Und ewig weinen die Schweine

„Dann sperre ich die Schweine eben unten im Fahrradkeller ein …“

Drei Jahre ist Julia Klöckner nun Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft. Da wird es doch langsam Zeit für eine kleine Bilanz: Wie hat die Gegnerin der gleichgeschlechtlichen Ehe, die die Klimakrise für eine Modeerscheinung hält, dem Amt seitdem ihren Stempel aufgedrückt?

Auffällig ist ihr Faible für Umweltgifte, die Wasserhehler von Nestlé und toughe Landwirte. Was sie jedoch auf den Tod nicht leiden kann, sind ganz offensichtlich Schweine. Auf die hat sie es aber mal so was von abgesehen; das zieht sich wie ein blutigroter Faden durch ihre gesamte bisherige Amtszeit: Ob artfremde Haltung oder Ferkelkastration – so richtig hygge wird ihr erst beim Schweinequälen. Als die gesammelte Schweineschar im März 2018 erfuhr, wer fortan ihre Nemesis und oberste Dienstherrin sein würde, scholl ein entsetztes Quieken durch die Ställe von Schweinfurt bis Eberswalde.

Doch woher kommt überhaupt Julia Klöckners unbändiger Hass auf Schweine? Das ist doch nicht normal, dieser alles verzehrende Hass, der ihr Leben in einem Maße bestimmt, dass davon jede andere Lebensäußerung komplett zugeschüttet wird. Das gilt sogar für die Grundtriebe. Nicht selten müssen ihre Mitarbeiter sie ermahnen, das Atmen nicht zu vergessen, so ausschließlich absorbiert sie ihr obsessiver Schweinehass. Auch für Körperpflege, Sozialverhalten, Sexualtrieb sind keinerlei emotionale, geistige und zeitliche Kapazitäten mehr übrig. Im Fall der Nahrungsaufnahme funktioniert noch am ehesten der Trick, sie daran zu erinnern, dass sie hier ja immerhin ein totes Schwein vernichtet, um ihr auf dem Sprung zwischen Büro und Bundestag mal eben eine Bifi unterzujubeln. In Ausnahmefällen kann das auch zu Übersprungshandlungen führen, in deren Rahmen Klöckner rasend schnell mehrere Kilo Schweinefleisch verschlingt, um diese später unter lauten Flüchen („verfickte Schweine!“) wieder zu erbrechen.

Letztlich lassen sich die Ursachen wie so oft in der Kindheit verorten. In freudiger Erwartung des heiligen Sakraments eilte die achtjährige Julia am Morgen ihrer Erstkommunion fromm den elterlichen Weinberg hinab und auf die malerische kleine Dorfkirche von Guldental zu, als sie stolperte und – batsch! – mit dem blütenweißen Festtagskleidchen mitten in einem Haufen Schweinescheiße landete. Der Tag war verdorben, den späteren Gottesdienst würde das Mädchen notgedrungen im Blaumann ihres Großvaters verfolgen müssen. Wer nun jedoch erwartet hätte, das Kind wäre altersgemäß in Tränen ausgebrochen, sah sich auf erschreckende Weise eines besseren belehrt. Es schüttelte vielmehr drohend die kleinen Fäustchen gen den jäh sich verfinsternden Himmel und schwor mit lauter Stimme, es „diesen Schweinen so richtig zu zeigen – bis an mein Lebensende und so wahr mir Gott helfe!“ In der Ferne zuckten Blitze. Augenzeugen berichten von einer Aura aus Flammen um den Kopf des Mädchens herum sowie von beißendem Schwefelgeruch.

Doch es kam noch schlimmer: Bei einem Ausflug in den Pfälzer Wald wurde ihre liebste Spielkameradin Babsi (B.Z.: „Sie war erst vierzehn!“) von einem wilden Keiler getötet und auf der Stelle aufgefressen. Hinter einem Baum versteckt musste die kleine Julia alles ohnmächtig mitansehen. Die feixende Miene des fiesen Schweins würde sie niemals vergessen.

