Birdwatching im Tiergarten

Der Habicht. Im Walde unerkannt.

Dass der Weg zu meiner Knochenbegradigerin durch den Tiergarten führt, möchte ich nutzen, um nach einem imposanten Tier Ausschau zu halten, das hier angeblich zuhause ist: dem Habicht.

Was mein Interesse für Tiere betrifft, verfüge ich über die Mentalität eines Fünfjährigen. Löwe, Tiger, Elefant sind hui, Zwergnasensimbal oder Freimaurerkröte sind pfui. Laaaangweilig! Zu unscheinbar, zu unspektakulär. Ich habe sogar mal eine empörte Abrechnung über die vielen unwichtigen, kleinen Tiere im Tierpark Friedrichsfelde geschrieben, in dem mehrmals die Worte „Betrug“, „Scheintiere“ und „Augenwischerei“ vorkamen, glaube ich.

Ganz ähnlich urteile ich über die heimische Tierwelt. Wolf wow, Eichhorn ciao! Und dass hier quasi als Bonus ein cooles Tier wie der Habicht ein uncooles wie die Stadttaube auch noch regelmäßig verputzt, macht es für mich doppelt aufregend. Ich kann Tauben nämlich nicht leiden. Ein anderer Text, in dem ich deshalb die Stadttaube sinngemäß ein Arschloch schalt, bescherte mir vollkommen zu Recht Todeswünsche von tierliebenden Leserinnen. Doch ich will jetzt gar nicht weiter über alte Artikel labern, denn hier kommt endlich ein neuer.

An einer menschenleeren Stelle steige ich vom Rad und starre angestrengt in die Baumkronen. Laut NABU „erkennt man einen Habicht daran, dass man ihn nicht sieht.“ Guter Tipp. Ich muss allerdings sagen, dass ich ihn leider trotzdem nicht erkenne. Woran mag das liegen?

Außerdem müsste ich ihn erst noch von anderen Spezies unterscheiden können, denn ich kenne im Grunde nur vier Greifvögel. Zunächst, als häufigsten, den Bussard, den Spatz unter den Greifvögeln, mit dem kann man sich hierzulande fast schon totschmeißen, plump im Ansitz und im Flugbild, wie ein geflügelter Mops.

Dann den Milan. Flugbild wie ein M, M wie Milan. Ich betone Milan konsequent wie den Vornamen, also auf der ersten Silbe, um die Menschen in falscher Überlegenheit zu wiegen. Erst verschafft es ihnen ein gutes Gefühl, wenn sie mich verbessern, und später beschäme ich sie mit meiner Intelligenz und Bildung, weil sie mich sträflich unterschätzt haben.

Des Weiteren gibt es noch den kleinen Turmfalken, und den vierten weiß ich schon nicht mehr. Also kenne ich eigentlich nur drei. Plus den Habicht. Der hat wohl etwas längere Beine; ich meine, in der Hasenheide hätte ich mal einen gesehen.

Drei junge Männer kommen nun lachend und schreiend auf E-Rollern um die Ecke geschossen und purzeln dabei beinah auf den Parkweg. „Schwachköpfe“, brummle ich reflexhaft, obwohl die Jungs hier niemanden stören oder gefährden, sondern schlicht Spaß haben. Aber das reicht mir schon, dass sie Spaß haben, und ich nicht. In dem Alter bin ich jetzt anscheinend, und es ist keine Angewohnheit, die ich an mir mag. Ganz im Gegenteil, ist noch unangenehmer wohl nur meine zwanghafte Unart, Schwangere anzustarren, vor allem im Schwimmbad. Aber das sieht eben auch einfach zu krass aus: Wie soll das gehen, das ist doch nicht normal?

Ich nenne das übellaunige Gebrumm „Hausmeister-Tourette“, nach dem typischen Hausmeister meiner Kindheit, vor dem wir alle Angst hatten. Stets mit grimmigem Gesicht, einem erkalteten Billigzigarrenstummel à la Kater Karlo im Mundwinkel, in einer Art fleckigem blauen Ganzkörperstrampelanzug und oft noch mit Holzbein – war ja praktisch kurz nach dem Krieg – alternativ nur mit einem Arm und statt dem notorischen Enterhaken dann halt eine Rohrzange oder so was in der Richtung.

