Das Geheimnis der umgekehrten Wagenreihung

Wir machen uns hier für euch nackig bis auf die Knochenhaut.

Auf bahn.de gibt es die Rubrik „Über uns – Inside Bahn“, die zwischen Bahnunternehmen und Kundschaft eine vertrauensvolle Wohlfühlatmosphäre aufbauen soll. Mehr Intimität und menschelnde Ehrlichkeit unter dem Stichwort „Hintergrund & Technik“. Die schönsten Lokführer privat; Mehdorn, oder wie auch immer die Alte inzwischen heißt, in gebügelten Shorts am Gartengrill; eine Homestory aus dem Hobbykeller von Max Maulwurf, dem Destroyer-Maskottchen der Bahn. Doch der absolute Höhepunkt des Relationship Buildings ist ein bebilderter Besinnungsaufsatz: „Die umgekehrte Wagenreihung – wie es dazu kommt.“

Die Enthüllung dieser delikatesten aller Detailinformationen ist das wohl verlockendste Versprechen diesseits von Nikolaus und Osterhase. Die Deutsche Bahn geht damit schonungslos in Vorleistung. Wir machen uns hier für euch nackig bis auf die Knochenhaut, signalisiert sie, vielleicht erfahren wir auf diesem Weg auch etwas von euch? Natürlich ganz unverbindlich – alles kann, nichts muss: Wo kommt ihr her, wo wollt ihr hin, warum fahrt ihr immer noch mit der Bahn, warum benutzt ihr nicht das Auto, wie fühlt ihr euch, macht es euch eigentlich auch so wahnsinnig wie uns, dass hier praktisch gar nichts funktioniert?

Aber das wären sowieso nur Banalitäten im Vergleich zur umgekehrten Wagenreihung. Die Bahnkunden interessiert nichts mehr als das. Ihre größte Sehnsucht ever scheint sich zu erfüllen, endlich naht die Offenbarung. Dabei hätten sie schon befürchtet, die DB werde ihr schrecklich-süßes Geheimnis dereinst mit ins verspätete Grab nehmen. Und nun wird es gelüftet. Was für eine Verheißung! Frohlocket, jauchzet, ejakuliert, squirtet, sehr geehrte Fahrgäste, seid überschießender Champagner, brodelnde Lava, Magma, Smegma, Gema, seid eine menschliche Konfettikanone.

Doch werden wir die Wahrheit überhaupt ertragen? Vielleicht ist diese ja wider Erwarten sehr unangenehm, und was dann nicht alles passieren kann: Retraumatisierung, Reizüberflutung, extreme Ekeltrigger, die zu Waschzwang oder Ritzen führen, Flashbacks, Gehirnschlag, Herzinfarkt, Fracksausen.

Aber schauen wir doch einfach mal. Die Seite ist äußerst kindgerecht gestaltet. Wir sehen zunächst ein fein gezeichnetes Bild von einem ICE in einem Bahnhof, im Hintergrund Häuser sowie zwei stilisierte Vögel, im Vordergrund ein Schild, „Augsburg“, darüber im „Sendung mit der Maus“-Duktus den kulleräugigen Satz „Warum stehen die Wagen manchmal in umgekehrter Richtung?“ Der Kunde ist nicht nur König, sondern auch Kind, ein Königskind, das zum anderen nicht kommen kann, jedenfalls nicht mit dem Zug, nicht mit diesem, und schon gar nicht in der korrekten Wagenreihung. Das ist Infotainment vom Allerfeinsten.

Allerdings sollte die Bahnmaus dem Kind schon alles ganz genau erklären. Wieso gilt das nur in Augsburg?, denkt sich sonst das Kind. Und ist danach alles wieder gut? Dann fahren wir vielleicht besser gar nicht über Augsburg. Mama wird doch bei umgekehrter Wagenreihung immer schlecht, und sie muss ganz doll spucken. Dann schreien wieder alle und die Polizei kommt und sprüht mit ihrem Polizeispray im Wagen rum, und alle weinen. Es ist jede Fahrt dasselbe.

