Bowling for Kolumbien (I)

Die kleinen Punks

Auf der Straße zurück nach Santa Marta winken drei kleine Punks auf freier Strecke den Bus heran. Sie kommen vom nahegelegenen Hippiestrand. Der soll dem Vernehmen nach schon reichlich überlaufen sein. Deshalb waren wir da auch nicht.

Der Bus hält, sie steigen ein und kommen nach hinten in unsere Richtung. Zwei Mädchen, ein Junge, ihre Haut sieht schlimm aus – sind das noch Mückenstiche oder ist das schon Krätze? -, offensichtlich aus Deutschland. Dass sie uns keines Blickes würdigen, kann ich noch nachvollziehen: Da fährt man um die halbe Welt, bloß um dort auch noch auf Altnazis zu stoßen, oder für was sie uns halten – wir haben zwar keine Nadelstreifenanzüge an, sondern sind nach einem Monat selbst reichlich zerzaust; trotzdem geht das natürlich gar nicht – wie uncool ist das denn! Aber die eine schafft es, sich mit dem Rücken voran derart kunstlaufkürmäßig auf den Platz neben einen am Fenster sitzenden Einheimischen zu schrauben, dass sie ihn dazu keine Sekunde lang ansehen muss. Um über den Mittelgang hinweg weiter mit ihren Freunden zu quackeln.

Von meinem Platz aus sehe ich das Gesicht des Kolumbianers. Eine Beschreibung ist schwierig, deshalb komme ich gleich zur Analyse: Ein solcher Umgang stößt die Leute hier echt vor den Kopf. Hier nimmt man sich wahr, man guckt sich an, man lächelt, man sagt was kurzes, meinetwegen „que tal?“, wenn einem nichts anderes einfällt.

Sofort breche ich, feige schräg von hinten zischelnd, meinen Begleiterinnen gegenüber den Stab über den Neuankömmlingen: Wie scheiße die in meinen Augen wären. Und was die überhaupt hier wollten, wenn sie für Land und Leute keinerlei Respekt und Interesse aufbrächten? Das gleiche Kaliber in der Wortwahl würde in anderer Konstellation auch gut ins rechte Lager passen.

Sie hätte die zuerst auch doof gefunden, gibt I. später zu bedenken, im Nachinein sei sie aber eher fasziniert. Denn wir wären doch mal genau so gewesen. Ignorant und unbeschwert. Und damit hat sie natürlich recht. Klar, war ich in dem Alter selbst ein Arschloch. Mein lieber Schwan, was für ein Arschloch ich war! Allerdings hätten mich die anderen Leute dann eben auch als eins bezeichnet. So wie wir das heute tun. Und zwar völlig zu recht. Das ist nun mal der Lauf der Dinge.

Genau genommen war ich sogar ein noch zehnmal schlimmeres Arschloch als die. Im Vergleich zu mir damals, sind die kleinen Punks vermutlich geradezu brauchbare Mitglieder der Gesellschaft. Bestimmt sind sie auf eine diffuse Art links. Schätze ich mal. Links bringe ich immer mit sozial in Verbindung. „Refugees welcome“ und so. Das finde ich ja eigentlich gut.

Bloß was ich bei ihnen absolut nicht unter einen Hut bekomme: Wie schafft es jemand, Millionen Flüchtlinge wilkommen zu heißen, der noch nicht mal seine Nachbarn im Hausflur grüßen kann? Nur weil die anders sind, die blöden Spießer, von wegen alt und arbeiten und anders angezogen und so. Immerhin sind die Flüchtlinge ja oft sogar noch mehr anders als eben diese Nachbarn. Und anarchistisch syndikalistisch organisierte Feministen sind manche allenfalls im Ansatz. Ich schwör, kein Scheiß und völlig unpolemisch, ich frage wirklich aus echtem Interesse: Wie soll das gehen, wenn man so scheiße drauf ist? Ich frage, weil ich das nämlich auch von mir kenne, denn ich bin ja selbst nicht der herzlichste. Ich brauche meinen Abstand. Deshalb habe ich mich zwar dezent für Geflüchtete eingesetzt, aber dass einer bei mir wohnte, käme nicht in Frage. So richtig, Küsschen, da ist die Fernbedienung, das Bier ist in der Gemüseschublade, ich hab dir schon das Bett bezogen, herzlich willkommen? Nie im Leben. Wie also schaffen dann die kleinen Obermuffel diesen Mentalitätsspagat und wie lauten die Lügen, mit denen sie sich selbst überlisten? Oder gibt es dafür spezielle Drogen?

