Stadtgespräch

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Das ist mal wieder typisch Berlin. Die Schulen sehen aus wie Barackensiedlungen, in denen Soldaten für den Häuserkampf trainieren. Bei der Senatsbefragung einer Wahrsagerin über den Eröffnungstermin des BER zerspringt die Glaskugel mit solcher Wucht, dass mehrere Abgeordnete von herumfliegenden Scherben verletzt werden. Auch haben es die Behörden, vom sensationell eingetretenen Wechsel der Jahreszeiten überrascht, versäumt, genügend warme Übernachtungsplätze für Bedürftige bereitzustellen. Das ist umso bitterer, da mit den einheimischen Obdachlosen nun auch EU-Ausländer, Flüchtlinge sowie Touristen, die infolge von Drogenkonsum und fehlerhaften Stadtplan-Apps die Orientierung verloren haben, zusätzlich um die knappen Plätze konkurrieren.

Aber das sind ja alles nur Menschen, sprich Randnotizen. Und spätestens, wenn in einem der hauptstädtischen Zoos ein Eisbär geboren wird, zählt das alles erst recht nichts mehr. Für die hiesige Presselandschaft gibt es fortan kein anderes Thema als die Hofberichterstattung aus der Eisbärenanlage. Fehlt nur noch der Live-Ticker. So sehr der Berliner den Menschen hasst, so sehr liebt er das Tier.

Jetzt ist es wieder so weit. Die Robbenfresser haben einen Thronfolger geboren. Sein Zwillingsbruder ist zwar gleich schon wieder futsch, aber das ist normal. Sagt der Zoo, sagt der Tagesspiegel. Dort lesen wir auch, dass Aika, die Oma des Neugeborenen ebenfalls gestorben ist. Mit 36 Jahren.

‚Alles jenseits der 30 Jahre ist ein stattliches Alter für Bären‘, sagte Zoodirektor Andreas Knieriem“, sagt der Tagesspiegel. „’Vielleicht hat Aika gespürt, dass neben ihr neues Leben entsteht, und sich jetzt verabschiedet.'“ Vielleicht hat sie aber auch den geharnischten Schwachsinn ihres Herrn und Meisters gelesen und daraufhin hat sie der Schlag getroffen. Erst stirbt man, und dann wird man obendrein verspottet. Das ist ja schlimmer als bei Fidel Castro.

Auch Mutter Tonja bekommt ihr Fett weg – im wahrsten Sinne des Wortes: „’Tonja hat ganz ruhig reagiert und sogar ein paar Mohrrüben gefressen‘, wird Pfleger Detlef Balkow vom Tierpark zitiert“. Einer Eingebung folgend googeln wir nach „Eisbär“ und stoßen, nicht gänzlich unerwartet, auf folgendes Ergebnis: Ein Eisbär braucht – im Gegensatz zu seinen braunen Brüdern – in allererster Linie Fleisch auf den eisigen Tisch. Fleisch, Fleisch und nochmals Fleisch. Würde einer der Tierpfleger wenigstens den Wikipedia-Eintrag lesen, würden ihnen ihre Viecher vielleicht nicht ständig krepieren. Dasselbe hatten wir uns schon bei Knut gedacht, dem legendären Vorgänger des jetzigen Todeskandidaten.

Warum war dieser Knut eigentlich so berühmt: etwa, weil er mit der Flasche großgezogen wurde? Aber das werden in Berlin doch die meisten Kinder bis ins hohe Erwachsenenalter hinein. Und die aus ihrer Puritanerhölle getürmten Neuberliner passen sich gern an, wie die permanente Präsenz der Billigbierpulle in Neuköllner Straßen schon am Vormittag zeigt. Bei einem Anblick, der einen früher denken ließ, „was für ein armer Mensch: alkoholkrank, obdachlos und durch die immer gröber werdenden Maschen im sozialen Netz gefallen“, vermeldet das Auge dem Gehirn nun Künstler, Start-Upper und Hobby-Hedonisten in kunstvoll zerschlissenen Vintagelumpen.

