Der Film vor dem Film

Fuck you, kack you, danke Merkel.

Vom Urnengang in Sachsen-Anhalt abgesehen, dürfte wohl kein öffentliches Feldexperiment mehr Zweifel an der Vernunftbegabung der Menschheit schüren, als dreihundert Besucher, die im Freiluftkino Kreuzberg versuchen, die dort für sie bereitgehaltenen Liegestühle aufzustellen.

Das gilt leider auch für uns. Denn ich gehe höchstens einmal im Jahr dahin, und habe dann jedes Mal aufs Neue den simplen Trick vergessen, mit dem man in drei Sekunden diese Affenfalle aus Holz und Leinwand aufbauen könnte. Wir sind also selbst ein interaktiver Bestandteil dieses evolutionären Offenbarungseids.

Natürlich gibt es wie überall auch hier immer ein paar von diesen Einsteins, die nicht so wie ich als erstes den Stuhl in die Hand nehmen, und vollkommen random daran herumruckeln, -ziehen, und -zerren. Sondern die stattdessen das Ding angucken, einfach nur angucken, analysieren, und es BEGREIFEN.

Danach erst handeln sie bedächtig und zielgerichtet. Ich weiß nicht, wie die das anstellen. Sie müssen Superhirne haben. Ich hingegen bin nur ein redlicher Geisteshandwerker, rechtschaffen und fromm. Ich kann das nicht. Meine einzige Technik lautet: Versuch und Irrtum. Und Irrtum und Irrtum und noch mal Irrtum.

Schnell schwindet auch noch der letzte Rest von Stolz. Die Scham, die sich angesichts des dilettantischen Spektakels einstellt, ist schier überwältigend. Sollen wir einfach wieder gehen? Ich könnte theatralisch einen Anruf faken, und aufgeregt herumzetern, „oh mein Gott, das Haus ist abgebrannt“, „Mutter ist tot“, „der Hundesitterin ist die Fruchtblase geplatzt.“ Komödienstadl goes Open Air.

Und sie dann wiederum so knallchargenmäßig vor den Umstehenden deklamierend als stünde sie vorne am Bühnenrand: „Ja, saudoof, dann können wir ja leider nicht im Kino bleiben, su-per-scha-de.“ Das ist das Stichwort. Fluchtartig verlassen wir den Ort der Schande. Der Stuhl bleibt schlüssigerweise liegen, ist schließlich ein Notfall, perfekte Tarnung.

Wir widerstehen der Versuchung. Natürlich linsen wir auch immer öfter verstohlen rüber zu den Nachbarn: Wie machen die anderen das? Vor allem die wenigen, die entweder öfter herkommen, einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben, oder die es schlicht checken: die besagten Superhirne.

Doch selbst durch Zugucken und Imitation komme ich nicht weiter. Denn entweder sieht man gerade zufällig bei denen zu, die genauso überfordert wirken wie wir, oder aber es geht zu schnell: Klack, klack, klack, fertig. In der Kürze der Zeit werde ich nicht schlau daraus. Dabei können selbst Katzen aus Beobachtung lernen. Ich anscheinend nicht. Es ist deprimierend.

Erst flüsternd, dann schreiend, beginnen wir uns untaugliche Tipps zu geben, ach was „Tipps“, eher sind es wirr gestammelte Beschwörungen aus der Hölle eines völlig kompetenzbefreiten Aktionismus, und dazu jede Menge Flüche. Gleich können sich die Kinoschweine ihren verschissenen Rubik’s Chair aber mal ganz tief in den Arsch schieben. Fuck you, kack you, danke Merkel.

Doch die Selbstzweifel halten immer nur so lange, bis man es am Ende doch noch geschafft hat. In zehn Minuten. Rekordzeit. Glaube ich. Und stets ist es eine Mischung aus Epiphanie, Zufall und Mitleid der Götter. Dabei gibt es sowieso immer nur genau diesen einen kleinen Kniff, den man verinnerlichen muss, nicht mehr; alles andere ergibt sich von selbst daraus. Und ebendiesen Kniff vergesse ich jedes Mal im Laufe eines Jahres wieder: Irgendwas mit der Armlehne.

