Richtig gute Entspannung

Man stelle sich vor, man wird einfach nach allen Regeln der Kunst zusammengeschlagen.

Eine richtig gute Thai-Massage, so geht ihr der Ruf voraus, muss auch richtig doll wehtun. Deshalb habe ich vor Beginn auf die Frage „strong or not so strong?“ selbstverständlich mit „strong, of course super strong“ geantwortet. Not so strong is for absolute losers, fügte ich im Geist hinzu.

Soll ja schließlich was helfen. Und ich bin ja auch ein eisenharter Knabe. Ich mache jeden Morgen fünf Minuten Gymnastik, stehe dabei sogar ganz kurz auf einem Bein, und manchmal wechsle ich am Ende meiner warmen Dusche noch zehn Sekunden lang auf Kalt. Aber jetzt erlebe ich noch nie dagewesene Schmerzen an noch nie wahrgenommenen Körperteilen, während memmenhaftes Gegurgel wie von selbst meinem Mund entsteigt.

Da eine richtig gute Thai-Massage ja nichts anderes als eine medizinische Behandlung ist, erscheint der Gedanke umso absurder: Denn man sagt ja zum Beispiel nie, dass eine richtig gute Zahnarztbehandlung richtig doll wehtun muss. „Ah, jaaa, tiefer in den Nerv, ja, das ist gut, kreisch aaargh, ah herrlich, jetzt lösen sich so richtig die Verspannungen in der Pulpa, nein, bitte keine Betäubung, der Körper soll die Maßnahme selbst aktiv mit verarbeiten, nur so kommen die natürlichen Heilkräfte korrekt in Gang, ja, der Schmerz ist mein Freund, ich höre die Wurzelspitzen singen, strong please, very, very strong.“

Die noch nie wahrgenommenen Körperteile sind irgendwas im oberen Rücken, Schulterblätter oder so, und drum herum lauter verhärtete Knoten, die die Masseurin mit Daumen, Ellbogen und Knie abrissbearbeitet. Kann auch eine Rohrzange dabei sein – sehen kann ich ja nicht, weil ich mit dem Gesicht nach unten liege.

„If you not relax, you not feel better“, schimpft sie wiederholt. Sie scheint nicht zufrieden mit mir. Dabei versuche ich doch schon, nicht allzu laut zu schreien. Aber ich gebe zu, dass ich nicht völlig unverkrampft bin. Wie denn auch? Man stelle sich vor, man wird einfach nach allen Regeln der Kunst zusammengeschlagen, also der Gesundheitskunst in diesem Fall natürlich. Wer wäre da relaxt?

Dazu kommt, dass ich grundsätzlich schlecht loslassen kann. Ich habe eher das Gegenteil von Urvertrauen. Aus einer leicht pathologischen Meise heraus, gehe ich stets davon aus, dass mir der andere Schaden zufügen will.

So warte ich beim Friseur bis heute darauf, dass der mir endlich ins Ohr schneidet. Ich würde mich dann irgendwie bestätigt fühlen. Und früher – das aber hier jetzt mal bitte wirklich nur unter uns – konnte ich mich beim passiven Oralverkehr schlecht entspannen, weil ich zwanghaft damit rechnete, dass mir der Schniepel abgebissen wird. Nach dem Sehen des Films „Der Rosenkrieg“ wurde das kurzzeitig noch schlimmer, da dort genau das passiert.

Die gleiche Furcht begleitete mich auch bei einem Osteopathen, bei dem ich mal länger in Behandlung war. Der ehemalige Berufssportler griff mit seinen mächtigen Händen meinen Kopf, der wie eine kleine Walnuss mit einem Gesichtlein aus zusammengepressten Lippen und ängstlichen Augen in seinen Pranken lag, und zerrte an ihm. In Todesangst drückte ich dagegen, anstatt locker zu lassen. Denn er hätte mir mit einem kleinen Ruck kinderleicht den Hals umdrehen können, so wie es jeder von uns ja schon hundertmal mit einem neugeborenen Kätzchen gemacht hat.

Knacks. Aber das am eigenen Leib zu erleben, ist dann eben doch noch eine Nummer krasser, denn sobald das eigene Ableben auf dem Spiel steht, reagiert der Mensch oft sehr sensibel, irrational eigentlich, weil irgendwann stirbt er ja eh.

Oder der Hüne faltete mich zusammen wie ein ausgesüffeltes Tetrapack für die Wertstofftonne, schmiss mich herum, ergriff dann das, was von mir übrig war, wie ein Schraubstock, und dabei sollte ich mich auch noch entspannen! Bis es knackte. Wenn ich mich nicht entspannte, knackte es nämlich nicht, das musste es aber für den Heilerfolg, denn „if you not relax, you not feel better“.

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