Ein Lob der Spaltung

Außerdem war die Gesellschaft doch schon immer tief gespalten.

Es ist jeden Morgen dasselbe. Kaum blättere ich die ersten Seiten des Internets auf, schlägt mir lautes Gebrüll entgegen. Pandemie ist nur ein anderes Wort für: Alle hassen alle. Es wird nie wieder so werden, wie es mal war. Ich bin mir sicher, träfe eines Tages der zum Glück nur theoretische Fall ein, dass wir uns wieder leibhaftig in der Kneipe gegenüber säßen, gäbe es auf der Stelle Mord und Totschlag.

Friends, die einander dann über ein Jahr lang gegenseitig als „wichsende Internettrolle“ bezeichnet hätten – und das sind noch diejenigen, die sich gut verstehen – sollen jetzt auf einmal wieder ruhig miteinander reden? Im selben Raum, ohne Polizei, trennende Gitterstäbe oder den wenigstens vor physischer Versehrung schützenden Mantel der Virtualität? Das ist, als würde man eine Gang tollwütiger Wiesel erst an den Schwänzen anzünden, und dann zusammen in einen winzigen Käfig sperren.

Dennoch hört und liest man nun oft denselben windelweichen Quatsch: Man solle mehr aufeinander zu gehen, bitteschön recht zackig die Versöhnung suchen und die Gesellschaft nicht noch weiter spalten.

Höre ich dieses „Aufeinander zu gehen“, sehe ich vor meinem geistigen Auge immer nur zwei Horden, die mit Sensen und Dreschflegeln bewaffnet in einer riesigen Staubwolke aufeinander losstürmen. Da möchte ich weder im Weg stehen, noch auch nur einer dieser beiden Horden angehören.

Und die Versöhnung? Oft tauschen sich nun „die Anderen“ (Arbeitstitel) darüber aus, dass man ja nach jener kriminell hochgejazzten Scheingrippe nicht nur die „Verantwortlichen bestrafen“ – und damit meinen sie nicht diejenigen, deren Opportunismus Menschenleben kostet und paradoxerweise die so doch angeblich geschützte Wirtschaft noch gleich mit ruiniert –, sondern leider auch noch uns Schlafschafen um des lieben Friedens Willen ein „Versöhnungsangebot“ unterbreiten müsse.

Zu gütige, liebe Andere, danke. Aber ich scheiße auf euer Angebot. Erst mir in die Fresse schlagen und mir dann dieselbe Hand entgegenstrecken, damit ich mich bei euch für eure Blödheit entschuldigen kann? Bleibt schön, wo ihr seid. Steckt mich nicht an.

Was haben die Leute bloß immer gegen eine Spaltung der Gesellschaft? Ich will mit denen so wenig zu tun haben wie sie mit mir – die Argumente sind zur Genüge ausgetauscht. Eine lange und unergiebige Zeit des Sprechens ist beendet, nun beginnt die goldene Zeit des Schweigens. Außerdem war die Gesellschaft doch schon immer tief gespalten. Die sozialen Medien machen das jetzt nur sichtbarer – in meinen Augen sogar ihre einzige konstruktive Leistung, außer der niedlichen Zwergotterfamilie, der man beim Fressen zusehen kann. Denn früher wurden die schlimmsten Gräben einfach stillschweigend akzeptiert – sie fielen nur deshalb kaum auf, weil sie keiner thematisierte. Marginalisierte konnten sich schlechter vernetzen, und merkten oft nicht, wie viele sie eigentlich waren. Die Kehrseite der Medaille: Dieselben Medien sind natürlich auch den Anderen Tummelplatz, Echokammer und Gummizelle in Einem.

Alles in allem wäre eine saubere Spaltung hier doch endlich einmal sinnvoll. Gerade für den besagten Frieden wäre es schlicht am besten, man hielte getrennt, was ohnehin nicht zusammengehört. Das wäre Vanillepudding für die Seele, ein warmer Strickpulli für die Nerven, ein Wolfszaun für uns Schlafschafe: Hier die Einen, dort die Anderen und jeder macht in Ruhe sein schwachsinniges, kleines Ding. Eintracht in Zwietracht. Genau darin liegt das ungeheure Potential der Spaltung, ihre heilende Wirkung auf die Gesellschaft, indem man separiert, was zusammen nicht mehr funktioniert – in der Chirurgie heißt das Amputation: keine schöne Sache, aber manchmal lebensrettend.

