Die Landwespe

Die Wespen auf dem Land sind klein, agil und nicht so leicht zu erwischen. Aber sie stehen ohnehin unter Naturschutz. Man darf sie nicht ärgern und verkloppen schon gar nicht. Theoretisch sind sogar die trägen Stadtwespen geschützt, die zuhause in Berlin ohne Hast über mein Brötchen schlurfen als wäre es ihres. Da sitze ich ja schon wieder an der Arbeit. Meine Texte sind wie Rohdimanten, die ich mit unendlicher Akribie so lange schleife, bis aus einem tausendseitigen Steinbruch aus Buchstaben ein fröhlicher, schlanker Zweizeiler wie dieser wird:

Der Herbst bringt Verderben, der Winter bringt Not;

der Frühling bringt Sterben, der Sommer den Tod.

Das kostet äußerste Konzentration. Daher wird jeder verstehen, dass ich den Artenschutz unter diesen Umständen flexibel handhabe. Wie das genau aussieht, bleibt mein Geheimnis. Ich verrate nur so viel: eine zentrale Rolle spielt eine zusammengerollte Zeitung und das dünne Geschrei der Wespen dringt durch die dicken Mauern des Altbaus nicht nach draußen. What happens in Neukölln stays in Neukölln.

Nun möchte man denken, jene eleganten Bio-Erdwespen draußen vor unserer Landhütte wären nicht solche Kulturfolger wie diese fetten Naziwespen aus der Stadt in ihren Borussia-Dortmund-Traditionstrikots, und interessierten sich deshalb auch nicht für unser Gartenfrühstück. Doch die hier greift nun leider auch noch frech nach unserem Schinken.

Vorher hat sie immer nur Tau getrunken und Kräuter gesammelt. Wir haben ihre reine Landwespenseele mit dem eingeschleppten Zivilisationsdreck korrumpiert, der sie krank machen wird und böse wie die Wespen und auch die Menschen in der Stadt. Wir sind verdammte Conquistadoren. Die Landwespe hat uns nicht gerufen, wir sind zu ihr hier rausgezogen.

Dennoch müssen wir den Frühstücksaufschnitt schützen. Außerdem nervt das Vieh. Erst möchte ich der Ökowespe schlicht aufs Maul hauen, doch sie ist zu fix. Also versuche ich, sie mit einer Wursthaut zu dressieren. Setzt sie sich auf die Wurst, wedle ich mit der Hand nach ihr, setzt sie sich auf die Pelle, lasse ich sie in Frieden.

Aber die schnallt gar nichts. Wespen raffen null. Man kann noch nicht mal sagen, dass sie komplett bescheuert sind, denn selbst um bescheuert zu sein, müsste wenigstens irgendeine Grundlage existieren, von der aus Bescheuertheit überhaupt erst möglich wird. Uns Kindern wurde früher stets eingetrichtert: „Schlag nicht nach den Wespen, die werden sonst wild und stechen erst recht.“ Das ist kompletter Quatsch. Wie haben sich die Eltern das vorgestellt? Dass die Wespen einen ausgefeilten Racheplan erarbeiten, oder dass sie schlicht austicken? „Der da hinten im roten Pullover wollte mich doch grad hauen, oder? Da werd ich aber mal so richtig meine Fäustchen schwingen und wenn das nichts hilft, vielleicht auch meinen Stachel aus dem Keller holen.“

Alles klar. Daran sieht man wieder, dass die Alten mit Brehms Tierleben großgeworden sind: dem tapferen Löwen, dem listigen Fuchs, und dem albernen Affen. Dazu mit einer Wespe, die sich in Sütterlin notiert, wer sie an ihrer freien Persönlichkeitsentfaltung gehindert hat. Wespen haben aber kein Gehirn. Sie können sich nichts merken. Wer nach ihnen haut, ist ihnen scheißegal, sie reagieren nur auf den Luftzug. Ein roter Pullover und ein blaues Auto sind für sie ein und dasselbe: zugleich alles und nichts und auch noch irgendwas dazwischen. In dem Hohlraum zwischen den Fühlern herscht völlige Leere. Sie summen nur in einem fort dieselbe Melodie vor sich hin; es ist das Lied vom Tod, auf einem Kinder-Xylophon gespielt: Bim, bim, bim. Bim bim bim …

 

#MenAreTrash and more …

Beginnen wir zunächst mit And More. Das ist einfacher.