Okay, wir schweifen ab wie Tolstoj. Nutzen wir doch lieber die Gelegenheit, um an dieser Stelle mahnend, warnend, erinnernd den gütigen Zeigefinger zu heben: Wenn man die Bärchen angeblich so lieb hat, sollte man sie in Zukunft vielleicht auch besser und vor allem artgerechter behandeln. Aber sobald sie dem Knuddelalter entwachsen sind, ist alle Liebe sofort vergessen. Dann ist nämlich Schluss mit „ah“ und „oh“, mit „nein, wie niedlich“, „ei ei ei“ und „duziduzi“. Ab in die Tonne. Großer Bär, doofer Bär, hässlicher Bär, böser Bär. Der heranwachsende Bär ist nicht mehr klein und flauschig. Mit seinen Pubertätsproblemen (Pickel, Liebeskummer, Sinn des Lebens) alleingelassen, steht er nur noch einsam in der Ecke. Statt Möhren gibt es welken Sauerampfer. Die Zoobesucher wenden sich ab. Bis es eine neue Eisbärengeburt mit einem neuen Eisbärbabyhype gibt, ist sogar das Entengehege interessanter, vom Würstchenstand mal ganz abgesehen.

Kein Wunder, dass Knut in seinen letzten Tagen nur noch schmutziggrau war und glasig vor sich hinstierte. Nach fortgesetztem Missbrauch durch den Pfleger kam er im Grunde nie mehr so richtig auf die Beine. Dazu noch die kriminelle Gemüsediät und das Ende war praktisch vorprogrammiert. Da bedurfte es nur noch eines winzigen weiteren Anstoßes (Nieselregen) und Knut gab endgültig sein Salatbesteck ab.

Im Naturkundemuseum ist er jetzt wieder deutlich weißer. Gesund sieht er aus, obwohl er tot ist. Sie haben den ausgestopften Petz offensichtlich mit Perwoll gewaschen oder nachgebleicht. So viel Mühe hätte man sich mit ihm ruhig schon mal zu Lebzeiten geben können. Diese Einsicht der Verantwortlichen wünschen wir nun seinem Nachfolger.

Serotonin in der Südsee

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Normalerweise bin ich ja für meine Fröhlichkeit berühmt. Mord, Totschlag, Kacke am Schuh: Egal, was passiert, ich habe immer gute Laune. Natürlich eckt man damit bei den Sauertöpfen, die mir meine Einstellung insgeheim neiden, auch mal an. So wurde ich, als ich neulich über einen in der Tat saulustig aussehenden Sturz eines Radfahrers auf feuchtem Laub lauthals lachen musste, von spröden Spaßbremsen in Sanitäteruniform gefragt, was ich denn da um Gottes Willen täte. Meine Antwort war ganz einfach: „Ich freue mich. Wie immer.“

Doch irgendwas in mir ist nun zerbrochen. Das Wetter hat mich kleingekriegt, zusammen mit seinem bösen großen Bruder, der Jahreszeit und dessen Führungsoffizier, der Zeitumstellung. Das einzig Gute an der Winterzeit ist, dass man früher anfangen darf zu trinken, weil es früher dunkel wird. Das ist meine letzte kleine Freude. Ansonsten habe ich keine Lust auf gar nichts. Also noch nicht mal so richtig fett Bock auf endlich mal volle Pulle gar nichts, sondern sogar auf gar nichts habe ich überhaupt keine Lust. Wie diese „Gegenstände, die aussehen wie ein Gesicht“, die ständig gepostet werden – Häuser, Schränke, Stromkästen, Klappsitze – starre ich leer vor mich hin. Absolute Antriebsschwäche, vollkommene Unfähigkeit zu arbeiten. Die ersten paar Wochen klingelt noch das Telefon, mit der Zeit dann immer seltener, bis es schließlich verstummt.

Jetzt könnte man eigentlich denken, macht doch nichts und ist doch super, weil ich ja zum Glück auch überhaupt nichts machen muss, da schließlich sowieso alles keinen Zweck hat. Das ist Freiheit. Keiner will mehr was von mir, keiner hat noch irgendwelche Erwartungen an meine Person (welche „Person“ überhaupt?). Da könnte ich mich doch ganz bequem in den weichen Sessel der Erfolglosigkeit zurücklehnen und aufs prächtigste gehenlassen. Wenn nur diese saudämliche, präsuizidale Grundstimmung nicht wäre. Die nervt. Wenn ich in den Spiegel blicke, sehe ich statt der üblichen verschmitzten Pausbäckchen nur eine aschfahle Fratze, die lautlos vor sich hin winselt.