Künstliche Höhepunkte

Doch selbst im größten Dunkel kommt meist von irgendwoher noch ein kleines Licht.

Es ist manchmal schon deprimierend. Zwar gibt es immer was zu tun, aber es ist halt auch immer dasselbe. Den Staubsauger in seiner Ecke scharf anzublicken. Die CD-Sammlung nicht zu sortieren. Schläfchen auf dem Sofa zu halten. Kein Brot zu backen. Einen Metatext darüber zu schreiben, was alles nicht passiert. Auf dem einen Friedhof mit X spazieren zu gehen, auf dem anderen Friedhof mit Y, Hauptgesprächsthemen: nix los, nix zu tun und nix zu wollen.

Es gibt Tage, da mich das alles zermürbt, obwohl es mir während der Pandemie ja vergleichsweise gut geht. Eigentlich darf ich gar nicht jammern. Andere sind alleinerziehend, Barbesitzer, oder haben Granatensplitter im Unterleib. Nur die haben die Lizenz zum Jammern. Die Jammerkapazitäten sind nun mal beschränkt, und stimmungsmäßig mal ein bisschen durchzuhängen, gilt nicht als anerkannter Jammergrund. An dieser Stelle kommt in Deutschland stets verlässlich der alte Nazi-Appell, man soll sich doch mal „zusammenreißen“. Ein deutsches Mädel weint nicht.

Die Aufreger fehlen halt, die positiven wie die negativen. Doch zum Glück habe ich ein Rezept gefunden, meine persönliche „Excite-Strategie“: Bewusst kreiere ich eine Reihe von Events, künstlich aufgebauschte Eckpunkte in meinem Lockdownleben, an denen entlang ich mich durch die gegenwärtige Ödnis hangle. So zum Beispiel die Nabu-Wahl zum Vogel des Jahres. Natürlich hatte ich längst gewählt, die Blaumeise, die Königin der Hecke bei den Mülltonnen, wen auch sonst. Doch bis zur Verkündung des amtlichen Endergebnisses machte ich fleißig Stimmung gegen all die anderen Vögel – eine Superbeschäftigungstherapie: Wutsmileys, die Konkurrenz verächtlich machende Hetzkommentare, vor allem unter das Rotkehlchen, denn irgendein Algorithmus spülte mir den kleinen Cocksucker immer wieder in die Timeline. Was soll das?

Natürlich hätte man sich auch auf einen ungeliebten Kandidaten einigen können, um mit konzertierter Kraft wenigstens die Wahl der Stadttaube zu verhindern, so wie man in Frankreich Macron als kleineres Übel gegen die Rechtsradikalen gewählt hat. Aber nicht mit mir. Was will ich mit dem neoliberalen Rotkehlchen Macron? Conquer or die, Blaumeise oder Untergang. Dass der alerte Betrügervogel, dieses Devotkehlchen, ein aufgeplustertes, opportunistisches Nichts aus Federn, Luft und Lüge, am Ende auch gewann, ist ausschließlich die Schuld seiner Wähler, die diese auf immer ungesühnt mit ins Grab nehmen werden.

Ein weiteres Element meines Excitement-Parcours sollte das angekündigte Interview der abtrünnigen Royals Meghan und Harry bei der US-Talktante Oprah Winfrey sein. Was die wohl erzählen würden? „Die Queen ist voll die Pfeife, der Palast stinkt …“, huiuiui, in gehässiger Vorfreude rieb ich mir die Hände. Ich bin zwar nicht der große Klatschonkel, aber tief in mir drin wohnt eben doch ein kleines Arschloch, das mit Gossip gefüttert werden möchte … kein schönes Bild, aber dafür immerhin schief.