Es ist Sommer, die Open-Air-Saison noch im Gange. Überall hängen die Plakate mit den teilnehmenden Bands. Viele tanzen auf mehreren Hochzeiten, doch nur eine offenbar auf allen. Denn am Ende jedes Line-Ups steht: „And More.“

Diese And More müssen echt gut im Geschäft sein“, sage ich zu meiner Freundin.

Jaha“, sagt sie. „Alt, aber witzig.“

Früher war ich ja ein totaler And-More-Fan.“ Ich gerate ins Schwadronieren. „Ich glaube, ich hab alle Platten von denen.“

Gut, reicht jetzt“, sagt sie. „Wir haben gelacht, aber bitte nicht noch weiter breittreten.“

Nun wäre ich gut beraten, ihre gutgemeinte Warnung zu beachten. Sie ist mein künstlerisches und moralisches Gewissen, meine Witzgeigerzählerin und meine geschmackssichere Pointenpolizei. Doch leider mangelt es mir oft an der nötigen Einsicht. Denn sobald ich mich erstmal in einen eigenen Einfall verknallt habe, bin ich nur noch schwer zu bremsen.

So wie jetzt. „Und weißt du, warum die auf den Ankündigungen immer als letztes aufgeführt werden? Weil die nämlich immer am Ende auftreten. (Narhalla-Tusch im Kopf) Der absolute Headliner bei jedem Festival. Weil die so gut sind, dass die keiner mehr toppen kann. Alle anderen wären danach bloß von der Bühne gebuht worden. Ein einziges Mal haben die Veranstalter And More vor den Stones spielen lassen. Das war ’98 in Bullerby. Mick Jagger hat geweint, weil er die Tomatenspritzer nie mehr aus dem teuren Rüschenhemd bekam. (Gelächter Publikum im Kopf)

Dafür hab ich dann geheult, als sich And More getrennt haben. Eine Welt brach für mich zusammen. Offiziell kam irgendein Blabla von wegen „Unstimmigkeiten über die künstlerische Ausrichtung.“ Ein anderes Wort für Drogenprobleme. And hat es noch eine Weile lang solo versucht, aber ohne More, der ja auch die meisten Lyrics geschrieben hat, war er ein Schatten seiner selbst. Ich hab ihn 2007 noch einmal im Huxley’s gesehen: ein stammelndes Gespenst, das die Gitarre falsch herum hielt – zum Fremdschämen.

Mit More ging’s noch weiter bergab. Der hat sich erstmal komplett aus dem Musikbusiness zurückgezogen. Nur noch Skandale. Kaution – Bewährung – Entzug – Rückfall: So hießen bei ihm fortan die Jahreszeiten. (Tusch und Lachen im Kopf) Der Tiefpunkt war dann wohl, als er in West-Hollywood bei seinem Nachbarn Tyll Schweighöfer zugekokst wie Bolle und nach zwei Flaschen Mezcal über die Gartenmauer geklettert ist und Schweigis Poolkeeper mit einer Schwimmnudel verhauen hat.

Danach war er über Jahre weg von der Bildfläche. Irgendsone Edelklapper mit Meerblick. Und jetzt feiern die offenbar ne Reunion. Brauchen bestimmt Kohle, das ist dann ja meistens so. Gerade bei More wundert mich das auch so gar nicht …“ (Sich selbst und die eigene bürgerliche Superiorität bestätigendes Sozialdemokratenkabarettgekicher sowie Zwischenapplaus. Im Kopf)

Sie stoppt meinen Elan. „Kein Wunder, dass dich dein Agent rausgeschmissen hat.“ Und ich verstumme. So einfach ist das, obwohl sie es gar nicht gesagt hat, weil es so ja auch nicht stimmt. Aber ich habe gelernt, jede Kritik anzunehmen, egal, ob sie nun geäußert wird oder nicht.

So nehme ich natürlich auch #MenAreTrash an. Das ist ebenfalls wichtige Kritik. Und nicht nur der Inhalt, auch die Form ist wichtig. Immer mitten in die Fresse rein – das wirkt reinigend wie ein Gewitter, aufweckend wie ein doppelter Espresso und erhellend wie ein abgeschlossenes Hochschulstudium.