In der Augsburgfrage müsste man didaktisch also noch mal scharf nachwaschen. Idealtypisch sind hingegen die Piktogramme unter „Die häufigsten Ursachen“, im einzelnen „Streckensperrungen“, „Umleitungen“ und „Kopfbahnhof.“ Der Laie fragt sich dennoch, ob man genannte Faktoren nicht schon einfach vorher mit in die Planung einbeziehen könnte? Und warum fehlt in diesem Schema ausgerechnet der allerhäufigste Grund – „scheiß auf die Wagenreihung, ihr Ficker, wir hassen euch!“ –, nämlich, dass die Züge meist schon am Startbahnhof falsch herum eingesetzt werden?

Doch die Fachfrau schweigt. Allzu viele dumme Fragen musste sie in ihrem Leben bereits hören und beantworten. Davon aber hat sie die Schnauze für alle Zeiten gestrichen voll. Sie kann nicht mehr.

Stattdessen wird ein „Beispiel aus dem Bahn-Alltag“ (Untertitel; „wie kommt es dazu, dass ein Zug ‚verkehrt herum‘ einfährt?“) präsentiert – das geht sinngemäß ungefähr so: Zug blabla, Hamburg, rhabarber, erste Klasse, seier, Streckensperrung, sülz, Ingolstadt, seibel, München, fasel, Prellbock, schwadronier, zweite Klasse, laber, Durchsagen, schwindel, informieren, lüg, geänderte Wagenreihung. Warum sie „verkehrt herum“ in Gänsefüßchen setzen, weiß der Geier, denn mehr verkehrt herum, verkehrter herum, verkehrt herumer geht es wirklich nicht, allenfalls überkopf, aber dann funzte der Stromabnehmer nicht.

In einer dritten Grafik wird schließlich beschrieben, „Wieso der Zug nicht einfach umgedreht wird.“ In arg weinerlichem Tonfall heißt es dort: „Einen Zug kann man leider nicht umdrehen – auch wenn das manchmal sehr nützlich wäre.“ Ach Gottchen, die Armen – ich glaub, ich muss gleich heulen. Aber wer nicht können will, kann nicht wollen. Denn direkt im Anschluss wird eine Riesenmogelpackung voll der windigsten Ausflüchte vor uns ausgewickelt: Ja, ist denn heut schon Weihnachten? Wer einen Zug falsch rum drehen kann, kann ihn logischerweise auch richtig herum drehen. Man will uns offenbar für dumm verkaufen.

Ich persönlich glaube ohnehin an eine völlig andere Geschichte: dass nachts zehntausend Zwerge mit Grubenlampen „ins“ Gleis, wie man bahnintern sagt, treten, und den ganzen Zug – hauruck! – einfach anders herum auf die Schienen heben. Dazu singen sie „Dideldum und rundherum, Eisenbahner, du bist dumm …“ Wenn schon Märchen erzählen, dann bitte richtig.

Warum fehlt in diesem Schema ausgerechnet der allerhäufigste Grund?

Tour der Leiden

Wie bunte Bojen oben auf dem giftigen Dreckwasser.

Sonntagmorgen. Der Verkehrsfunk vermeldet Sperrungen im Bereich Treptower Park wegen eines Triathlons. „Triathlon“: Ist das nicht dieser Irrsinn, bei dem man erst meilenweit durch offene Gewässer schwimmt, sich anschließend auf dem Fahrrad einen Megawolf strampelt, und dann, wenn man eigentlich schon klinisch tot ist, mal eben noch einen Marathonlauf hintendran hängt? Eher würde ich mir den kleinen Finger der linken Hand abhacken. Dabei bin ich gar kein Sportmuffel, fast im Gegenteil: So möchte ich ausgerechnet heute gerne selber durch den Park joggen, allerdings am liebsten möglichst unbehelligt von irgendwelchen Askeselemmingen mit türstockartig hervortretenden Halsschlagadern.

Bis auf Höhe der „Insel der Jugend“ geht alles gut. Doch dann wird es anstrengend. Neben mir in der Spree fällt gerade der Startschuss für einen Schwarm Schwimmer, deren Badekappenköpfchen wie bunte Bojen oben auf dem giftigen Dreckwasser dümpeln. Vor mir versperren anfeuernde Zuschauer den Weg, der meine Laufstrecke ist. Der größte Feind des unorganisierten Sports ist der organisierte Sport.