Vielleicht aber sagen sie ja auch deshalb „welcome“ und nicht „willkommen“, weil ihnen in der fremden Sprache der Widerspruch weniger auffällt. „Welcome“ ist für sie einfach nur wie so ein englischsprachiger Liedtext: man summt ihn halt mit, ohne ihn wirklich mit dem Verstand zu durchdringen.

In diesem urlaubstypischen Battle, wer das deutschere Arschloch ist, einigen wir uns schließlich darauf, dass wohl jedes Lebensalter seine jeweils eigene Form der Arschlochhaftigkeit besitzt. So ist ihre, dass sie in ihrer Selbstbesoffenheit sich alles in den eigenen Tellerrand hineinschwindeln, während wiederum unsere darin besteht, dass wir alles, was wir nicht sofort begreifen, in Schubladen sperren und die Schlüssel wegwerfen. Uns alle eint nur unsrere Arroganz. Sie sind böse, weil sie noch ganz weich und dumm im Kopf sind, wir sind in Bosheit erstarrt wie erkaltete Lava. Was ist schlimmer? Wir natürlich, denn sie sind formbar und können noch alles werden: weich und gut, hart und gut oder auch hart und böse. So wie wir.

 

Hunde, wollt ihr ewig schrubben?

Das Vorhaben, während des Urlaubs meinen Palazzo weiterzuvermieten, gestaltete sich erstaunlich schwierig. Schaffte es ein unaufmerksamer Bewerber an den eisernen Torwächtern meiner Wohnungsfotos vorbei, war dann doch spätestens bei der Besichtigung Schluss. Ein Kandidat stieß sich bei seiner überstürzten Flucht so übel den Kopf an, dass ich den Notarzt rufen musste. Eine Person aus meinem Umfeld brachte daraufhin das Wort „Sauberkeit“ ins Spiel.

Wieso sauber? Was meinte die Person? Um zu verstehen, guckte ich mir nun auch die Bilder zu den anderen Anzeigen an. In ziemlich leeren Zimmern in Mitte oder Pankow stand gleichgeschalteter Ikea-Barock herum – Möbel Höffner, Möbel Hütter, Möbel Hitler -, sonst fast nichts; ab und zu vielleicht noch eine Zierpflanze auf dem Tisch oder ein Zierbuch im Regal. Ich fühlte mich in die Lobby einer Hotelkettenfiliale à la McSleep, McStay oder Motel One versetzt. Auch das Fernsehen stellt seine Figuren gern in ähnliche Kulissen, wie es sich die Legebatterien seiner Gebührenzahler vorstellt. Und die würden ja völlig verstört, wenn sie mal eine Staubmaus sähen, und auf der Stelle den Sender wechseln. Schlecht fürs Geschäft.

Das war sicher nichts, wo man wohnen im Sinne von leben wollte. Doch dafür umso lieber wohnen im Sinne von vorübergehend untergebracht sein, ohne sich auf Schritt und Tritt fremde Fußnägel einzutreten, die aus den Ritzen grob gehauener Dielenbretter ragen – vielleicht würde ich das sogar selbst bevorzugen.

Und alles sah sehr sauber aus. Sauber, neu und aufgeräumt. Das sah ich wohl. Jene Wohnungen waren zwar teurer und so spannend wie Särge mit Südbalkon, doch sie gingen offensichtlich weg wie warme Semmeln. Dieselben Leute, die schreiend vor mir getürmt waren, nahmen solche Angebote anschließend mit Kusshand.

Die Person hatte also recht. Wollte ich eine reale Chance haben, müsste ich eine Charme-Offensive starten, meine persönliche „Operation Morgenluft.“ Ich würde mein Reich vorteilhafter präsentieren müssen. Aufräumen, putzen, reinigen. Eine Arbeit vermutlich von Wochen. Daher fing ich auch gleich an.

Das Konzept des Saubermachens erschloss sich mir nicht automatisch. Ich musste es mir erst mühsam erarbeiten. Zunächst checkte ich das Material: Unter einer dicken Schicht Spinnweben fand ich einen Eimer, darin verschiedene Plastikflaschen mit mutmaßlichem Saubermachzeug, das kombinierte ich mal einfach aus dem Kontext. Einen Staubsauger besaß ich ebenfalls. Das hatte ich nicht einmal gewusst, doch dann wies mich die Person auf den imposanten Miele-Masturbator neben meinem Bett hin: offensichtlich ein Multifunktionsgerät – verrückt, da benutzt man einen Gegenstand quasi täglich und kennt ihn überhaupt nicht richtig.