Wochenlang fieberte ich der Nacht des Interviews entgegen. Ich wollte mir sogar den Wecker stellen wie für so einen geboosteten Schwergewichtskampf – in Zaire, früh um Vier. Meghan und Harry gegen das Haus Windsor. Leider kam das Ganze nicht auf Kika, sondern nur bei CBS und das kriegte ich nicht rein. Die Enttäuschung war so groß, dass sie mich wohl zwei Tage heftig fiebernd aufs Lager warf.

Doch selbst im größten Dunkel kommt meist von irgendwoher noch ein kleines Licht. Als begleitendes Standardzerstreuungsprogramm habe ich zum Glück noch ein paar Arztbesuche vereinbart. So schlage ich auch zwei Fliegen mit einer Klappe. Ich habe nämlich das Gefühl, zunehmend aus dem Leim zu gehen, obwohl (oder vielleicht auch weil?) ich zurzeit notgedrungen recht gesund lebe – wenig Stress plus wenig Spaß macht wenig Alk und Nikotin. Das krönende Schlussfeuerwerk der gesammelten Arztbesuche soll übrigens eine echte Darmspiegelung bilden (ein Glück, dass die Gastro wenigstens noch geöffnet hat). Das wird sicher sehr schön, zumindest jedoch unterhaltsam. Und das ist es schließlich, worauf es mir in diesen Zeiten ankommt.

Und ewig weinen die Schweine

„Dann sperre ich die Schweine eben unten im Fahrradkeller ein …“

Drei Jahre ist Julia Klöckner nun Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft. Da wird es doch langsam Zeit für eine kleine Bilanz: Wie hat die Gegnerin der gleichgeschlechtlichen Ehe, die die Klimakrise für eine Modeerscheinung hält, dem Amt seitdem ihren Stempel aufgedrückt?

Auffällig ist ihr Faible für Umweltgifte, die Wasserhehler von Nestlé und toughe Landwirte. Was sie jedoch auf den Tod nicht leiden kann, sind ganz offensichtlich Schweine. Auf die hat sie es aber mal so was von abgesehen; das zieht sich wie ein blutigroter Faden durch ihre gesamte bisherige Amtszeit: Ob artfremde Haltung oder Ferkelkastration – so richtig hygge wird ihr erst beim Schweinequälen. Als die gesammelte Schweineschar im März 2018 erfuhr, wer fortan ihre Nemesis und oberste Dienstherrin sein würde, scholl ein entsetztes Quieken durch die Ställe von Schweinfurt bis Eberswalde.

Doch woher kommt überhaupt Julia Klöckners unbändiger Hass auf Schweine? Das ist doch nicht normal, dieser alles verzehrende Hass, der ihr Leben in einem Maße bestimmt, dass davon jede andere Lebensäußerung komplett zugeschüttet wird. Das gilt sogar für die Grundtriebe. Nicht selten müssen ihre Mitarbeiter sie ermahnen, das Atmen nicht zu vergessen, so ausschließlich absorbiert sie ihr obsessiver Schweinehass. Auch für Körperpflege, Sozialverhalten, Sexualtrieb sind keinerlei emotionale, geistige und zeitliche Kapazitäten mehr übrig. Im Fall der Nahrungsaufnahme funktioniert noch am ehesten der Trick, sie daran zu erinnern, dass sie hier ja immerhin ein totes Schwein vernichtet, um ihr auf dem Sprung zwischen Büro und Bundestag mal eben eine Bifi unterzujubeln. In Ausnahmefällen kann das auch zu Übersprungshandlungen führen, in deren Rahmen Klöckner rasend schnell mehrere Kilo Schweinefleisch verschlingt, um diese später unter lauten Flüchen („verfickte Schweine!“) wieder zu erbrechen.