Direkt im Anschluss an das Gelingen setzt der völlige Größenwahn ein: Warum mache ich das eigentlich nicht beruflich? Am liebsten würde ich nach dem Liegestuhl gleich noch eine riesige Stadt mit goldenen Dächern und exquisiten Kaufläden errichten.

Weichwangige Snowflakes möchten jetzt sicher denken, dass ich, in der Stunde des Triumphes gnädig geworden, nun den anderen Losern um mich herum selbstlos unter die Arme griffe. Mit Rat und Tat, der Engel vom Bethanien. Aber gemach, Freunde und Kupferstecher, ich bin ja nicht von der Heilsarmee. Und ich hatte es auch nicht leicht. Ich aß mein Brot mit Tränen. Mir hat ebenfalls keiner geholfen, ich musste da ganz alleine durch. Am Ende hat mich genau das stark gemacht.

Daher denke ich, wenn ich sie jetzt stattdessen gründlich verhöhne, dürfte sie das nur anspornen. Jetzt erst recht, werden sie in ihrer ohnmächtigen Wut denken, diese in Energie umwandeln, und sich mit noch mehr Feuereifer an das so gut wie unlösbare Problem machen. Auf dies Weise helfe ich ihnen ungemein. Eines Tages werden sie mir dankbar sein.

Um ehrlich zu sein, bin ich aber einfach auch ein ziemlich schlechter Mensch. Und als solcher bereitet es mir nun mal ein teuflisches Vergnügen, mich buchstäblich zurückzulehnen, und die Show des Scheiterns zu genießen.

Wahnsinn, dieses Pärchen da neben uns. Hektische rote Flecken im Gesicht, clumsy Pfoten, gleich klemmen sie sich auch noch ihre unegalen Griffel zwischen Hauptstrebe und Fußteil ein. Au weia, ich hol dann aber nicht den Notarzt. Meine Güte, diese erbärmlichen Trottel. Was für ein Slapstick. Im Grunde gehe ich nur deshalb noch in dieses komische Wiesenkino.

Denn warum auch sonst? Die Vorstellung fängt für meinen Seniorengeschmack deutlich zu spät an, manchmal ist der Film schlecht; entweder wird es saukalt, regnet, obwohl das nicht im Internet stand, oder uns saufen die Mücken aus. Die Schlange vorm Bierstand ist ewig lang, weil sich die ganzen Popcornidioten ihr dämliches Popcorn in riesige Pappeimer schaufeln lassen.

Das dauert. In meinen Augen existiert keine überschätztere Substanz als Popcorn. Wie kann man etwas in den Mund nehmen, das allenfalls dazu taugt, Pakete mit zerbrechlichen Gütern auszupolstern. Und die Unsitte gibt es ja auch nur im Kino. Außerhalb käme kein Schwein auf die Idee. Nicht zu vergessen diese enervierenden Popcorn-Fressgeräusche – kkhhrrrpp, kkhhrrrpp, kkhhrrrpp, wie so Raupen, die in einer populärwissenschaftlich gestalteten Insektendoku mit tausendfacher Lautstärke wiedergegeben werden –, wenn die Opfer gerade mal nicht einander zuquaken, was in dem Moment auf der Leinwand passiert. Mann, Leute, das sehe ich doch, ich brauche von euch keine Audiodeskription für Sehbehinderte. Schnauze, sonst Fresse.

Hinter dem Areal für die Liegestühle stehen noch mehrere Reihen Plastikstühle, für die Faulen, oder die zu spät Kommenden – irgendwann sind die Liegestühle nämlich alle –, vielleicht auch für kluge und vornehme Menschen, denen Begriffe wie Würde, Maß und Vernunft keine Fremdwörter sind. Dafür sitzen sie dann eben hinten, aber ich hege den starken Verdacht, dass sie zivilisatorisch eher ganz weit vorne mit dabei sind.

Rasendes Schlurfen

Ich habe erst hinterher kapiert, wozu die Farbe da war.