Angesichts dieser prägenden Vorkommnisse ist es kein Wunder, dass der wiederholte Anwurf ihrer Mutter, doch bitte ihren „Saustall aufzuräumen“, das Kind auf unverantwortliche Weise triggerte und die Traumata stets aufs neue reproduzierte. Sein Herz erkaltete zunehmend, nur ganz tief drinnen loderte brennendheiß der Schweinehass.

Spätestens jetzt beginnen wir zu verstehen, warum Klöckner gegen alle Widerstände und nicht zuletzt die herrschende Rechtslage die quälende Schweinehaltung in zu engen Metallkäfigen bis aufs Blut verteidigt.

Wir sind jetzt bei ihr zuhause. „Dann sperre ich die Schweine eben unten im Fahrradkeller ein“, droht, wettert und weint die Agrarministerin vor ihrer Wohnzimmerwand mit den vom Kleinkaliber durchlöcherten Porträtfotos der Mitglieder des Deutschen Ethikrats. „Dort kann ich mit ihnen sowieso machen, was ich will.“ Man weiß in diesem Moment nicht genau, ob sie die Schweine meint oder die weinerlichen Moralapostel, die den schon seit 1992 verbotenen „Kastenstand“ anprangern.

„Diese gottverdammten Schweine“, knurrt die ehemalige Nahe-Weinkönigin und läuft vor Zorn dunkelviolett an. Zusehends umwölkt sich ihre ebenmäßige Stirn, ballen sich dahinter tiefschwarze Gedanken zu einem Taifun des Hasses. Doch auf einmal lächelt sie verschmitzt. „Dabei will ich ja nur eine Verlängerung der Übergangsfrist bis zum jüngsten Tag, und keine Sekunde länger.“

Das Wissen um ihre Macht über die Schweine als willkürliche Knet-, Quäl- und Foltermasse, lässt sie rasch wieder vergnügt werden. Eine weitere Niederlage wie das seit Beginn dieses Jahres nun doch endlich wirksame Verbot der Ferkelkastration ohne Betäubung wird es nicht geben, hat sich die erklärte Abtreibungsgegnerin geschworen. Sie hat alles versucht, von einer nochmaligen Fristverlängerung bis hin zur Änderung des Tierschutzgesetzes, doch vergebens. Wo Männer beim Gedanken an den Eingriff schmerzhaft das Gesicht verziehen, ist ihnen weder mit Vernunft noch mit Hass beizukommen. Nun nimmt sich die Ministerin stets ein paar Ferkel mit nach Hause – „meine persönliche Tierwohl-Offensive“ –, um sie am Abend in der guten Stube vor dem Fernseher mit der Kneifzange zu verarzten. Das sind natürlich keine 20 Millionen wie sonst jedes Jahr in Deutschland, aber es ist besser als gar nichts.

Herr der Serviettenringe

Die Klamotten sind von irgendwann.

Erst mal ein Spoiler ganz zu Beginn, wo ein anständiger Spoiler ja auch hingehört: Die Serie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ (Amazon Prime) hört genauso auf wie „Ostwind“. Jedenfalls stelle ich mir den so vor. Das wäre dann vielleicht auch der bessere Titel gewesen. Denn echte Kinder kommen hier nicht vor.

Wir Erwachsenen vom Bahnhof Zoo. Eltern haften für ihre Kinder. Eltern haften für die Rollen ihrer Kinder. Eltern spielen ihre Kinder. Christiane F. sitzt mit Mama und Papa am Mittagstisch ihrer Wohnung in Gropiusstadt und spielt mit ihnen Vater, Mutter, Kind. Wer was ist, steht zum Glück auf den Serviettenringen, sonst wüsste man es nicht.

Aber gut, auch auf der Straße, auf dem Strich, auf dem Straßenstrich und in der Strichstraße, da, wo einem keine Serviettenringe helfen, kriegt man relativ bald raus, wer die Erwachsen sein sollen und wer die Kinder. Die Kinder werden angeschrien, die Erwachsenen schreien an. Auch in der Schule sehen alle so aus, als wären sie schon zwanzig mal durchgefallen. Das Heroin killt irgendwie den Lerneifer. Die Lehrerin guckt böse. Aha, wer böse guckt, ist also die Lehrerin.