Letztlich lassen sich die Ursachen wie so oft in der Kindheit verorten. In freudiger Erwartung des heiligen Sakraments eilte die achtjährige Julia am Morgen ihrer Erstkommunion fromm den elterlichen Weinberg hinab und auf die malerische kleine Dorfkirche von Guldental zu, als sie stolperte und – batsch! – mit dem blütenweißen Festtagskleidchen mitten in einem Haufen Schweinescheiße landete. Der Tag war verdorben, den späteren Gottesdienst würde das Mädchen notgedrungen im Blaumann ihres Großvaters verfolgen müssen. Wer nun jedoch erwartet hätte, das Kind wäre altersgemäß in Tränen ausgebrochen, sah sich auf erschreckende Weise eines besseren belehrt. Es schüttelte vielmehr drohend die kleinen Fäustchen gen den jäh sich verfinsternden Himmel und schwor mit lauter Stimme, es „diesen Schweinen so richtig zu zeigen – bis an mein Lebensende und so wahr mir Gott helfe!“ In der Ferne zuckten Blitze. Augenzeugen berichten von einer Aura aus Flammen um den Kopf des Mädchens herum sowie von beißendem Schwefelgeruch.

Doch es kam noch schlimmer: Bei einem Ausflug in den Pfälzer Wald wurde ihre liebste Spielkameradin Babsi (B.Z.: „Sie war erst vierzehn!“) von einem wilden Keiler getötet und auf der Stelle aufgefressen. Hinter einem Baum versteckt musste die kleine Julia alles ohnmächtig mitansehen. Die feixende Miene des fiesen Schweins würde sie niemals vergessen.

Angesichts dieser prägenden Vorkommnisse ist es kein Wunder, dass der wiederholte Anwurf ihrer Mutter, doch bitte ihren „Saustall aufzuräumen“, das Kind auf unverantwortliche Weise triggerte und die Traumata stets aufs neue reproduzierte. Sein Herz erkaltete zunehmend, nur ganz tief drinnen loderte brennendheiß der Schweinehass.

Spätestens jetzt beginnen wir zu verstehen, warum Klöckner gegen alle Widerstände und nicht zuletzt die herrschende Rechtslage die quälende Schweinehaltung in zu engen Metallkäfigen bis aufs Blut verteidigt.

Wir sind jetzt bei ihr zuhause. „Dann sperre ich die Schweine eben unten im Fahrradkeller ein“, droht, wettert und weint die Agrarministerin vor ihrer Wohnzimmerwand mit den vom Kleinkaliber durchlöcherten Porträtfotos der Mitglieder des Deutschen Ethikrats. „Dort kann ich mit ihnen sowieso machen, was ich will.“ Man weiß in diesem Moment nicht genau, ob sie die Schweine meint oder die weinerlichen Moralapostel, die den schon seit 1992 verbotenen „Kastenstand“ anprangern.

„Diese gottverdammten Schweine“, knurrt die ehemalige Nahe-Weinkönigin und läuft vor Zorn dunkelviolett an. Zusehends umwölkt sich ihre ebenmäßige Stirn, ballen sich dahinter tiefschwarze Gedanken zu einem Taifun des Hasses. Doch auf einmal lächelt sie verschmitzt. „Dabei will ich ja nur eine Verlängerung der Übergangsfrist bis zum jüngsten Tag, und keine Sekunde länger.“

Das Wissen um ihre Macht über die Schweine als willkürliche Knet-, Quäl- und Foltermasse, lässt sie rasch wieder vergnügt werden. Eine weitere Niederlage wie das seit Beginn dieses Jahres nun doch endlich wirksame Verbot der Ferkelkastration ohne Betäubung wird es nicht geben, hat sich die erklärte Abtreibungsgegnerin geschworen. Sie hat alles versucht, von einer nochmaligen Fristverlängerung bis hin zur Änderung des Tierschutzgesetzes, doch vergebens. Wo Männer beim Gedanken an den Eingriff schmerzhaft das Gesicht verziehen, ist ihnen weder mit Vernunft noch mit Hass beizukommen. Nun nimmt sich die Ministerin stets ein paar Ferkel mit nach Hause – „meine persönliche Tierwohl-Offensive“ –, um sie am Abend in der guten Stube vor dem Fernseher mit der Kneifzange zu verarzten. Das sind natürlich keine 20 Millionen wie sonst jedes Jahr in Deutschland, aber es ist besser als gar nichts.

Herr der Serviettenringe

Die Klamotten sind von irgendwann.