„Schön die Füßchen heben“, werde ich ermahnt. Schon wieder wäre ich um ein Haar gestürzt. Denn jetzt, da in Deutschland allerorten die Infrastruktur zusammenbricht, ereilen mich die Folgen des Verfalls auch ganz persönlich.

Und zwar in Form von Gehwegplatten. Kaum wahrnehmbar heben sich einzelne von ihnen ab, und bringen mich gefährlich zum Stolpern. Manche auch sichtbarer, aber ich gucke eh nicht hin. Mir hat es sich komplett ins Grundrepertoire meiner Erwartungen eingegraben, dass so was in Deutschland nicht passiert. Weil es nicht erlaubt ist. Weil es den TÜV gibt, und das Straßenverkehrsamt, und die deutsche Gründlichkeit, und die German Angst, und weiß der Fuchs was, das solche Dinge vollkommen unmöglich macht, verhindert, nicht zulässt, untersagt, verbietet.

Man fühlte sich jederzeit sicher. Alles wurde sofort repariert. Staatliche Plattenbegeher liefen stündlich das komplette öffentliche Straßenland ab. Und sobald irgendwo eine Platte auch nur einen halben Millimeter aus dem Bürgersteig ragte, schickte das Amt sofort ein Amtsauto mit gelben Warnleuchten, tatütata, der ganze Bereich wurde mit rotweißen Flatterbändern weiträumig abgesperrt, im Radio wurde amtlich darauf hingewiesen, Polizei hinderte Unbefugte an der Betretung, Eltern hafteten für ihre Kinder, und dann machten Amtsarbeiter alles komplett neu, weil von deutschem Boden nie wieder eine Platte abstehen darf.

Vorbei. Die Bürgerin, der Bürger, bleiben heute sich selbst überlassen. Sie nennen es Wirtschaftsliberalismus. Alles wackelt total, überall liegt Dreck rum, im Babyfutter sind Glassplitter, die Fahrbahnen sind mit Schlaglöchern übersät. Sollen sie doch abschmieren, denkt sich Stiefvater Staat. Nicht mein Bier, verreckt doch einfach, ist mir doch egal, ich hab eh kein Geld für so’n Scheiß.

Das Sondervermögen ist nicht für Gehwegplatten. Und die können ja sowieso nicht geliefert werden, wegen der Straße von Hormuz. Da geht nämlich alles durch: Diesel, Wackelpudding mit Waldmeistergeschmack und Gehwegplatten. Oder eben nicht.

Hormuzstraße, Sesamstraße, Einbahnstraße, Sackgasse. Kein Geld, kein Material, kein Bock. Fuck you, Fußgänger – in your face! Flicken vor Reparieren. Autobahnbrücken werden erst jahrelang mit Gaffer geklebt, und am Ende doch gesprengt; die Zähne der Kassenpatienten werden anstelle einer Füllung immer gleich rausgerissen, als einzige Sehhilfen dürfen sie durch die Böden ihrer leeren Schnapsflaschen gucken; statt Ampeln rufen jetzt Ein-Euro-Jobber laut „rot“, „gelb“ oder „grün“. Kostet ja alles Strom sonst.

In dem Park, wo ich öfter laufen gehe, sind sie immerhin dazu übergegangen, die sich mehrenden Gefahrenstellen mit gelber Farbe zu markieren. Das kostet nicht viel, und hält die meisten vom Stolpern ab. Mich aber nicht; ich habe erst hinterher kapiert, wozu die Farbe da war. Vorher bin ich, wie üblich ohne die Beine zu heben, munter auf die Gefahrenstelle drauf los gehoppelt, habe mich dabei noch gewundert, „Hä? Welcher Idi schmiert denn hier Farbe auf den Boden?“, und zack, aua! Meine Schulter war ein halbes Jahr lang lädiert.

„Guck doch mal hin“, sagt meine Frau, wenn ich bei Spazierengehen stolpere, und fast auf die Fresse falle. „Und heb doch um Himmels Willen deine Füße.“

Manchmal glaube ich ja, dass für sie weniger die Frage im Mittelpunkt steht, ob ich sterbe oder nicht. Sondern mehr, wie das denn aussieht: Also wie ich aussehe, und wie wir aussehen und damit, wie vor allem sie dabei aussieht: Neben so einem Stolperhannes, der dann automatisch ihr zugeordnet wird?

