„Ein zentraler Punkt meines Charakters ist die Suche nach Wahrheit.“
Ein überraschendes Youtube-Filmchen des Schwurbelbarden Xavier Naidoo macht jüngst die Runde. Von seiner Frau aus der Ukraine mit dem Herrschaftswissen um einen schrecklichen Krieg versehen, der dort toben soll, will er auf einmal erkannt haben, „auf welchen Irrwegen ich mich teilweise befunden habe.“
Er
sehe nun einen Grund, sich kritisch zu hinterfragen: „Ich war von
Verschwörungserzählungen geblendet.“ Die Themen Covid-19 und
jüdische Weltverschwörung spricht er nicht direkt an. Der
Phantomschmerz des Irrglaubensverlusts tut sicher weh und, wer weiß,
ob man am Ende nicht doch noch etwas von dem Mumpitz gebrauchen kann?
Aber eines möchte er auf seinem braunen Ledersofa klarstellen: „Ein
zentraler Punkt meines Charakters ist die Suche nach Wahrheit.“
Das
ist gut. Denn wo bisher einseitige Informationsbeschaffung zu
Fehlurteilen führte, verspricht Naidoo, den Dingen in Zukunft besser
auf den Grund zu gehen. Dazu gehört gewiss auch eine ausgewogenere
Recherche der Details: Wie sehen die Keller aus, in denen man die
Adrenochrom-Kinder gefangen hält, von wie vielen Reptiloiden,
Schwarzelfen oder „Halbwesen“ (nach Sibylle Lewitscharoff) werden
sie bewacht und wie sind die Apparaturen konstruiert, mit denen die
jüdischen Bankiers aus dem Kinderblut das wertvolle Adrenochrom
extrahieren, um sich selbst damit zur Unsterblichkeit zu spritzen?
Eine Unsterblichkeit auf Pump jedoch, denn die Wirksamkeit verlangt
nach permanenter Auffrischung, wie man es ja auch von der
Mogelpackung Corona-Impfung kennt. Und so hängen diese Junkies des
Bösen für immer an der Nadel und gieren nach dem ständigen
Nachschub unschuldiger Kinder.
Das
sind doch völlig neue Einsichten, die noch dazu Hoffnungen wecken:
Wenn ein Xavier Naidoo hier wider alle Erwartung in sich geht, wird
man einen ähnlichen Sinneswandel bald auch bei Ken Jebsen oder
Donald Trump erleben dürfen? Wird nach dem Vorbild seiner Freunde
sich daraufhin gar ein Wladimir Putin neue Informationsquellen
erschließen, Irrtümer einsehen, schiefe Geschichtsbilder
geraderücken und das Morden einstellen? Dann hätte Naidoos Leiden
am Ende doch noch einen Sinn gehabt.
Wir
sehen Putin allein an seinem langen Tisch wie er einen Beitrag auf
dem Laptop einspricht – er ist schon bei den letzten Sätzen
angekommen: „Ich stehe für Toleranz, Vielfalt und ein friedliches
Miteinander. Mit manchen meiner Äußerungen und Verhaltensweisen
habe ich Menschen vor den Kopf gestoßen und verletzt, was ich sehr
bedauere. Hiermit entschuldige ich mich und bitte euch um
Verzeihung.“
Mit
einem zerknirschten Lächeln schließt er Youtube, und öffnet die
Seite www.bahn.ru, um ein Zugticket nach Den Haag (Minsk umsteigen)
zu lösen, denn innerhalb Europas zu fliegen, muss nun wirklich nicht
sein, dem Klima zuliebe. Hoffen wir für ihn und uns, dass die
Bezahlung über das PayPal-Konto seiner Tochter funktioniert.
Auf dem Bürgersteig vor der Eisdiele
in der Falckensteinstraße prangt ausladend eine frische Kotzlache.
Der prachtvoll schillernde Reihersee ist das geradezu archetypische
Ideal einer Kotzlache, so dass ich nicht umhin komme, mein Handy zu
zücken und die schöne Bescherung abzulichten. Von der anderen
Straßenseite beobachtet mich dabei ein jüngerer Typ mit skeptischer
Miene. Was hat der denn eigentlich für‘n Problem? Dieser
verschissene Sauertopf. Noch ist das hier ein freies Land.