Erst mal ein Spoiler ganz zu Beginn, wo ein anständiger Spoiler ja auch hingehört: Die Serie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ (Amazon Prime) hört genauso auf wie „Ostwind“. Jedenfalls stelle ich mir den so vor. Das wäre dann vielleicht auch der bessere Titel gewesen. Denn echte Kinder kommen hier nicht vor.

Wir Erwachsenen vom Bahnhof Zoo. Eltern haften für ihre Kinder. Eltern haften für die Rollen ihrer Kinder. Eltern spielen ihre Kinder. Christiane F. sitzt mit Mama und Papa am Mittagstisch ihrer Wohnung in Gropiusstadt und spielt mit ihnen Vater, Mutter, Kind. Wer was ist, steht zum Glück auf den Serviettenringen, sonst wüsste man es nicht.

Aber gut, auch auf der Straße, auf dem Strich, auf dem Straßenstrich und in der Strichstraße, da, wo einem keine Serviettenringe helfen, kriegt man relativ bald raus, wer die Erwachsen sein sollen und wer die Kinder. Die Kinder werden angeschrien, die Erwachsenen schreien an. Auch in der Schule sehen alle so aus, als wären sie schon zwanzig mal durchgefallen. Das Heroin killt irgendwie den Lerneifer. Die Lehrerin guckt böse. Aha, wer böse guckt, ist also die Lehrerin.

Die Kinder nehmen Drogen. Warum saufen sie nicht, wie alle Erwachsenen? Wahrscheinlich, damit man sie besser von ihnen unterschieden kann. Rauchen ist übrigens der erste Schritt zum Heroin. Da fehlt dann nicht mehr viel, nach dem Weltbild dieser Nichtraucher mit Fahrradhelm – man spürt richtiggehend den befremdeten Lustgrusel der Macher durch: Alle rauchen ständig überall, daran erkennt man immerhin die 70er Jahre.

Nur irgendwas ist falsch. In einem fort lächeln die Darsteller und umarmen sich zur Begrüßung. Damals, Ende der 1970er hat man sich nicht umarmt, das wüsste ich aber, eher hätte man sich die Arme abgehackt. Und wer gelächelt hat, war nicht ganz richtig im Kopf. Lächeln war für Spinner, Anfassen war beim Arzt. Aber, ach, okay?, ist ja gar nicht damals, sondern ein bisschen 80er hier und 90er dort, also ein anderes Damals, gemischt auch noch mit ein bisschen Heute. Oder doch damals? Die Autos sind zum Beispiel von damals. Oldtimer vielleicht. Also heute, wo man mit Autos von damals als Oldtimern von heute rumfährt. Die Klamotten sind von irgendwann, die Musik ist querbeet, die Regie von vorgestern.

Das kann man theoretisch alles machen. „Game of Thrones“, „Bridgerton“ oder „Die Schlümpfe“ sind historisch ja jetzt auch nicht superstringent und funktionieren trotzdem auf ihre charmant semidilettantische Art. In der Zookinderserie wirkt das Zeitenwirrwarr jedoch nicht wie ein Stilmittel, sondern eher so, als hätten sich die Verantwortlichen gesagt, „och nö, die Requisiten, den Ort krieg ich jetzt nicht so hin“ oder „ich weiß nicht wie das war und es interessiert mich auch nicht die Bohne“ oder einfach „keinen Bock, sollen sich die Leute doch selber irgendwas zusammenreimen“ in Kombination mit: „Die Kritik hält das bestimmt für Kunst.“ Dasselbe gilt für den wiederholt wie jähe Durchfallattacken hervorsprudelnden magischen Realismus. Räusche, Träume, Entzugserscheinungen. Oder sollte das jetzt wieder Handlung sein? Das kann man schlecht unterscheiden, ist ja alles so schön bunt hier …

Es ist wie ein sieben Stunden langer Werbespot der Sorte, bei dem man einander im Kino anstößt und belustigt fragt, für was das denn jetzt eigentlich Reklame sein soll: für Heroin, Vintage-Klamotten, Serviettenringe oder für die BVG? Slogan: „Nach der Schule direkt auf die schiefe Bahn. Und 1018 € kassieren.“ Das wäre in DM umgerechnet etwa siebzig mal „französisch“.

