Soko Klauschwein

Besonders schwerer Fall

Nanu? Im Sichtfenster des Schreibens, das ich aus meinem Briefkasten ziehe, steht ein mir unbekannter Absender: AA Berlin, Kirchstraße 6. Eine komische Abkürzung, was kann das wohl sein?

Bestimmt was wichtiges: Das Auswärtige Amt bittet mich um meine kompetente Mithilfe bei der politischen Neuordnung Europas. Oder steht es um mich schon so schlimm, dass sich die Anonymen Alkoholiker ganz entgegen ihrer sonstigen Gepflogenheiten von sich aus bei mir melden? Das haben sie bis dahin bei keinem Menschen je gemacht. Die müssen sich ganz schön Sorgen machen. Ich bin fast ein bisschen gerührt, das gebe ich an dieser Stelle gerne zu.

Oder bei AA dreht es sich um irgendwas mit Scheiße. Die wollen mir Scheiß verkaufen, das hat man ja oft, nur nennen sich dann die Firmen anders. Die hier sind wenigstens ehrlich.

Ich öffne den Brief: Aha, bei AA handelt es sich um die Amtsanwaltschaft. Bestimmt geht es um mein gestohlenes Fahrrad. Endlich haben sie den Strolch gefangen!

Das wurde aber auch mal Zeit: Fast fünf Wochen ist das her. Allerdings häuften sich in den letzten Tagen die positiven Vorzeichen, da in meiner näheren Umgebung immer öfter Polizeisirenen zu vernehmen waren. Da hatte ich schon so ein Gefühl: Die kesseln den jetzt langsam ein; lange kann das nicht mehr dauern. Et voilà!

Ich beginne zu lesen und meine Miene verfinstert sich. Enttäuschung macht sich breit. Es geht in der Tat um den „Tatvorwurf: Besonders schwerer Fall des Diebstahls.“ Doch „die eingeleiteten Ermittlungen haben bisher leider nicht zur Feststellung des Täters geführt. Das Verfahren ist daher eingestellt worden.“

Ja, spinnen die denn? „Eingeleitete Ermittlungen“ – ich bin mir ja nicht sicher, ob die alles versucht haben. Hausdurchsuchungen, Check-Points, Rasterfahndung, Verhängung des Ausnahmezustands, allgemeine Ausgangssperre. Immerhin handelt es sich um „besonders schweren Diebstahl“, das schreiben die doch schließlich selbst, das habe ich ja nicht erfunden.

Ich stelle mir die Elitebeamten der eigens gebildeten SoKo „Klauschwein“ im „LKA VII für besonders schwere Diebstähle“ vor. Im Bürobunker direkt unter der Amtsanwaltschaft in der Moabiter Kirchstraße hängt die Wand voll mit Bildern vom Tatort, dem Fahrrad des Opfers, dem Opfer sowie den hundert Hauptverdächtigen. Dazwischen überall bekritzelte Post-it-Zettelchen und mit verschiedenfarbigen Eddings gezogene Verbindungspfeile.

Irgendwo dort unter all den Zetteln und Pfeilen müssen sich die Elitebeamten verfranst und die Spur verloren oder gar nicht erst gefunden haben. Und daraufhin haben diese emsigen Bienchen der Bürgersicherheit sich verzweifelt die Haare gerauft, resigniert den Bettel hingeschmissen und mir jenen Brief geschrieben, einen schnöden Formbrief wie ich nun sogar befürchte.

Herrschaften, so geht das nicht. Es ist doch wohl überhaupt kein Problem, sämtlichen einschlägig bekannten Fahrraddieben im Umkreis von, sagen wir, fünfzig Kilometern mal einen klitzekleinen Besuch abzustatten: „Herr Rabe-Langfinger: Wo waren Sie am 10. Juni 2019 zwischen 12 Uhr 30 und 14 Uhr 30?“

Und er antwortet: „Ich war noch nie in der Hasenheide. Und das Fahrrad habe ich auch nicht gestohlen.“

„Wer hat denn etwas von Hasenheide gesagt? Oder von Fahrrad?“, merkt die erfahrene und scharfsinnige Kommissarin gespielt beiläufig an. Das macht sie wirklich sehr geschickt. Das muss man ihr lassen.