Ich erklär das hier mal über einen Umweg. Im Rahmen einer Aufführung an der Volksbühne wurden wir, das Publikum, in einem fort von einem Schauspieler beschimpft. Der traute sich was, Wahnsinn! Wie er uns satten Theaterbonzen erst die Larve vom Gesicht riss und dann den Spiegel vorhielt. Die Volksbühne war schon immer äußerst innovativ.

Du blöde alte Fotze“, brüllte er auf eine Zuschauerin weit hinten ein, „was willst du überhaupt hier?“, denn in den 90er Jahren experimentierte man erstmals damit, Frauenhass nach außen hin als ironische Kunst zu verkaufen. Das war aber reine Stilübung. Die innere Haltung blieb spürbar die gleiche.

Obwohl der Raum so eingerichtet war, dass die Zuschauer ihn nur über die Bühne verlassen konnten, wagten es dennoch einige, wobei sie dann noch übler beschimpft wurden. Ansonsten erinnere ich mich kaum mehr an das Stück, außer dass Kathrin Angerer die ganze Zeit über nackt durch die Kulissen tollte. Das gab die Vorlage zwar nicht her, da sie weder beim Hautarzt noch am FKK-Strand spielte, doch die Volksbühne hatte nun mal ihren Ruf als „feministisches, queeres und antirassistisches Theater“ zu erfüllen.

Nun war ich aber zu jener Zeit gar kein Theaterbonze, sondern arbeitete als Taxifahrer. Da gehörte es ohnehin schon zum Anforderungsprofil, jede zweite Nacht von irgendeinem Irren angepöbelt zu werden. Jetzt kam da so ein privilegierter Bürgerschreck daher, von dem ich mich auch noch in meiner Freizeit erniedrigen lassen musste. Nein, danke – ich pfiff auf seine Katharsisstunde.

All das dachte ich also, leicht kränkbar wie ich damals war, ein typisches Symptom für Unzufriedenheit und mangelndes Selbstbewusstsein. Bis weitere grobe Tiraden des Berufsarschlochs auf einmal eine tiefe Erkenntnis in mir auslösten.

Es war wie eine Epiphanie und damit nun auch der Bogen zu #MenAreTrash. Ohne ein derart deutliches Wort hätte ich niemals mitbekommen, wie sauer die Frauen sind. Au Mann, sind die sauer! Jetzt verstehe ich das endlich. Man versteht eh viel besser, je lauter man angeschrien wird. Das ist nur logisch. Deshalb kann man ja auch Kommentare besser lesen, wenn sie durchgehend in Großbuchstaben verfasst sind. Oft denke ich, dass wer wo alle Zusammenhänge verstehen tut, dass der da bestimmt voll der Weltmeister im Denken wäre.

Drei Dinge waren es also, die ich an dem Abend in der Volksbühne gelernt hatte. Erstens: Viel hilft viel. Zweitens: Nimm nicht immer jeden Senf persönlich, drittens hat trotzdem alles immer auch mit dir selbst zu tun und viertens weiß ich nicht mehr. Deshalb ja auch drei Dinge. And more.

Die Liebe in den Zeiten des Ersatzverkehrs

Berlin wirkt zurzeit voller denn je.

Berlin wirkt zurzeit voller denn je. Fast wie eine echte Metropole und nicht wie die gewöhnliche deutsche „Großstadt“, wo, von der allsamstaglichen Eskalation in dem „Fußgängerzone“ genannten Zombie-Auslaufgebiet im Zentrum abgesehen, Fuchs, Hase und Tumble Weed tot über den Zaun hängen. In den Stoßzeiten steht man am Hermannplatz neuerdings hinter einer gewaltigen Menschenmenge an der Fußgängerampel an. Oft schafft man es beim nächsten Grün kaum über die Straße. Denn jede Ampelphase in diesem Land ist ein einziges vorwurfsvolles Statement, wie Leute es überhaupt wagen können, sich hier ohne Auto zu bewegen. Die haben ja anscheinend nichts zu tun. Dann können sie auch warten. Arme Schlucker. Fußvolk. Schmarotzer, die das Prunkstück unserer Volkswirtschaft durch Nichtbeachtung sabotieren.

