Hinein zum ersten Mai

… und wartete zunehmend breiter auf die Dämmerung …

Den ersten Mai verbringen wir wie richtige Erwachsene. Während irgendwo längst die Frühaufsteher vom Gewerkschaftsbund labern, gibt es bei uns erst mal schön Frühstück. Salami aus der Wallachei, Käse aus Frankreich und Sechsminuteneier aus Biocompany. Anschließend ausgiebiges Studium der Rätselseite in der Wochenendzeitung, und später ein gemütlicher Spaziergang Richtung Neuköllner Kino. Irgendwo hinter uns im gähnend leeren Saal sitzt nur ein einzelner mutmaßlicher Wichser alleine in der allerletzten Reihe. Ist zwar absolut kein Wichsfilm, aber um drei Uhr nachmittags müssen die auch nehmen, was sie kriegen. Entspannt lehnen wir uns zurück. Bloß kein Stress.

Früher lief der Tag ja immer so ab: Zusammen mit anderen Arztsöhnchen und Architektinnentöchterlein aus Westdeutschland trank man aus Solidarität zur Arbeiterklasse Bier vom Späti, kiffte, und wartete zunehmend breiter auf die Dämmerung, in der die Lage endlich eskalierte. Dann ließ man sich von blutrünstigen Bullen durch Kreuzberger Seitenstraßen jagen, und wurde nicht selten grün und blau geknüppelt, wenn man Glück hatte. Hatte man Pech, wurde man rot geknüppelt und landete im Krankenhaus. In jedem Fall ein großes Vergnügen, das aber irgendwie schlecht alterte.

Nach dem Kino sind wir rechtschaffen hungrig. An einem Tag wie heute wollen wir uns eigentlich mal stilecht unters Volk mischen, nur leider ist vor dem Dönerladen in der Sonnenallee die Schlange viel zu lang. Zum Glück spielt Geld keine Rolle, wir sind ja schließlich erwachsen, und nur einen Block weiter ist noch genügend Platz vor einem netten Lokal: Asiatische Fusion mit einem starken chinesischen Einschlag, jedoch nicht so ein Achtzigerjahre-Dorfglutamatchinese, wo es nach dem Schweineschnitzel Süßsauer mit Pommes noch einen Ouzo aufs Haus gibt, sondern einer mit perfekten Dumplings. Dazu trinke ich ein schönes Glas Riesling. Irgendwo dahinten beginnt jetzt die „Revolutionäre 1. Mai Demonstration“, da bin ich früher auch mal mitgelatscht, das wurde mir dann aber schnell zu hektisch. Hier vor diesem Restaurant für Erwachsene ist es gerade richtig. Nur ein bisschen gucken. Dabei und doch nicht dabei. Erster Mai light. Beim Riesling an die alten Zeiten denken. Gott, war ich jung.

Mein persönliches Erster-Mai-Highlight war ja, als ich mal auf dem Oranienplatz im Dunkeln eher zufällig den völlig unbewachten, zentralen Stromverteiler fand, einfach nur einen Stecker aus der Kabeltrommel zog, und – bumm – gingen dem Kriegsberichterstatter Ulli Zelle, der gerade live für „Abendschau extra“ oder so vom Ort des Geschehens berichtete, aber auch wirklich sämtliche Lichter aus. Kichernd wie die kleinen Strolche machten wir uns vom Acker.

Da der Sender Freies Berlin damals nichts als der propagandistische Arm der – heute würde man das so nennen: stramm rechtspopulistischen – Westberliner CDU war, ging die Aktion locker als subversive Heldentat gegen den Faschismus durch. Bei unseren traditionellen Maiveteranentreffen gibt es seit dreißig Jahren stets ein großes Hallo, wenn ich mit der Abendschau-Story komme. Und zwar jedes Mal, weil zum einen unser Erinnerungsvermögen nicht mehr das beste ist, und zum anderen, weil ich den Ablauf immer neu ausschmücke: mal ist es ein werwolfartiger Ulli Zelle, der brüllend hinter mir her rennt, ehe er in eine von meinem Kumpel Dirk vorbereitete Falle mit Silberspießen plumpst, mal geraten wir in eine Verfolgung durch Polizeihubschrauber, bei deren atmosphärischer Schilderung Coppolas „Apocalypse Now“ eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Mit gebanntem Vergnügen lauschen die Maikameraden, während sie ihre Pfeifchen mit einer Mischung aus Vanilletabak und Pervitin schmauchen. Am Ende zeige ich allen noch die Stelle am Oberarm, wo ich vor Jahren mal einen bösen blauen Fleck von einem Schlagstock hatte.