Was wollen die bloß alle hier? Der Schauwert eines Amateurtriathlons ist ja begrenzt. Das Geheimnis liegt wohl in der uralten Faszination am fremden Leiden. Egal, ob Hinrichtungen, Autounfälle, Prominentenprozesse oder Dschungelcamps – sie alle ziehen seit jeher Schaulustige an. Nur aus diesem Grund wurde das Fernsehen erfunden. Und seit Menschengedenken sehen Unsportliche Sportlichen bei ihren Leibesübungen zu. Der Profisport verdankt seine Existenz allein dem Phänomen, dass eine breite Masse Bewegungsferner sogar bereit ist, Geld dafür auszugeben, sich mit einer Mischung aus Bewunderung, Spott und Angstlust am Schweiße der Berufssportler zu ergötzen.

Es ist kaum ein Durchkommen, denn zwischen den Gaffenden taumeln mir auch noch halbtote Neopren-Heinis, Nackte und frisch Umgezogene mit Wasserflecken auf der Kleidung entgegen. „Platz da, ihr lahmen Enten“, ermahne ich die mutmaßlichen Teilnehmer. „Mit Schwimmen und Radfahren bin ich längst fertig.“ Hoffentlich stimmt die Reihenfolge auch – bei Ansetzen-Trinken-Aufstoßen bin ich mir zum Beispiel deutlich sicherer.

Wer bitte schickt eigentlich sehenden Auges unschuldige Menschen in die Spree? Das ist doch komplett verantwortungslos, da könnte man genau so gut in Flusssäure planschen. Wäre ich Verschwindungsbeauftragter eines Drogenkartells, würde ich meine Opfer hier zum Bade bitten, mit oder ohne Startnummer. Dabei wirkt der Fluss so harmlos. Er fließt gar nicht richtig, wie all die erbärmlichen Hilfsflüsse der Region, ob Dahme, Havel oder Müritz, verkappte Seen allesamt. Der einzige erwachsene Fluss weit und breit ist die Oder, aber wegen kriegsbesoffener Bellizisten wie Winston Churchill oder Marlene Dietrich ist leider auch die kein ungeteiltes Vergnügen mehr. Ohne diese Kriegstreiber könnten wir jetzt alle mit der Pickelhaube auf dem Kopf beim Wolga-Triathlon „German Open“ mitmachen.

Ich kämpfe mich energisch durch die Menge, und kaum hundert Meter weiter herrscht himmlische Ruhe. Von einer Bank am Wegesrand beobachten zwei ältere Typen das Treiben aus sicherer Entfernung. Sie trinken Bier, es ist immerhin schon 11 Uhr morgens. So kann man seiner Leidenschaft als Sportzuschauer nämlich ebenfalls nachgehen. Es muss gar nicht immer lautes Jubelgeschrei in der gleichgeschalteten Masse sein; das ruhige, halbkonzentrierte Fachsimpeln bei einem guten Glas Bier auf dem Sofa ist oft die elegantere Methode. Es macht keinen Krach und versperrt auch niemandem den Weg.

Der Elefant

Er kommt mit zwei Riesenpackungen Popcorn an den Tisch zurück.

Als ich im Foyer des Kinos bei einem Bier auf meine Leute warte, die die Karten haben, fällt er mir sofort auf: ein etwas vierschrötiger Typ, Mitte dreißig, mittelgroß, der stämmige Rumpf in einem schreiend bunten Sommerhemd, darüber ein 17-Tage-Bart im freundlichen Gesicht und ein Basecap on top. Die ganze Erscheinung taumelt irgendwo quer durchs geschmacksverminte Niemandsland zwischen Fleckenmittelverkäufer in der Fußgängerzone, US-Tourist und dem, was man mal eine Zeitlang „Hipster“ nannte.

Hyperaktiv und verloren zugleich schwirrt er durchs Foyer, und steuert dann auf mich zu. „Entschuldigung“, spricht er mich auf Deutsch an. Er ist hörbar kein Muttersprachler, ein bisschen aufgekratzt, ein bisschen nervös, ein bisschen vielleicht auch im Frühstadium dezenter Mutangetrunkenheit. Dazu kommt so eine angelsächsisch wirkende Kommunikationsfreude, als wäre er entweder noch nicht lange genug hier, oder hätte ein besonders dickes Fell und sich von der permanenten Zurückweisung durch die Einheimischen noch immer nicht entmutigen lassen. Er fragt mich, was für ein Bier ich trinke und ob das gut sei? Ja, ist okay, sage ich. Es ist dieses „Allgäuer Büble“ mit dem Schnappverschluss, das sie seit ein paar Jahren in den Kinos der Yorck-Gruppe verkaufen.

