Barfuß im Kot

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Meine Vorliebe für das Tragen von Flipflops im Sommer ist weit über die Grenzen von Stadt, Land und Kontinent hinaus bekannt und geradezu sprichwörtlich: „Hannemann, geh du voran – du hast ja eh bloß Flipflops an“, heißt es im Volksmärchen „Die Sieben Schwaben“, als diese beratschlagen, wer von ihnen als erster durch eine tiefe Pfütze gehen muss.

Da das von mir bevorzugte stramme Marschtempo mit diesem Hilfsschuhersatz nach orthopädischen Gesichtspunkten an Selbstverstümmelung grenzt, trage ich eine teure Maßanfertigung mit eigenem Fußbett. So etwas gibt es. Es gibt ja auch Champagner aus der Dose.

Leider reißt mir beim Stolpern über eine vorstehende Gehwegplatte (Scheiß-Senat!) der Riemen eines dieser teuren Stücke. Ich muss quasi zu Fuß weitergehen, zu Barfuß. Durch die Straßen. In der Stadt. Das mache ich gar nicht gern.

Barfuß durch die Stadt. Ich glaube, es gibt nur zwei Sorten von Menschen, die diese fragwürdige Gewohnheit pflegen – zwei Gruppen, die, abgesehen vielleicht von der notorischen Bierflasche in der Hand, sehr wenig gemein haben: auf der einen Seite in jeder Beziehung kurz vor dem Durchbruch stehende, junge Leute, die mithilfe dieser Posthippiepose urbane Lässigkeit mit dem Anschein von Natürlichkeit verbinden. Stets wirken sie so spontan, dass man ihnen allein dafür in die Fresse schlagen möchte. Und auf der anderen Seite eben ganz normale Penner – nicht als Pose, sondern wegen Armut und Sommer und Scheißegal.

Nach spätestens fünf Metern sind die Fußsohlen schwarz vor Dreck, ich muss noch mehr als sonst auf Müll und Glasscherben, Kotze und Hundekot achten, in dem beängstigenden Wissen, dass das, was meine Füße schwarz färbt, sowieso die kaum sichtbaren Rückstände des genannten, notdürftig beseitigten Unrats sind.

Jetzt werden Manche schon wieder einwenden, dass ich ja auch bei uns im Garten den ganzen Tag barfuß rumlaufe. Und dass das ja wohl um keinen Deut besser sei, weil da schließlich die ganzen Freaks aus Flora und Fauna im Gras völlig unkontrolliert ihren Scheiß hinterlassen. Sagen also Manche.

Manche sind dumme Arschlöcher. Das mag im ersten Moment ein wenig harsch klingen, doch wenn man die Dinge nicht klar benennt, hilft das letztlich auch keinem weiter. Dabei bin ich echt nicht der Typ, der mit solchen Urteilen inflationär um sich wirft; lieber gehe ich einmal zu oft in mich und prüfe gewissenhaft, ob es nicht vielleicht doch irgendwelche mildernden Umstände geben könnte, die für Manche eine feinere Bezeichnung zuließen. Mit dem Ergebnis: leider nein.

Denn der Dreck im Garten ist doch viel natürlicher. Es ist reiner, guter und sauberer Dreck. Schließlich ist es buchstäblich ein Riesenunterschied, ob da jetzt eine Ameise hingekackt hat, oder ob der Haufen von einem Rottweiler respektive englischen Easyjetter stammt. Ob man auf dem Bürgersteig in die Scherben einer Sternburgflasche tritt, weil ein Berlinbesucher zu betrunken war, um noch ordentlich den Radweg zu treffen, oder in die Überreste des Zechgelages einer Grillengang, mikroskopisch kleine Chitinscherben, die die menschliche Haut nicht mal anzuritzen in der Lage sind. Ob man auf einer Blumenwiese in die duftende Minikotzlache eines Schmetterlings latscht, der zu viel gegorenen Nektar erwischt hat, oder in ein Feld aus Erbrochenem, das ein Nordmann im Hauseingang seiner Wahl bestellt hat.

Wer diese Unterschiede nicht erkennt – oder, um das Kind mal schonungslos beim Namen, Kevin-Adolf von Storch, zu nennen: nicht erkennen WILL – ist nicht nur ein Arschloch, sondern obendrein ein Vollidiot. Von dem Straßendreck kriege ich garantiert Lepra oder einen artverwandten Ausschlag. Die Füße werden mir abfaulen. Die Maßanfertigungsflipflopfirma hat mich reingelegt. Das Leben ist schlecht zu mir, obwohl ich selber gut bin. Laut verfluche ich mein Schicksal. Die Passanten drehen sich nicht nach mir um. Der Anblick unmotiviert vor sich hin schreiender Barfüßiger ist hier in der Gegend bittere Routine.

Klar, könnte man auch auf die beschämende Unsitte aus vordigitalen Zeiten zurückgreifen, Probleme so kleinzureden, wie sie wirklich sind. Und, wie die Arschlöcher und Vollidioten vorschlagen, die Füße im Anschluss an den Dreckspaziergang zuhause einfach gründlich waschen. Das tue ich nun auch. Aber wohl ist mir dabei nicht.