Extra
gründlich fotografiere ich die Kotzlache daraufhin aus noch zwei
weiteren Perspektiven, und mit verschiedenen Zoom-Einstellungen. Sie
ist aber auch ein Prunkstück mit ihren intarsienartig eingestreuten,
hübschen, bunten Bröckchen. Im Grunde ist sie das ästhetische
Äquivalent zu so einer bilderbuch- oder besser comicartig perfekt
gezwirbelten Kackwurst im Look eines frischen Softeises oder
Zwiebeltürmchens einer bayerischen Kirche, wie man sie in seinem
Leben nur ganz selten hinbekommt, und – die meisten reden zwar
merkwürdigerweise nicht offen darüber – dann natürlich ebenfalls
fotografiert. Das ist ein Muss, auch wenn man hinterher manchmal
nicht auf Anhieb weiß, wohin nun mit dem Bild: soziale Medien, ein
gerahmter Papierabzug auf dem Nachtkästchen oder doch lieber in
Mutters mithilfe von Rossmanns Calendar-Software liebevoll
selbstgebastelten Fotoweihnachtskalender?
Der
Gedanke an Weihnachten lässt in meinem Herz die Sonne aufgehen.
Plätzchen, Bratäpfel und Schokoladenosterhasen. Dann die Rute. Mein
Glück wäre in diesem Moment vollkommen, wäre da nicht die lange
Fresse dieses Spielverderbers. Wahrscheinlich denkt er gerade so was
ähnliches wie: Wir haben Krieg, und diese Hohlmeise fotografiert
hier ne Kotzlache.
Aber
das wäre ja einfach nur superpeinlich. Denn was hat bitteschön das
eine mit dem anderen zu tun? Allein im Interesse seiner geistigen,
seelischen und charakterlichen Gesundheit kann ich nur inständig
hoffen, dass er das nicht denkt. Das wäre ja sonst Whataboutism
dritten Grades in Tateinheit mit Critical Vomit Anxiety, ein
absolutes No-go. Blackfacing ist fast pc dagegen.
Denn
schließlich mache ich hier Kunst. Will er die etwa verbieten? Oder
noch schlimmer: hinterher verbrennen, und mich gleich dazu? Die Kunst
ist frei. Sie kennt keinen Krieg. Sie kennt auch keinen Frieden.
Kunst ist im besten Fall dumm, grob und unbestechlich. Also
genaugenommen wie ein Türsteher. Kunst ist ja letztlich auch ein
Türsteher am Eingang zum Club der toten Dichter, lebenden Maler und
untoten Videoperformanceknilche.
Meine
Kotzlache ist ein schreiendes Stillleben, das die bürgerlichen
Kunstkonsumenten aus ihrer Komfortzone reißen wird. Schwanensee und
Sektchen in der Pause: Das ist für euch Kunst, hm? Aber nicht mit
mir. Und ihr habt noch Glück: In der französischen Revolution hätte
man euch für diese dekadente Einstellung den Kopf abgeschlagen. Bei
mir müsst ihr euch nur das Bild eines Kotzetümpels ansehen und den
sich daraus ergebenden, unangenehmen Fragen stellen: Hier ging es
einem Menschen allem Anschein nach gewaltig schlecht. Und euch geht
es im Vergleich sehr gut. Ihr habt ganz offensichtlich Besseres
gegessen und getrunken. Ihr könnt euch das leisten. Woher stammen
eigentlich eure Privilegien, und wodurch, glaubt ihr, wären die
gerechtfertigt?
So,
fertig abgelichtet. Jetzt brauche ich nur noch einen Titel. „Foodporn
revisited“ gefällt mir. Aber vielleicht ist das auch schon zu
wertend. Schließlich muss die Message vom Kunstwerk selbst kommen,
und nicht von dessen Schöpfer. Also entscheide ich mich für ein
schlichtes „K 2“.
Ich hopple friedlich schnaufend durch
den Volkspark, als sich Unheil nähert. Ich spüre es schon von
weitem, ehe ich irgendetwas höre oder sehe. Es ist wie ein Schatten,
der unversehens mein Gemüt umwölkt, ein innerer Eichelhäher, der
im Dickicht meiner Gedanken warnend schreit – selbst der moderne
Mensch scheint sich da den Rest eines Urinstinkts erhalten zu haben.