„Das Fahrrad, äh …“ Der Verdächtige gerät ins Stottern. Seine braunen Zähne klappern im Takt der Lüge, in den aufgerissenen Mundwinkeln bilden sich schaumige kleine Spuckewülste. Ekelhaft sieht das aus. „… äh, Sie doch. Ich nicht. Ich habe gar nichts gesagt.“

Doch er merkt, dass er längst in der Falle sitzt, rennt plötzlich los, und wird beim Versuch, über die Zwischenmauer zum Hof des Nachbarhauses zu türmen, von hinten in beide Beine getroffen. Die Schreie klingen entsetzlich. Der arme Hund wird nie wieder richtig laufen können. Im Keller wird das Rad sichergestellt. Leider nicht meins, schade. Die Jagd geht weiter.

Ostsee ist Rostsee

Ohne Hitler hätten wir jetzt nur Landstraßen.

Als wir die Autobahn verlassen und uns auf der Landstraße unserem Reiseziel an der Ostsee nähern, ist plötzlich alles voller lebensmüder Idioten. Motorradfahrer, die übermütige Fahrkunststückchen zeigen und unvorbereitet überholen. Die denken, ein Motorrad wäre ein Spielzeug, sie wären weiß Gott wie gut, und weiß der Teufel wie unsterblich.

Apropos. Ich kriege zwar jedes Mal zu viel, wenn ich Jens Spahn nur sehe, aber die Idee einer Widerspruchslösung bei der Organspende finde ich gut. Ebenso natürlich sein Engagement für das Verbot sogenannter Konversionstherapien. „Es ist eben nicht immer alles nur schlecht“, doziere ich vor meiner Verlobten. „Ohne Hitler hätten wir jetzt zum Beispiel nur Landstraßen.“

Sie würde sich sehr freuen, sagt daraufhin die Verlobte, wenn ich nur mal einen einzigen Tag ohne Nazivergleich auskäme, aber ich fürchte, auf diese Freude kann sie lange warten.

Das Hotel ist dann relativ old school; für den Parkplatz muss man extra bezahlen, ebenso wie für die Kurtaxe, diese urdeutsche Fantasy-Maut allein fürs Dasein. Das Personal, vor allem in der Gastronomie, wirkt oft erstaunlich pampig und wie von einer geheimnisvollen Bitterkeit erfüllt. Mal möchte man ihnen zurufen, „Freunde, ihr müsst das nicht machen, keiner zwingt euch dazu“, mal will man sie einfach nur in den Arm nehmen, ihnen über das Köpfchen streicheln und sanft zuflüstern: „Ja. Ist gut. Ist alles gut. Lass es raus. Tränen sind gut …“

Am Abend ereilt uns der nächste Schock. Wir haben schon extra unsere bequemen Fernsehhöschen angezogen, aber das Netz auf dem Zimmer kann man vergessen. W-Lan nur im Foyer, auf den Zimmern soll das gute Buch regieren. Kein Netflix möglich. Scheiß-Osten.

Scheiß-Osten.

Man ist hier auf ältere Kundschaft spezialisiert. Der ganze Ort ist ein Disneyland für Senioren. Dazu noch ein paar Familien mit Kleinkindern, mittelalte Berliner Lesbenpärchen in wetterfester Funktionskleidung und vor allem Sachsen. Die Sachsen brauchen kein Netflix; die sind ja froh, dass sie nun endlich ARD gucken können, damit sind sie völlig ausgelastet. Neue, bunte Welt. Es sind dieselben Sachsen, die schon in der DDR die Ostseestrände überrannt haben. Deshalb wirken die Einheimischen so angefressen. Ich kann sie verstehen.

Der ganze Ort ist ein Disneyland für Senioren.

Am nächsten Morgen im Frühstückssaal beäugen uns die Alten misstrauisch und wickeln die Henkel ihrer Handtaschen noch ein drittes Mal um die Stuhllehnen: Wir sind um diese Zeit die einzigen Jugendlichen unter siebzig Jahren; erst später werden noch ein paar Irrläufer dazustoßen. Zinnowitz – wo der Tod Urlaub macht.