Aber immerhin vergrämen die Buben ja den Habicht, da darf man vielleicht schon mal kurz grummeln. Oder etwa nicht?

Boremiens

Es ist ein heißer Spätsommertag in Berlin. Wir sitzen vorm Rocco, das einen günstigen Mittagstisch anbietet, heute unter anderem kalte Gurkensuppe, super, klingt gut, aber die bestell ich nicht, weil so gut klingt es dann nun auch wieder nicht.

„Ich versteh nicht, warum sie diese Hitze nicht für den Winter speichern“, sage ich. „Das kann ja wohl nicht so schwer sein.“ Mit „sie“ meine ich natürlich die Verantwortlichen in Forschung und Wissenschaft. Die haben das schließlich gelernt, die werden dafür bezahlt, dafür drück ich jede Menge Steuern ab: Alkohol-, Tabak-, Mehrwertsteuer. Ich selbst muss mir keine Lösungen ausdenken, das ist ja nicht mein Job, ich bin nur Chronist.

„Ein Tag wie heute, und du könntest im Winter wahrscheinlich eine ganze Woche damit heizen“, stimmt meine Frau zu.

Ich denke zwar nicht, dass Zeitabschnitte an sich beheizbar sind, aber ich verstehe, was sie meint. „Wenn diese Wissenschaftler nicht den ganzen Tag lang faul im Bett rumliegen würden,“ äußere ich einen Verdacht, „hätten die schon längst was entsprechendes erfunden“, und meine Frau nickt empört. „Ich frag mich sowieso, was mit denen überhaupt los ist. Warum da aber mal so gar nichts kommt. Drogenprobleme? Lebenskrisen? Depressionen?“, rätsle ich. „Die müssten halt mal professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Klar, kostet das anfangs Überwindung, aber dazu ist die Sache einfach zu wichtig. Weil jetzt ist es viel zu heiß, und im Winter dann viel zu kalt. Da muss man doch was machen.“

„Es ist so schlimm“, sagt meine Frau. „Ich hab neulich da drüben bei der Wasserpumpe, noch in Sichtweite von Roccos Außentischen, so einen Wissenschaftler gesehen.“ Mitleid, aber auch ein wenig Ekel verschattet ihre schönen und klugen Züge. „Der hatte nur so eine dreckstarrende Jogginghose an, die er mit beiden Händen festhalten musste, keine Schuhe, kein Hemd, keine Unterhose, nix. Und dann lässt er da plötzlich mitten zwischen den spielenden Kindern und allem die Hose runter und kackt da einfach auf den Platz.“

Sie schüttelt sich. „Ich glaube jedenfalls, dass es ein Wissenschaftler war“, fügt sie hinzu. Dass sie die eigene Position nie als absolut ansieht, sondern wiederholt auf ihre fortgesetzte Gültigkeit abklopft, hatte sie bereits in Diskussionen um Covid-19 den selbstgerechten Schreihälsen beider Seiten weit voraus. Und wie stets bekommen wir auch eine stichhaltige Begründung dazu geliefert: „Weil hinterher hat der so in seinem Kot rumgestochert, als ob er ihn untersucht. Aber was weiß ich schon …“

Es sind vor allem blitzgescheite Gespräche dieser Art, deretwegen wir geheiratet haben. Manche werden hier einwenden, dass man dazu ja gar nicht unbedingt heiraten müsse. Da haben sie recht. Wir haben es trotzdem getan, weil es uns ein diebisches Vergnügen bereitet, die Einwände und Erwartungen der Spießer zu unterlaufen. Nicht nur in dem Punkt sind wir echte Bohemiens. Und was für welche: Wir sind die wohl langweiligsten und grauesten Bohemiens der Welt, so grau, dass wir schon wieder schillern, in unendlich vielen Graustufen natürlich. Die zelebrierte Konvention ist unsere ganz eigene Form des Eskapismus. Jeden Tag um 20 Uhr sehen wir die Tagesschau. Danach ein Grießbrei mit Zimt, und dann ist Schlafenszeit.