Und
schon ist er fast neben mir, Typus Altlinker, lange graue Haare und
anachronistische Jeansjacke auf einem Lastenfahrrad, und zischt mich
von schräg hinten an: „Kss, kss! Heimlich wird hier der Faschismus
wieder eingeführt. Unaufhaltsam …“
Aha,
Grüße aus Schwurbelhausen. Aber warum gerade ich? Was habe ich
getan? Und soll ich missioniert werden oder sieht er in mir eher
einen Gleichgesinnten, weil ich hier meinen Körper durch Bewegung an
der frischen Luft stähle? Ein Nachkomme Turnvater Jahns in der
Hasenheide, ein rot-grün-brauner Fitnesshybrid zwischen
Nationalismus, Freiheitskampf und autark errungener Immunität. Denn
eine häufige Legende der Impfgegner besagt ja, dass man Viren jeder
Art am besten durch Sport, Wechselbäder oder Essen eines Apfels
abwehrt. So wird man niemals krank, und wenn doch, dann ist es sogar
umso besser, denn je schwerer man erkrankt, desto weniger erkrankt
man dann in Zukunft. Das gilt vor allem für die Toten.
„Danke“,
schnaufe ich mühsam im Laufen, „aber das interessiert mich nicht.
Geh weg!“
Ich will mit ihm nicht über Diktaturen diskutieren. Sollte er diesbezüglich Fragen haben, kann er gerne nach Russland gucken. Aber bestimmt vergebliche Liebesmüh: Was ich bei mir persönlich bekannten „Querdenkern“ zunächst für eine wie auch immer verirrte, aber dennoch selbst zusammengestellte und in Resten sogar originär linke, weil obrigkeitskritische bis anarchische Position zur Pandemie hielt, fehlt am Ende nämlich jede Individualität. Denn nun wird zusammenhanglos das im Wahnpaket Classic standardmäßig ebenfalls enthaltene Element „Team Putin“ übernommen. Also kein bis zur gesellschaftlichen Selbstzerstörung ausgereizter Liberalitätsbegriff, sondern nur nachblökende Wachschafe. Enttäuschend.
Unbeirrt
fährt er neben mir her. „Du bist doch dieser Schreiberling von
Neukölln.“
Oh,
nein. Das ist wirklich die denkbar dümmste Kombi: erfolglos zu sein,
und trotzdem erkannt zu werden. Denn entweder bist du so prominent,
dass du auf der Straße von Leuten erschossen wirst, nur weil die
scharf auf einen eigenen Wikipedia-Eintrag sind, doch dafür stimmt
immerhin das Schmerzensgeld. Oder es stimmt nicht, aber man fliegt
wenigstens unbehelligt unter dem Radar der Feinde durch. Doch das
hier ist echt lose-lose. Dazu noch der miese Ausdruck
„Schreiberling“. Zwar gibt es nach wie vor auch anständige
Menschen, die tatsächlich nicht wissen, dass das ein herabsetzender
Begriff ist, den besonders gern die Nazis verwendet haben. Der hier
aber meint das hörbar genau so.
„Das
haben die damals auch gesagt: ‚interessiert mich nicht‘“,
knarzt er mich weiter von der Seite an. „‚ich bin ja nur ein
kleiner Hausmeister‘, haben sie gesagt, ‚ich hab ja nichts damit
zu tun …‘“
„Verpiss
dich!“ Das Niveau meiner Gegenrede schlägt leider ziemlich schnell
am Boden auf. Aber ich werde halt sauer, weil ich laufe hier ja
privat durch den Wald und steh nicht als Teil einer Gegendemo
diskutierend am Rand eines dieser „Spaziergänge“. Ich käme ja
auch im Leben nicht auf die Idee, irgendwelchen wildfremden Leuten in
ihrer Freizeit hinterher zu dackeln und sie überfallartig
anzuraunen: „Kss, kss, die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo
die Krankheit des Anderen beginnt“, oder, „kss, kss, dreifach
Geimpfte sind besser gegen schwere Krankheitsverläufe geschützt.“
Das mache ich ja auch nicht. Wer nach zwei Jahren noch immer Kram
denken möchte, denkt eben Kram. Was soll ich da groß
hinterherzischeln? Mit „Heil Hildmann“, entweicht mir am Ende
dennoch ein übler Verbalfurz.
„Hildmann?“
Er stutzt. „Nee, Merkel.“ Und verbessert sich: „Ach nee, die
ist ja auch nicht mehr …“ Wir haben es beide nicht leicht in
dieser schnelllebigen Zeit.
