Tour der Leiden

Wie bunte Bojen oben auf dem giftigen Dreckwasser.

Sonntagmorgen. Der Verkehrsfunk vermeldet Sperrungen im Bereich Treptower Park wegen eines Triathlons. „Triathlon“: Ist das nicht dieser Irrsinn, bei dem man erst meilenweit durch offene Gewässer schwimmt, sich anschließend auf dem Fahrrad einen Megawolf strampelt, und dann, wenn man eigentlich schon klinisch tot ist, mal eben noch einen Marathonlauf hintendran hängt? Eher würde ich mir den kleinen Finger der linken Hand abhacken. Dabei bin ich gar kein Sportmuffel, fast im Gegenteil: So möchte ich ausgerechnet heute gerne selber durch den Park joggen, allerdings am liebsten möglichst unbehelligt von irgendwelchen Askeselemmingen mit türstockartig hervortretenden Halsschlagadern.

Bis auf Höhe der „Insel der Jugend“ geht alles gut. Doch dann wird es anstrengend. Neben mir in der Spree fällt gerade der Startschuss für einen Schwarm Schwimmer, deren Badekappenköpfchen wie bunte Bojen oben auf dem giftigen Dreckwasser dümpeln. Vor mir versperren anfeuernde Zuschauer den Weg, der meine Laufstrecke ist. Der größte Feind des unorganisierten Sports ist der organisierte Sport.

Was wollen die bloß alle hier? Der Schauwert eines Amateurtriathlons ist ja begrenzt. Das Geheimnis liegt wohl in der uralten Faszination am fremden Leiden. Egal, ob Hinrichtungen, Autounfälle, Prominentenprozesse oder Dschungelcamps – sie alle ziehen seit jeher Schaulustige an. Nur aus diesem Grund wurde das Fernsehen erfunden. Und seit Menschengedenken sehen Unsportliche Sportlichen bei ihren Leibesübungen zu. Der Profisport verdankt seine Existenz allein dem Phänomen, dass eine breite Masse Bewegungsferner sogar bereit ist, Geld dafür auszugeben, sich mit einer Mischung aus Bewunderung, Spott und Angstlust am Schweiße der Berufssportler zu ergötzen.

Es ist kaum ein Durchkommen, denn zwischen den Gaffenden taumeln mir auch noch halbtote Neopren-Heinis, Nackte und frisch Umgezogene mit Wasserflecken auf der Kleidung entgegen. „Platz da, ihr lahmen Enten“, ermahne ich die mutmaßlichen Teilnehmer. „Mit Schwimmen und Radfahren bin ich längst fertig.“ Hoffentlich stimmt die Reihenfolge auch – bei Ansetzen-Trinken-Aufstoßen bin ich mir zum Beispiel deutlich sicherer.

Wer bitte schickt eigentlich sehenden Auges unschuldige Menschen in die Spree? Das ist doch komplett verantwortungslos, da könnte man genau so gut in Flusssäure planschen. Wäre ich Verschwindungsbeauftragter eines Drogenkartells, würde ich meine Opfer hier zum Bade bitten, mit oder ohne Startnummer. Dabei wirkt der Fluss so harmlos. Er fließt gar nicht richtig, wie all die erbärmlichen Hilfsflüsse der Region, ob Dahme, Havel oder Müritz, verkappte Seen allesamt. Der einzige erwachsene Fluss weit und breit ist die Oder, aber wegen kriegsbesoffener Bellizisten wie Winston Churchill oder Marlene Dietrich ist leider auch die kein ungeteiltes Vergnügen mehr. Ohne diese Kriegstreiber könnten wir jetzt alle mit der Pickelhaube auf dem Kopf beim Wolga-Triathlon „German Open“ mitmachen.

Ich kämpfe mich energisch durch die Menge, und kaum hundert Meter weiter herrscht himmlische Ruhe. Von einer Bank am Wegesrand beobachten zwei ältere Typen das Treiben aus sicherer Entfernung. Sie trinken Bier, es ist immerhin schon 11 Uhr morgens. So kann man seiner Leidenschaft als Sportzuschauer nämlich ebenfalls nachgehen. Es muss gar nicht immer lautes Jubelgeschrei in der gleichgeschalteten Masse sein; das ruhige, halbkonzentrierte Fachsimpeln bei einem guten Glas Bier auf dem Sofa ist oft die elegantere Methode. Es macht keinen Krach und versperrt auch niemandem den Weg.

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