Aber es funktionierte. Ich saugte, wischte, fegte, schrubbte, räumte alten Kram beiseite, in den Keller, in den Müll oder dahin, wo er hingehörte. Fast machte es sogar Spaß. Und ich entdeckte ständig neue, überraschende Details. So hatte ich mich immer gewundert, warum die Leisten fleckig grau und die Türen braun gestrichen waren. Oder wieso der Fußboden im Flur scheinbar aus unbefestigter Erde bestand, während im Rest der Wohnung Holzdielen, Fliesen und Linoleum vorherrschten. Unter dem strengen Regiment meines Besens wechselten Schein und Sein nunmehr wie von Zauberhand die Seiten.

Dann ereilte mich jedoch der Downer. Nach etwa einer Woche bemerkte ich in einer Ecke des Wohnzimmers, das ich längst bearbeitet hatte, Staub. Auch das Glasbord im Bad, das ich doch blitzblank gewienert hatte, wies erneut Wasserflecken auf. Und wohin ich in den folgenden Tagen auch blickte, war es schon wieder dreckig. Es war ernüchternd. Das Saubermachen entpuppte sich rundum als Quatsch. Offensichtlich wurde alles ganz von selbst wieder schmutzig. Wozu hatte ich dann geputzt? Mit einem Mal kam ich mir unendlich lächerlich vor. Ich hätte mir die Aktion komplett sparen können. Den Tränen nahe verfluchte ich die Person, aber auch mich selbst, der ich ihr leichtgläubig auf den Leim gegangen war.

Sollte ich jetzt etwa wieder von vorn anfangen? Wie so ein Facility-Sysiphos bis in alle Ewigkeit Monat für Monat meine Wohnung reinigen, nur damit sie doch gleich wieder einsaut? Das wäre ja so als wenn man jeden Tag von neuem nett zur eigenen Frau sein müsste, obwohl man doch schon mit ihr zusammen ist. Wer macht denn so was? Das ist doch absurd. Sollen die Interessenten doch in die sterilen Fake-Buden jener untoten Pankower ziehen. Ich lass mich hier nicht weiter verarschen.

Stilbruch

Wegen einer mehrtägigen Dschungelwanderung muss ich sie mir nun wohl doch zulegen: Trekkingsandalen mit Klettverschluss. Mein Leben lang habe ich mir geschworen, dass ich so etwas niemals anziehen würde, no way, eher pinkel ich mir in die Jogginghose und mach dazu den Hitlergruß.

Besonders eitel bin ich eigentlich nicht, das kann ich mir auch gar nicht leisten. Es mangelt an Stil, Geschmack und Geld. Außerdem ist mir eine gut gefüllte Gemüseschublade allemal wichtiger als der hilflose Versuch, als wandelndes Zierpüppchen zu reüssieren.

Wahre Schönheit kommt ohnehin von innen. Damit man das auch merkt, greife ich mir morgens immer nur irgendwelche Kleidungsstücke vom „Sachenstuhl“, wie ich das Tool für meinen „Sachenhaufen“ nenne, diesen Berg bereits getragener Klamotten, deren Hautgout mir noch nicht wäschereif genug erscheint. Da muss man manchmal schon etwas länger abwägen, was noch geht und was nicht: Geruchskategorie eins, zwei oder drei? Kommt ja auch drauf an, was man vorhat: eine Party, ein Arztbesuch oder einfach bloß Lesebühne? Da reicht natürlich Schnupperklasse III. Ab und zu liegt man mit der Entscheidung trotzdem mal daneben.

Ich gucke schon längst nicht mehr, was auf dem T-Shirt steht, das Kamerad Zufall mir nachlässig in die Hand drückt. Ob pseudowitziger Spruch oder das Merch einer vor Jahrzehnten pensionierten Band: So richtig altersgerecht erscheinen mir die bunten Fetzen ja nicht mehr, doch wenigstens ernte ich dafür zuweilen nette Blicke. Das heißt, natürlich denke ich zuerst, klaro, una admiradora, was sonst, und was für ein megageiler Typ ich wäre, und dann galt das Lächeln doch wieder bloß dem T-Shirt, auf dem „Volldepp“ oder „Ballermann“ steht, aber immerhin besser als gar nichts.

