Die Liebe in den Zeiten des Ersatzverkehrs

Berlin wirkt zurzeit voller denn je.

Berlin wirkt zurzeit voller denn je. Fast wie eine echte Metropole und nicht wie die gewöhnliche deutsche „Großstadt“, wo, von der allsamstaglichen Eskalation in dem „Fußgängerzone“ genannten Zombie-Auslaufgebiet im Zentrum abgesehen, Fuchs, Hase und Tumble Weed tot über den Zaun hängen. In den Stoßzeiten steht man am Hermannplatz neuerdings hinter einer gewaltigen Menschenmenge an der Fußgängerampel an. Oft schafft man es beim nächsten Grün kaum über die Straße. Denn jede Ampelphase in diesem Land ist ein einziges vorwurfsvolles Statement, wie Leute es überhaupt wagen können, sich hier ohne Auto zu bewegen. Die haben ja anscheinend nichts zu tun. Dann können sie auch warten. Arme Schlucker. Fußvolk. Schmarotzer, die das Prunkstück unserer Volkswirtschaft durch Nichtbeachtung sabotieren.

Auch in der U-Bahn ist es knallevoll. Ich bin baff. Allerdings fahre ich auch nur selten mit der U-Bahn. Und schon gar nicht zur Rush Hour. In meiner Erinnerung stieg man zu jeder Tageszeit einfach in die Bahn und setzte (!) sich irgendwohin. Nun aber trifft mich bereits beim Betreten des Bahnsteigs schier der Schlag: Ein Meer von Sardinen wartet auf eine einfahrende Sardinenbüchse. Kaum ein Fischlein steigt aus. Trotzdem quetschen sich noch ein paar dazu, während die anderen auf die nächste Dose warten. Als wir nach vielem Durchsagegeschrei – „Von mir aus könnwa hier den janzen Tach rumstehen“, „Wat an dem Wort ‚Türen‘ ist denn so schwer zu verstehen: make ze doors free“, „Arschgeigen“ – endlich die Station verlassen, erscheint der Bahnsteig genauso voll wie zuvor.

Ich bin drin. In einem Tetris der Körperteile finden Nasen und Münder, Arme und Beine, Kimmen und Genitalien wunderbar passgenaue Nischen und Gegenstücke, verschränken sich die verschiedenen Formen, um die knappen Hohlräume optimal zu nutzen. Es ist eine intime Situation. Manch einsame Seele freut sich über die so lang ersehnte Berührung. Vielen fehlt ja die geeignete Sprache, um ihre wahren Bedürfnisse zu äußern. Da sagt dann eben „Ficken“, wer eigentlich nur Wärme sucht, und seit die Feminazis das Flirten verboten haben, ist alles noch viel schwieriger geworden. Aber hier ist es ganz einfach.

Wieder andere hätten ihre Schmusepartner lieber erstmal gründlich kennengelernt. Denn hier lüften sich wie von Zauberhand die tollsten Geheimnisse unserer Mitmenschen, ob man will oder nicht. Ich zum Beispiel komme direkt vom Zahnziehen. Nach aktuellem Stand der Wissenschaft spült man ja danach den Mund nicht mehr aus. In der Wunde soll sich ein Blupfropf bilden, der diese schützt und die natürliche Heilung einleitet. So beiße ich nur auf eine kleine Kompresse; erst später werde ich im heimischen Spiegel entdecken, dass meine Schneidezähne so blutverschmiert sind, als hätte ich frisch ein Beutetier gerissen. Vermutlich rieche ich nach Blut so wie andere neben mir nach Zwiebeln, Alkohol sowie allem Möglichen und leider auch Unmöglichen. Ich glaube, ich lasse den Mund lieber zu.

An der nächsten Station löst sich eine Frau in meiner Nähe aus ihrer Passform heraus und steigt aus, obwohl sie gar nicht aussteigen muss. Vor Staunen steht mir nun doch wieder der Mund offen – die Umstehenden schreien entsetzt und ich weiß noch immer nicht, warum. Aber das ist schon krass der Hammer. Bestimmt fährt sie öfter mit der U-Bahn. Denn ich in meiner Unerfahrenheit würde ja sagen: „Wieso soll ich rausgehen, wenn ich doch schon drin bin. Außerdem steh ich direkt neben der Tür, da steh ich super.“ Doch sie weiß instinktiv, dass sie sich an einer strategischen Schlüsselposition befindet und dort den Pfropfen bildet, den es zu entfernen gilt, um Ein- und Ausfluß in den Wagen überhaupt erst wieder zu gewährleisten. Achtsame U-Bahnmenschen sind wie Ameisen. Als kleinster Bestandteil eines riesigen sozialen Körpers halten sie diesen per Arbeitsteilung perfekt am Laufen.

Als sie sich mit dem nächsten Schwung Sardinen wieder zurück in die Büchse spülen lässt, beweist sie sogar noch über ihre Kernkomptenz hinausgehendes Verantwortungsbewusstsein. „Dir hängt da dein Dings raus“, sagt sie beiläufig zu mir, „von deinem Rucksack.“

O, danke“, sage ich, nachdem der erste Schreck gewichen ist. Da surfte wohl die ganze Zeit schon eine Strippe meines Rucksacks an der Außenseite mit. Allerdings wäre hier drin dafür eh kein Platz mehr gewesen.

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