Auch in der U-Bahn ist es knallevoll. Ich bin baff. Allerdings fahre ich auch nur selten mit der U-Bahn. Und schon gar nicht zur Rush Hour. In meiner Erinnerung stieg man zu jeder Tageszeit einfach in die Bahn und setzte (!) sich irgendwohin. Nun aber trifft mich bereits beim Betreten des Bahnsteigs schier der Schlag: Ein Meer von Sardinen wartet auf eine einfahrende Sardinenbüchse. Kaum ein Fischlein steigt aus. Trotzdem quetschen sich noch ein paar dazu, während die anderen auf die nächste Dose warten. Als wir nach vielem Durchsagegeschrei – „Von mir aus könnwa hier den janzen Tach rumstehen“, „Wat an dem Wort ‚Türen‘ ist denn so schwer zu verstehen: make ze doors free“, „Arschgeigen“ – endlich die Station verlassen, erscheint der Bahnsteig genauso voll wie zuvor.

Ich bin drin. In einem Tetris der Körperteile finden Nasen und Münder, Arme und Beine, Kimmen und Genitalien wunderbar passgenaue Nischen und Gegenstücke, verschränken sich die verschiedenen Formen, um die knappen Hohlräume optimal zu nutzen. Es ist eine intime Situation. Manch einsame Seele freut sich über die so lang ersehnte Berührung. Vielen fehlt ja die geeignete Sprache, um ihre wahren Bedürfnisse zu äußern. Da sagt dann eben „Ficken“, wer eigentlich nur Wärme sucht, und seit die Feminazis das Flirten verboten haben, ist alles noch viel schwieriger geworden. Aber hier ist es ganz einfach.

Wieder andere hätten ihre Schmusepartner lieber erstmal gründlich kennengelernt. Denn hier lüften sich wie von Zauberhand die tollsten Geheimnisse unserer Mitmenschen, ob man will oder nicht. Ich zum Beispiel komme direkt vom Zahnziehen. Nach aktuellem Stand der Wissenschaft spült man ja danach den Mund nicht mehr aus. In der Wunde soll sich ein Blupfropf bilden, der diese schützt und die natürliche Heilung einleitet. So beiße ich nur auf eine kleine Kompresse; erst später werde ich im heimischen Spiegel entdecken, dass meine Schneidezähne so blutverschmiert sind, als hätte ich frisch ein Beutetier gerissen. Vermutlich rieche ich nach Blut so wie andere neben mir nach Zwiebeln, Alkohol sowie allem Möglichen und leider auch Unmöglichen. Ich glaube, ich lasse den Mund lieber zu.

An der nächsten Station löst sich eine Frau in meiner Nähe aus ihrer Passform heraus und steigt aus, obwohl sie gar nicht aussteigen muss. Vor Staunen steht mir nun doch wieder der Mund offen – die Umstehenden schreien entsetzt und ich weiß noch immer nicht, warum. Aber das ist schon krass der Hammer. Bestimmt fährt sie öfter mit der U-Bahn. Denn ich in meiner Unerfahrenheit würde ja sagen: „Wieso soll ich rausgehen, wenn ich doch schon drin bin. Außerdem steh ich direkt neben der Tür, da steh ich super.“ Doch sie weiß instinktiv, dass sie sich an einer strategischen Schlüsselposition befindet und dort den Pfropfen bildet, den es zu entfernen gilt, um Ein- und Ausfluß in den Wagen überhaupt erst wieder zu gewährleisten. Achtsame U-Bahnmenschen sind wie Ameisen. Als kleinster Bestandteil eines riesigen sozialen Körpers halten sie diesen per Arbeitsteilung perfekt am Laufen.

Als sie sich mit dem nächsten Schwung Sardinen wieder zurück in die Büchse spülen lässt, beweist sie sogar noch über ihre Kernkomptenz hinausgehendes Verantwortungsbewusstsein. „Dir hängt da dein Dings raus“, sagt sie beiläufig zu mir, „von deinem Rucksack.“

O, danke“, sage ich, nachdem der erste Schreck gewichen ist. Da surfte wohl die ganze Zeit schon eine Strippe meines Rucksacks an der Außenseite mit. Allerdings wäre hier drin dafür eh kein Platz mehr gewesen.