Wir sind auf eine völlig neue Weise hip, die darin besteht, möglichst zuhause zu bleiben und keinerlei spontane, ungewohnte oder gar gewagte Dinge zu unternehmen. Extravaganz durch Unauffälligkeit – das betrifft auch unser Erscheinungsbild – ist ein neuer Style, den wir exklusiv kreiert haben. Wir haben den Boremien erschaffen.

Volksdöner

Putin, du Drecksau, das wirst du büßen.

Es fällt mir schon auf, wie die Leute glotzen. Nur, weil ich in der rechten Hand einen noch originalverpackten, großen Wäscheständer halte, während ich mit dem Rad nach Hause fahre. Ab und zu greift der Wind nach dem flachen Ding wie nach einem Segel, dann mache ich einen kleinen Schlenker. An den Blicken der Entgegenkommenden (ich fahre auf der falschen Seite) merke ich, wie sehr sich die Spießer provoziert fühlen, weil hier jemand mit einem Wäscheständer durch die Gegend fährt. Noch dazu, da ich so schlecht bremsen und schalten kann. Aber mir doch egal. Jetzt erst recht.

Mit dem Wäscheständer in der linken Hand könnte ich natürlich besser schalten. Aber das mache ich eben gerade nicht. Weil ich frei bin. Kommt klar damit, Leute, oder lasst es bleiben. Sobald die Pfosten irgendwas nicht kennen oder verstehen, sieht man ihnen immer gleich an, wie sich in ihren Spatzenhirnen alles fürchterlich quer stellt. Wie bei einer Vollbremsung. Man hat fast Angst, dass sie auf der Stelle umfallen, weil es einen Kurzschluss gibt, oder weil sämtliches Blut im Kopf gebraucht wird, wo es dann doch nichts bewirkt. Da ist Hopfen und Malz verloren.

Wahrscheinlich würden sie mich am liebsten einsperren oder erschießen, weil ich mit meinem Wäscheständer so überhaupt nicht in ihr Weltbild passe. Typisch Almans, denke ich weiter, obwohl ich dieses Wort aus dem Munde von Germanodeutschen normalerweise superpeinlich finde, weil die das bloß als Katzenklappe aus dem unentrinnbaren Teufelskreis Tätervolk – Leberwurst – Schienenersatzverkehr missbrauchen, als gehörten sie nicht dazu. Ich selbst verwende es hier natürlich nur ironisch, um ihnen den Spiegel derart vors Gesicht zu schmettern, dass sie nicht mehr wissen, ob sie Stiefmutter oder Schneewittchen sind.

Ich finde mich ja ziemlich lässig hier auf meinem Rad mit meinem Wäscheständer. In mir tobt wilde Lebensfreude. Laut lache ich in den Wind hinein, der in den Wanten knattert, und mich beinah umwirft – habe ich mich jemals so lebendig gefühlt? Fast tun mir diese austauschbaren Menschen mit den toten Augen leid, wie sie auf eingefahrenen Gleisen widerstandslos ihrem langweiligen Ende entgegengondeln. Sie haben nichts erlebt, haben ihr ganzes Leben ihrer Angst vor dem Kontrollverlust geopfert. Euphorie, rauschhafte und spontane Erfüllung, tollkühnes Loslassen, nie zu wissen, was als nächstes passiert, mit einem Wäscheständer permanent im fünften Gang durch Neukölln zu fahren – das alles werden sie niemals kennenlernen.

Rebellion macht hungrig. Ich halte vor einem Dönerimbiss, stelle dort mein Fahrrad ab und lehne den Wäscheständer cool dagegen. Die Leute vorm Imbiss starren mich an; das ist ihnen offenbar auch schon wieder alles zu viel. Stolz halte ich ihren Blicken stand, bis sie die Augen senken.