Ganz davon abgesehen müsste ich, um ein einfarbiges Shirt zu finden, den Sachenhaufen vorher durchsehen. Das wäre viel zu aufwändig. Schließlich muss ich schon dran riechen, das reicht. Ebenfalls ein wenig aus dem Lebensalter gefallen sind im Sommer kurze Hosen und dazu einfach bloß so Flipflops.

Lustigerweise sind es nicht selten dieselben Leute, die sich gegen Schönheits- und Modediktat aussprechen, die dann „ihh, diese hässlichen behaarten Beine von ollen Typen in kurzen Hosen“ lästern und Flipflops soll man auch nicht tragen, das ist anscheinend irgendwie nicht schön oder nicht lässig genug oder weiß der Geier was.

Dabei reden sie reden mal eben, ohne mit der Wimper zu zucken von „irgendwelchen alten Säcken“, obwohl ich direkt daneben stehe, so, als ob mich das nicht beträfe, ich unverletzlich, taub, entmündigt oder tot wäre. Aber vielleicht bin ich in ihren Augen auch einfach nur ein Arschloch, das es nicht anders verdient hat – das kann natürlich sein. Ich laufe trotzdem rum, wie ich will – die können nicht auf der einen Seite einfordern, es stünde jedem frei, sich nach gusto einen Minirock oder einen Kartoffelsack anzuziehen. Nur „alte Säcke“ sollen eben doch bitte Burka tragen oder wenigstens lange Hosen. Und Socken. Aber ohne mich. Sollen die Leute doch tuscheln und meinen und denken und finden. Ihr Spott ist meine Kraftnahrung, ihre Verachtung macht mich stark.

Nur Trekkingssandalen gehen wirklich gar nicht. Genau da ist die Grenze, das ist der Sündenfall. Der HERR sprach, „Leute, ihr seid hier nicht auf La Gomera“, und schmiss Adam und Eva aus dem Paradies. Die Trottellatschen sind der Offenbarungseid, eine Kapitulation vor sich selbst und der Abschied vom letzten Rest Menschenwürde. Für Jüngere noch irgendwo zwischen Outdoor und Kirchentagsbesucher angesiedelt, sind sie ab vierzig das endgültige Symbol jener spröden Spielart von Altenteil, in der sich graue Paare mit resignierten Mienen gegenseitig hartgekochte Eier zufüttern; die beigefarbene Funktionskleidung tragen und in einem fort Sätze sagen wie, „Männer und Frauen sind nun mal verschieden“, „neulich ist in Wilmersdorf schon wieder jemand überfallen worden“, „jetzt freu ich mich erst mal auf nen schönen heißen Tee“, „die haben ja auch eine ganz andere Kultur“, „den jungen Menschen fehlt einfach die Erfahrung“, „die Ausländer fahren alle zu schnell“, und dazwischen immer wieder, „ich würde mich gerne mal hinsetzen.“ So ein verhärmter Pastell-Zombie wollte ich bitte erst nach meinem Ableben werden. Aber wahrscheinlich ist es einfach schon so weit.

Weckruf des Satans

Egal wo ich bisher in Berlin gewohnt habe, und ich ziehe ja oft schon um, sobald der Aschenbecher voll ist: Die Müllabfuhr kam grundsätzlich frühmorgens. Das kann kein Zufall mehr sein. Oder kennt hier vielleicht irgendjemand jemanden, der wen kennt, bei dem die nicht am frühen Morgen wie ein SEK brüllend und polternd den Innenhof stürmen? Auch frage ich mich, warum die einen Rammbock benutzen, obwohl sie einen Schlüssel haben.

Ich hab ja gar nichts gegen die Müllabfuhr. Deren Arbeit ist wichtig. Wie die Geier in der Natur verhindert sie die Verbreitung von Krankheiten. Das würde allerdings genauso mittags funktionieren. Beim Briefträger geht es doch auch: Der beginnt zwar ebenfalls morgens seine Runde und klingelt die ersten aus dem Bett, die nach dem Überfall der Müllmänner noch wimmernd ihren Kopf ins Kissen bohren. Aber natürlich gibt es auch Kunden, die um zehn, um zwölf, um zwei dran sind. Bei der Müllabfuhr hingegen nicht.