Bereits der Oktober hatte die wenigsten Sonnenstunden seit 1974, der November hat nun gar keine mehr. Kein Mensch weiß mehr wie die Sonne aussieht. Bei ihrem Anblick würden die Leute inzwischen wahrscheinlich vor Panik schreiend in die Häuser rennen und sich im Keller verbarrikadieren. Weil sie denken, ein Komet stürzt auf die Erde oder Donald Trump gibt seinen Einstand mit einem zünftigen Atomkrieg. Nein, wer in dieses Land flieht, muss wirklich einen verdammt triftigen Grund haben. Das sollten wir nie vergessen.

Was ist nur mit mir los? Als ich mit letzter Kraft die Begriffe „Verderben“, „Wahnsinn“, „Depression“ und „Scheiße“ eingebe, stoße ich auf das sogenannte Glückshormon Serotonin, das für Ausgeglichenheit, erholsamen Schlaf und Lebensfreude sorgen soll. Ob es das ist? Aber ausgeglichen bin ich ja. Sehr sogar: immer gleichmäßig niedergeschlagen. Doch spätestens als ich den Menschenauflauf unter meinem Balkon bemerke, von dem ich seit zwei Stunden, nur mit einem dünnen, grauen Hemdchen angetan, klagend herunter rufe, „oje, oje, bald kommt der erste Schnee, dann tut es noch mehr weh“, wie sie mich mit gezückten Smartphones filmen und „spring doch“ rufen, muss ich mir selber zugestehen, dass es zumindest mit der Lebensfreude wohl nicht so wahnsinnig weit her sein kann.

Im Netz finden sich Ratschläge, wie man den speziell im Winter oft zu niedrigen Spiegel des komischen Kasper-Hormons wieder erhöht. So könnte man gemäß der Quacksalbertipps zum Beispiel auch einfach mehr Gemüse essen, aber davon werde ich persönlich gleich noch viel trauriger. Eine Mahlzeit, für die keine Tiere unter möglichst großen Qualen gestorben sind, macht keinen Spaß. Das wäre ja wie ein Spaziergang, bei dem man nicht Zeuge wenigstens eines Autounfalls wird, am besten mit Verletzten.

Eine realistischere Lösung ist jedenfalls eine Tageslichtlampe. Die soll die Stimmung aufhellen, was mir logisch erscheint. Lampe, Licht, hell. Ich bestelle mir eine bei den Schweinen von Amazon (klingt fast wie der Titel eines Fantasy-Films: „Die Schweine von Amazon“), das geht am schnellsten und es ist nun mal ein Notfall. Wenn der noch schneller liefern würde, hätte ich die Lampe sogar bei Assad bestellt, oder sie einer armen Oma aus den ersterbenden Händen gerissen.

Mit müdem Gesicht packe ich die Lampe aus und stelle sie auf den Schreibtisch. Ich schalte sie an und warte darauf, dass die Traurigkeit verschwindet. Ich merke nichts. Ich warte noch länger. Murmle kurz „Heißa“, um die nun doch hoffentlich bald einsetzende Wirkung autosuggestiv zu unterstützen, wie mit einem Wehenmittel eine schwere Geburt. Oder eine Abtreibung. Passt hier vielleicht besser. Und bald beginnt auch noch der Karneval. Helau.

Grün. Grüner. Deutsche Bahn

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Weder Ameisen noch Zauneidechsen halten die Bauleute auf. Beide sind umgesiedelt. So kommt der Ausbau der Bahnstrecke zwischen Berlin und Dresden voran“, schreibt der Tagesspiegel. Der Leser beginnt zu ahnen, warum es mit der seit den neunziger Jahren geplanten neuen Strecke nur sehr langsam vorangeht, aber auch, dass das schwerste Stück des Wegs damit geschafft sein dürfte. Der Rest ist ein Klacks. In zehn Jahren wird die tippitoppi Sausewindverbindung zwischen der Hauptstadt des notorischen Nörgelns und der Metropole der dümmlichen Feindseligkeit fertig sein.