Zuhause meckern die Erziehungsberechtigten immer wegen des Heroins herum. Die Idis schnallen einfach nicht, dass die Kinder das brauchen. Deshalb hängen die jungen Junkies ständig bei so einem Pädo rum, der eigentlich ganz nett ist, bis auf seine leidige Missbrauchsmacke. Er ist der einzige Erwachsene, der die Kinder versteht, also diejenigen Erwachsenen, die die Kinder spielen. Er will nur ihr bestes, und versorgt sie deshalb auch mit Heroin.

Das Heroin ist eine feine Sache, absolut. Unter seinem Einfluss wirken die Blagen gleich viel ausgeglichener. Deshalb weiß man gar nicht, warum sie zwischendurch ständig diese Scheißentzüge machen. Mit dem Heroin war schließlich alles super, während ihnen von den Entzügen immer total schlecht wird. Sobald der Entzug beendet ist, gehen sie wieder tanzen und anschaffen und lachen und spritzen und ficken und anschaffen und tanzen und zum Pädo chillen, und nichts davon interessiert, es ist leider vollkommen egal.

Dann stirbt Dings (Drogen) und dann Bums (ebenfalls Drogen), und es ist erneut so wurscht, wie wenn bei einer Wildwestschießerei eine Handvoll Komparsen umkippen, das löst so gar nichts in mir aus, da könnte auch in China ein Sack Reis an einer Überdosis sterben. Wenn die Drogenopfer ihre Serviettenringe immer mit dabei gehabt hätten, hätte man sich wenigstens ihre Namen merken können.

Auch den anderen „Kindern“ scheint es relativ egal zu sein – die Leute sterben eben, frei nach Thea Dorn. Heroin, Krieg, Corona, Altersschwäche, was soll‘s, ist doch schnuppe, das letzte Hemd hat keine Reißleine. Hier mal ein Tränchen, huch, die Friedhofstür geht irgendwie nicht auf, oder doch, simsalabim, hat bloß geklemmt, und dann schon wieder lecker Heroin, Musik und Blut: Willkommen erneut im Circus Realismus Magicus!

Babsi stirbt. Blöd, weil das war so ziemlich der einzige Name, den wir uns auch ohne Serviettenring merken konnten. Doch ebenfalls egal. Die war eh nicht nett, so wie es überhaupt keine sympathische Figur gibt, oder wenigstens eine, der man irgendetwas abnimmt. Vielleicht ja ganz gut, dass alle sterben. Dann können wir endlich weiter „In Therapie“ gucken.

Und die ganze Zeit über denkt man sich, das könnten die jungen Leute jetzt alles gar nicht machen. Wegen Corona. Das wird erst enden, wenn Armin Laschet Bundeskanzler ist. Dann wird alles wieder erlaubt sein. Heroinpartys drinnen mit ganz vielen Haushalten. Spritzentausch wie in den Siebzigern, Umarmen wie im einundzwanzigsten Jahrhundert. Und vor allem Sterben, ganz viel Sterben, so wie früher, ohne großes Tamtam.

Das wäre in DM umgerechnet etwa siebzig mal „französisch“.

Talk im Turm

Schriftsteller denken sich ja sehr viel aus.
(Bild: Uzi)

Und schon wieder haben sie in einem großen Medium einen Schriftsteller zu einem Thema jenseits seiner Kernkompetenz befragt. Ist jetzt im Grunde auch egal, wer mal wieder was wozu gesagt hat – es ist eh immer dasselbe. Medium A interviewt Autor B zu Thema C, von dem er keine Ahnung hat. Wie sollte er auch? Also labert er halt irgendeine Scheiße. Und es, das Medium A so: Mhm, mhm, ist ja interessant, wie schlau, Herr B, vielen Dank für das Gespräch.