Die Kinder nehmen Drogen. Warum saufen sie nicht, wie alle Erwachsenen? Wahrscheinlich, damit man sie besser von ihnen unterschieden kann. Rauchen ist übrigens der erste Schritt zum Heroin. Da fehlt dann nicht mehr viel, nach dem Weltbild dieser Nichtraucher mit Fahrradhelm – man spürt richtiggehend den befremdeten Lustgrusel der Macher durch: Alle rauchen ständig überall, daran erkennt man immerhin die 70er Jahre.

Nur irgendwas ist falsch. In einem fort lächeln die Darsteller und umarmen sich zur Begrüßung. Damals, Ende der 1970er hat man sich nicht umarmt, das wüsste ich aber, eher hätte man sich die Arme abgehackt. Und wer gelächelt hat, war nicht ganz richtig im Kopf. Lächeln war für Spinner, Anfassen war beim Arzt. Aber, ach, okay?, ist ja gar nicht damals, sondern ein bisschen 80er hier und 90er dort, also ein anderes Damals, gemischt auch noch mit ein bisschen Heute. Oder doch damals? Die Autos sind zum Beispiel von damals. Oldtimer vielleicht. Also heute, wo man mit Autos von damals als Oldtimern von heute rumfährt. Die Klamotten sind von irgendwann, die Musik ist querbeet, die Regie von vorgestern.

Das kann man theoretisch alles machen. „Game of Thrones“, „Bridgerton“ oder „Die Schlümpfe“ sind historisch ja jetzt auch nicht superstringent und funktionieren trotzdem auf ihre charmant semidilettantische Art. In der Zookinderserie wirkt das Zeitenwirrwarr jedoch nicht wie ein Stilmittel, sondern eher so, als hätten sich die Verantwortlichen gesagt, „och nö, die Requisiten, den Ort krieg ich jetzt nicht so hin“ oder „ich weiß nicht wie das war und es interessiert mich auch nicht die Bohne“ oder einfach „keinen Bock, sollen sich die Leute doch selber irgendwas zusammenreimen“ in Kombination mit: „Die Kritik hält das bestimmt für Kunst.“ Dasselbe gilt für den wiederholt wie jähe Durchfallattacken hervorsprudelnden magischen Realismus. Räusche, Träume, Entzugserscheinungen. Oder sollte das jetzt wieder Handlung sein? Das kann man schlecht unterscheiden, ist ja alles so schön bunt hier …

Es ist wie ein sieben Stunden langer Werbespot der Sorte, bei dem man einander im Kino anstößt und belustigt fragt, für was das denn jetzt eigentlich Reklame sein soll: für Heroin, Vintage-Klamotten, Serviettenringe oder für die BVG? Slogan: „Nach der Schule direkt auf die schiefe Bahn. Und 1018 € kassieren.“ Das wäre in DM umgerechnet etwa siebzig mal „französisch“.

Zuhause meckern die Erziehungsberechtigten immer wegen des Heroins herum. Die Idis schnallen einfach nicht, dass die Kinder das brauchen. Deshalb hängen die jungen Junkies ständig bei so einem Pädo rum, der eigentlich ganz nett ist, bis auf seine leidige Missbrauchsmacke. Er ist der einzige Erwachsene, der die Kinder versteht, also diejenigen Erwachsenen, die die Kinder spielen. Er will nur ihr bestes, und versorgt sie deshalb auch mit Heroin.

Das Heroin ist eine feine Sache, absolut. Unter seinem Einfluss wirken die Blagen gleich viel ausgeglichener. Deshalb weiß man gar nicht, warum sie zwischendurch ständig diese Scheißentzüge machen. Mit dem Heroin war schließlich alles super, während ihnen von den Entzügen immer total schlecht wird. Sobald der Entzug beendet ist, gehen sie wieder tanzen und anschaffen und lachen und spritzen und ficken und anschaffen und tanzen und zum Pädo chillen, und nichts davon interessiert, es ist leider vollkommen egal.

