Mikroaggressionen


Auf einmal erstaunlich kühn geworden rüttelte ich das Volk auf … (Foto: Wolff)

Der Zug von Dresden nach Berlin ist voll. Eine gute Woche vor der sächsischen Landtagswahl nutzen offenbar Viele einer der letzten Gelegenheiten, den Freistaat freiwillig und als freie Menschen zu verlassen.

Kollegin J. und ich finden dennoch ein leeres Abteil, dessen Old School-Papierschnipselreservierungen ich offenbar missverstehe. Denn nun kommt ein Fahrgast nach dem anderen mit Platzkarte. Spätetstens ab Dresden-Neustadt wird klar, dass hier einer aus der Verlosung fliegt. Ich bin das siebte Rad am Wagen. Jesusmäßig ergebe ich mich und stelle mich in den Gang.

Au weia. Das wird eine lange Fahrt. Über zwei Stunden. Die Tür zum Abteil habe ich aufgelassen, damit jeder mein Leiden sieht und hört. Ich bin nicht der Typ, der mit seiner Opferbereitschaft hinterm Berg hält. „Bescheidenheit ist ein Messer in der Tasche“, sagt man in Montenegro. Mein Anblick soll ihnen weh tun. Sie sollen sich ruhig auch ein bisschen blöd dabei fühlen. Ob sie mal stehen solle, fragt jetzt bereits J..

„Ach nö, lass mal“, sage ich betont wehleidig. „Ich schaff das schon. Einer muss ja. Bis jetzt tut der Rücken auch nur ein bisschen weh.“ Ich ächze. Innerlich freue ich mich darüber, ihnen allen ein schlechtes Gewissen zu bereiten. Die Sitzarschgeigen fläzen da bräsig auf ihren breiten Ärschen, während sich nur einen Meter weiter ein nicht mehr ganz junger Mann zu Tode quält. Den Spaß verderbe ich ihnen. Ich ächze noch lauter.

In einem fort sondere ich solche Mikroaggressionen ab. Mikroaggression ist zurzeit mein neues Lieblingswort. Früher hätte man das „falsches Getue“ genannt, in einer Übergangsphase war auch „Mimimi“ in Mode. Man hat jetzt oft neue Begriffe für alte Dinge und die meisten mag ich nicht so gern wie Mikroaggression.

„Whataboutism“ zum Beispiel. Noch vor kurzem hätte man stattdessen, „Äpfel mit Birnen vergleichen“, oder statt „Narrativ“ einfach „Märchen“ gesagt. Hat doch auch jeder verstanden. Aber wahrscheinlich sollen die Doofen (die nun „Minderprivilegierte“ heißen) nicht mitschneiden, was über sie „ad hominem“ (zu deutsch: grundlos in die Fresse) gelabert wird, ähnlich wie bei Eltern, die bei Tisch vor ihren Kindern in fremden Sprachen über diese reden.

Am Vorabend hatten wir an einer taz-Gala anlässlich der bevorstehenden Wahl teilgenommen. Lustige Texte gegen rechts und so. Ursprünglich sollte die Veranstaltung ja in dem Sportpalast stattfinden, in dem Höcke seine berühmte Rede („Wollt ihr den totalen Krieg“) gehalten hatte: eine Provokation des politischen Gegners, in meinen Augen schon eher eine Midiaggression.

Die ich sofort mit einer Mikroaggression erwiderte, indem ich dem Veranstalter meine Blutgruppe mailte, und mir für den Ernstfall eine christliche Bestattung verbat. Auf diese Weise suggerierte ich, dass ich für eine Handvoll Kröten mein Leben riskierte, und prahlte gleichzeitig damit, dass ich mich dennoch darauf einließ, wider alle Vernunft und obwohl die Überlebenschancen nahe Null wären. Die Faschos würden uns alle killen.

Ich habe für mich ja die Theorie aufgestellt, die meiner Persönlichkeit zugegebenermaßen in die Karten spielt, dass der eigentlich Mutige der Angsthase ist, der über seinen Schatten springt. Und eben nicht irgendein Rambo mit Nahkampfabzeichen, der halt routiniert sein Kampfmaschinenprogramm runterspult: Pumpen, Schleudern, Legen. Einen Bäcker lobt man ja auch nicht dafür, dass er Brötchen bäckt.

Ich kleiner Feigling aber stehe mit weichen Beinchen wacker auf, sobald es wirklich ernst wird, obwohl ich für schwere Eskalationen über herzlich wenig Lösungen verfüge. Statt „herzlich wenig“ hätte man ja früher „keine“ gesagt. Es wird eben alles euphemisiert.

Am Ende stieg die taz-Gala jedoch in einem alternativen Hotspot vor einer gleichgesinnten Blase, die vor mir sogar noch mehr Angst hatte als ich vor ihnen. Keine Störer im Publikum und auch wenige Lacher. Dafür gab es Bier. Auf einmal erstaunlich kühn geworden rüttelte ich das Volk auf und demagogisierte eine letzte große Entscheidungsschlacht zwischen demokratischen und antidemokratischen Kräften herbei. Echt blöd nur, dass keine Rechten da waren. Ich hätte mich kamikazegleich auf sie gestürzt. Schade, so köchelten wir doch bloß wieder im eigenen Saft.

Es war trotzdem ein schöner Abend. Heute bin ich ein bisschen müde. Ein schwerer Seufzer entfährt meiner leicht verkaterten Seele. Mitleidig blicken die anderen im Abteil wiederholt zu mir herüber. Ich merke, wie unbehaglich ihnen zumute ist und werde davon immer fröhlicher, natürlich ohne es zu zeigen. Ihnen steht der Schweiß auf der Stirn, so sehr tragen sie an meiner Last.

„Ah“, sage ich. „Aaaahh.“ Und trete von einem Bein auf das andere. Nach einer Stunde Fahrtzeit habe ich die Frequenz des Gejammers auf halbminütig hochgefahren. Jetzt bietet mir ein Typ aus dem Nachbarabteil an, für mich mal ne Weile zu stehen, und mir solange seinen Platz zu überlassen.

„Nein danke“, sage ich weinerlich, „Nicht nötig, ich kriege das irgendwie hin.“ Ich weiß doch, dass er nur aus Eigennutz handelt: Schließlich habe ich mitbekommen, dass er als Lehrer mit seiner Schülergruppe im Abteil sitzt und die vorgebliche Generosität die einzige Chance darstellt, vorübergehend dem Gestank und Gefasel seiner Teenies zu entkommen. Da hat sich der Pauker aber mal schön verrechnet. Lieber sterbe ich.

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