Der Enforcer

Der Fernsehexperte Oliver Kahn fand hinterher mal wieder alles in Ordnung. Sergio Ramos sei halt ein Fuchs, delirierte er im Studio, sei mit allen Wassern gewaschen und „wisse sich zu wehren.“ Das war noch die alte deutsche Fußballschule, ein Blitzkrieg reloaded: Scheiß auf das Spiel – wer Spaß will, soll ein Witzbuch lesen – und der Fiesere möge gewinnen.

Was war geschehen?

In einer Szene, in der die taz in Kahnscher Manier ein „Ausloten der Grenzbereiche“, der Jurist jedoch eine schwere Körperverletzung erkannte, entschied Ramos das Spiel für seine Mannschaft. Er liquidierte den gefährlichsten Stürmer des FC Liverpool, Mohamed Salah, und das ging so: Wie einen Schal wickelte er den deutlich schmächtigeren Gegenspieler um sich, zog noch einmal entschlossen straff, als hätte die Großmutter ihn ermahnt, sich bloß nicht zu erkälten, rammte das Männlein dergestalt ungespitzt in den Boden und planierte dann das unter ihm liegende Opfer so lange und ausgiebig, bis er das lang ersehnte Knacken oder Reißen in der Schulter des Patienten hörte, beziehungsweise als erfahrener Vorstopper auch nur spürte. Es war vollbracht, rien ne va plus.

Kein Foul natürlich und Ramos‘ Mitspieler waren nicht so unsubtil, nach der Szene jubelnd auf ihren kriminellen Kameraden loszustürmen. Salah wälzte sich derweil bitterlich schluchzend auf dem Rasen und verließ kurz darauf das Spielfeld. Eine halbe Stunde war gespielt und Liverpool bis dahin klar besser gewesen. Danach nicht mehr. Die Medien verkündeten, Salah habe „sich verletzt“, das klang wie ein ungeschickter Küchenunfall, selbst verschuldet. Stimmt aber nicht. Sergio war’s.

Jammerschade auch um den Spieler Ramos. Der war schließlich mal ein großartiger Abwehrspieler, der Beste, ein Zugochse für die Moral des gesamten Teams, wenngleich er mit dem Wort Fairness noch nie viel anzufangen wusste, aber das galt und gilt vermutlich für alle anderen Buchstabenkombinationen auch.

Nun nimmt mit dem Alter die Schnelligkeit ab, die Souveränität, darunter leidet auch die Technik. Die schwindenden Mittel versucht der Betroffene mehr denn je durch fußballfernes Handeln zu kompensieren. Es ist die uralte Mär vom Machtverlust. Er ist der zahnlose Löwe, der mit Glück im eigenen Rudel noch ab und zu ein Jungtier erdrossseln kann, wenn die Löwin schläft; die geknickte Edelfeder, die von einer Bierkiste herab einer Handvoll anderer Wichte rassistischen Kryptokram predigt; die Eintagsfliege, deren letzte Amtshandlung der abendliche Sturz ins Rotweinglas ist.

Und so wird Ramos immer mehr zum „Enforcer“, wie man diesen Spielertyp beim Eishockey nennt, der mit unfairen Aktionen systematisch das gegnerische Spiel zerstört. Das sind böse, aber irgendwo auch bedauernswerte Menschen. Für oft nur eine halbe Million Dollar im Jahr leiden sie nicht selten unter Depressionen, Süchten und bleibenden Hirnschädigungen durch die von ihnen selbst initiierten Prügeleien.

Apropos Hirnschädigungen. Real Madrid war schon immer ein Sammelbecken für Arschlöcher Individualisten aller Art. Obwohl man durchlässig bleibt, denn so wie bei den Glasgow Rangers längst auch Katholiken mitspielen dürfen, beschäftigt Real nun sogar Profis, die noch nie wegen eines Vergewaltigungsvorwurfs Schweigegeld gezahlt haben. Da zählt dann tatsächlich nur die Leistung. Dasselbe gilt auch für Kicker ohne Stuntman- und Schauspielausbildung – schließlich genügt es, wenn acht Schwalbenkönige auf dem Platz stehen.