Er kann das „Ü“ nicht aussprechen, fragt noch mal nach der Sorte und dem ungefähren Sound, und auch, ob ich in Berlin wohne – das muss der berühmte „Smalltalk“ sein, von dem, Fluch und Segen der Globalisierung, in den jüngsten Jahrzehnten zunehmend die Rede ist. „Ja“, sage ich geschwätzig. Er bedankt sich und geht zum Verkaufstresen.

Ich schätze es durchaus, wenn jemand, der hier lebt, versucht, meine schwierige Sprache zu lernen – die abgefeimte Schnapsidee, auch noch die Artikel (!) in drei Geschlechtern zu deklinieren (!!), dürfte weltweit einmalig sein –, Amerikaner scheint er also schon mal nicht zu sein. Die sparen sich das in der Regel. Also rate ich weiter.

Ich bin mir nämlich trotz der Ü-Schwäche noch immer nicht ganz sicher, ob sein Akzent überhaupt englisch oder aber niederländisch ist, obwohl sich das normalerweise deutlich unterscheiden lässt. Dabei wirkt er strukturell naturprollig wie ein Australier – hoppla, wie leicht die Stereotypen aus der Feder flutschen, sobald es um eher privilegierte Gruppen geht. Da darf man endlich mal so richtig die Sau rauslassen, und es gilt trotzdem als korrekt, wie zum Beispiel Ageismus gegen Boomer. Irgendwo muss all der ja auch in den Besten und Gerechtesten von uns lodernde Hass schließlich hin; irgendwo im engen, dunklen Gesinnungskorridor brennt zum Glück immer noch ein kleines Licht, und beleuchtet die eigene Erhabenheit.

Er kommt mit zwei Riesenpackungen Popcorn und einem „Büble“ an den Tisch zurück und stellt das Zeug dort ab. Nun frage ich ihn, woher er denn käme. Er sagt „Südafrika“, und sofort gibt das alles wieder auf wunderbare Weise Sinn, fügt sich Mosaiksteinchen an Mosaiksteinchen, und das mehr noch, als nun eine Frau von hinten an ihn herantritt. Er dreht sich um, erschrickt, sie begrüßen sich, und ich weiß auf Anhieb: die kennen sich nicht gar nicht, aber die kennen sich auch nicht gut. Das ist hier ein frisches Date. Sie spricht Deutsch, er hat geübt. Jetzt weiß ich, woher seine Nervosität rührt.

Die beiden matchen nicht. Er ist ein Trampel, während sie etwas durch und durch Feingliedriges ausstrahlt, an Körper, Seele und vor allem Style. Als er ihr mit niedlicher Unbeholfenheit eine der kubikmetergroßen Jumbopopcorntüten entgegen jongliert, hat sie sichtlich Mühe, ihre Gesichtszüge nicht entgleisen zu lassen. Doch sie schafft es. Ihr Lächeln bleibt stehen wie aufgeschminkt – die minimalen mimischen Einfärbungen von Entsetzen, Resignation und Nahtoderlebnis fallen sicher nur mir auf.

In dem Moment reißt die andere Tüte, die der Typ zusammen mit dem Bier und deshalb nur mit zwei Fingern der linken Hand am Rand hält, auf, und hunderte Poppkörner purzeln auf und über Tisch, Stuhl und Boden.

Das ist jetzt schon irgendwie blöd. Ich habe das Gefühl, die beiden wollen möglichst schnell von hier weg, und biete ihm an, wegen des Malheurs an seiner Stelle dem Personal Bescheid zu sagen. Der Mann ist mir nicht unsympathisch, entfernt bewundere ich ihn sogar. Scheitern kann schließlich nur, wer es wenigstens versucht hat, und ein bisschen tut mir das Debakel hier für beide weh. Aber vielleicht wird es ja am Ende doch noch was. Ich spiele dann auch gern die Brautjungfer.

Zangengeburt

Absolut kein Gig für Anfänger.