Was das den Steuerzahler kostet! Eine Müllabfuhr, die nur morgens arbeitet, benötigt das Dreifache an Personal und Fahrzeugen. Und was machen die eigentlich mit dem Rest ihres Arbeitstages: Bereiten sie da ihren zweistündigen Früheinsatz nach oder legen sie sich gleich wieder hin? Immerhin müssen sie selbst ganz schön müde sein. Damit sie uns früh genug nerven können, müssen sie noch früher aufstehen. Das mutwillige Geklöter kostet dazu viel mehr Kraft, als dieselbe Arbeit mit Anstand und Achtsamkeit zu verrichten. Vom Verlust für die Volkswirtschaft gar nicht zu reden, der entsteht, weil alle ständig übermüdet sind: im Atomkraftwerk, im Krankenhaus und im Flugzeugcockpit. Das wird dann sogar richtig gefährlich.

Doch die Gängelei hat offenbar Methode. Wir Nichtsnutze sollen nicht schlafen, sondern arbeiten. Dazu bedient sich der Staat seiner wirksamsten Waffe: der Müllabfuhr. Dabei haben die Leute erstens alle einen Wecker und zweitens kann das ja wohl jeder selbst entscheiden? Man behandelt uns wie Dreijährige. Billiger und stilvoller wäre es auch, man ließe in den Straßen einen Nachtwächter singen: „Hört ihr Leut‘ und lasst euch sagen, soeben hat es sieben geschlagen“, oder meinetwegen auch, „auf ihr Schweine, aus den Federn, sonst wird euch der Henker rädern!“ – das ist schließlich, was sie meinen.

Im übrigen sind ja auch gar nicht alle faul. Manche haben zum Beispiel Schichtdienst. Oder einen anderen Tagesrhythmus. Und selbst wenn sie faul wären, na und? Diese Bevormundung aus so einem preußisch-protestantischen Pflichterfüllungsethos heraus ist unerträglich. Da fragt man sich zwangsläufig: Warum erschießen die uns nicht einfach gleich alle? Kurz und schmerzlos bei vergleichbarem Krach. Zum Glück sind in vier Jahren schon wieder Wahlen. Da wird es Denkzettel hageln, das verspreche ich, bei meiner Seel‘.

Um das Elend noch zu toppen, wird in der Straße neuerdings gebaut und die Müllfahrzeuge müssen rückwärts hinein rangieren. Den erhöhten Aufwand kompensieren sie, indem sie anstatt einmal in der Woche nun jeden Morgen kommen, außer am Wochenende. Ich weiß nicht, ob sie täglich alle Tonnen in nur einem Haus leeren, oder in jedem Haus eine Tonne. Ich weiß nur, dass sie jeden verdammten Tag, den ein gnadenloser Schöpfer in das Rattenrennen um den Pokal des schlimmsten Tags meines Lebens schickt, in aller Herrgottsfrühe von Neuem loslärmen. Je! Denn! Tag!

Daran haben sie auch noch so viel Spaß, dass sie noch lauter sind als sonst. Kann es sein, dass sie die Horrorshow exklusiv für mich abziehen, und meine Nachbarn sind bloß Kollateralschäden? Weil die Mächtigen mich wegen irgendetwas auf dem Kieker haben. Das Gefühl habe ich sowieso schon lange.

 

Tötet sie alle!

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Und schon wieder ist uns in der Gartenhütte so eine niedliche kleine Maus in die Falle gegangen. Tot natürlich. Dafür haben wir die Falle ja aufgestellt. Klatsch, peng, tot. Als eine Freundin davon hört, fragt sie, warum, wenn überhaupt eine, wir denn keine Lebendfalle verwendeten.

Ich labere irgendwas von notorisch unzuverlässigen Lebendfallen, die dem Tier noch mehr Schmerz zufügen könnten. Aber eigentlich habe ich herzlich wenig Ahnung. Es ist einfach nur so, dass die Maus nach ihrer Entlassung in den Garten sofort – schlender, pfeif – rotzfrech und mit noch umgebundenem Lätzchen wieder zurückkäme, um in der Küche das kaum unterbrochene Mahl fortzusetzen.

In Kanada werden Problembären lebend gefangen, abtransportiert und dann hunderte von Kilometern entfernt wieder ausgesetzt. Wandert der Bär zurück und macht weiter Stress, erhält er mindestens eine weitere Chance, bevor ihm endlich irgendwann mal eine auf den Pelz gebrannt wird. Über diese Mittel und Strukturen verfügen wir aber nicht. Wir sehen uns nicht in der Lage, dasselbe für die Mäuse zu leisten. Deshalb also die Genickbruchfalle.