Au wei. Der Döner ist teuer. Dabei hat schon der Wäscheständer überraschend viel gekostet, also dafür, dass er von Wulle ist, diesem Mekka für Plastikschrott. Ich wollte das ja erst nicht glauben: Ja ja, habe ich gedacht, redet ihr nur. In München oder Mitte vielleicht, aber doch nicht in Neukölln. Und jetzt: fünf Euro fünfzig! Geht’s noch irgendwie, Herrschaften? Putin, du Drecksau, das wirst du büßen.

Immerhin gibt es Leute, die auf Döner angewiesen sind. Den müsste man mal subventionieren, und nicht den Sprit. Wer sich ein Auto leisten kann, kann auch tanken. Hallo, Herr Lindner, mal schnell ne Milliarde in den Volksdöner gepumpt, dann sitzt auch der Kopf wieder sicherer auf den Schultern. „Sollen sie doch Döner essen“, klingt nämlich weit weniger zynisch, wenn die Möglichkeit gegeben ist.

Das Geheimnis der umgekehrten Wagenreihung

Wir machen uns hier für euch nackig bis auf die Knochenhaut.

Auf bahn.de gibt es die Rubrik „Über uns – Inside Bahn“, die zwischen Bahnunternehmen und Kundschaft eine vertrauensvolle Wohlfühlatmosphäre aufbauen soll. Mehr Intimität und menschelnde Ehrlichkeit unter dem Stichwort „Hintergrund & Technik“. Die schönsten Lokführer privat; Mehdorn, oder wie auch immer die Alte inzwischen heißt, in gebügelten Shorts am Gartengrill; eine Homestory aus dem Hobbykeller von Max Maulwurf, dem Destroyer-Maskottchen der Bahn. Doch der absolute Höhepunkt des Relationship Buildings ist ein bebilderter Besinnungsaufsatz: „Die umgekehrte Wagenreihung – wie es dazu kommt.“

Die Enthüllung dieser delikatesten aller Detailinformationen ist das wohl verlockendste Versprechen diesseits von Nikolaus und Osterhase. Die Deutsche Bahn geht damit schonungslos in Vorleistung. Wir machen uns hier für euch nackig bis auf die Knochenhaut, signalisiert sie, vielleicht erfahren wir auf diesem Weg auch etwas von euch? Natürlich ganz unverbindlich – alles kann, nichts muss: Wo kommt ihr her, wo wollt ihr hin, warum fahrt ihr immer noch mit der Bahn, warum benutzt ihr nicht das Auto, wie fühlt ihr euch, macht es euch eigentlich auch so wahnsinnig wie uns, dass hier praktisch gar nichts funktioniert?

Aber das wären sowieso nur Banalitäten im Vergleich zur umgekehrten Wagenreihung. Die Bahnkunden interessiert nichts mehr als das. Ihre größte Sehnsucht ever scheint sich zu erfüllen, endlich naht die Offenbarung. Dabei hätten sie schon befürchtet, die DB werde ihr schrecklich-süßes Geheimnis dereinst mit ins verspätete Grab nehmen. Und nun wird es gelüftet. Was für eine Verheißung! Frohlocket, jauchzet, ejakuliert, squirtet, sehr geehrte Fahrgäste, seid überschießender Champagner, brodelnde Lava, Magma, Smegma, Gema, seid eine menschliche Konfettikanone.

Doch werden wir die Wahrheit überhaupt ertragen? Vielleicht ist diese ja wider Erwarten sehr unangenehm, und was dann nicht alles passieren kann: Retraumatisierung, Reizüberflutung, extreme Ekeltrigger, die zu Waschzwang oder Ritzen führen, Flashbacks, Gehirnschlag, Herzinfarkt, Fracksausen.

Aber schauen wir doch einfach mal. Die Seite ist äußerst kindgerecht gestaltet. Wir sehen zunächst ein fein gezeichnetes Bild von einem ICE in einem Bahnhof, im Hintergrund Häuser sowie zwei stilisierte Vögel, im Vordergrund ein Schild, „Augsburg“, darüber im „Sendung mit der Maus“-Duktus den kulleräugigen Satz „Warum stehen die Wagen manchmal in umgekehrter Richtung?“ Der Kunde ist nicht nur König, sondern auch Kind, ein Königskind, das zum anderen nicht kommen kann, jedenfalls nicht mit dem Zug, nicht mit diesem, und schon gar nicht in der korrekten Wagenreihung. Das ist Infotainment vom Allerfeinsten.