Wir werden platziert, es gibt echten Bohnenkaffee. Non c‘è il cappuccino? Die Verlobte greift sich an den Kopf. Was für eine kaputte Zeitmaschine hat uns bloß hier ausgespuckt? Seit meiner Kindheit habe ich nicht mehr in einer derart spießigen Umgebung Urlaub gemacht. Damals hätte man nicht „spießig“ dazu gesagt, sondern einfach gar nichts, denn was anderes gab es nicht – es waren halt die 1970er Jahre.

Nun aber fix zum Strand. Strandkorb mieten. Da muss man schnell sein, die erste Reihe zum „Meer“ hin ist bereits von Rentnern okkupiert – gelobt sei die senile Bettflucht. „Moin, moin“, begrüße ich die Nachbarn mit schlecht imitiertem sächsischen Akzent, „wir kommen auch schon seit dem Mauerbau hierher.“

Spießigkeit steckt offenkundig an. Deshalb schreibe ich hier auch immerzu „Verlobte.“ Im Strandkorb Nr. 34, Mittelreihe hinten, versuchen wir die Atmo ironisch zu brechen. Und zwar mithilfe einer THC-Pille, die ich neulich von dem Kalifornier abgestaubt habe. Was schon bei denen der heiße Scheiß ist, ist für mich in dieser Darreichungsform sowieso neu. Immerhin kommt so endlich mal der Pillenteiler zum Einsatz, den ich irgendwann angeschafft, aber nie gebraucht habe.

Eine Halbe ist wohl etwas unterdosiert. Wir sind dann auch nicht richtig breit, sondern fühlen nur so eine eigenartige und durch nichts zu begründende, stille Grundzufriedenheit, was eigentlich nicht übel zu dem schönen Strandtag passt. So muss sich ein gelungener Lebensabend anfühlen. Die Sonne scheint auch auf welke Haut. Sogar doppelt soviel, wegen der Falten. Auch das Wasser ist auf einmal gar nicht mehr kalt, so dass ich denke: Was für eine geile Methode im Gegensatz zu Joints, die im Hals kratzen, und erst labert man Müll, dann schreibt man den auf und am nächsten Tag reißt man die Seiten peinlich berührt aus dem Notizbuch.

Eine Halbe ist wohl etwas unterdosiert.

Ich glaube, denke ich mir in meinem Strandkorb mit Füße hoch und Blick aufs Meer, so ließe sich das aushalten. Ich könnte gut weiter bis zum Lebensende täglich halbe Tabletten einnehmen, in so einer Schachtel mit Fächern für Morgens, Mittags, Abends; so als hätte ich eine chronische Krankheit und im Grunde habe ich ja auch eine: schlechte Laune. Die ist jetzt erst mal weg – so geht sogar Ostsee.

So ließe sich das aushalten.

Dreckschweintag

Auch sehr lecker: Bockwurst

Am Abend lenkt eine verrückte Mischlaune aus Hunger und destruktiver Hochstimmung meine Schritte zum ersten Mal seit Ewigkeiten zu McDonald‘s. Die Ausrufung gelegentlicher Dreckschweintage finde ich unerlässlich für die Seelenhygiene, und heute ist eben mal wieder Dreckschweintag.

Schon am Schalter ist es voll authentisch. Vor und hinter mir stehen hörbar nur Idioten und ich bin einer von ihnen. Das Personal ist sagenhaft unfreundlich – die müssen in der Kantine von Workuta gelernt haben -, und der Fraß bekanntermaßen noch schlechter als bei Burger King. Das muss man echt erst mal hinkriegen. Doch die enthaltenen Suchtstoffe machen, dass man sich das Zeug in den Mund steckt, darauf herumkaut und es hinunterschluckt, als handelte es sich um Nahrung.

Das Zeug wird mir in einer Papiertüte über den Tresen geschubst. Mit dem Fahrrad will ich es den kurzen Weg nach Hause schaffen. Auf der Kreuzung Sonnenallee reißt mir die Tüte und der Inhalt purzelt auf die Straße. Die Burger-Schachtel bleibt halb geschlossen, doch fünf Chickenwings verteilen sich einzeln über die Fahrbahn.

