Hinein zum ersten Mai

… und wartete zunehmend breiter auf die Dämmerung …

Den ersten Mai verbringen wir wie richtige Erwachsene. Während irgendwo längst die Frühaufsteher vom Gewerkschaftsbund labern, gibt es bei uns erst mal schön Frühstück. Salami aus der Wallachei, Käse aus Frankreich und Sechsminuteneier aus Biocompany. Anschließend ausgiebiges Studium der Rätselseite in der Wochenendzeitung, und später ein gemütlicher Spaziergang Richtung Neuköllner Kino. Irgendwo hinter uns im gähnend leeren Saal sitzt nur ein einzelner mutmaßlicher Wichser alleine in der allerletzten Reihe. Ist zwar absolut kein Wichsfilm, aber um drei Uhr nachmittags müssen die auch nehmen, was sie kriegen. Entspannt lehnen wir uns zurück. Bloß kein Stress.

Früher lief der Tag ja immer so ab: Zusammen mit anderen Arztsöhnchen und Architektinnentöchterlein aus Westdeutschland trank man aus Solidarität zur Arbeiterklasse Bier vom Späti, kiffte, und wartete zunehmend breiter auf die Dämmerung, in der die Lage endlich eskalierte. Dann ließ man sich von blutrünstigen Bullen durch Kreuzberger Seitenstraßen jagen, und wurde nicht selten grün und blau geknüppelt, wenn man Glück hatte. Hatte man Pech, wurde man rot geknüppelt und landete im Krankenhaus. In jedem Fall ein großes Vergnügen, das aber irgendwie schlecht alterte.

Nach dem Kino sind wir rechtschaffen hungrig. An einem Tag wie heute wollen wir uns eigentlich mal stilecht unters Volk mischen, nur leider ist vor dem Dönerladen in der Sonnenallee die Schlange viel zu lang. Zum Glück spielt Geld keine Rolle, wir sind ja schließlich erwachsen, und nur einen Block weiter ist noch genügend Platz vor einem netten Lokal: Asiatische Fusion mit einem starken chinesischen Einschlag, jedoch nicht so ein Achtzigerjahre-Dorfglutamatchinese, wo es nach dem Schweineschnitzel Süßsauer mit Pommes noch einen Ouzo aufs Haus gibt, sondern einer mit perfekten Dumplings. Dazu trinke ich ein schönes Glas Riesling. Irgendwo dahinten beginnt jetzt die „Revolutionäre 1. Mai Demonstration“, da bin ich früher auch mal mitgelatscht, das wurde mir dann aber schnell zu hektisch. Hier vor diesem Restaurant für Erwachsene ist es gerade richtig. Nur ein bisschen gucken. Dabei und doch nicht dabei. Erster Mai light. Beim Riesling an die alten Zeiten denken. Gott, war ich jung.

Mein persönliches Erster-Mai-Highlight war ja, als ich mal auf dem Oranienplatz im Dunkeln eher zufällig den völlig unbewachten, zentralen Stromverteiler fand, einfach nur einen Stecker aus der Kabeltrommel zog, und – bumm – gingen dem Kriegsberichterstatter Ulli Zelle, der gerade live für „Abendschau extra“ oder so vom Ort des Geschehens berichtete, aber auch wirklich sämtliche Lichter aus. Kichernd wie die kleinen Strolche machten wir uns vom Acker.

Da der Sender Freies Berlin damals nichts als der propagandistische Arm der – heute würde man das so nennen: stramm rechtspopulistischen – Westberliner CDU war, ging die Aktion locker als subversive Heldentat gegen den Faschismus durch. Bei unseren traditionellen Maiveteranentreffen gibt es seit dreißig Jahren stets ein großes Hallo, wenn ich mit der Abendschau-Story komme. Und zwar jedes Mal, weil zum einen unser Erinnerungsvermögen nicht mehr das beste ist, und zum anderen, weil ich den Ablauf immer neu ausschmücke: mal ist es ein werwolfartiger Ulli Zelle, der brüllend hinter mir her rennt, ehe er in eine von meinem Kumpel Dirk vorbereitete Falle mit Silberspießen plumpst, mal geraten wir in eine Verfolgung durch Polizeihubschrauber, bei deren atmosphärischer Schilderung Coppolas „Apocalypse Now“ eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Mit gebanntem Vergnügen lauschen die Maikameraden, während sie ihre Pfeifchen mit einer Mischung aus Vanilletabak und Pervitin schmauchen. Am Ende zeige ich allen noch die Stelle am Oberarm, wo ich vor Jahren mal einen bösen blauen Fleck von einem Schlagstock hatte.

Ja so war das. Die Dumplings mit Schweinefleisch und Garnelen sind übrigens besonders gut. Doch leider kommt beim Essen auf einmal eine Gruppe schlecht frisierter Halbwüchsiger und bleibt direkt neben unserem Tisch stehen. Das stört halt. Der etwa 40jährige Rädelsführer hat eine unfassbar lärmende, kleiderschrankgroße Box auf dem Rücken. Von Bluetooth-Minibox noch nix gehört, der Vogel? Er stellt sie ab und tanzt mit einem so gewollt weirden Blick um den Krachaltar, dass ich lachen muss, während ich ihn dabei filme.

Ich habe ja mittlerweile den Eindruck, Erwachsensein bedeutet heute, dass einem alles komplett wumpe ist, was nicht einen selbst oder die einem Nahestehenden betrifft. Man zeigt kulinarische Reife, schreibt offene Briefe, trägt als aktiver Teilnehmer am Straßenverkehr keine Kopfhörer, frühstückt Sechsminuteneier, geht brav aufs Klo, anstatt sich mal eben zwischen zwei parkenden Autos zu erleichtern, und geht früh zu Bett.

So, genug gesehen und die Atmosphäre geschnuppert. Zahlen bitte! Wird mir auch langsam eh zu laut hier. Durch brodelnde, vollgepackte Straßen flanieren wir heimwärts. Das ist durchaus auch mal ganz schön, ist man ja gar nicht mehr gewohnt. Allerdings reicht es dann auch wieder für die nächsten sechs, sieben Jahre, würde ich sagen.

Vor unserer Haustür verplempern junge Leute schnatternd ihre Getränke. Keine Ahnung, warum die so aufgeregt sind. 364 Tage im Jahr den Stock im Arsch, doch heute muss unbedingt was gehen. Wir schubsen sie beiseite. Das Sofa ruft. Erst die Tagesschau, und danach netflixen. Sollen sich die Kiddies doch die ganze Nacht lang besoffen in den Scherben wälzen. Aber, Kinder, ab zehn bitte nur noch Zimmerlautstärke. Sonst müssen wir leider sofort die Polizei rufen, und die haut euch. Dann wisst ihr endlich auch mal, wie das ist.