Ja so war das. Die Dumplings mit Schweinefleisch und Garnelen sind übrigens besonders gut. Doch leider kommt beim Essen auf einmal eine Gruppe schlecht frisierter Halbwüchsiger und bleibt direkt neben unserem Tisch stehen. Das stört halt. Der etwa 40jährige Rädelsführer hat eine unfassbar lärmende, kleiderschrankgroße Box auf dem Rücken. Von Bluetooth-Minibox noch nix gehört, der Vogel? Er stellt sie ab und tanzt mit einem so gewollt weirden Blick um den Krachaltar, dass ich lachen muss, während ich ihn dabei filme.

Ich habe ja mittlerweile den Eindruck, Erwachsensein bedeutet heute, dass einem alles komplett wumpe ist, was nicht einen selbst oder die einem Nahestehenden betrifft. Man zeigt kulinarische Reife, schreibt offene Briefe, trägt als aktiver Teilnehmer am Straßenverkehr keine Kopfhörer, frühstückt Sechsminuteneier, geht brav aufs Klo, anstatt sich mal eben zwischen zwei parkenden Autos zu erleichtern, und geht früh zu Bett.

So, genug gesehen und die Atmosphäre geschnuppert. Zahlen bitte! Wird mir auch langsam eh zu laut hier. Durch brodelnde, vollgepackte Straßen flanieren wir heimwärts. Das ist durchaus auch mal ganz schön, ist man ja gar nicht mehr gewohnt. Allerdings reicht es dann auch wieder für die nächsten sechs, sieben Jahre, würde ich sagen.

Vor unserer Haustür verplempern junge Leute schnatternd ihre Getränke. Keine Ahnung, warum die so aufgeregt sind. 364 Tage im Jahr den Stock im Arsch, doch heute muss unbedingt was gehen. Wir schubsen sie beiseite. Das Sofa ruft. Erst die Tagesschau, und danach netflixen. Sollen sich die Kiddies doch die ganze Nacht lang besoffen in den Scherben wälzen. Aber, Kinder, ab zehn bitte nur noch Zimmerlautstärke. Sonst müssen wir leider sofort die Polizei rufen, und die haut euch. Dann wisst ihr endlich auch mal, wie das ist.

Vom Saulus zum Xaulus

„Ein zentraler Punkt meines Charakters ist die Suche nach Wahrheit.“

Ein überraschendes Youtube-Filmchen des Schwurbelbarden Xavier Naidoo macht jüngst die Runde. Von seiner Frau aus der Ukraine mit dem Herrschaftswissen um einen schrecklichen Krieg versehen, der dort toben soll, will er auf einmal erkannt haben, „auf welchen Irrwegen ich mich teilweise befunden habe.“

Er sehe nun einen Grund, sich kritisch zu hinterfragen: „Ich war von Verschwörungserzählungen geblendet.“ Die Themen Covid-19 und jüdische Weltverschwörung spricht er nicht direkt an. Der Phantomschmerz des Irrglaubensverlusts tut sicher weh und, wer weiß, ob man am Ende nicht doch noch etwas von dem Mumpitz gebrauchen kann? Aber eines möchte er auf seinem braunen Ledersofa klarstellen: „Ein zentraler Punkt meines Charakters ist die Suche nach Wahrheit.“

Das ist gut. Denn wo bisher einseitige Informationsbeschaffung zu Fehlurteilen führte, verspricht Naidoo, den Dingen in Zukunft besser auf den Grund zu gehen. Dazu gehört gewiss auch eine ausgewogenere Recherche der Details: Wie sehen die Keller aus, in denen man die Adrenochrom-Kinder gefangen hält, von wie vielen Reptiloiden, Schwarzelfen oder „Halbwesen“ (nach Sibylle Lewitscharoff) werden sie bewacht und wie sind die Apparaturen konstruiert, mit denen die jüdischen Bankiers aus dem Kinderblut das wertvolle Adrenochrom extrahieren, um sich selbst damit zur Unsterblichkeit zu spritzen? Eine Unsterblichkeit auf Pump jedoch, denn die Wirksamkeit verlangt nach permanenter Auffrischung, wie man es ja auch von der Mogelpackung Corona-Impfung kennt. Und so hängen diese Junkies des Bösen für immer an der Nadel und gieren nach dem ständigen Nachschub unschuldiger Kinder.