Panisch versuche ich mit einer Hand – die andere hält das Rad – den Unrat wieder einzusammeln. Die Autos bekommen grün, doch sie fahren nur langsam auf mich zu. Eines beschirmt mich wie eine Glucke mit seinen großen Scheinwerfern, die zugleich helfend Unglücksstelle und Bergungsarbeiten beleuchten. Keiner dieser sonst so rauen Gesellen hupt, schreit oder überfährt mich, obwohl ich als Radfahrer doch ihr natürlicher Feind bin, den sie bei jeder anderen Gelegenheit auf der Stelle töten würden. Hier aber sehen sie nur die existenzielle Notlage: Mensch. Essen. Straße. Ein wenig graut ihnen sicher auch vor meinem Wahnsinn. Denn ich verrate euch an dieser Stelle ein Geheimnis: Der Hermannplatz ist nicht so sauber, dass man vom Boden essen kann.

Ich weiß doch, wie hier auf Schritt und Tritt auf den Boden gerotzt, geflatscht, geschnoddert, geault und gekotzt wird. Und viele Leute sind ja auch ganz schlimm krank. Ich weiß überdies, wie viele Ratten und Tauben hier auf dem Asphalt verenden, wie viel Hundekacke über Jahre hinweg den ursprünglichen Straßenbelag weitgehend ersetzt hat. Nicht zu vergessen die Sohlen der Fußgänger und die Reifenprofile der Autos, aus denen sich das alles und noch viel mehr gelöst und breitgetreten hat.

Eigentlich müsste man vom bloßen Gedanken daran, die Chickenwings noch zu essen, Krätze, Ruhr und Pest bekommen. Schon beim Reißen der Tüte habe ich sofort gedacht: Das ist jetzt die Strafe. Und zwar die Strafe für die Vernichtung des eigenen Körpers, des Regenwaldes und der Unterstützung der National Rifle Association. Diese neurotische Anwandlung, vermutlich ein Spätlast der düsteren 1960er Jahre, konterkariert den Zweck des Dreckschweintags, einen Kurzurlaub von Moral, Verstand und Geschmack.

Endlich habe ich alles wieder eingesammelt und das Fahrrad an den Rand geschoben. Meine Pfoten sind grau und fettig. Der Verkehr kann wieder fließen. Warum ich das gemacht habe, kann ich mir ebenfalls nur mit parareligiösen Zwangsgedanken erklären: Essen, auch wenn die Bezeichnung hier kaum zutrifft, darf nicht verkommen.

Ich könnte ja die Chickenwings zuhause mit meinem Küchenpinsel zum Verstreichen von Schokoladenguss säubern. Nur so als autosuggestiver Akt, denn niemand glaubt im Ernst, dass er damit Trilliarden teuflischer Mikroben und Scheißepartikel entfernen kann, geschweige denn die, die sich ohnehin schon in den Wings befinden. Aber ich kann mich ja belügen, beten und hoffen, womit wir dann schon wieder beim Thema Religion und Aberglauben wären.

Manöverkritik

Für Vollhirnis nicht ganz leicht

Vor dem roten Kleinwagen komme ich sicher noch bequem über die Fahrbahn. Schließlich muss er erst noch stoppen, nach links und rechts gucken und dann die vielbefahrene Radfahrerstraße vorsichtig kreuzen.

In der Praxis aber spart er sich das alles, quert die Straße, ohne die Vorfahrt zu beachten, bremst die Radfahrer aus und fährt mir an der nächsten Ecke fast über die Füße. Ich muss sogar ein Stück zurück hopsen. „Bist du bescheuert?“, rufe ich dabei durch sein geöffnetes Fenster.

Es quietscht: Vollbremsung. Der Typ springt raus und rennt wie ein Berserker auf mich zu. „Du hast mich beleidigt!“ Er brüllt mich aus einer Entfernung an, wie sie in unseren Kulturkreisen eher Liebenden vorbehalten ist.

Das sind wir aber definitiv nicht. Besonnen brülle ich des ungefähren Inhalts zurück, dass die Straßenverkehrsordnung die Motorkeulung hinderlicher Fußgänger in keinem wie auch immer gearteten Fall vorsehe, doch meine Einlassungen interessieren ihn nicht. „Du hast mich beleidigt“, wiederholt er, als wäre ich schwerhörig oder doof, was in einer Urversion unserer Sprache, perfiderweise ohnehin als eins gesehen wurde. Dabei reicht seine Lautstärke locker aus, um auch noch die Passanten auf dem fünfhundert Meter entfernten Kottbusser Damm mit seinem Kommunikationsderivat zu beglücken. Vielleicht kommt es ihm auch langsam komisch vor, mich hier so von Kind zu Mann zu bedrohen, denn sein Wutgeheul kippt nun leicht ins Weinerliche: „Habe ich dich beleidigt?“

