Manöverkritik

Für Vollhirnis nicht ganz leicht

Vor dem roten Kleinwagen komme ich sicher noch bequem über die Fahrbahn. Schließlich muss er erst noch stoppen, nach links und rechts gucken und dann die vielbefahrene Radfahrerstraße vorsichtig kreuzen.

In der Praxis aber spart er sich das alles, quert die Straße, ohne die Vorfahrt zu beachten, bremst die Radfahrer aus und fährt mir an der nächsten Ecke fast über die Füße. Ich muss sogar ein Stück zurück hopsen. „Bist du bescheuert?“, rufe ich dabei durch sein geöffnetes Fenster.

Es quietscht: Vollbremsung. Der Typ springt raus und rennt wie ein Berserker auf mich zu. „Du hast mich beleidigt!“ Er brüllt mich aus einer Entfernung an, wie sie in unseren Kulturkreisen eher Liebenden vorbehalten ist.

Das sind wir aber definitiv nicht. Besonnen brülle ich des ungefähren Inhalts zurück, dass die Straßenverkehrsordnung die Motorkeulung hinderlicher Fußgänger in keinem wie auch immer gearteten Fall vorsehe, doch meine Einlassungen interessieren ihn nicht. „Du hast mich beleidigt“, wiederholt er, als wäre ich schwerhörig oder doof, was in einer Urversion unserer Sprache, perfiderweise ohnehin als eins gesehen wurde. Dabei reicht seine Lautstärke locker aus, um auch noch die Passanten auf dem fünfhundert Meter entfernten Kottbusser Damm mit seinem Kommunikationsderivat zu beglücken. Vielleicht kommt es ihm auch langsam komisch vor, mich hier so von Kind zu Mann zu bedrohen, denn sein Wutgeheul kippt nun leicht ins Weinerliche: „Habe ich dich beleidigt?“

Tolles Argument. „Nö“, muss ich zugeben. Hat er nicht. Bis jetzt noch nicht. Er hat mich fast umgebracht, doch beleidigt hat er mich nicht. „Arschloch“, sagt er, eilt fort und steigt wieder ein. Beim Losfahren baut er in seiner Hektik fast noch einen Unfall. Ich blicke ihm nicht ohne Mitgefühl hinterher. Der Arme. Bestimmt muss er ganz schnell ganz wichtiges Zeug von hier nach dort bringen. Dieser Druck macht uns alle krank. Und während ich meinen Weg fortsetze, mache ich mich bereits an die gründliche Auswertung: Was lief denn im Diskussionsverlauf heute gut und was lief weniger gut?

Zunächst fasse ich mal die positiven Punkte zusammen. 1. Stehenzubleiben, als er aus dem Auto springt, und ihn frontal zu erwarten. 2. Keinen Zentimeter zurückzuweichen, als er mich aus nächster Nähe anschreit. 3. Noch lauter zurück zu schreien. 4. Keine Angst zu verspüren. 5. Gewalt zu vermeiden. 6. Die Sache verbal nicht noch weiter zu eskalieren.

Und damit sind wir auch schon bei den negativen Aspekten angelangt.

1. Die Sache verbal nicht noch weiter zu eskalieren, denn nur so wären wir quitt geworden. Schließlich steht hier ein Mordversuch plus eine Beleidigung von seiner Seite gegen nur eine Beleidigung von meiner. Das heißt in dem Moment, in dem er mich „Arschloch“ nennt, bin ich geradezu gezwungen, den nächsten Zug zu machen und „Blödsau“ oder „Wichser“ zu sagen. Immer einen drauf – genau das bedeutet schließlich Eskalation. Wobei in der harten Währung der Straße ein Mordversuch ja wohl eher drei bis zehn Beleidigungen wiegt. Weiß doch jeder, der auch nur zwei Folgen „Game of Thrones“ gesehen hat. Also könnte ich mir den Mund fusselig beleidigen, bis wir tatsächlich quitt wären.

2. Vor allem aber meine katastrophale Schlagfertigkeit – mögliche Repliken auf sein „Hab ich dich beleidigt?“ wären u.a. 2.a. „Heul doch.“ 2.b. „Nee, aber ich hab ja auch nen Grund.“ 2.c. „Ich hab dich nicht beleidigt, ich hab nur ne Frage gestellt.“ 2.d. „Warum fährst du auch mit offenem Fenster?“

Relativ simple Antworten, die nun nach und nach meine zehn Minuten lange Zündschnur herunterglühen. Das ist definitiv der zentrale Skill, an dem ich noch feilen muss. Meine Schlagfertigkeit ist ein Orgasmus in der U-Bahn auf der Heimfahrt nach dem Date.

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