Das ist doch peinlich, das fällt schließlich voll auf sie zurück: Warum ist sie mit so einem unterwegs? Das werden, auch wenn es sie einen feuchten Dreck angeht, sich zwangsläufig die Leute fragen, denn die Leute sind nun mal oberflächliche Arschlöcher. Ob ich vielleicht innere Werte habe, ein gutes Herz, fein Rumbazumba tanzen kann – nein, all das interessiert sie nicht.

Stattdessen fragen sie: Wie konnte die arme Frau nur mit derart sicherem Griff ins Trottelregal greifen? Wäre es nicht weit sinnvoller gewesen, in Würde und Anmut allein zu bleiben? Und warum vermochte sie den Tollpatsch hier nicht so weit zu formen und zu instruieren, dass er wenigstens drei halbwegs unfallfreie Schritte geradeaus machen kann?

Das kann er nämlich nicht. Meine Gangart ist einzigartig, selbst beim Rennen – ein Mitspieler beim Fußball nannte das mal „rasendes Schlurfen“. Ich kann die Füße irgendwie nicht mehr als einen Millimeter heben; auf den Beobachter wirkt das, als ob ich auf unsichtbaren Schienen dahingleite.

Ich rate ihr daher immer, in der Öffentlichkeit Abstand zu halten. So merkt keiner, dass wir zusammengehören, beziehungsweise tun wir das dann überhaupt noch? Auch ist damit die Gefahr geringer, dass ich mich beim Straucheln instinktiv an sie klammere, und wir beide stürzen. Das will ich natürlich nicht.

Das blaue Wunder

Gläubige in der „Kirche des guten Geschmacks“.

Die Redaktion hat mir die Nachricht einer Seelsorgerin weitergeleitet: „Lieber Herr Hannemann, Ihre heutige Analyse hat mich sehr angesprochen, bis in die Formulierungen. Ich wollte höflich fragen, ob ich einige wenige Formulierungen für eine Andacht übernehmen darf, ohne Sie zu zitieren. Ich habe bereits eine Andacht zu dem Thema geschrieben … blabla … mit Ihren Anregungen … blabla … könnte … blabla … Jedenfalls, vielen Dank.“

Jetzt habe ich es endgültig geschafft; Mein Werk ist offiziell kirchentauglich. Geahnt habe ich es schon länger, wegen meines offensichtlichen Talents, mit meinem geschriebenen Wort die Bevölkerung in ihrem Innersten anzurühren. Es beschäftigt sie, und bringt sie menschlich und intellektuell weiter. Meine Analysen und Formulierungen regt sie an, und schenkt ihr Trost. Ich gebe ihr ein wirksames Werkzeug an die Hand, um die schwierigen Herausforderungen ihres Lebens zu meistern. Ich bin ein Füllhorn der Spiritualität.

Allerdings habe ich keine Ahnung, was die Pfarrerin mit „Analysen“, „Formulierungen“ und „Anregungen“ überhaupt meint. Wie üblich habe ich unter Zeitdruck nur random irgendwas ins Blatt getrollt. Und dennoch muss ich etwas großartiges geäußert haben, ohne es zu merken.

Offenbar bin ich klüger als ich selbst. Beziehungsweise, ist das, was ich schreibe, klüger als das, was ich denke. Die Weisheit strömt eher intuitiv aus mir heraus, ich bin ein schlichtes Gefäß für einen edlen Schatz, ein unscheinbares Medium, das so selbstlos wie unterbewusst Botschaften weit über seinem eigenen Niveau transportiert.

Damit weiß ich zwar noch immer nicht, was sie meint, aber das passt ja zu dem schlichten Gefäß. Bauernschlaue Bescheidenheit ist in der Heilsbringerbranche praktisch der Goldstandard: Auch Jesus war ja bloß Klempner oder so. Aber trotzdem hat er, ob zufällig oder unter Drogeneinfluss, irgendwelche Fantasy-Hohlphrasen abgesondert, und – schwupps! – schon war er ganz formell Heiland einer veritablen Weltreligion. Man muss nur zur rechten Zeit am rechten Ort sein.