Die Zauneidechsen sind längst in ihrer neuen Heimat und dem Vernehmen nach nicht unzufrieden – zumindest hört man keine Klagen. Da sie sich im Schotter der Gleisanlagen äußerst wohl fühlen, hat die Deutsche Bahn schon vor Jahren provisorisch mehrere Nebenstrecken für sie stillgelegt. Diese Großzügigkeit und Weitsicht zahlt sich nun aus, denn dort finden sich jetzt ideale Habitate für umgesiedelte Reptilien.

Doch mit den roten und gelben Waldameisen war das Verfahren komplizierter. Sie sind klein, sie sind viele und sie sind äußerst anspruchsvoll. Erst dieser Tage sind die letzten Umzugswagen mit Ameisen, die die Umsiedlung zunächst verweigert und zum Teil sogar mit Selbstmord gedroht hatten, unterwegs. Erst nachdem man ihnen zugesichert hatte, mithilfe chinesischer Experten in der Nähe von Blankenburg maßstabsgetreue und bis in die letzten Details der Inneneinrichtung (Klodeckel, Nachttischschränkchen) identische Ersatzhaufen zu errichten, gaben die letzten ihren Widerstand auf. Nur die Klagen zweier hochbetagter Ameisendamen laufen noch. Sollte ihnen stattgegeben werden, müssen sämtliche Schienen wieder entfernt und die frisch errichteten Bahndämme gesprengt werden. Dann bliebe für die Reisenden in Zukunft nur noch der Bus.

Die Bahn spielt hier offenbar auf Zeit und hofft auf ein baldiges Ableben der Klägerinnen. Selbstverständlich hat der Naturschutzbund Deutschland rund um die Uhr mehrere Mitarbeiter mit der Bewachung der beiden Insekten betraut. Denn der Argwohn der Naturschützer ist groß. Sie scheinen der Deutschen Bahn alles zuzutrauen, sogar Mord. Es muss ja nicht wie ein Verbrechen aussehen: Oft genügt es, die Tiere heftig zu erschrecken, indem man direkt neben ihnen mit dem Fuß aufstampft oder auf ihren Bau pinkelt, und schon hätte man freie Bahn. Gegen Geld lassen sich für jeden noch so schmutzigen Job halbseidene Halunken finden, die diesen gern und skrupellos erledigen. Menschliche Mieter in begehrten Innenstadtlagen können von solch mafiösen Methoden längst ein Lied mit vielen hässlichen Strophen singen.

Nicht zu vernachlässigen ist auch bei kooperativen Ameisen die Schwierigkeit, sämtliche Individuen zu lokalisieren und zu informieren, ehe überhaupt an Verhandlungen und Umzug gedacht werden konnte. Denn Ameisen sind nun mal sehr klein und oftmals schwer zu finden. Sie wuseln durcheinander, nicht selten auch noch unter der Erde, und sehen einander für das grobe menschliche Auge obendrein sehr ähnlich. Das bedeutet, dass alle an den Füßen verschiedenfarbig beringt werden mussten, um wenigstens ansatzweise den Überblick zu wahren. Erst anschließend konnten sie mitsamt persönlicher Habe zu den Sammelplätzen gebracht werden, von wo aus schließlich der Transport in die neue Heimat erfolgte.

Daher waren zehntausende freiwillige und auch bezahlte Helfer auf den 125 Kilometern des Neubauabschnitts jahrelang im Einsatz, was eine Steigerung der ursprünglich veranschlagten Kosten um siebzigtausend Prozent zur Folge hat. Nicht, dass die Bahn ohne Bindung an entsprechende Gesetze widerspenstige Elemente aus Flora und Fauna nicht einfach mit dem Flammenwerfer eliminiert hätte – DB ist ja nicht die Abkürzung für Mutter Teresa -, aber immerhin: Sie hat die Herausforderung angepackt und exzellent gemeistert.

Unter diesen Umständen grenzt es an ein Wunder, dass die Arbeiten bereits so weit fortgeschritten sind. Die Verantwortlichen am BER, für dessen Bau bloß eine Handvoll Aufsichtsräte auf adäquate Posten umgesiedelt werden mussten, könnten sich an so viel Akribie durchaus ein Beispiel nehmen.