Tolles Argument. „Nö“, muss ich zugeben. Hat er nicht. Bis jetzt noch nicht. Er hat mich fast umgebracht, doch beleidigt hat er mich nicht. „Arschloch“, sagt er, eilt fort und steigt wieder ein. Beim Losfahren baut er in seiner Hektik fast noch einen Unfall. Ich blicke ihm nicht ohne Mitgefühl hinterher. Der Arme. Bestimmt muss er ganz schnell ganz wichtiges Zeug von hier nach dort bringen. Dieser Druck macht uns alle krank. Und während ich meinen Weg fortsetze, mache ich mich bereits an die gründliche Auswertung: Was lief denn im Diskussionsverlauf heute gut und was lief weniger gut?

Zunächst fasse ich mal die positiven Punkte zusammen. 1. Stehenzubleiben, als er aus dem Auto springt, und ihn frontal zu erwarten. 2. Keinen Zentimeter zurückzuweichen, als er mich aus nächster Nähe anschreit. 3. Noch lauter zurück zu schreien. 4. Keine Angst zu verspüren. 5. Gewalt zu vermeiden. 6. Die Sache verbal nicht noch weiter zu eskalieren.

Und damit sind wir auch schon bei den negativen Aspekten angelangt.

1. Die Sache verbal nicht noch weiter zu eskalieren, denn nur so wären wir quitt geworden. Schließlich steht hier ein Mordversuch plus eine Beleidigung von seiner Seite gegen nur eine Beleidigung von meiner. Das heißt in dem Moment, in dem er mich „Arschloch“ nennt, bin ich geradezu gezwungen, den nächsten Zug zu machen und „Blödsau“ oder „Wichser“ zu sagen. Immer einen drauf – genau das bedeutet schließlich Eskalation. Wobei in der harten Währung der Straße ein Mordversuch ja wohl eher drei bis zehn Beleidigungen wiegt. Weiß doch jeder, der auch nur zwei Folgen „Game of Thrones“ gesehen hat. Also könnte ich mir den Mund fusselig beleidigen, bis wir tatsächlich quitt wären.

2. Vor allem aber meine katastrophale Schlagfertigkeit – mögliche Repliken auf sein „Hab ich dich beleidigt?“ wären u.a. 2.a. „Heul doch.“ 2.b. „Nee, aber ich hab ja auch nen Grund.“ 2.c. „Ich hab dich nicht beleidigt, ich hab nur ne Frage gestellt.“ 2.d. „Warum fährst du auch mit offenem Fenster?“

Relativ simple Antworten, die nun nach und nach meine zehn Minuten lange Zündschnur herunterglühen. Das ist definitiv der zentrale Skill, an dem ich noch feilen muss. Meine Schlagfertigkeit ist ein Orgasmus in der U-Bahn auf der Heimfahrt nach dem Date.

Grünbraun ist die Haselnuss, bevor sie richtig reif …

Boris Palmer versteht die Welt nicht mehr. Eine Werbung der Deutschen Bahn zeigt mehrere Prominente als angebliche Zugreisende, und nur einer der falschen Bahnkunden, die hier ganz normalen Menschen die Sitzplätze wegnehmen, ist so richtig porentief weiß. Der wiederum – es handelt sich um den ehemaligen Autorennraser Nico Rosberg – ist zu allem Überfluss noch Halbfinne. Also ebenfalls nicht echt.

Genau darin liegt das Problem für den Berufsschwaben. „Welche Gesellschaft soll das abbilden?“, stellt er die Frage in den öffentlichen Raum. „Ich finde es nicht nachvollziehbar, nach welchen Kriterien die „Deutsche Bahn“ die Personen ausgewählt hat“, schrei(b)t er auf seiner Lieblingskrawallseniorenplattform, woran spätestens jetzt auch die Allerletzten gemerkt haben sollten, dass Facebook bloß noch das Medium der Ranzigen und Wütenden, der Beleidigten und Betrübten ist. Wer auch nur zwei Kerzen auf dem Kuchen zu brennen hat, ist längst getürmt zu Instagram und Co.. Denn es fühlt sich zunehmend schmutzig an, mit solchen Gesellen das soziale Netzwerk zu teilen; es ist, als machte man sich mitschuldig.