Viele holen ja ihre geflüchteten
Ukrainer selbst am Berliner Hauptbahnhof ab. Mich erinnert das zu
sehr an den Schüleraustausch in Frankreich, als man bei der Ankunft
schon durchs Fenster des Reisebusses die wartenden Gastfamilien sah.
Dann dachte man sich, „die sehen ja nett aus“, oder „oh Gott,
bitte nicht zu denen“, bevor man random an irgendwelche Dumonts
oder Duvaliers verteilt wurde. Auch im Tierheim kennt man das
Prozedere auf beiden Seiten der Gitterstäbe.
Deshalb
biete ich meine Unterkunft online an. Das halte ich für bequemer und
auch menschenwürdiger. Bequemer vor allem für mich, mit der
Menschenwürde als wohlfeiles Gimmick. Das ist Hilfe light; so sieht
es eben aus, wenn die Kacke derart am Dampfen ist, dass auch wir
Trägen und Verzagten, wir Angsthasen und Arschlöcher mitanpacken
müssen.
Ich
registriere mich auf der Vermittlungsplattform host4ukraine,
und sofort meldet sich auf Englisch ein junger Mann, der Mutter,
Großmutter und kleinen Bruder untergebracht wissen will. Die
Anbahnung verläuft erratisch. Wiederholt wird die Ankunft
verschoben, und als er mir einen Einzugstermin am kommenden
Nachmittag bestätigen soll, reißt die Kommunikation endgültig ab.
Ein Missverständnis?
Ich
will schon die nächste Kandidatin auf der Liste anschreiben, da
stehen auf einmal sechs Leute vor meiner Tür. Sechs statt drei, ach
du Scheiße! Als ich gegen große innere Widerstände doch noch
öffne, löst sich zum Glück das Rätsel: Mitgekommen sind der große
Bruder, der mich angeschrieben hatte, sowie zwei ältere, in Berlin
wohnende Verwandte. Sie stellen hier auf deutsch die Fragen, sie
übersetzen, mäkeln nebenher ein bisschen herum, es ist ihnen zu
schmutzig. Ich hatte aber nicht viel Zeit; kaum zu glauben, doch der
Krieg hat sogar mich überrascht.
Bei
mir einziehen sollen dann wie angekündigt nur eine Babuschka, die
Mutter sowie der kleine Bruder. Sie sprechen weder Deutsch noch
Englisch, wirken nett und schüchtern. Oder eher verschüchtert, was
weniger toll ist, weil genau das der Krieg aus selbstbewussten
Menschen gemacht hat: erschöpfte, gedemütigte Bittsteller bei
irgendeinem bescheuerten Fremden in irgendeinem bescheuerten fremden
Land.
Die
Verwandten sind mir weniger sympathisch. Dennoch verstehe ich sie.
Argwohn ist gut, Misstrauen ist besser. Irgendwer muss hier
schließlich im Namen der Hilfesuchenden tough verhandeln und den
Wohnungsgeber abchecken. Sie werden ja nicht hier wohnen und wollen
auch nicht meine Freunde werden, was ihnen auf jeden Fall perfekt
gelingt.
Da
geht es zum Beispiel um den Nachbarn, den ich als Hilfe für Notfälle
aller Art anpreise. „Das ist aber ein Deutscher?“, fragt die
Verwandte, „und ein Mann?“ Ja, ist er. Na und? Oder auch nicht
„na und“. Denn langsam dämmert mir, wie rundum unsicher eine
Situation wie diese für die geflüchteten Frauen ist. Nicht umsonst
patrouillieren am Hauptbahnhof Zivilbeamte, um die dort lauernden
Fledderer im Zaum zu halten. Und wo ich von mir stets das Bild eines
blütenweißen, freundlich-flauschigen Riesenkaninchens im Kopf habe,
sehen sie eben nur einen etwas schmierigen, mittelalten Fremden, der
leicht angespannt inmitten seiner schmutzigen Wohnung steht. Dazu
kommt noch meine zweifelhafte Legende. Denn ich habe zwar behauptet,
ich würde nun mit in der Wohnung meiner Frau wohnen, und könne
deshalb meine eigene zur Verfügung stellen, aber ich kann natürlich
viel erzählen, wenn der Krieg lang ist. Selbst wenn das stimmen
sollte, wird es davon nur noch seltsamer. Nicht mal Selenskyj hat
zwei Wohnungen. Und warum wohnt ein Mann nicht bei seiner Frau? Was
ist denn das wieder für ein westliches Spinnerkonzept?