Fahrt endet hier

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Der M41 kommt. Doch er kommt nicht richtig, denn vorne drauf steht: „Fahrt endet hier.“

Ich weiß nicht, warum mich das so entsetzlich traurig macht. Schließlich wollte ich gar nicht mit dem fahren, ich fahre eigentlich nie mit dem Bus. Außerdem könnte man ja auch denken: okay, Fahrt endet hier, dann beginnt in zehn Minuten eben eine neue. Was für eine positivistische Kackscheiße so unbefangene junge Menschen eben denken würden, diese kleinen dummen Mäuse. Doch meine Lebenserfahrung verbietet mir solch flatterhaften Selbstbetrug. Und dort steht nun mal definitiv und unverrückbar: Fahrt endet hier. Sonst nichts.

Die Fahrt endet hier, der Spaß ist vorbei, The Party is over, wie der Finne sagt, wenn ab 120 Grad in der Sauna das Hirn im Kopfe kocht, das Eiweiß im Hirn gerinnt und aus dem Arschloch es zum allerletzten Male wie ein Wasserkessel pfeift. Das Spiel ist aus, es ist Kehraus, es fällt das Laub, das Haar, der Zahn, der erste Schnee, es endet auch die Fahrt. Endgültig.

Hier endet nun die Fahrt von Tier und Pflanze, Mensch und Hoffnung. Sie alle steigen aus dem Bus des Lebens, zerstreuen sich und ihre Asche schnell in alle Winde. Fahrt endet hier. Wie auch das Wetter endet, Tag und Nacht sind nahezu gleich dunkel, bei beständig sieben Grad und Nieselregen. Auf DAISY steht nur noch: Nächste Abfahrt kömmt am Jüngsten Tag, kömmt gar nicht oder nimmermehr. Das Ziel – zum Teufel – wird auf alle Fälle trotzdem mühelos erreicht.

Endet hier auch unsere Fahrt? Die wir so lang gemeinsam über Stock und Stein, durch Jauchegrube, Minenfeld, zum Glück auch ganz oft über Blumenwiesen, absolviert? Trennen sich denn nun auch unsere Wege?

Wenn die Fahrt endet, beginnt der Stillstand. Stillstand ist Zersetzung. Du fliegst auf einem Teppich dunkelblonder Löckchen fort in deine Heimat, wo die Sonne scheint. Ich segle in entgegengesetzter Richtung auf einer Nussschale aus Binsenquark in die Finsternis hinein, darauf ein Segel mit Schachbrettmuster. Auf dem sind abgebildet die Figuren. Sie heißen nicht mehr Läufer, Turm und König, sondern Säufer, Wurm und Hönig. Genauer gesagt: Heinz Hönig. Wie der kastenbrotartig aussehende und auch agierende Schauspieler.

Der Säufer durchmisst das Brett in raumgreifenden Schlangenlinien. Der Wurm kriecht stets nur geradeaus. Des Hönigs Spielraum aber ist beschränkt auf simple, kurze Moves, erinnernd an des Mimen magere Möglichkeiten. Das ist mein Spiel, mit dem ich mir die Zeit vertreibe auf meinem langen einsamen Törn durch die Dunkelheit.

Was will ich damit sagen? Nix. Allenfalls indirekt noch dies: Im Wurmfortsatz des Interludiums versickert nun auch noch das letzte Körnchen karger Message. Der Traum ist aus, die Fahrt endet und der Spuk beginnt.

Der fliegende M41er rast, nach allem Anschein leer, weiter über die Kreuzung am Hermannplatz, an Bord nur Schatten, auch den Fahrer sieht man nicht. Wie Buchstaben aus Feuer brennt hell am Bug die unheimliche Botschaft: Fahrt endet hier. Doch sie endet nur für die Lebenden, die sich beim Anblick des höllischen Ersatzverkehrs stumm bekreuzigen und rasch nach Hause gehen. Tag des Zorns, Tag des M 41ers.