Dann stirbt Dings (Drogen) und dann Bums (ebenfalls Drogen), und es ist erneut so wurscht, wie wenn bei einer Wildwestschießerei eine Handvoll Komparsen umkippen, das löst so gar nichts in mir aus, da könnte auch in China ein Sack Reis an einer Überdosis sterben. Wenn die Drogenopfer ihre Serviettenringe immer mit dabei gehabt hätten, hätte man sich wenigstens ihre Namen merken können.

Auch den anderen „Kindern“ scheint es relativ egal zu sein – die Leute sterben eben, frei nach Thea Dorn. Heroin, Krieg, Corona, Altersschwäche, was soll‘s, ist doch schnuppe, das letzte Hemd hat keine Reißleine. Hier mal ein Tränchen, huch, die Friedhofstür geht irgendwie nicht auf, oder doch, simsalabim, hat bloß geklemmt, und dann schon wieder lecker Heroin, Musik und Blut: Willkommen erneut im Circus Realismus Magicus!

Babsi stirbt. Blöd, weil das war so ziemlich der einzige Name, den wir uns auch ohne Serviettenring merken konnten. Doch ebenfalls egal. Die war eh nicht nett, so wie es überhaupt keine sympathische Figur gibt, oder wenigstens eine, der man irgendetwas abnimmt. Vielleicht ja ganz gut, dass alle sterben. Dann können wir endlich weiter „In Therapie“ gucken.

Und die ganze Zeit über denkt man sich, das könnten die jungen Leute jetzt alles gar nicht machen. Wegen Corona. Das wird erst enden, wenn Armin Laschet Bundeskanzler ist. Dann wird alles wieder erlaubt sein. Heroinpartys drinnen mit ganz vielen Haushalten. Spritzentausch wie in den Siebzigern, Umarmen wie im einundzwanzigsten Jahrhundert. Und vor allem Sterben, ganz viel Sterben, so wie früher, ohne großes Tamtam.

Das wäre in DM umgerechnet etwa siebzig mal „französisch“.

Talk im Turm

Schriftsteller denken sich ja sehr viel aus.
(Bild: Uzi)

Und schon wieder haben sie in einem großen Medium einen Schriftsteller zu einem Thema jenseits seiner Kernkompetenz befragt. Ist jetzt im Grunde auch egal, wer mal wieder was wozu gesagt hat – es ist eh immer dasselbe. Medium A interviewt Autor B zu Thema C, von dem er keine Ahnung hat. Wie sollte er auch? Also labert er halt irgendeine Scheiße. Und es, das Medium A so: Mhm, mhm, ist ja interessant, wie schlau, Herr B, vielen Dank für das Gespräch.

Also gut, ich sag jetzt doch, worum es ging, ist ja eh klar: natürlich um Corona, Thema C, wie sowieso die ganze Zeit. Aber warum zum Henker fragen sie eigentlich immer Schriftsteller, und das zu buchstäblich allem möglichen? Den wohl Megacringe meines Lebens überhaupt hatte ich so mal vorm Fernseher, als Günter Grass in der Pause eines Heimspiels des SC Freiburg über Fußball befragt wurde.

Aaarrgh! Ich verstehe das nicht. Nichts gegen Schriftsteller, einige meiner besten Freunde sind Schriftsteller, auf ne bizarre Art bin ich sogar fast selber einer; Schriftsteller sind einfach Menschen. Vernünftige Menschen und unvernünftige, reflektierende und nicht reflektierende, informierte und uninformierte, weltläufige und weltfremde … im Schnitt vielleicht noch eher von der letzteren Art. Sie kochen echt mit eitel Brackwasser.

Der Fehler liegt jedoch vor allem bei denen, die sie fragen. Warum um Gottes Willen tun sie das? Warum fragen die keine Experten? Das, hier nur zur Erläuterung, sind Leute, die von der Materie etwas verstehen. In der Wahnidee, stattdessen Schriftsteller zu fragen, liegt der eigentliche Sündenfall; dass die armen Idioten dann auch antworten, ist nur allzu menschlich. Das würde ich an ihrer Stelle auch tun, aus Höflichkeit, weil mir das Interesse schmeichelte, oder warum auch immer, und im Zweifel natürlich ebenfalls Müll reden. Ich bin nun mal kein Spezialist. Kein Virologe, kein Soziologe, kein Politiker.