Deutsche Bahn schreibt er in Anführungszeichen, was bei einem eingeführten Markennamen unnötig respektive falsch ist. Doch den Fehler begeht er kaum aus Flüchtigkeit; er möchte etwas damit sagen. Wichtig, Leutele, aufgemerkt, högschde Konzentration. Deutsche Bahn in Anführungszeichen gleich Undeutsche Bahn gleich Hottentottenbahn – mit so was will man vielleicht in Lummerland fahren, aber bitte nicht hier.

Da repräsentierte der Schlachtenbummler im Thor-Steinar-Wams und mit Kotzeresten im vorbildlich blassen Gesicht den durchschnittlichen Bahnbenutzer doch weitaus besser. Allenfalls am Bildrand vielleicht noch eine Frau, der er das Kopftuch runterreißt – „wir sind hier in der Deutschen (!) Bahn“ – das ginge als kleines Gimmick noch so eben an, um die wahren Verhältnisse zu illustrieren. Aber bitte doch nicht so.

Palmer fragt kaum verhohlen, welcher perfide Plan eigentlich hinter der Bilderauswahl der Bahn stecke, und liefert die Antwort suggestiv gleich mit. Es kann sich nur um eine gezielte Kampagne im Dienste der Großen Täuschung handeln. Denn tatsächlich entspricht der Anteil der in der Werbung abgebildeten Personen mit Migrationshintergrund nicht ihrer Relation zur Gesamtbevölkerung. Da hat Palmer sehr gut aufgepasst, er lässt sich nicht verarschen. Schließlich hat man in in der Werbung doch bis zum heutigen Tag stets eisern darauf geachtet: In jeder Eisreklame zeigen sie genau zehn Prozent Homosexuelle und fünfzehn Prozent Linkshänder; in jeder Baumarktwerbung haben anderthalb Promille der Darsteller das Down-Syndrom; in jedem Bier-, und Grillwurstspot sind knapp über die Hälfte Frauen. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz. Wo dagegen verstoßen wird, stinkt es gewaltig nach Umerziehung. Genau das ist es, was uns der Tübinger Taschenspieler damit sagen will.

Welche Strategie sollte also schon dahinterstecken, wenn nicht die systematische Umvolkung per Bahn – wer das nicht klar erkennt, dem ist auch nicht mehr zu helfen. Der migrantisch unterwanderte Gutmenschenapparat belügt uns, indem er den weißen Urdeutschen aus dem Bild und somit aus der Gesellschaft und der kollektiven Erinnerung retuschiert, verbannt, tilgt und ausmerzt. Per Bahn wird er in Urlaubsorte im angrenzenden Ausland verbracht, per Bahn wird er dann wiederum durch neue Bürger aus dem Orient ersetzt – wir erinnern uns an 2015. Da ging es doch los. Mit der Bahn. Jetzt sitzen die Kameltreiber dort in der Werbeabteilung und fälschen das Volksgedächtnis. Bald wird man denken, es wäre schon immer so gewesen. Dann ist Daimler Benz nur noch der Name der größten Ziegenmelkerei des Landes. Und die Deutsche Bahn? Vollkommen kaputt – gackernde Hühner, aufgeschlitzte Sitze und Voodoo-Zeremonien im Ruhewagen -, aber das hat sie sich selbst zuzuschreiben.

Wie erwartet und gewünscht erntet der verkannte Weise nicht nur Zustimmung. Die Menschen sind nun mal dumm. Doch in bewährter Manier kehrt er die Beweislast um. Erst haut er ohne Not so einen Klops raus, und fragt danach scheinheilig in die Protestrunde: „Wenn die Auswahl dieser Bilder vollkommen belanglos, normal, unbedeutend ist, warum regt ihr euch dann so auf?“ Zur Anzahl und Art der Kommentare merkt dieser große Märtyrer der unbequemen Wahrheit an, er werde den „Shitstorm“ weder lesen noch beantworten. Dabei ist seine Sorge unbegründet, denn mindestens die Hälfte stammt von Viertel-, Halb – und Vollfaschos, die ihn bejubeln. Ob das mittlerweile schon deren Anteil an der Gesamtbevölkerung widerspiegelt, weiß ich nicht.