Ich erinnere nur an den legendären Mexikaner Hugo Sanchez, unerreichter Spezialist für Schwalben und versteckte Fouls, einer der linkesten ausgebufftesten Typen aller Zeiten – dagegen loteten Hitler und Stalin mit offenen Karten fromm die Grenzbereiche aus. In der aktuellen Mannschaft ist zum Beispiel der Erpresser Karim Benzema zu nennen. Oder Ronaldo, ach, da muss ich gar nichts sagen und wiederhole stattdessen einfach nur den Namen: Ronaldo.

Doch vergessen wir nicht Oliver Kahn. Der hat zwar nie für Madrid gespielt, aber strange Charaktere gibt es ja auch noch jenseits des Estadio Bernabeu. Denn Real ist zwar ein großer Club, aber so groß nun auch wieder nicht, um sämtliche Asis dieser Welt in seinen Spielerkader aufzunehmen. Nachdem er seinen Blutbruder Ramos gründlich gesegnet hatte, mokierte sich besagter Kahn jedenfalls noch lang und breit über Salahs Tränen.

Er verstehe nicht, so Kahn, „warum die heutzutage alle weinen.“ Ein Junge weint nicht. Nicht auf dem Platz. Die sollen das gefälligst in der Kabine machen. Und kacken auf dem Klo. Und essen im Esszimmer. Und ficken im Bett. Wir „lebenden Leichen, wie sie die 60er Jahre von der Stange produzierten“ können ja nichts für dieses seltsame Loch in der Seele. Aber das Napola-Gewäsch dann noch als Wert an sich zu verteidigen, ist ebenso anachronistisch, wie die Straftäter, die Kollegen absichtlich verletzen, um dem eigenen Team einen Vorteil zu verschaffen, als clever abzufeiern.

Er denkt wohl, die jungen Spieler weinten, weil sie sich wehgetan haben, und nicht wegen der Enttäuschung, dass ihnen das wichtigste Spiel ihrer Karriere geraubt wurde. Doch wie erkläre ich einem Psychopathen Empfindungen? Körperlich sind die heutigen Spieler der erhöhten Anforderungen wegen ohnehin viel härter als Kahn und Konsorten. Die rauchten und soffen vor und nach dem Spiel – während der Partie lungerten sie auf dem Rasen herum wie Golfspieler, bloß ohne deren lange Laufwege zum nächsten Grün.

Aber immerhin weinten sie nicht, außer der Weinbrand war alle. Dabei ist doch wirklich egal, warum jemand heult. Und wenn Mo Salah öffentlich weinen würde, weil er sich das Fingerchen an dem Teelicht verbrannt hätte, auf dem er seiner Puppe eine Suppe hatte kochen wollen – na und, was geht Kahn das an?

Ich bin gut

Es ist als hätte ich Güte gesät und Harmonie geerntet

 

Seit neuestem kann ich über nicht weniger als zwei (!) Fälle versöhnlichen Miteinanders berichten, in die ich nicht nur involviert, sondern deren treibende Kraft ich sogar war. Vielleicht werde ich ja auf meine alten Tage noch handzahm, es kann aber auch an der Jahreszeit liegen. Das in den Sonnenstrahlen enthaltene Vitamin D brennt sich durch die Haut und weicht in der Seele langsam aber sicher die dicke Schicht aus gehärtetem Hass auf, die ich mir über die Jahre zugelegt habe.

Fall 1. Ich möchte am Ufer das Auto parken. In dem Moment, in dem ich rückwärts in die Lücke fahren will, prescht aus einer Gruppe herumlümmelnder Youngster ein vermutlich spanischer Typ auf mich zu und verwehrt mir das auf Englisch. Einen einwandfreien Parkplatz. Auf öffentlichem Grund. Und wenn die da filmen wollen, muss der Idiot eben besser aufpassen.

Aber gut. Nur wenige Meter zurück ist ja schon die nächste Parkgelegenheit. Seufzend will ich zurücksetzen, da springt mir der Wichtigtuer direkt hinter das Auto und fuchtelt wild mit den Händen. Die Knalltüte will sich offenbar trotz des schönen Wetters überfahren lassen. Ich zeige in Richtung der anderen Parklücke und schreie – sonst hört er ja nichts durch das geschlossene Fenster – „get out of my way“, schreie es in meinem komischen Englisch, weil ich ja viele Sprachen so ein bisschen kann, aber keine richtig, noch nicht mal deutsch.