Das sind doch völlig neue Einsichten, die noch dazu Hoffnungen wecken: Wenn ein Xavier Naidoo hier wider alle Erwartung in sich geht, wird man einen ähnlichen Sinneswandel bald auch bei Ken Jebsen oder Donald Trump erleben dürfen? Wird nach dem Vorbild seiner Freunde sich daraufhin gar ein Wladimir Putin neue Informationsquellen erschließen, Irrtümer einsehen, schiefe Geschichtsbilder geraderücken und das Morden einstellen? Dann hätte Naidoos Leiden am Ende doch noch einen Sinn gehabt.

Wir sehen Putin allein an seinem langen Tisch wie er einen Beitrag auf dem Laptop einspricht – er ist schon bei den letzten Sätzen angekommen: „Ich stehe für Toleranz, Vielfalt und ein friedliches Miteinander. Mit manchen meiner Äußerungen und Verhaltensweisen habe ich Menschen vor den Kopf gestoßen und verletzt, was ich sehr bedauere. Hiermit entschuldige ich mich und bitte euch um Verzeihung.“

Mit einem zerknirschten Lächeln schließt er Youtube, und öffnet die Seite www.bahn.ru, um ein Zugticket nach Den Haag (Minsk umsteigen) zu lösen, denn innerhalb Europas zu fliegen, muss nun wirklich nicht sein, dem Klima zuliebe. Hoffen wir für ihn und uns, dass die Bezahlung über das PayPal-Konto seiner Tochter funktioniert.

Making of: K2

Sie ist aber auch ein Prunkstück.

Auf dem Bürgersteig vor der Eisdiele in der Falckensteinstraße prangt ausladend eine frische Kotzlache. Der prachtvoll schillernde Reihersee ist das geradezu archetypische Ideal einer Kotzlache, so dass ich nicht umhin komme, mein Handy zu zücken und die schöne Bescherung abzulichten. Von der anderen Straßenseite beobachtet mich dabei ein jüngerer Typ mit skeptischer Miene. Was hat der denn eigentlich für‘n Problem? Dieser verschissene Sauertopf. Noch ist das hier ein freies Land.

Extra gründlich fotografiere ich die Kotzlache daraufhin aus noch zwei weiteren Perspektiven, und mit verschiedenen Zoom-Einstellungen. Sie ist aber auch ein Prunkstück mit ihren intarsienartig eingestreuten, hübschen, bunten Bröckchen. Im Grunde ist sie das ästhetische Äquivalent zu so einer bilderbuch- oder besser comicartig perfekt gezwirbelten Kackwurst im Look eines frischen Softeises oder Zwiebeltürmchens einer bayerischen Kirche, wie man sie in seinem Leben nur ganz selten hinbekommt, und – die meisten reden zwar merkwürdigerweise nicht offen darüber – dann natürlich ebenfalls fotografiert. Das ist ein Muss, auch wenn man hinterher manchmal nicht auf Anhieb weiß, wohin nun mit dem Bild: soziale Medien, ein gerahmter Papierabzug auf dem Nachtkästchen oder doch lieber in Mutters mithilfe von Rossmanns Calendar-Software liebevoll selbstgebastelten Fotoweihnachtskalender?

Der Gedanke an Weihnachten lässt in meinem Herz die Sonne aufgehen. Plätzchen, Bratäpfel und Schokoladenosterhasen. Dann die Rute. Mein Glück wäre in diesem Moment vollkommen, wäre da nicht die lange Fresse dieses Spielverderbers. Wahrscheinlich denkt er gerade so was ähnliches wie: Wir haben Krieg, und diese Hohlmeise fotografiert hier ne Kotzlache.

Aber das wäre ja einfach nur superpeinlich. Denn was hat bitteschön das eine mit dem anderen zu tun? Allein im Interesse seiner geistigen, seelischen und charakterlichen Gesundheit kann ich nur inständig hoffen, dass er das nicht denkt. Das wäre ja sonst Whataboutism dritten Grades in Tateinheit mit Critical Vomit Anxiety, ein absolutes No-go. Blackfacing ist fast pc dagegen.

Denn schließlich mache ich hier Kunst. Will er die etwa verbieten? Oder noch schlimmer: hinterher verbrennen, und mich gleich dazu? Die Kunst ist frei. Sie kennt keinen Krieg. Sie kennt auch keinen Frieden. Kunst ist im besten Fall dumm, grob und unbestechlich. Also genaugenommen wie ein Türsteher. Kunst ist ja letztlich auch ein Türsteher am Eingang zum Club der toten Dichter, lebenden Maler und untoten Videoperformanceknilche.