Daher
entscheide ich mich, auf der Übersetzungs-App beim Sie zu bleiben.
Auf der Flucht ist ja nicht beim Friseur. Immer schön vorsichtig.
Dazu erleichtern zwei getrennte Wohnungen die schwierige Balance
zwischen Hilfe und Privatsphäre. Vor allem mir, denn mit anderen
Menschen habe ich es prinzipiell nicht so.
Aber
genau deshalb bin ich auch ein wenig überfordert. Ich habe ihnen
keinen Tee angeboten. Nicht nach den Namen von Großmutter und Enkel
gefragt, und beide kaum beachtet. Die Leute nicht gefragt, aus
welcher Stadt sie kommen, wie die „Reise“ war, ob sie müde sind,
was mit dem Ehemann und Vater ist. Mir selbst beim Ich-Sein
zuzusehen, ist einmal mehr ernüchternd. Andererseits gibt es auch
einfach zu viele praktische Dinge zu besprechen, und in der kleinen
Wohnung ist ohnehin kein Platz, wo sieben Leute in Ruhe Tee trinken
können.
Und
letztlich denke ich mir, dass zwar viele Gastgeber angenehmer sein
mögen als ich, dafür andere aber auch noch schlimmer: Die Pässe
oder Impfnachweise kontrollieren, scannen und kopieren, bevor sie auf
die Mülltrennung hinweisen. Und dann sollen die Gäste ihnen noch
haarklein schildern, wie ihr ganzes Leben von heute auf morgen zu
einem kleinen Haufen Scheiße zusammengefallen ist. Zu viel
Anteilnahme kann auch nerven.
Das
wird mir jedenfalls nicht unterlaufen. Und was bringt es mir, zu
wissen, ob und wie und warum sie nicht geimpft sind, denn was dann?
Soll ich sie dann nicht aufnehmen? Ich bin geimpft – das muss fürs
erste reichen.
Erstaunlich überhaupt, wie schnell die eine Notlage hinter der anderen verschwindet. Kein gutes Zeichen auch für den Klimawandel, der ja blöderweise jetzt nicht irgendwie pausiert. Für mich ist nun jedenfalls erst mal Krieg, noch dazu da meine eigene Erkrankung in etwa das Kaliber der Impfreaktion nach meinem ersten Schuss Astra Zeneca hat. Ich weiß, dass das einfach nur Glück ist, aber schon zuvor tagte in meinem Kopf teilweise eine Talkshowrunde, in der zwei strenge Spitzenvirologen, ein Kulturveranstalter und ein rechtsradikaler Schokoladenkeksfabrikant einander mit Argumenten beschmissen wie Kinder an der Ostsee mit Quallen. Die Talkshow ist vorbei. Stattdessen läuft nun ein „Brennpunkt“ nach dem anderen, dazwischen Trauermusik.
In
der U7 fällt mir bereits am Mehringdamm die für die Tageszeit
ungewöhnlich hohe Seniorendichte auf. „Die sind bestimmt nur
falsch umgestiegen“, ist mein erster Gedanke. Schließlich fährt
hier auch die U6 nach Alt-Mariendorf, das seinen Namen völlig zu
Recht trägt als Ort mit noch mehr Altenbunkern als der Atlantikwall.
Doch es sind keine gewöhnlichen Senioren im klassischen
Senioren-Beige. Denn die weißen Haare der Männer sind, soweit
möglich, voll und zerzaust, die der Frauen lang und offen. Dazu
Lederjacken, lange Kleider, hier und da ein flotter, bunter Schlips.
Pensionierte Kunstlehrer riechen nach Edelgras
und gutem Rotwein. Sie fahren zum Lou-Reed-Konzert.
Genau
da wollen wir auch hin. Als wir an der Station „Zitadelle“ die
Bahn verlassen, regnet es in Strömen. An einem ambulanten Bierstand
auf dem Weg zum Veranstaltungsort kaufen wir primitive Regenponchos,
eigentlich nur so eine Art Mülltüten mit Löchern drin, für den
Kopf und für die Arme. Die
Gnade der späten Geburt spült uns trotz
der Unterbrechung als erste an
den Einlass – es ist
schon von Vorteil, wenn man vergleichsweise rüstig ist.