Die Frage nach dem Warum: Nun, die Mäuse fressen alles. Sie knabbern auch alles an und kaputt und durch, und längst nicht nur Lebensmittel. Eines Tages zernagen die noch mal ein Stromkabel. Sie kacken alles voll und verursachen damit nachweislich üble Krankheiten. Sie poltern nachts durch die Hütte, so dass keine Sau schlafen kann. Die Menschheit versucht seit über zehntausend Jahren, Ratten und Mäuse kurzzuhalten. Und durch Wegtragen hat das noch keiner geschafft.

Aber wohl ist uns nicht dabei. Für einen urbanen Sesselpuper fühlt es sich komisch an, ein Säugetier zu töten, und „komisch“ meine ich jetzt nicht im Sinn von „lustig“. Doch wer Fleisch von Säugetieren und Vögeln isst, sollte auch Säugetiere und Vögel töten können; wer Fleisch von Wiesenhof isst, darüber hinaus in der Lage sein, Menschen zu töten, Häuser anzuzünden und Omis mit dem Enkeltrick auszunehmen. Wer wiederum Insekten erschlägt, sollte sie hinterher auch essen – den Stachel kann man meinetwegen vorher entfernen. Unsere moderne Welt ist so voll ungeschriebener Regeln, dass man oft kaum noch durchblickt.

Dabei sammelte ich bereits als kleines Kind Erfahrung mit dem Töten. Unsere überaus fleißige Familienkatze schleppte alles an, was sich nicht bei drei auf den Baum, in die Luft oder unter die Erde retten konnte. Im Portfolio hatte sie Mäuse, Vögel, Maulwürfe und Siebenschläfer – nur den Zauneidechsen war die Gnade ihrer vorherigen Ausrottung beschieden. Ich musste dann die halbtoten Opfer mit der Schaufel erschlagen, um ihr Leiden zu verkürzen. Die bittere Pflicht fiel automatisch mir zu, da ich schon mit fünf Jahren als vollkommen krank im Kopf und unvorstellbar grausam galt. Eine echte Win-win-Situation: Mein kindlicher Blutdurst wurde aufs trefflichste gestillt, während die reinen Seelchen meiner Geschwister unversehrt blieben. Bald war mir das Töten speziell warmblütiger Lebewesen zur Passion geworden. Erst als ich mit Anfang vierzig plötzlich die Liebe kennenlernte, wuchs in mir zugleich mit der Freude am eigenen auch der Respekt vor dem anderen Leben.

Doch immerhin hat das Töten bei mir noch einen Sinn. Von der Jagd kann man das weniger behaupten. Viele der erlegten Tiere wie Fuchs, Elster und Waldspaziergänger werden ja noch nicht einmal verzehrt. Beim Jagen geht es nur ums Töten an sich. Von irgendwelcher Folklore an frischer Luft braucht mir hier keiner zu quatschen, geschweige denn von einer edlen Hege des Wildes. Hege durch Erschießung? Das wäre doch, als würde ein Erzieher die Kinder verdreschen und das als Mittagsschlaf verkaufen.

Nur ab und zu geht die gute alte Mordlust doch mal wieder mit mir durch. Wir würden viel mehr Mäuse fangen, gab ich neulich zu bedenken, wenn wir nicht in der Hütte untätig darauf warteten, dass alle Jubeltage einmal eine zu uns eindrang. Sondern, wenn wir sie stattdessen offensiv in ihrem Lebensraum aufsuchten. Also eine große Menge Mausefallen erwürben und die überall im Wald verteilt aufstellten. Dann wäre die Mäuseernte garantiert viel reichhaltiger. Dasselbe Prinzip hatte ich als Kind mit gutem Erfolg studiert: Brachte die Katze wegen Streik, Krankheit oder Urlaub nicht genug Nachschub, begab ich mich mit der Schaufel in die Natur, um Bodenbrüter samt Gelege zu erschlagen. Davon schwärmte ich nun mit sportpalastmäßiger Begeisterung meiner Freundin vor, die Wangen glühten, ich sah vor meinem inneren Auge eine Strecke von wohl hunderttausend toten Mäusen.

Doch ihr strenger Blick genügte und ich verstummte. Mit ernstem, ja mitfühlendem Blick griff ich nach der bestückten Falle in der Küche, trug sie hinaus und hielt sie über den Gartenzaun, hinter dem gleich der Wald beginnt. Ein Druck auf den Hebel, die tote Maus war frei und harrte ihrer häppchenweisen Bestattung durch kleine schwarze Käfer. Mit gesenktem Kopf sprach ich ein kurzes Gebet: Danke, Schwester Maus, dass du für die Unversehrtheit unserer Vorräte gestorben bist; danke, dass du dich für unsere Nachtruhe geopfert hast; danke …