Endlich tritt der Schwachkopf beiseite. Ich fahre die zwanzig Meter im Rückwärtsgang und parke ein. Alles nur ein Missverständnis. Er dachte halt, ich beharrte unbedingt auf meinen Willen – meine Güte, dann wäre ich aber schon lange tot. Ich steige aus, schließe ab und begebe mich in Richtung des Trottels. Und nun geschieht das Merkwürdige. Normalerweise würde ich jetzt der Pfeife noch mal verbal so richtig eine mitgeben. Damit er weiß, wie hier der Hase läuft. Doch ich höre mich sagen: „Sorry for being angry.“

Anschließend gehe ich weiter und spüre meinen Worten nach. Wie sich das anfühlt. Ich schwebe wie auf Wolken und merke, dass mich mein eigenes Verhalten nachhaltig rührt. Ein einziges Mal habe ich nicht losgepöbelt wie ein Bierkutscher und wie reich wird meine Seele gleich dafür belohnt! Alles fühlt sich so weich an, alles fließt. Die Vögel singen mir ein Loblied. Wenn ich das früher gewusst hätte, hätte ich nicht zwei Drittel eines gesamten Menschenlebens oder so damit verbracht, schlechte Stimmung zu verbreiten. Schade. Warum hat einem denn bloß keiner was gesagt?

Ich war permanent auf dem Holzweg. Vermutlich neidete ich den Jüngeren nur ihr längeres Leben und war deshalb immer so gemein zu ihnen. So ein Unsinn. Wenn ich unter meinen Radieschen fröhlich vor mich hinpfeife, weil ich es überstanden habe, wartet auf sie die Hölle: Sandstürme, Überschwemmungen, die Bienen sind tot, stattdessen überall Mücken, alle sind rechts, die Schrippen heißen Weckle. Ihre eigenen Muttis haben ihnen das eingebrockt, weil sie sie täglich mit dem SUV in den Kindergarten gekarrt haben. Was sie verdienen, ist mein Mitleid und meine Nachsicht.

Am nächsten Tag kann ich die neu erworbenen Soft-Skills gleich schon wieder anwenden: Ein älterer Hirni versteht die Kassenschlangenordnung bei Karstadt nicht und drängt sich vor. Selbstverständlich denke ich sofort, „du asoziale Drecksau“, und knirsche mit den Zähnen. Doch auf einmal schiebt sich erneut dieser rosafarbene Schleier vor mein Gemüt. Er hat das System halt nicht durchblickt. Kein Grund für mich zum Ausrasten. Und sowieso habe ich Zeit.

Da passiert etwas Wunderschönes. Nachdem der Vollpfosten bezahlt hat, dreht er sich um, sieht mich und erschrickt: „Hab ich mich jetzt vorgedrängt? Verzeihen Sie. Sie sind jetzt böse, stimmt’s?“ Es ist als hätte ich Güte gesät und Harmonie geerntet. Ich beschwichtige ihn mit sanften Worten: Ich sei nicht böse, keinesfalls, jedenfalls schon längst nicht mehr, das sei doch nicht weiter schlimm, er, der Asi, habe es ja nicht böse gemeint, das sei hier ja auch alles nicht leicht, für niemanden, alles gut.

Wir sind in dem Moment beide den Tränen nah. Uns umspült ein warmes Schaumbad der Nähe, des Erkennens und der tiefen Menschlichkeit. „Das ist fast wie Sex“, denke ich unwillkürlich. Denn darin liegt das Geheimnis der Zufriedenheit und des Wohlbefindens: einfach immer nur scheißnett zu dem Gesindel zu sein. Auch zu Nazis. Gerade zu Nazis und besonders am achten Mai. Ein Lächeln kostet so wenig und der freundlich dahingeworfene Satz, „bestimmt gewinnt ihr dafür den nächsten Krieg“, kann ein vergnügtes Strahlen in so manches verhärmte Gesicht zaubern. Und dann wird sie derselbe Sinneswandel ereilen, den ich nun bereits hinter mir habe.