Allerdings sollte die Bahnmaus dem Kind schon alles ganz genau erklären. Wieso gilt das nur in Augsburg?, denkt sich sonst das Kind. Und ist danach alles wieder gut? Dann fahren wir vielleicht besser gar nicht über Augsburg. Mama wird doch bei umgekehrter Wagenreihung immer schlecht, und sie muss ganz doll spucken. Dann schreien wieder alle und die Polizei kommt und sprüht mit ihrem Polizeispray im Wagen rum, und alle weinen. Es ist jede Fahrt dasselbe.

In der Augsburgfrage müsste man didaktisch also noch mal scharf nachwaschen. Idealtypisch sind hingegen die Piktogramme unter „Die häufigsten Ursachen“, im einzelnen „Streckensperrungen“, „Umleitungen“ und „Kopfbahnhof.“ Der Laie fragt sich dennoch, ob man genannte Faktoren nicht schon einfach vorher mit in die Planung einbeziehen könnte? Und warum fehlt in diesem Schema ausgerechnet der allerhäufigste Grund – „scheiß auf die Wagenreihung, ihr Ficker, wir hassen euch!“ –, nämlich, dass die Züge meist schon am Startbahnhof falsch herum eingesetzt werden?

Doch die Fachfrau schweigt. Allzu viele dumme Fragen musste sie in ihrem Leben bereits hören und beantworten. Davon aber hat sie die Schnauze für alle Zeiten gestrichen voll. Sie kann nicht mehr.

Stattdessen wird ein „Beispiel aus dem Bahn-Alltag“ (Untertitel; „wie kommt es dazu, dass ein Zug ‚verkehrt herum‘ einfährt?“) präsentiert – das geht sinngemäß ungefähr so: Zug blabla, Hamburg, rhabarber, erste Klasse, seier, Streckensperrung, sülz, Ingolstadt, seibel, München, fasel, Prellbock, schwadronier, zweite Klasse, laber, Durchsagen, schwindel, informieren, lüg, geänderte Wagenreihung. Warum sie „verkehrt herum“ in Gänsefüßchen setzen, weiß der Geier, denn mehr verkehrt herum, verkehrter herum, verkehrt herumer geht es wirklich nicht, allenfalls überkopf, aber dann funzte der Stromabnehmer nicht.

In einer dritten Grafik wird schließlich beschrieben, „Wieso der Zug nicht einfach umgedreht wird.“ In arg weinerlichem Tonfall heißt es dort: „Einen Zug kann man leider nicht umdrehen – auch wenn das manchmal sehr nützlich wäre.“ Ach Gottchen, die Armen – ich glaub, ich muss gleich heulen. Aber wer nicht können will, kann nicht wollen. Denn direkt im Anschluss wird eine Riesenmogelpackung voll der windigsten Ausflüchte vor uns ausgewickelt: Ja, ist denn heut schon Weihnachten? Wer einen Zug falsch rum drehen kann, kann ihn logischerweise auch richtig herum drehen. Man will uns offenbar für dumm verkaufen.

Ich persönlich glaube ohnehin an eine völlig andere Geschichte: dass nachts zehntausend Zwerge mit Grubenlampen „ins“ Gleis, wie man bahnintern sagt, treten, und den ganzen Zug – hauruck! – einfach anders herum auf die Schienen heben. Dazu singen sie „Dideldum und rundherum, Eisenbahner, du bist dumm …“ Wenn schon Märchen erzählen, dann bitte richtig.

Warum fehlt in diesem Schema ausgerechnet der allerhäufigste Grund?

Tour der Leiden

Wie bunte Bojen oben auf dem giftigen Dreckwasser.