Also gut, ich sag jetzt doch, worum es ging, ist ja eh klar: natürlich um Corona, Thema C, wie sowieso die ganze Zeit. Aber warum zum Henker fragen sie eigentlich immer Schriftsteller, und das zu buchstäblich allem möglichen? Den wohl Megacringe meines Lebens überhaupt hatte ich so mal vorm Fernseher, als Günter Grass in der Pause eines Heimspiels des SC Freiburg über Fußball befragt wurde.

Aaarrgh! Ich verstehe das nicht. Nichts gegen Schriftsteller, einige meiner besten Freunde sind Schriftsteller, auf ne bizarre Art bin ich sogar fast selber einer; Schriftsteller sind einfach Menschen. Vernünftige Menschen und unvernünftige, reflektierende und nicht reflektierende, informierte und uninformierte, weltläufige und weltfremde … im Schnitt vielleicht noch eher von der letzteren Art. Sie kochen echt mit eitel Brackwasser.

Der Fehler liegt jedoch vor allem bei denen, die sie fragen. Warum um Gottes Willen tun sie das? Warum fragen die keine Experten? Das, hier nur zur Erläuterung, sind Leute, die von der Materie etwas verstehen. In der Wahnidee, stattdessen Schriftsteller zu fragen, liegt der eigentliche Sündenfall; dass die armen Idioten dann auch antworten, ist nur allzu menschlich. Das würde ich an ihrer Stelle auch tun, aus Höflichkeit, weil mir das Interesse schmeichelte, oder warum auch immer, und im Zweifel natürlich ebenfalls Müll reden. Ich bin nun mal kein Spezialist. Kein Virologe, kein Soziologe, kein Politiker.

Zum Glück werde ich nicht gefragt. Das mag, allzumal Bekanntheit für unsereiner ja auch eine wichtige Währung darstellt, hier nach dem Fuchs klingen, dem die Trauben zu sauer sind. Doch solange es für ein bescheidenes Auskommen reicht, bin ich wirklich froh darüber, dass meine immanente Ahnungslosigkeit eben nicht für alle Zeiten die ganz große Runde macht – das Internet vergisst nämlich nur die schönen Dinge.

Schriftsteller denken sich ja sehr viel aus. Dazu chillen sie gern in höheren Sphären der eigenen Vorstellungskraft. Das Ergebnis kann sogar mal ganz pfiffig sein. Das können sie ja, das muss man ihnen lassen – da möchte den Lesenden zuweilen fast so etwas wie ein anerkennendes Schmunzeln entweichen. Was Ulkiges ersinnen, schön formulieren mit der Zungenspitze im Mundwinkel, Buchstaben sortieren, Sätze daraus drechseln, schwer seufzend vom Schreibtisch aus in den Himmel gucken: alles gut, können sie gerne machen, feini. Aber bitte nicht wirr vom Elfenbeinturm herunter über ihr nicht vorhandenes pandemisches Herrschaftswissen schwadronieren, zumindest nicht in der Öffentlichkeit, danke!

Schuster bleib bei deinem Leisten, sagt der Volksmund nicht zu Unrecht. Denn was in ihrem Beruf durchaus nützlich sein kann – Fantasy, Vollmeise, egozentrisches Weltbild –, verfängt nicht so richtig, sobald es um Dinge wie Wissenschaft oder auch nur Realität geht. Da muss man exakt sein und kann nicht einfach irgendwas vor sich hin behaupten. Auch wenn man das von Berufs wegen fünfmal so gewohnt sein sollte. Wann das endlich auch die Redaktionen checken, weiß wohl nicht mal der Geier.

Und komme mir bitte keiner mit, „das sind Denker“. Erstens, in welchem Beruf muss man denn bitte nichts denken; werden die dann etwa auch alle – Geografielehrer, Lokomotivführerinnen etc. – in den Tagesthemen sieben Minuten lang zu Pandemiemaßnahmen befragt? „Herr Klempnermeister Krause, Sie haben ja viel mit Verstopfungen aller Art zu tun; wie stehen sie zu einer drohenden Triage bei einer dritten Welle mit der britischen Virusvariante B.1.dingenskirchen?“ Und zweitens, „Denken“ ist gut, die Literaten schwurbeln sich ja in der Regel eh nur irgendwas zusammen. Ausdenken ist aber nicht Denken.