Vom Prediger und Propheten zum Kirchenfürsten ist es ja nie weit. Im Grunde sollte ich meine eigene Kirche gründen. „Die Kirche des rechten Wegs“, „des guten Geschmacks“, oder „der späten Erkenntnis“.

So eine Kirche ist ja auch immer sehr lukrativ. Als Religionsführer ziehe ich Spenden ein und erhebe Beratungshonorare für meine Analysen – am besten fange ich damit bei dieser Kirchentante gleich mal an. Und mit dem Klingelbeutel werde ich herumgehen, nachdem ich meine Formulierungen von der Kanzel herunter gepredigt habe. Und zwar im drohenden Schreiton, das wird sie Mores lehren.

Da sprudeln die Spenden dann wie von selbst. Schließlich haben die Sünder – das Wort passt eigentlich immer, denn irgendwas hat ja jeder ausgefressen, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche – eine Scheißangst vor der ewigen Verdammnis. Und nur meine Anregungen können sie vor der Hölle retten: Viel Gemüse, früh schlafen, täglich an die frische Luft, abends einen edlen Roten, und auch mal den Herrgott einen guten Mann sein lassen.

In meinem Dom Sankt Ulrich (Sankt Uli nur für meine Kardinäle) dürfen sie meinen Ring küssen. Ich segne sie, und salbe ihre Hirne, Herzen und Popos mit dem Gleitmittel der Erkenntnis. Es empfiehlt sich, die Wichte immer fest im Griff zu haben. Lange Leine bringt gar nichts – das haben Islamisten, Evangelikale und orthodoxe Juden gut erkannt. Gibst du den Gläubigen den kleinen Finger, sündigen sie auf der Stelle los wie die Teufel. Das ist wie mit so Katzen, die unbeobachtet auf den Esstisch springen.

Mein Klingelbeutel wird rund um den Rand einen geschlossenen Ring aus messerscharfen Zacken haben, die aber nach innen und unten gebogen sind, so dass nichts passiert, wenn man oben nur brav sein Geld reinwirft. Wer aber tief hineingreift, um die Gabe Gottes zu stehlen, wird beim Versuch, die Hand mitsamt dem Diebesgut herauszuziehen, sein blaues Wunder erleben.

Denn auch dafür kann ich sorgen. Eine Religion ohne Strafe ist wie eine Erziehung ohne Schläge: kann man gleich ganz lassen. Das berühmte blaue Wunder des „allgütigen heiligen Vaters der besonderen und krass reinen Lehre“, wie ich mich nenne – manche kennen mich auch als „Großer Weiser der sieben Seelenfarben: rein, ehrlich, achtsam, demütig, rot, grün und blau“ –, wird ein zentrales Feature meiner Allmacht, meiner Größe, aber auch meiner gnädigen Strenge sein.

Die Konkurrenz schläft natürlich nicht. Aber ich erkläre einfach alle, die nicht in meiner Kirche sind, zu Heiden, und belege sie mit einem Bann, der sich gewaschen hat. Die brauchen sich gar nicht einfallen zu lassen, sich in so ner katholischen Kirche zu verstecken. Die Bude schieße ich dann mit meiner Weihwasserkanone zu Klump. Falschgläubige, Wiedertäufer und andere Staubsaugervertreter Satans können mich mal. Kreuzweise.

Richtig gute Entspannung

Man stelle sich vor, man wird einfach nach allen Regeln der Kunst zusammengeschlagen.

Eine richtig gute Thai-Massage, so geht ihr der Ruf voraus, muss auch richtig doll wehtun. Deshalb habe ich vor Beginn auf die Frage „strong or not so strong?“ selbstverständlich mit „strong, of course super strong“ geantwortet. Not so strong is for absolute losers, fügte ich im Geist hinzu.