Sonntagmorgen. Der Verkehrsfunk vermeldet Sperrungen im Bereich Treptower Park wegen eines Triathlons. „Triathlon“: Ist das nicht dieser Irrsinn, bei dem man erst meilenweit durch offene Gewässer schwimmt, sich anschließend auf dem Fahrrad einen Megawolf strampelt, und dann, wenn man eigentlich schon klinisch tot ist, mal eben noch einen Marathonlauf hintendran hängt? Eher würde ich mir den kleinen Finger der linken Hand abhacken. Dabei bin ich gar kein Sportmuffel, fast im Gegenteil: So möchte ich ausgerechnet heute gerne selber durch den Park joggen, allerdings am liebsten möglichst unbehelligt von irgendwelchen Askeselemmingen mit türstockartig hervortretenden Halsschlagadern.

Bis auf Höhe der „Insel der Jugend“ geht alles gut. Doch dann wird es anstrengend. Neben mir in der Spree fällt gerade der Startschuss für einen Schwarm Schwimmer, deren Badekappenköpfchen wie bunte Bojen oben auf dem giftigen Dreckwasser dümpeln. Vor mir versperren anfeuernde Zuschauer den Weg, der meine Laufstrecke ist. Der größte Feind des unorganisierten Sports ist der organisierte Sport.

Was wollen die bloß alle hier? Der Schauwert eines Amateurtriathlons ist ja begrenzt. Das Geheimnis liegt wohl in der uralten Faszination am fremden Leiden. Egal, ob Hinrichtungen, Autounfälle, Prominentenprozesse oder Dschungelcamps – sie alle ziehen seit jeher Schaulustige an. Nur aus diesem Grund wurde das Fernsehen erfunden. Und seit Menschengedenken sehen Unsportliche Sportlichen bei ihren Leibesübungen zu. Der Profisport verdankt seine Existenz allein dem Phänomen, dass eine breite Masse Bewegungsferner sogar bereit ist, Geld dafür auszugeben, sich mit einer Mischung aus Bewunderung, Spott und Angstlust am Schweiße der Berufssportler zu ergötzen.

Es ist kaum ein Durchkommen, denn zwischen den Gaffenden taumeln mir auch noch halbtote Neopren-Heinis, Nackte und frisch Umgezogene mit Wasserflecken auf der Kleidung entgegen. „Platz da, ihr lahmen Enten“, ermahne ich die mutmaßlichen Teilnehmer. „Mit Schwimmen und Radfahren bin ich längst fertig.“ Hoffentlich stimmt die Reihenfolge auch – bei Ansetzen-Trinken-Aufstoßen bin ich mir zum Beispiel deutlich sicherer.

Wer bitte schickt eigentlich sehenden Auges unschuldige Menschen in die Spree? Das ist doch komplett verantwortungslos, da könnte man genau so gut in Flusssäure planschen. Wäre ich Verschwindungsbeauftragter eines Drogenkartells, würde ich meine Opfer hier zum Bade bitten, mit oder ohne Startnummer. Dabei wirkt der Fluss so harmlos. Er fließt gar nicht richtig, wie all die erbärmlichen Hilfsflüsse der Region, ob Dahme, Havel oder Müritz, verkappte Seen allesamt. Der einzige erwachsene Fluss weit und breit ist die Oder, aber wegen kriegsbesoffener Bellizisten wie Winston Churchill oder Marlene Dietrich ist leider auch die kein ungeteiltes Vergnügen mehr. Ohne diese Kriegstreiber könnten wir jetzt alle mit der Pickelhaube auf dem Kopf beim Wolga-Triathlon „German Open“ mitmachen.

Ich kämpfe mich energisch durch die Menge, und kaum hundert Meter weiter herrscht himmlische Ruhe. Von einer Bank am Wegesrand beobachten zwei ältere Typen das Treiben aus sicherer Entfernung. Sie trinken Bier, es ist immerhin schon 11 Uhr morgens. So kann man seiner Leidenschaft als Sportzuschauer nämlich ebenfalls nachgehen. Es muss gar nicht immer lautes Jubelgeschrei in der gleichgeschalteten Masse sein; das ruhige, halbkonzentrierte Fachsimpeln bei einem guten Glas Bier auf dem Sofa ist oft die elegantere Methode. Es macht keinen Krach und versperrt auch niemandem den Weg.