Meine Kotzlache ist ein schreiendes Stillleben, das die bürgerlichen Kunstkonsumenten aus ihrer Komfortzone reißen wird. Schwanensee und Sektchen in der Pause: Das ist für euch Kunst, hm? Aber nicht mit mir. Und ihr habt noch Glück: In der französischen Revolution hätte man euch für diese dekadente Einstellung den Kopf abgeschlagen. Bei mir müsst ihr euch nur das Bild eines Kotzetümpels ansehen und den sich daraus ergebenden, unangenehmen Fragen stellen: Hier ging es einem Menschen allem Anschein nach gewaltig schlecht. Und euch geht es im Vergleich sehr gut. Ihr habt ganz offensichtlich Besseres gegessen und getrunken. Ihr könnt euch das leisten. Woher stammen eigentlich eure Privilegien, und wodurch, glaubt ihr, wären die gerechtfertigt?

So, fertig abgelichtet. Jetzt brauche ich nur noch einen Titel. „Foodporn revisited“ gefällt mir. Aber vielleicht ist das auch schon zu wertend. Schließlich muss die Message vom Kunstwerk selbst kommen, und nicht von dessen Schöpfer. Also entscheide ich mich für ein schlichtes „K 2“.

Ein kleiner Hausmeister

Ein Nachkomme Turnvater Jahns in der Hasenheide.

Ich hopple friedlich schnaufend durch den Volkspark, als sich Unheil nähert. Ich spüre es schon von weitem, ehe ich irgendetwas höre oder sehe. Es ist wie ein Schatten, der unversehens mein Gemüt umwölkt, ein innerer Eichelhäher, der im Dickicht meiner Gedanken warnend schreit – selbst der moderne Mensch scheint sich da den Rest eines Urinstinkts erhalten zu haben.

Und schon ist er fast neben mir, Typus Altlinker, lange graue Haare und anachronistische Jeansjacke auf einem Lastenfahrrad, und zischt mich von schräg hinten an: „Kss, kss! Heimlich wird hier der Faschismus wieder eingeführt. Unaufhaltsam …“

Aha, Grüße aus Schwurbelhausen. Aber warum gerade ich? Was habe ich getan? Und soll ich missioniert werden oder sieht er in mir eher einen Gleichgesinnten, weil ich hier meinen Körper durch Bewegung an der frischen Luft stähle? Ein Nachkomme Turnvater Jahns in der Hasenheide, ein rot-grün-brauner Fitnesshybrid zwischen Nationalismus, Freiheitskampf und autark errungener Immunität. Denn eine häufige Legende der Impfgegner besagt ja, dass man Viren jeder Art am besten durch Sport, Wechselbäder oder Essen eines Apfels abwehrt. So wird man niemals krank, und wenn doch, dann ist es sogar umso besser, denn je schwerer man erkrankt, desto weniger erkrankt man dann in Zukunft. Das gilt vor allem für die Toten.

„Danke“, schnaufe ich mühsam im Laufen, „aber das interessiert mich nicht. Geh weg!“

Ich will mit ihm nicht über Diktaturen diskutieren. Sollte er diesbezüglich Fragen haben, kann er gerne nach Russland gucken. Aber bestimmt vergebliche Liebesmüh: Was ich bei mir persönlich bekannten „Querdenkern“ zunächst für eine wie auch immer verirrte, aber dennoch selbst zusammengestellte und in Resten sogar originär linke, weil obrigkeitskritische bis anarchische Position zur Pandemie hielt, fehlt am Ende nämlich jede Individualität. Denn nun wird zusammenhanglos das im Wahnpaket Classic standardmäßig ebenfalls enthaltene Element „Team Putin“ übernommen. Also kein bis zur gesellschaftlichen Selbstzerstörung ausgereizter Liberalitätsbegriff, sondern nur nachblökende Wachschafe. Enttäuschend.

Unbeirrt fährt er neben mir her. „Du bist doch dieser Schreiberling von Neukölln.“

Oh, nein. Das ist wirklich die denkbar dümmste Kombi: erfolglos zu sein, und trotzdem erkannt zu werden. Denn entweder bist du so prominent, dass du auf der Straße von Leuten erschossen wirst, nur weil die scharf auf einen eigenen Wikipedia-Eintrag sind, doch dafür stimmt immerhin das Schmerzensgeld. Oder es stimmt nicht, aber man fliegt wenigstens unbehelligt unter dem Radar der Feinde durch. Doch das hier ist echt lose-lose. Dazu noch der miese Ausdruck „Schreiberling“. Zwar gibt es nach wie vor auch anständige Menschen, die tatsächlich nicht wissen, dass das ein herabsetzender Begriff ist, den besonders gern die Nazis verwendet haben. Der hier aber meint das hörbar genau so.