Zum Glück werde ich nicht gefragt. Das mag, allzumal Bekanntheit für unsereiner ja auch eine wichtige Währung darstellt, hier nach dem Fuchs klingen, dem die Trauben zu sauer sind. Doch solange es für ein bescheidenes Auskommen reicht, bin ich wirklich froh darüber, dass meine immanente Ahnungslosigkeit eben nicht für alle Zeiten die ganz große Runde macht – das Internet vergisst nämlich nur die schönen Dinge.

Schriftsteller denken sich ja sehr viel aus. Dazu chillen sie gern in höheren Sphären der eigenen Vorstellungskraft. Das Ergebnis kann sogar mal ganz pfiffig sein. Das können sie ja, das muss man ihnen lassen – da möchte den Lesenden zuweilen fast so etwas wie ein anerkennendes Schmunzeln entweichen. Was Ulkiges ersinnen, schön formulieren mit der Zungenspitze im Mundwinkel, Buchstaben sortieren, Sätze daraus drechseln, schwer seufzend vom Schreibtisch aus in den Himmel gucken: alles gut, können sie gerne machen, feini. Aber bitte nicht wirr vom Elfenbeinturm herunter über ihr nicht vorhandenes pandemisches Herrschaftswissen schwadronieren, zumindest nicht in der Öffentlichkeit, danke!

Schuster bleib bei deinem Leisten, sagt der Volksmund nicht zu Unrecht. Denn was in ihrem Beruf durchaus nützlich sein kann – Fantasy, Vollmeise, egozentrisches Weltbild –, verfängt nicht so richtig, sobald es um Dinge wie Wissenschaft oder auch nur Realität geht. Da muss man exakt sein und kann nicht einfach irgendwas vor sich hin behaupten. Auch wenn man das von Berufs wegen fünfmal so gewohnt sein sollte. Wann das endlich auch die Redaktionen checken, weiß wohl nicht mal der Geier.

Und komme mir bitte keiner mit, „das sind Denker“. Erstens, in welchem Beruf muss man denn bitte nichts denken; werden die dann etwa auch alle – Geografielehrer, Lokomotivführerinnen etc. – in den Tagesthemen sieben Minuten lang zu Pandemiemaßnahmen befragt? „Herr Klempnermeister Krause, Sie haben ja viel mit Verstopfungen aller Art zu tun; wie stehen sie zu einer drohenden Triage bei einer dritten Welle mit der britischen Virusvariante B.1.dingenskirchen?“ Und zweitens, „Denken“ ist gut, die Literaten schwurbeln sich ja in der Regel eh nur irgendwas zusammen. Ausdenken ist aber nicht Denken.

Der graue Nebel der Realität

Das größte jemals überhaupt im Leben gemessene Lebendgewicht.

Nach einem erholsamen Vierzehnstundenschlaf watschle ich an den Schreibtisch und schalte den Laptop ein. Der ist quasi meine Hasstankstelle, an der ich mich mit meiner täglichen Dosis Hass versorge. Dazu brauche ich bloß fünf Minuten durch die Social Media zu scrollen. Einige dort sind einfach nicht meiner Meinung, obwohl das Wort Meinung doch von „mein“ kommt. Die andere Meinung ist der schwur…, äh, reißende Wolf in der wohlgeordneten Schafherde meiner Gedanken, die allein vom treuen Hütehund meines überlegenen Intellekts beschirmt wird. So, jetzt bin ich (auf)geladen, der Hasstank ist wieder voll. Und ordentlich wach zugleich – da brauche ich keinen Kaffee mehr.