Auf
dem Konzertgelände sehen wir uns um. Lange habe ich mich unter
derart vielen Leuten nicht mehr so als Nesthäkchen gefühlt. Seit
dem Eric-Burden-Konzert vor fast zwanzig Jahren eigentlich nur noch
auf Friedhofsspaziergängen.
Vorne
ertönt schon Live-Musik. Doch die Vorband kennt keiner, irgend so
ein 25jähriges Gör. Bei
dem weiß man doch gar nicht so
recht, wie man das
einordnen soll – es
ist zwar schön, wenn die Kinder auch mal was mit Musik probieren,
aber dann vielleicht doch lieber erst zuhause unterm Weihnachtsbaum
und nicht gleich hier
in aller
Öffentlichkeit. Die
Eltern wieder! Unverantwortlich! Auch
deshalb bleiben die
Zuschauer solange
lieber noch unter den
schützenden Bäumen
und Bierschirmen stehen. Schließlich
könnte jede Erkältung
den raschen Tod bedeuten.
Die
Sängerin
verabschiedet sich nach
dem Musizieren fast unbemerkt. In der kaum einstündigen Umbaupause
vor Lou Reed wird es höchste Zeit, einen möglichst guten Platz nahe
der Bühne zu ergattern. Das könnte knapp werden, speziell unter
diesen Bedingungen: Schmatzend versuchen
sich blockierende Rollatoren durch den feuchten Kies zu
fressen, wie
Wehrmachtspanzer, die am
Wetter und der Weite
Russlands scheitern. Grobe Flüche sind zu hören – „Unhold!“,
„Spitzbube!“, „Lümmel!“, „Gauner!“, – natürlich stets
in Verbindung mit dem informellen Du, denn es sind im Wesentlichen
das alte Kreuz- und Schöneberg, die hier versammelt sind.
Mit
jugendlicher Eleganz winden wir uns durch die Masse, weichen
geschickt dem einen oder anderen empört gefuchtelten Krückstock
aus, und stehen schließlich relativ nah vor der Bühne. Hierher
haben es auch ein paar Junge geschafft – das merkt man allein daran,
dass bereits vor Erscheinen des Künstlers lautstark seine größten
Hits gefordert werden: „Satisfaction“ sowie das allzeit
unverwüstliche „Katzeklo“.
Als
Lou Reed unter mürbem Beifall auf die Bühne tritt, trägt er ein
breites Lächeln auf dem Gesicht. Ungewöhnlich für den sonst so
mürrisch wirkenden Musiker und
Schrecken der Journalisten,
aber bestimmt ist er auch noch nie vor dreitausend Mülltüten
aufgetreten. Das
einzige andere Mal, dass ich den
schlecht gelauntesten Star der Welt (Süddeutsche Zeitung)
je freundlich
gesehen hatte, war bei seinem
Auftritt auf dem Roskilde-Festival im
Jahr 2000. Nachdem
dort am späten Freitagabend beim Pearl-Jam-Konzert auf dem völlig
verschlammten Gelände vor der großen Hauptbühne neun Menschen bei
einer Massenpanik gestorben waren, riss erst am Sonntag der Himmel
auf. Mit sanfter Stimme sprach Reed in
die ersten Sonnenstrahlen hinein zu
den traumatisierten Besuchern. Und begann dann mit „Perfect Day“.
Doch
ich schweife ab. Das
Konzert des mittlerweile 70jährigen lässt alle den Regen vergessen.
Die meisten hier vergessen ja ohnehin eine Menge. Mitten hinein in
die leiseste Stelle des gefühligen „Sad Song“ hinein, ruft von
hinten einer ganz laut: „Prima!“. Sonst nichts. Ach Berlin, ick
liebe dir!
Auf
der Rückfahrt wirken alle entspannt und glücklich. Lou. Lou Reed.
Sie haben ihn noch einmal sehen dürfen. Aus
welcher Perspektive dieses
„noch einmal“ gemeint ist, wird sich später
zeigen, wenngleich
gewiss nicht sehr viel später.
Zuhause im Bad entnehme ich meinem Mund die drückenden Zähne. Aus
dem Spiegel grinst mir
ein Greisengesicht
entgegen.