Der M41 hält nur für Tote. Versucht ein Lebender zuzusteigen, so geht direkt vor seiner Nase – PPFFFHHHH!! – die Bustür zu, der unsichtbare Fahrer brüllt, „kanna nich lesen, Meesta/Piepel/Frollein/junge Frau: ick hab jetzt Pause, für immer – die Fahrt endet hier!“, und bespritzt den Unglücklichen beim Losfahren auch noch absichtsvoll mit einem Schwall von schwarzem Blut aus einer tiefen Pfütze. Das Grauen greift mit klammer Kralle den Tropfnassen am Genick. Schauerlich lacht der Busfahrer, heiser wie ein sterbender Wolf, derweil der Fahrgast kreidebleich zum Taxistand sich schleicht. Bei den Droschkenkutschern weiß man wenigstens seit jeher, dass man von Untoten gefahren wird.

Doch für die Toten fängt die Fahrt nun offenbar erst richtig an. Der Totenbus fährt immer über Mariendorf, dort holt er sich die Alten, die zugleich seine neuen Passagiere sind. An jedem Friedhof steigen viele ein und aus. Ein Ticket hat hier keiner – die Sterbeurkunde genügt als Nachweis. Man sieht sie nicht, man riecht nur Moder, spürt nur einen kalten Zug und erschauert bis ins Mark.

Bockwurst mit Schrippe

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Vor der Wahl muss ich mich unbedingt stärken und hole mir an der Tanke, Ecke Sonnenallee, eine Bockwurst mit Schrippe für einen Euro. Mit meiner Stimme kann ich dafür sorgen, dass es auch in Zukunft solche Angebote gibt. Wähle ich hingegen falsch, werden Bockwürste womöglich verboten. Oder jeder Zweite wird erschossen – so was gibt’s ja auch. Beim Wählen sollte man sich also gut konzentrieren. Und Nahrung ist wichtig für das Gehirn und damit für die Konzentration. Deshalb stärke ich mich.

Die Angaben auf der Wahlbenachrichtigung führen mich auf ein verwahrlost wirkendes Areal. Um ein fabrikähnliches Backsteingebäude herum gruppieren sich in loser Streuung mehrere abgewrackte Schuppen. Drinnen verfestigt sich der Eindruck, dass die deutlichen Spuren des Verfalls hier durch, eine heile Welt vorgaukelnde, Accessoires wie Kinderbilder an den Wänden übertüncht werden sollen. Was für ein grandioses Symbol: sowohl für Berlin, als auch für dessen Zustand; sowohl für die Notwendigkeit dieser Wahl, als auch für deren Vergeblichkeit. Kinder sind unser höchstes Gut, du mich auch. Laut meinem Zettel befinde ich mich in einer Grundschule, doch ebenso gut könnte es sich bei den Flachbauten um Baracken für Mastschweine handeln, denen man ein paar Buntstifte in die Koben gelegt hat, damit sie abgelenkt sind, wenn das Bolzenschussgerät auslöst: hallo, Bockwurst!

Ich betrete das für mich zuständige Wahllokal. An zwei nebeneinander geschobenen Tischen sitzen die Wahlhelfer – eine Frau und zwei Männer. Vor mir ist noch ein Bürger dran. „Aaahh“, macht er und sperrt weit den Mund auf. Der mittlere Wahlhelfer drückt ihm mit einem Spatel die Zunge herunter und leuchtet ihm mit einer kleinen Taschenlampe tief in den Rachen.

Ich staune. „Diskretion bitte“, ermahnt mich der rechte Wahlhelfer. „Achten Sie das Wahlgeheimnis.“ Er deutet auf den Andrang an der Zimmertür. „Machen Sie sich lieber schon mal frei. Dann geht nachher alles schneller und Sie sehen ja, was hier los ist.“

Zögernd komme ich seiner Aufforderung nach. Ich will schließlich wählen. „Unterhose auch?“, frage ich unsicher.

„Ja, natürlich.“ Er wirkt ehrlich erstaunt. „Wie soll das sonst gehen?“

Ich verkneife mir die Frage, „was soll gehen?“, denn aus dem Augenwinkel bekomme ich noch mit, dass der Mann vor mir schreit und aus dem Mund blutet, als er mit den Wahlzetteln zur Kabine wankt. Vor der links sitzenden Wahlhelferin liegen zwei rosig-blutige Klumpen. Während ich mich auszog, müssen sie ihm die Mandeln rausgenommen haben. Da möchte ich lieber niemanden provozieren. Die sitzen hier ja auch sechzehn Stunden lang. Ehrenamtlich, nur für ein Erfrischungsgeld. Quasi für Bockwürste.