Soll ja schließlich was helfen. Und ich bin ja auch ein eisenharter Knabe. Ich mache jeden Morgen fünf Minuten Gymnastik, stehe dabei sogar ganz kurz auf einem Bein, und manchmal wechsle ich am Ende meiner warmen Dusche noch zehn Sekunden lang auf Kalt. Aber jetzt erlebe ich noch nie dagewesene Schmerzen an noch nie wahrgenommenen Körperteilen, während memmenhaftes Gegurgel wie von selbst meinem Mund entsteigt.

Da eine richtig gute Thai-Massage ja nichts anderes als eine medizinische Behandlung ist, erscheint der Gedanke umso absurder: Denn man sagt ja zum Beispiel nie, dass eine richtig gute Zahnarztbehandlung richtig doll wehtun muss. „Ah, jaaa, tiefer in den Nerv, ja, das ist gut, kreisch aaargh, ah herrlich, jetzt lösen sich so richtig die Verspannungen in der Pulpa, nein, bitte keine Betäubung, der Körper soll die Maßnahme selbst aktiv mit verarbeiten, nur so kommen die natürlichen Heilkräfte korrekt in Gang, ja, der Schmerz ist mein Freund, ich höre die Wurzelspitzen singen, strong please, very, very strong.“

Die noch nie wahrgenommenen Körperteile sind irgendwas im oberen Rücken, Schulterblätter oder so, und drum herum lauter verhärtete Knoten, die die Masseurin mit Daumen, Ellbogen und Knie abrissbearbeitet. Kann auch eine Rohrzange dabei sein – sehen kann ich ja nicht, weil ich mit dem Gesicht nach unten liege.

„If you not relax, you not feel better“, schimpft sie wiederholt. Sie scheint nicht zufrieden mit mir. Dabei versuche ich doch schon, nicht allzu laut zu schreien. Aber ich gebe zu, dass ich nicht völlig unverkrampft bin. Wie denn auch? Man stelle sich vor, man wird einfach nach allen Regeln der Kunst zusammengeschlagen, also der Gesundheitskunst in diesem Fall natürlich. Wer wäre da relaxt?

Dazu kommt, dass ich grundsätzlich schlecht loslassen kann. Ich habe eher das Gegenteil von Urvertrauen. Aus einer leicht pathologischen Meise heraus, gehe ich stets davon aus, dass mir der andere Schaden zufügen will.

So warte ich beim Friseur bis heute darauf, dass der mir endlich ins Ohr schneidet. Ich würde mich dann irgendwie bestätigt fühlen. Und früher – das aber hier jetzt mal bitte wirklich nur unter uns – konnte ich mich beim passiven Oralverkehr schlecht entspannen, weil ich zwanghaft damit rechnete, dass mir der Schniepel abgebissen wird. Nach dem Sehen des Films „Der Rosenkrieg“ wurde das kurzzeitig noch schlimmer, da dort genau das passiert.

Die gleiche Furcht begleitete mich auch bei einem Osteopathen, bei dem ich mal länger in Behandlung war. Der ehemalige Berufssportler griff mit seinen mächtigen Händen meinen Kopf, der wie eine kleine Walnuss mit einem Gesichtlein aus zusammengepressten Lippen und ängstlichen Augen in seinen Pranken lag, und zerrte an ihm. In Todesangst drückte ich dagegen, anstatt locker zu lassen. Denn er hätte mir mit einem kleinen Ruck kinderleicht den Hals umdrehen können, so wie es jeder von uns ja schon hundertmal mit einem neugeborenen Kätzchen gemacht hat.

Knacks. Aber das am eigenen Leib zu erleben, ist dann eben doch noch eine Nummer krasser, denn sobald das eigene Ableben auf dem Spiel steht, reagiert der Mensch oft sehr sensibel, irrational eigentlich, weil irgendwann stirbt er ja eh.

Oder der Hüne faltete mich zusammen wie ein ausgesüffeltes Tetrapack für die Wertstofftonne, schmiss mich herum, ergriff dann das, was von mir übrig war, wie ein Schraubstock, und dabei sollte ich mich auch noch entspannen! Bis es knackte. Wenn ich mich nicht entspannte, knackte es nämlich nicht, das musste es aber für den Heilerfolg, denn „if you not relax, you not feel better“.