Nanu, denke ich – sind die Fingernägel nach ein paar Tagen schon wieder so lang? Sind sie dann aber doch nicht, zumindest nicht alle. Ein Abgleich zeigt mir, dass ich beim Schneiden neulich einfach die rechte Hand vergessen haben muss. Da hat man nur eine einzige Aufgabe, und versemmelt die trotzdem noch. Aber ich bin sogar froh darüber, denn auf diese Weise habe ich nun unerwartet doch etwas zu tun. Schließlich ist zurzeit ja sonst so wenig zu verrichten. Das wird mich einige Sekunden lang beschäftigen, wenigstens für einen kurzen Moment bin ich diese entsetzliche, betäubende, sämtliches Leben in mir vernichtende Leere los. Das ist super, eine absolute Win-win-Situation, denn so bin ich gleichzeitig dem „normalen Leben“ (Kater, Steuererklärung, Leserkommentare) nach Corona wieder eine halbe Minute nähergerückt. Und die Fingernägelchen sind schön geworden, so schön sind die, eieiei.

Man muss lernen, auch die kleinen Erfolge zu feiern. Nach dem wöchentlichen Duschen – öfter ist nicht nötig, ich geh ja nicht raus und bewege mich kaum, und dann muss ich auch die Schlafsachen nicht ausziehen – ist es mir kürzlich gelungen, auf der Badezimmerwaage das größte jemals überhaupt im Leben gemessene Lebendgewicht zu messen, also zu wiegen, also in meinem Leben, also meins, mein Gewicht. Die exakte Kilozahl kann ich nicht nennen, sonst denken alle, ich wäre ein Nazi. Und wäre ich ein Angler, würde ich mich stolz mit mir selbst auf dem Arm fotografieren, dem fetten Riesenwels vom schlammigen Grund des Lockdown-Sees.

Meine Kopf-, Ohren- und Nasenhaare haben in den letzten Wochen und Monaten ebenfalls rekordverdächtige Länge erreicht. In einer prächtigen Symbiose verflechten und verfilzen sie sich mit meinen Tag und Nacht getragenen Schlafklamotten immer mehr zu einem dichten Mantel der Kapitulation vor praktisch allem.

Macht nix. Ich rechne eh nicht damit, dass ich in diesem Jahr noch mal weiter rausgehe als bis zur Käsetheke des nächstgelegenen Supermarkts. Die im Prinzip eigentlich ganz schlaue Idee einer Impfung haben sie ja inzwischen weitgehend wieder zurückgenommen. Außer im Fernsehen. Gäbe es nur halb so viele Impfungen wie jeden Tag in den Nachrichten, wären wir schon längst durch. So aber murrt das Volk vernehmlich.

Ich sage dennoch danke. Denn wer hier jetzt anfängt, rumzumaulen, von wegen Versäumnisse, Beschiss oder Enttäuschung, sollte sich doch einfach mal vorstellen, man hätte uns nichts versprochen. Stattdessen wahrheitsgemäß gesagt: Impfung ist nicht. Zu teuer. Zu schwierig. Zu dumm. Zu geizig. Kein Bock. Lecko mio.

Dann hätten wir nämlich gar nichts gehabt, eben auch nicht diese wunderbaren Tage voll der süßen Hoffnung, in denen wir uns in Gedanken bereits wieder grölend, kopulierend und rotzbesoffen durch die lauen Berliner Sommernächte stromern sahen, um uns herum nichts als Liebe, Lärm und Taschendiebe. Anstelle dieses bitter notwendigen Seelenzuckerls nur der dichte graue Nebel der bösen Realität. Nein, da war mir der vermeintliche Sonnenstrahl am Horizont doch lieber, auch wenn er sich am Ende bloß als der Feuerschein einer brennenden Müllkippe entpuppt.

Gäbe es nur halb so viele Impfungen wie jeden Tag in den Nachrichten, wären wir schon längst durch.

Backen mit Mady Morrison

Ein grunzendes Backschwein, dem sich der klebrige Teig wie beigefarbener Kot von den Fingern zieht.

Ich gebe es zu. Ich backe jetzt Brot. Das ist der Offenbarungseid: Ich kann offiziell nichts mehr mit mir anfangen. Isolation, mangelnder Input und der Verlust gewohnter Rituale haben diesmal offenbar auch mich zermürbt.

