunter Parforceritt in bislang drei Staffeln mit teils cartoonesker Brutalität irgendwo im verminten Niemandsland zwischen Nordic Noir, Splatter und Quentin Tarantino. Saulustig ist auch die norwegische Wikingerparodie „Norsemen“ (Netflix; am besten in der englischsprachigen Version mit norwegischem Akzent!), die ihre eigenen Tabubrüche immer gleich selbst in einer für das Jahr 790 bizarr modernen Weise metaverhandelt – bester Beweis dafür, dass man auch daraus, was in Deutschland oft nur hilflos als „Zwang zur politischen Korrektheit“ beheult wird, skurrilsten Humor ohne reaktionäres Lamento zaubern kann.

Gleich vier lange Staffeln hat mein Überraschungssieger in der Kategorie „Ulis Coronaserien“, die genialisch bescheuerte Comedy „Crazy Ex-Girlfriend“ (Netflix). Überraschung deshalb, weil die Machart durchaus Sitcom und Musical streift – beides Genres, die ich gewöhnlich meide wie der Teufel das Weihwasser. Goethe liest ja auch keine Micky-Maus-Hefte. Doch die Erklärung ist einfach: Die Hauptakteurin Rachel Bloom ist die komischste Frau der Welt. Stopp, ich korrigiere – das grundlose Othering wirkt hier sonst so, als hätte mal wieder nur das arglistige Fatum eines opportunistischen Zeitgeists uns Grandseigneure der Brüllkomik zugunsten semitalentierter Gören undekoriert gelassen: Sie ist auf jeden Fall der komischste Mensch (m/w/d) der Welt. Das haben mir die 62 Folgen dieser auch feministischen, auch diversen, vor allem aber megawitzigen Serie mit dem Schaumstoffhammer eingeprügelt: Blam!

Doch es geht auch ohne teure Streamingdienste. Mein Favorit im Angebot der öffentlich-rechtlichen Mediatheken stammt ebenfalls aus Norwegen: die superoriginelle Serie „Beforeigners“ (ARD; dort leider nur synchronisiert). Eine weitere Empfehlung gilt der englischen Feelgood-Serie „Detectorists“ (Arte; OmU), herzerwärmend wie ein warmes Pint im Pub, und niedlich wie ein beim Bad in einer Müslischüssel am Bauch gekrabbeltes Igelbaby (Youtube).

Wem das alles noch nicht reicht, die kann sich auch die kubikmetergroße DVD-Box mit sämtlichen Staffeln von Edgar Reitz‘ „Heimat“ von 1984 bestellen. Die Serie ist gut gealtert, gerade in ihrer postmodernen, urlangsamen Carlos Reygadas-Erzählweise, womit man nun fast schon wieder bei den echten Büchern wäre, denn Lesen ist tatsächlich etwas anspruchsvoller. So kann man nicht mitten im Buch Bier aus der Küche holen oder aufs Klo bringen, während sich das Buch von alleine weiterliest. Blöd.

Dennoch habe ich auch viel gelesen. Manches ging bei einem Auge rein, beim anderen raus. Anderes blieb drinne. So kann ich mich aus der la main erinnern an Juan Moreno, Emilia Smechowski, Johannes Ehrmann (alle eher Sachbuch), Ocean Vuong, Stefanie Sargnagel, Dirk Stermann, Anke Stelling, Rafael Horzon, Paula Irmschler, Leo Tolstoi, David Niven, Ella Carina Werner und Leif Randt: Bei euch bedanke ich mich, dass ihr meine Tränen der Lockdownlangeweile getrocknet und mit der Brechstange eurer Worte meinen amöbenhaften Horizont erweitert habt – ihr seid schnafte Herzchen! Was Randts „Allegro Pastell“ betrifft, hoffe ich jedoch für ihn und mich, dass es sich bei seinen Charakteren, die seltsam steril wirken wie Androiden in einer Versuchsanordnung, die das echte Leben nur so fakt, auch wirklich um das von mir vermutete Stilmittel handelt.

Meine klare Nummer eins in Büchern ist ohnehin „Circe“ von Madeline Miller. Wie in „Crazy Ex-Girlfriend“ gibt es eine schräge Heldin. Und auch hier bin ich zwar zweifellos zu faul und zu doof, um zu beschreiben, worum es überhaupt geht, so plotwise, vor allem aber würde jeder technokratische Erklärungsansatz dem tieferen Grund meiner Begeisterung nicht gerecht; also recherchiert halt im fähigeren Feuilleton oder lest besser gleich den Roman.

Wer möchte, mag in meiner Auswahl den halbgebildeten Hang zum schlichten, aber niemals schnöden Wort erkennen. Und natürlich kann man auch Livestreams gucken. Stücke aus dem Maxim-Gorki-Theater zum Beispiel. Oder eine Show von Fil. Man kann es aber auch bleiben lassen, denn ohne Publikum wirkt dieser nach Rachel Bloom komischste Mensch der Welt ungewohnt lost. So als hätten ihn Entführer auf eine Bühne gezwungen, um ein Erpresservideo zu drehen – da fehlt nur noch das Schild um den Hals: „Seit 520 Tagen Gefangener des RKI“.

Dasselbe – und hier komme ich nun endlich zu mir – muss man erst recht über die Livestreams der Berliner Lesebühnen sagen, denn das Format ist ohne den Geruch von Bier und das Klirren der von ekstatisch schurrenden Füßen umgestoßenen Flaschen eigentlich nicht lebensfähig. Wir ziehen die Sache trotzdem durch wie der Volkssturm – die „Brauseboys“, die „Reformbühne Heim & Welt“ sowie „LSD – Liebe statt Drogen“ –, eben weil wir bockige alte Kleinkünstler sind. Es hat schon etwas Wahnhaftes, wir machen das im Grunde nur noch für uns selbst. Manchmal verfolgen gerade mal acht Leute unseren Stream, und in Wahrheit sind es sogar nur sieben, weil ich auf meinem Smartphone zur Kontrolle mitgucke. Doch das sage ich den Kollegen nicht, damit sie nicht noch trauriger werden. The show must go on – warum, weiß ich allerdings oft selbst nicht mehr.