Alles für die Kunst

Für einen Auftritt der Reformbühne Heim & Welt in München bin ich kurzfristig als Ersatzmann eingesprungen: Einen Tag hin, abends die Show, am nächsten Tag zurück. Wegen Gleisbauarbeiten braucht der Zug pro Strecke sechs Stunden. Geld gibt es kaum. Es ist alles fast wie früher.

Oder doch nicht. Denn wie weit ich mich inzwischen von der Basis entfernt haben muss, zeigt meine blauäugige Frage schon auf dem Bahnsteig: „Macht ihr das eigentlich öfter: Zwei Tage unterwegs für hundert Euro Gage? Für erwachsene Menschen. Das ist doch im Grunde Wahnsinn, oder?“ Ich grinse verwegen, wie um zu zeigen, dass ich es auch in meinem Alter manchmal ganz witzig finde, so eine schräge Graswurzelscheiße mitzumachen.

Die verblüffte Reaktion der Kollegen zeigt mir, wie abgehoben meine Bemerkung in ihren Ohren klingen muss. Sie verstehen erst gar nicht, was ich meine, Wahrscheinlich glauben sie, nicht recht gehört zu haben. Dann erst sickert langsam das Begreifen in die Köpfe. Es geht einher mit leicht belustigter Verachtung.

Aha, ich bin also ein saturierter Schnösel, der in einer goldenen Sänfte zu seinem superfancy Auftrittsort getragen werden möchte, mit Champagner und Wachtelpastete im Backstage, und anschließend ins Grand Hotel Hightitei. In meiner Literaten-Suite liegt schon mein Scheck bereit: Tausend Dollar. Für fünf Minuten Vorlesen. Dazu ein riesiger Blumenstrauß. Eine Escort-Dame liest mir Gedichte von Rilke, Ringelnatz und Rossmann vor. Unter dem Lattenrost klebt noch alter Popel von Günter Grass.

Das alles erzählen mir die enttäuschten Blicke ihrer müden Augen, denn ich habe offenbar komplett den Kontakt zum Kerngeschäft verloren. Da trennt sich die Spreu vom Weizen: Hier die Pseudokünstler, die in Wahrheit nur reich und berühmt werden wollen; dort die puristischen Tagelöhner der Kunst. Für die bin ich ein gewissenloser, austauschbarer Lohnschreiber – erst neulich habe ich wieder 53 Euro für einen Artikel bekommen. Träge und satt geworden, verstoße ich gegen die reine Lehre.

Die da lautet: Gelesen werden muss immer, überall, so lang wie möglich, und um jeden Preis. Idealismus ist das Kreuz, an das wir uns selber schlagen. Leidenschaft, Sturheit und Wahnsinn sind die Nägel – da kann ein zum drögen Amtsschimmel der Schriftkunst Mutierter wie ich gar nicht mehr mitreden. Lesebühnenautor ist kein Beruf, sondern eine Berufung. Es ist auch eine Art Sekte. Wer aussteigt, muss in den ersten Jahrzehnten danach fast täglich tote Ratten aus dem Briefkasten fischen.

Für besonders orthodoxe Vertreter muss ein Lesebühnenabend mindestens drei Stunden dauern, eine Qual für Auftretende wie für Publikum. Wenn sich auf, vor und hinter der Bühne die Schwächeanfälle häufen, gilt das als gelungener Abend. „Das Publikum ist mir scheißegal“, pfiff mich mal ein Kollege an, als ich ihn vorsichtig darauf ansprach, wie angestrengt die Zuschauer kurz vor Mitternacht schon mit den Füßen scharrten.

Die höchste Weihe dieser Kunstform ist natürlich der gemeinsame Auswärtsauftritt. Nirgendwo sonst tritt der Verzicht, das Elend und die materielle Sinnlosigkeit dermaßen klar zu Tage. An allen Ecken und Enden wird gespart, denn wo immer wir auch hinkommen, hält sich der Ansturm in Grenzen. Gibt nicht viel Geld, leider, sagt der Veranstalter, kam ja kaum jemand. Hätte der Veranstalter vielleicht mal Werbung machen müssen, sagt der Veranstalter. Aber es gibt ja noch die weichen Benefits: Freigetränke, das flüssige Gold der Gaukler, Vorleser, und Fahrensleute.