„So, jetzt mal vorbeugen“, spricht mich nun der mittlere Wahlhelfer an.

„Vorbeugen?“

„Hallo? Sind sie Erstwähler? Oder sprech‘ ich Klingonisch? Was an ‚Vorbeugen‘ ist denn bitte so schwer zu verstehen?“ Der Wahlhelfer schüttelt den Kopf: „Bei Manchen fragt man sich schon, warum die wählen dürfen. Vielleicht sollte nicht das Alter entscheiden, sondern Intelligenz und Kooperationsbereitschaft … so … jetzt bücken Sie sich … weiter … ja, so, genau.“

Er erhebt sich von seinem Stuhl und begibt sich hinter mich. Ich beuge mich vornüber, bis ich mich mit den Unterarmen auf der Tischplatte abstützen kann, einer umfunktionierten Schulbank, was zusätzlich böse Erinnerungen weckt: an Machtlosigkeit gegenüber Autoritäten, an Angst und Scham. An Schule eben. In meinem Rücken höre ich nun ein markantes Quietschen, wie vom Überziehen eines Latexhandschuhs, und als nächstes spüre ich den Zeigefinger des Wahlhelfers im Enddarm. Das ist ein bisschen unangenehm, obwohl er vermutlich Gleitmittel benutzt – immerhin ist das hier die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus und kein Volksentscheid.

Nach nur wenigen Sekunden zieht er den Finger wieder heraus und ich darf mich aufrichten. „Die Prostata ist etwa wallnussgroß zu ertasten und unauffällig“, diktiert er der dritten Wahlhelferin links neben ihm, die seine Angaben notiert, bevor sie mich zu sich winkt, und mir drei Wahlscheine aushändigt. „Können sie sich vielleicht mal wieder anziehen?“ Sie klingt ungeduldig. „Das ist echt kein schöner Anblick. Und andere wollen auch noch wählen.“ Mittlerweile wedeln hinter mir zehn Leute mit den Wahlbenachrichtigungen. Ich brauche einfach zu lange.

Trotzdem versuche ich, mich lässig und ohne Hast anzuziehen. Sie sollen nicht merken, wie sehr sie mich gedemütigt haben. Den Triumph gönne ich ihnen nicht. Doch dann stolpere ich beim Versuch, in das linke Bein meiner Jeans zu steigen. Alle lachen. „Jeder nur ein Kreuz“, scherzt die Wahlhelferin nun plötzlich gut gelaunt. Eine der beiden Wahlkabinen wird frei. Für diese Wahl ist es mal wieder überstanden.

Dennoch hier einmal grundsätzlich: Ich will meinen staatsbürgerlichen Pflichten wirklich gerne nachkommen, aber ich finde die Wahlprozedur jedes Mal schlimmer. Manchmal denke ich auch, die dürfen das gar nicht. Und ich meine, ein klares Muster zu erkennen: Immer ist irgendeine Form von Entwürdigung im Spiel – das scheint für sie das Wichtigste zu sein – und das Wahllokal 107 ist in dieser Hinsicht eines der berüchtigtsten in der ganzen Stadt. Vor vier Jahren musste ich auf Zehenspitzen von acht bis achtzehn Uhr die Sesamstraßenmelodie singen – hinterher wunderte sich die Presse über die geringe Wahlbeteiligung. Bei einer Wahl zum Europaparlament – zu so was gehe ich seitdem echt nicht mehr hin – ließen sie mich durch einen, für meinen Geschmack auch viel zu hoch aufgehängten, brennenden Reifen springen, wobei ich mir üble Brandwunden zufügte. Und die Wahlhelfer haben nur gelacht.

Da fragt man sich schon, was wohl als nächstes kommt. Außerdem ist meiner Meinung nach jemand, der Freude darüber empfindet, dass ein Lebewesen Schmerzen erleidet, ob psychisch oder physisch, einfach kein guter Mensch. Ehrenamt hin oder her: So jemand dürfte eigentlich kein Wahlhelfer sein – die können einem das Wählen echt vergällen. Von daher wäre es vielleicht besser, ich wählte eine Partei, die dafür sorgt, dass das heute aber auch die letzte Wahl gewesen ist. Das Angebot an solchen Parteien wird ja zum Glück immer größer.