Beim ersten Lockdown im Frühjahr war ich noch stark. Da hatte ich die Bekloppten für ihren Aktionismus ausgelacht. Brotbacken, zuhause, das muss man sich mal vorstellen! Donnerwetter, hatte ich gedacht: ein Virus, das anscheinend sogar ohne Infektion das Hirn zerstört!

Denn es war tragisch, mitanzusehen: Wie verzweifelt sie alle versuchten, ihre nun auf einmal so leer erscheinenden Leben mit absurden Fantasy-Inhalten zu füllen, um den Tagen wenigstens irgendeine Art von Struktur zu verleihen; wie Suchtkranke, die sich Haustiere anschaffen.

An den laufenden Kindern war mir der allgemeine Meltdown im vorigen März zuerst aufgefallen. Denn nicht nur, dass auf einmal alle ständig laufen gingen. Nein, neu war auch, dass man selbst Kinder, meist in Begleitung eines Elternteils, joggen sah – ein ähnlich skurriler Anblick wie Greise auf dem Skateboard. Spätestens da wusste ich, dass etwas nicht stimmte. Kinder haben nämlich ein exzellentes Gespür dafür, was dem gesunden Menschenverstand zuwiderläuft. Sie mögen weder Tee noch Kaffee, weil der bitter ist. Sie rauchen nicht, weil man davon husten muss. Sie trinken keinen Alkohol, weil man davon erst komisch wird und dann traurig und am Ende vollends verrückt. Sie hassen Gemüse, weil das nicht schmeckt. Und sie laufen schon gar nicht hohl im Kreis herum.

Doch die Erwachsenen rissen alle mit in den Wahnsinn. Sie putzten ihre Wohnungen, als ob die nicht Tage später wieder genau so dreckig sein würden. Sie spielten Schach im Internet, obwohl sie gar nicht spielen konnten. Sie machten Homeyoga mit Mady Morrison. Sie gingen jeden Tag spazieren, was sie noch nie zuvor getan hatten. Und sie joggten, wie gesagt.

Vor allem aber buken sie Brot – eine Imperfektform, die ich nicht aussprechen kann, ohne dabei den kleinen Finger abzuspreizen. Sie buken Brot, obwohl der Bäcker aufhatte. Dort gab es Brot. Man konnte es kaufen. Das war auch nicht verboten. Der Bäcker buk gutes Brot, er hatte das gelernt. Und er hätte gern welches verkauft, anstatt es jeden Abend wegzuschmeißen, weil die gelangweilten Idioten ihr eigenes Brot buken. Stattdessen ging er pleite wie so viele andere Läden, nur eben völlig sinnlos, da er ja aufmachen durfte.

Überall war Trockenhefe alle. Wie das Klopapier, wie die Nudeln. Und im Netz jammerten die Leute: „Die Trockenhefe ist alle. Wer hat noch Trockenhefe? Was ist mit Ebay? Wer geht mit plündern?“ Damals hatte ich es nicht verstanden. Klar, das mit den Nudeln und dem Klopapier schon, aber Trockenhefe? Was ist Trockenhefe, hatte ich mich gefragt. Wer braucht das? Und um Gottes Willen wozu?

Jetzt bin ich schlauer. Während im Laptop – „Hallo, ihr Lieben“ – Yoga mit Mady Morrison läuft, mische ich einen viertel Teelöffel Trockenhefe mit Mehl, Salz und Wasser, und forme alles zu einer Masse. Über der Anrichte spiegelt sich in den Kacheln mein Gesicht. Ich sehe blöde aus. Kein Wunder, ich bin offenbar blöde geworden. Ein grunzendes Backschwein, dem sich der klebrige Teig wie beigefarbener Kot von den Fingern zieht. Dabei hat doch dort draußen noch immer der Bäcker auf. Meine Güte, was für ein erbärmliches Lockdownopfer ich geworden bin!

Morgen schöpfe ich dann mein eigenes Klopapier aus Holzresten. Ich mache Nudeln aus meinen Popeln und Honig aus dem Ficus Benjamini: Tanzen, Sammeln, Schleudern – das ganze Programm.