Damit befördert man sich hinterher zügig in den Schlaf, beziehungsweise eine Art alkoholinduzierte Bewusstlosigkeit, die einen auf einer Luftmatratze in der Einzimmerwohnung irgendeines ebenso desperaten Kleinkünstlers vor Ort hoffentlich bald ereilt. Umfange mich, oh gnädiges Vergessen, und hülle mich in deinen dunklen Mantel ein.

Am Morgen ist vielleicht ein alter Camembert im Kühlschrank, vielleicht auch nicht. Zu meiden ist das Wasser aus dem Hahn. Das Blei. Die Legionellen. Kein Glas. Ein Auswärtsauftritt, dessen Begleitumstände sich zu weit von denen unterscheiden, die man allgemein dem Feld der Obdachlosigkeit zuordnet, ist kein ehrlicher Auswärtsauftritt. Wer Luxus erwartet, kann ja einen Urlaub auf den Malediven buchen.

Als ich noch nicht diese verwöhnte Attitüde hatte, war ich selbst oft noch bescheidener unterwegs, auch solo. Bei einem Auftritt in Dings überließ mir mal ein junger Slammer seine absurd vermüllte Raucherwohnung, und zog für diese eine Nacht zu seiner Freundin. Alles war wie von einem bräunlichen Schmierfilm überzogen, die Möbel, die Wände, die Küche, das Bad. Als vergleichsweise saubere Rettungsinsel lag in der Mitte des Raumes eine helle Matratze.

Er hatte kein einziges sauberes Handtuch da, nur ein frisch gebrauchtes, das er für mich immerhin zum Trocknen auf die Heizung legte: „Damit hat sich eben noch eine schöne Frau abgetrocknet.“ Vermutlich die besagte Freundin, und vielleicht wollte er mich damit trösten. Eher aber hielt er mich für jene Sorte Mann, der sich gebrauchte Unterwäsche junger Frauen im Netz bestellt, um einsam vor dem Fernseher daran zu schnüffeln. Das umreißt bereits perfekt das Bild, das sich Poetry-Slammer allgemein von Lesebühnenautoren machen.

Doch von „Opi erzählt vom Krieg“ zurück in den Zug von Berlin nach München, der schon bei der Abfahrt zwanzig Minuten Verspätung hat. Hoffentlich kommen wir überhaupt noch rechtzeitig an, sonst wäre alles buchstäblich umsonst.

„Ich hab ja nur gemeint“, sage ich, kleinlaut geworden. „Also wie das gehen soll. Von was lebt ihr, äh, leben wir eigentlich?“ Statt einer Antwort ziehen sie irgendeinen selbst mitgebrachten Fraß aus ihren Rucksäcken, während ich meine im Bahnhof gekauften Wildlachs-Paninis verzehre. Den Rest der Fahrt schweigen wir. Wir haben uns eh nichts mehr zu sagen. Uns trennen längst Welten.

Dabei wartet auf uns sogar ein echtes Hotel mit richtigen Zimmern. Für jeden eins alleine. Haha, hab ich es doch geahnt: Nach außen immer schön authentisch einen auf arme Dichter machen, dabei sind sie mittlerweile selbst zu korrumpierten Knechten des institutionalisierten Kulturbetriebs geworden.

Auch wenn der schon mal besser aufgestellt war. Frühstück ist nämlich nicht gebucht. Auf dem Hinweg zwei belegte Brötchen, zwei auf dem Rückweg. Pro Strecke einen Kaffee und nach dem Auftritt an die Dönerbude. Und schon sind aus den hundert Euro sechzig geworden. Ach ja, die Kosten für den öffentlichen Nahverkehr nicht zu vergessen: Da waren es nur noch fünfzig. Das wird die hungrigen Mäulchen daheim nur unzureichend füllen. Egal, alles für die Kunst.