„Das haben die damals auch gesagt: ‚interessiert mich nicht‘“, knarzt er mich weiter von der Seite an. „‚ich bin ja nur ein kleiner Hausmeister‘, haben sie gesagt, ‚ich hab ja nichts damit zu tun …‘“

„Verpiss dich!“ Das Niveau meiner Gegenrede schlägt leider ziemlich schnell am Boden auf. Aber ich werde halt sauer, weil ich laufe hier ja privat durch den Wald und steh nicht als Teil einer Gegendemo diskutierend am Rand eines dieser „Spaziergänge“. Ich käme ja auch im Leben nicht auf die Idee, irgendwelchen wildfremden Leuten in ihrer Freizeit hinterher zu dackeln und sie überfallartig anzuraunen: „Kss, kss, die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Krankheit des Anderen beginnt“, oder, „kss, kss, dreifach Geimpfte sind besser gegen schwere Krankheitsverläufe geschützt.“ Das mache ich ja auch nicht. Wer nach zwei Jahren noch immer Kram denken möchte, denkt eben Kram. Was soll ich da groß hinterherzischeln? Mit „Heil Hildmann“, entweicht mir am Ende dennoch ein übler Verbalfurz.

„Hildmann?“ Er stutzt. „Nee, Merkel.“ Und verbessert sich: „Ach nee, die ist ja auch nicht mehr …“ Wir haben es beide nicht leicht in dieser schnelllebigen Zeit.

Die Besucher

Der Krieg hat sogar mich überrascht.

Viele holen ja ihre geflüchteten Ukrainer selbst am Berliner Hauptbahnhof ab. Mich erinnert das zu sehr an den Schüleraustausch in Frankreich, als man bei der Ankunft schon durchs Fenster des Reisebusses die wartenden Gastfamilien sah. Dann dachte man sich, „die sehen ja nett aus“, oder „oh Gott, bitte nicht zu denen“, bevor man random an irgendwelche Dumonts oder Duvaliers verteilt wurde. Auch im Tierheim kennt man das Prozedere auf beiden Seiten der Gitterstäbe.

Deshalb biete ich meine Unterkunft online an. Das halte ich für bequemer und auch menschenwürdiger. Bequemer vor allem für mich, mit der Menschenwürde als wohlfeiles Gimmick. Das ist Hilfe light; so sieht es eben aus, wenn die Kacke derart am Dampfen ist, dass auch wir Trägen und Verzagten, wir Angsthasen und Arschlöcher mitanpacken müssen.

Ich registriere mich auf der Vermittlungsplattform host4ukraine, und sofort meldet sich auf Englisch ein junger Mann, der Mutter, Großmutter und kleinen Bruder untergebracht wissen will. Die Anbahnung verläuft erratisch. Wiederholt wird die Ankunft verschoben, und als er mir einen Einzugstermin am kommenden Nachmittag bestätigen soll, reißt die Kommunikation endgültig ab. Ein Missverständnis?

Ich will schon die nächste Kandidatin auf der Liste anschreiben, da stehen auf einmal sechs Leute vor meiner Tür. Sechs statt drei, ach du Scheiße! Als ich gegen große innere Widerstände doch noch öffne, löst sich zum Glück das Rätsel: Mitgekommen sind der große Bruder, der mich angeschrieben hatte, sowie zwei ältere, in Berlin wohnende Verwandte. Sie stellen hier auf deutsch die Fragen, sie übersetzen, mäkeln nebenher ein bisschen herum, es ist ihnen zu schmutzig. Ich hatte aber nicht viel Zeit; kaum zu glauben, doch der Krieg hat sogar mich überrascht.

Bei mir einziehen sollen dann wie angekündigt nur eine Babuschka, die Mutter sowie der kleine Bruder. Sie sprechen weder Deutsch noch Englisch, wirken nett und schüchtern. Oder eher verschüchtert, was weniger toll ist, weil genau das der Krieg aus selbstbewussten Menschen gemacht hat: erschöpfte, gedemütigte Bittsteller bei irgendeinem bescheuerten Fremden in irgendeinem bescheuerten fremden Land.