Im Supermarkt spielen sich entsetzliche Szenen ab. Es gelingt mir nicht, das gewünschte Käsezwiebelbrötchen aus der Backstation zu fischen. Wiederholt entwindet es sich tückisch dem Zugriff der Brötchenzange. Der erniedrigende Slapstick erinnert mich fatal an diese Jahrmarktautomaten, aus denen Kinder mit per Joystick gesteuerten Greifarmen Stofftiere ziehen können, besser, ziehen könnten, denn die Apparate sind so konstruiert, dass immer kurz vor dem erwarteten Triumph die Beute in den Pool zurückstürzt. Das Kind versagt zuverlässig, der Besuch des Rummels ist verdorben. Einem übermütigen Kind mag das im Ausnahmefall Demut vermitteln, doch eines mit wenig Selbstvertrauen frustriert das ausbleibende Erfolgserlebnis nur noch mehr, bis es eines Tages verbittert zum Sturmgewehr greift, um sich an einer Welt zu rächen, die ihm jedes noch so kleine Glück verweigert.

Ich versteh das nicht. Ich habe das doch schon oft geschafft. Da ging es sogar ganz leicht. Allerdings waren das anspruchslosere Brötchen, weicher, kleiner oder länglicher, und besser zu greifen. Und nicht wie dieses harte, viereckige Käsezwiebelbrötchen mit seiner anspruchsvollen Haptik – die Reifeprüfung unter den Greifaufgaben. Absolut kein Gig für Anfänger. Ich könnte es natürlich mit einem einfacheren Brötchen versuchen, doch ich fürchte, ich bin durch die Fehlversuche bereits derart entmutigt, dass ich nun selbst daran scheitern würde. Und dann wäre ich mental vollends gebrochen, so wie neulich, als ich das Wordle nicht rausgekriegt habe. Außerdem will ich ein Käsezwiebelbrötchen und keine Doofenschrippe, das muss doch wohl irgendwie möglich sein!

Ich werde zunehmend hungriger, wütender und verzweifelter. Auch komme ich mir langsam vor wie so‘n Idiot. Ach nee, das ist kein gutes Wort. Eher wie ein Affe. Wie so ein gottverdammter Scheißaffe. Das passt eh besser. Ugga, angel, fail, wüt, fletsch, kreisch, kaputtmach oder übersprungsfick. Vielleicht stehen ja Verhaltensforscher der Humboldt-Uni, für mich unsichtbar, auf der anderen Seite dieser Kackstation, und notieren auf einem Klemmbrett ethologische Auffälligkeiten.

Da hätten sie aber fett zu tun. Ich bin den Tränen nahe, wie ja ohnehin permanent, seit ich die fünfzig überschritten habe. Das Leben spielt mir übel mit. Dennoch widerstehe ich der Versuchung, das Brötchen ohne Zange zu bergen, wie so ein abgefuckter Unhold. Einen solchen Zivilisationsbruch brächte ich niemals über mich.

Jetzt stellt sich auch noch rotzfrech eine Frau daneben und sieht mir bei meinen Bemühungen zu. Ich gerate ins Schwitzen. Mit Publikum stelle ich mich sogar noch dümmer an. So eine Bühnensituation setzt mich immer total unter Druck – ich bin einfach nicht dafür geschaffen. Im Rampenlicht verbrutzle ich wie ein Vampir in der Sonne.

Das macht die doch extra. Ich versuche, sie zu ignorieren, doch es gelingt mir nicht. Was glotzt die denn so? Gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen! Ich glaub, ich schmier der gleich eine; dann weiß sie endlich, warum sie so guckt.

Oder hat sie vielleicht nur Hunger und hätte irgendwann gern selbst die Zange? Frisch aufgemerkt, werte Frau Glotzhuber, dann hätte ich drei gute Tipps: Erstens, dran ist man, wenn man dran ist. Also gehen Sie zweitens besser ganz weit weg, am besten raus aus dem Laden, und lassen mich drittens unbehelligt mein Ding machen. Ich benötige hier nämlich absolute Ruhe.

Böse starre ich sie aus meinen Triefaugen an, bis sie sich schließlich verzieht. Gut so, ich muss mich konzentrieren. Und Zeugen für meine Schmach kann ich schon gar nicht gebrauchen.