Die Verwandten sind mir weniger sympathisch. Dennoch verstehe ich sie. Argwohn ist gut, Misstrauen ist besser. Irgendwer muss hier schließlich im Namen der Hilfesuchenden tough verhandeln und den Wohnungsgeber abchecken. Sie werden ja nicht hier wohnen und wollen auch nicht meine Freunde werden, was ihnen auf jeden Fall perfekt gelingt.

Da geht es zum Beispiel um den Nachbarn, den ich als Hilfe für Notfälle aller Art anpreise. „Das ist aber ein Deutscher?“, fragt die Verwandte, „und ein Mann?“ Ja, ist er. Na und? Oder auch nicht „na und“. Denn langsam dämmert mir, wie rundum unsicher eine Situation wie diese für die geflüchteten Frauen ist. Nicht umsonst patrouillieren am Hauptbahnhof Zivilbeamte, um die dort lauernden Fledderer im Zaum zu halten. Und wo ich von mir stets das Bild eines blütenweißen, freundlich-flauschigen Riesenkaninchens im Kopf habe, sehen sie eben nur einen etwas schmierigen, mittelalten Fremden, der leicht angespannt inmitten seiner schmutzigen Wohnung steht. Dazu kommt noch meine zweifelhafte Legende. Denn ich habe zwar behauptet, ich würde nun mit in der Wohnung meiner Frau wohnen, und könne deshalb meine eigene zur Verfügung stellen, aber ich kann natürlich viel erzählen, wenn der Krieg lang ist. Selbst wenn das stimmen sollte, wird es davon nur noch seltsamer. Nicht mal Selenskyj hat zwei Wohnungen. Und warum wohnt ein Mann nicht bei seiner Frau? Was ist denn das wieder für ein westliches Spinnerkonzept?

Daher entscheide ich mich, auf der Übersetzungs-App beim Sie zu bleiben. Auf der Flucht ist ja nicht beim Friseur. Immer schön vorsichtig. Dazu erleichtern zwei getrennte Wohnungen die schwierige Balance zwischen Hilfe und Privatsphäre. Vor allem mir, denn mit anderen Menschen habe ich es prinzipiell nicht so.

Aber genau deshalb bin ich auch ein wenig überfordert. Ich habe ihnen keinen Tee angeboten. Nicht nach den Namen von Großmutter und Enkel gefragt, und beide kaum beachtet. Die Leute nicht gefragt, aus welcher Stadt sie kommen, wie die „Reise“ war, ob sie müde sind, was mit dem Ehemann und Vater ist. Mir selbst beim Ich-Sein zuzusehen, ist einmal mehr ernüchternd. Andererseits gibt es auch einfach zu viele praktische Dinge zu besprechen, und in der kleinen Wohnung ist ohnehin kein Platz, wo sieben Leute in Ruhe Tee trinken können.

Und letztlich denke ich mir, dass zwar viele Gastgeber angenehmer sein mögen als ich, dafür andere aber auch noch schlimmer: Die Pässe oder Impfnachweise kontrollieren, scannen und kopieren, bevor sie auf die Mülltrennung hinweisen. Und dann sollen die Gäste ihnen noch haarklein schildern, wie ihr ganzes Leben von heute auf morgen zu einem kleinen Haufen Scheiße zusammengefallen ist. Zu viel Anteilnahme kann auch nerven.

Das wird mir jedenfalls nicht unterlaufen. Und was bringt es mir, zu wissen, ob und wie und warum sie nicht geimpft sind, denn was dann? Soll ich sie dann nicht aufnehmen? Ich bin geimpft – das muss fürs erste reichen.

Erstaunlich überhaupt, wie schnell die eine Notlage hinter der anderen verschwindet. Kein gutes Zeichen auch für den Klimawandel, der ja blöderweise jetzt nicht irgendwie pausiert. Für mich ist nun jedenfalls erst mal Krieg, noch dazu da meine eigene Erkrankung in etwa das Kaliber der Impfreaktion nach meinem ersten Schuss Astra Zeneca hat. Ich weiß, dass das einfach nur Glück ist, aber schon zuvor tagte in meinem Kopf teilweise eine Talkshowrunde, in der zwei strenge Spitzenvirologen, ein Kulturveranstalter und ein rechtsradikaler Schokoladenkeksfabrikant einander mit Argumenten beschmissen wie Kinder an der Ostsee mit Quallen. Die Talkshow ist vorbei. Stattdessen läuft nun ein „Brennpunkt“ nach dem anderen, dazwischen Trauermusik.