Number One

Eine Schnellabfertigung ohne Privatsphäre.

Ich muss schon sagen, dass gerade mich als Mann der Anblick stark belastet: Im Kino oder bei Konzerten komme ich auf dem Weg zum Klo regelmäßig an einer langen Schlange aus ebenso langen Fressen vorbei: den Frauen, die vor dem Frauenklo sehr lange warten müssen, bis endlich eine Kabine frei wird. Die passiv aggressive Ausstrahlung der Wartenden trübt meine bis dahin glänzende Freizeitlaune. Während ich dann – husch, husch, und ohne Wartezeit – vor, neben oder in das Becken pinkle, wünsche ich mir oft, die Toilettenbereiche für Frauen und die für Männer lägen weit voneinander entfernt, so dass ich den stummen Vorwurf nicht mitansehen müsste. Denn so wie es ist, bleibt die permanente Konfrontation mit dem Ärger der Frauen, ausgerechnet in dem als Safe Space für unsere Seelen gedachten, kurzen Qualitätszeitfenster abendlicher Ablenkung, eine Zumutung für uns Männer, die wir ja immerhin auch so etwas ähnliches wie Mitgefühl zu spüren in der Lage sind. Man ist ja kein Unmensch. Im Grunde gleicht meine innere Zerrissenheit eins zu eins der einiger deutscher Intellektueller im Ukraine-Krieg.

Der Ansatz der betroffenen Frauen ist allerdings verblüffend anders. Egoman stilisieren sie sich doch tatsächlich zu alleinigen Opfern dieser für Jedermann unbefriedigenden Verhältnisse. Solcherlei identilympisches Gerangel um die begehrten Siegerplätze auf dem Treppchen der größten Benachteiligung sind zurzeit ja schwer en vogue. Ich als alter weißer Stehpinkler prangere das an. Wie soll ich da denn konkurrieren, wer benachteiligt bitte mich, bin ich zu uninteressant, bin ich das etwa nicht wert? Ich leide darunter, dass es mir so gut geht.

Ohne Rücksicht auf meine Empfindungen fordern Frauen gleiche Chancen beim „Kleinen Stuhlgang“, oder „Number One“ wie der Angelsachse den Vorgang in seiner ungemein facettenreichen Sprache nennt. Apropos. Wäre ich der Besitzer des Number One Sushi in Prenzlauer Berg, hätte ich mein Lokal bestimmt anders genannt. Ich weiß zwar nicht genau wie, aber Number Two ebenfalls nicht. Eher Super Sushi oder so. Und was versteckt sich eigentlich hinter Number Three, Four und Five: kotzen, koksen, vögeln?

Number One geht bei den Männern jedenfalls schneller – das ist nicht zu leugnen. Um die Verhältnisse an den Klotüren wenigstens im Ansatz anzugleichen, hat die Berlinerin Leila Olvedi das platzsparende „Missoir“ erfunden. Es ähnelt einem Pissoir, in dem die Becken jedoch für den sitzenden Gebrauch angepasst und optimiert sind. Die Wasserlassenden hocken nebeneinander wie Hühner auf der Stange, eine Schnellabfertigung ohne Privatsphäre, wie man sie auch von den Schwanzvergleichsrinnen der Herren kennt. Und es ist sicher keine Absicht, aber das Wort Missoir erinnert schon sehr an ein mit dem Strahl verfehltes Urinal, und damit an die kognitive und motorische Inkompetenz der meisten Männer bei dessen sachgemäßer Nutzung. Auch die wahrscheinlichere Ableitung des Namens vom diskriminierenden Begriff Fräulein passt nur so halb zu einem feministischen Projekt.

Daneben gäbe es noch eine simplere Lösung des Problems. Wenn Männer keine Vorteile mehr in puncto Bequemlichkeit und Wartezeit haben sollen, wäre es zunächst doch am einfachsten und billigsten, ihnen die Pisslogistik zu erschweren, und die Ungerechtigkeit auf diesem Weg zu nivellieren. So könnte man zum Beispiel auch die Männerbecken entfernen, deutlich höher hängen oder auf den Kopf stellen. Ob das am Ende überhaupt einer merkt, ist erfahrungsgemäß zu bezweifeln, aber einen Versuch wäre es wert.