Nachtrag zu Ostern


Die ungläubig-angewiderten Blicke, die einen treffen, wenn man erklärt, dass einem der Besuch der Heiligen Messe wichtiger ist.

Endlich. Für dieses Jahr haben wir das Osterfest mal wieder überstanden. Doch wegen des Tanzverbots am Karfreitag kann ich mich noch immer nicht beruhigen. Denn ich tanze normalerweise jeden Tag – morgens, mittags, abends, nachts. Ein Tag ohne Tanz ist wie ein Hund ohne Schwanz. Wenn ich nicht tanzen kann, bin ich entsetzlich unausgeglichen. Dann kann es passieren, dass mir verstärkt zwischenmenschliche Fehler unterlaufen wie Ungeduld, Ungerechtigkeit oder spontanes Einkoten. Wer mich kennt, weiß: Der Tanz ist mein Lebenselixier.

Doch eine Minderheit gläubiger Christen hält die Mehrheit in spaßfreier Geiselhaft, und beeinflusst seit Jahr und Tag auf anachronistischste Weise die irdische Gesetzgebung, als hätten fundamentale Bundesayatollahs die Christliche Republik Deutschland ausgerufen.

Dabei ist Deutschland eigentlich ein säkulares Land. „Es gibt keine Staatskirche“, steht in Artikel 140 des Grundgesetzes. Aber scheiß auf die Verfassung, so lange Gläubige davon beleidigt werden könnten, dass in irgendeinem Tanzlokal noch Licht brennt.

Mein schwelender Zorn über diesen Rechtsbruch ist sicher auch der Grund, warum Tobias Haberl, bei der SZoffenbar zuständig für kulturkonservative Ansätze, für mich ein rotes Tuch ist. Ein Eigenleben innerhalb des Hauses ist ja typisch Feuilleton. Und wo sich die reaktionäre NZZ exotische Abweichler leistet, deren Wirken im Gegensatz zur sonstigen Blattlinie nicht vor Niedertracht strotzt, bietet analog die linksliberale SZ einen Flügelstürmer auf, der hier unermüdlich die rechte Seitenlinie beackert.

So einer ist Haberl. Der Autor der Maskulinistenfibel „Der gekränkte Mann“, bei deren Lektüre der Rezensent der FAZ das Bedürfnis verspürte, es „gegen die Wand zu hauen“, serviert uns pünktlich zum Gründonnerstag im SZ-Magazin die Frömmigkeitsgeschichte „Unter Heiden“, die sich großenteils damit befasst, wie ernsthaft und spirituell er selbst drauf ist, und wie behämmert, oberflächlich und verderbt im Vergleich alle anderen sind, die nicht an zweitausend Jahre alte Gespensterwesen glauben.

Mit ähnlich lautenden Worten muss ihn wohl mal irgendjemand provoziert haben. Nun zieht er gegen den altbösen Feind ordentlich vom Leder: „Ich meine die ungläubig-angewiderten Blicke, die einen treffen, wenn man erklärt, dass man am Sonntagvormittag leider nicht in dieses neue Café zum Frühstücken kommen kann, weil einem der Besuch der Heiligen Messe wichtiger ist.“

Die haben bestimmt einfach nur ganz normal geguckt. Aber wo die Unsicherheit gedeiht, treibt der Interpretationsdrang bunte Blüten: Der gekränkte Mann, der gekränkte Christ, die gekränkte Leberwurst – beim Lesen dudelt in meinem Kopf in Endlosschleife „By the Rivers of Mimimi“, frei nach Boney M. Meine Güte, ich wurde doch selber provoziert: Ich durfte nicht tanzen. Und trotzdem bleibe ich superfair und bewahre hier die absolute Ruhe.

Dasselbe denkt er vermutlich auch von sich: Ich werfe 50 Cent in den Opferstock, zünde eine Kerze an, bete, denke nach, betrachte eine Heiligenstatue, um dann wundersam erfrischt nach draußen zu treten, in den Verkehr und den Stress – was man halt so Freiheit nennt.“

Ja, klar, geilo Abgase und Krach, so kennt man ihn, den crazy Atheisten und seinen Freiheitsbegriff aus der Hölle; da geht ihm natürlich einer ab, wie einem Fünfzehnjährigen bei der Bühnenshow von Rammstein. Wie vollumfänglich manche Gläubige eine realistische Vorstellung vom Mindset Nichtgläubiger eingebüßt haben, hätte ich nicht für möglich gehalten.

Bereits früh im Text rutscht Haberl auf der vergammelten „Früher-war-alles-besser“-Bananenschale aus, gerät schwer ins Schlingern, und kommt danach nie mehr so recht ins Gleichgewicht: Erst dann fällt mir wieder ein, dass es für viele Menschen heute wenig Schlimmeres gibt als Stille, die Abwesenheit von Whatsapp- und Push-Nachrichten, weil dann Fragen auftauchen, deren Antwort sie nicht googeln können.“

Das will ich überprüfen. Also google ich „Ist Tobias Haberl blöd?“ und stoße schon an zweiter Stelle auf Florentin Schuhmachers erwähnte Besprechung von „Der gekränkte Mann“. Nach wenigen Zeilen verstehe ich immerhin, warum Haberl nicht möchte, dass die Leute googeln. Geht doch: kurze Frage, schnelle Antwort. Wie eine Push-Nachricht des Herrn.

Und weiter unkt, barmt, mahnt und heult es seitenlang in der immergleichen Melodie: Technologie, Satan, Instagram, Finstagram, buhu, schluchz …: „Viele Menschen strömen nicht mehr in die Kirchen, sondern in Apple-Stores, sie wollen keine frohe Botschaft, sie wollen das neue Smartphone.“

Die angebliche Unversöhnlichkeit von moderner Technik auf der einen, und tiefem, gottgegebenen Verständnis für das Leben auf der anderen Seite, ist das ständig wiederkehrende Hauptmotiv, ein ununterbrochenes, nervtötendes Hintergrundrauschen wie von einer sehr alten Autobahn. Computer sind doof. Wer Social Media nutzt, lügt. Früher war mehr Lametta.

Außerdem ist, wenig überraschend, Gott anscheinend rechts, und der Teufel links: „Da versucht man, ein guter Mensch zu sein – und, schwups, ist man ein fragwürdiger Rechtsausleger, und alles nur, weil man Barmherzigkeit und Nächsten­liebe schlüssiger findet als zur Schau gestellte Moral, weil man sich nicht permanent vor der Twitter-Gemeinde, sondern am jüngsten Tag vor seinem Schöpfer rechtfertigen will, der nicht nur die Timeline, sondern auch das Verborgene sieht.“

Ach ja, Twitter ist ebenfalls scheiße, wie sonst nur Onanie und freitäglicher Fleischverzehr. Die moralische Selbstüberhöhung des schreibenden Märtyrers geht einem extrem auf den Zeiger. Er ist ein Ausbund an menschlicher Reife und Achtsamkeit; hingegen sind die Ungläubigen dekadente, aufmerksamkeitstechnisch scheintote Clowns, in deren Kopf in einem fort nur bunter Wackelpudding blubbert. Oder noch kürzer: Ich: toll. Die anderen: doof. Das hätte als Analyse komplett gereicht, zugegeben, aber ich bin, sorry, jetzt doch ein bisschen ins Labern gekommen.

Zum Glück bin ich ja nicht der einzige, der sich hier andauernd wiederholt:„… weil ich weiß, wie leichtgläubig sie sonst sind, wenn man ihnen weismacht, dass ihr Glück in digitalen Tools liegt … blabla, rausch, brumm …dass unsere Fixierung auf Rationalität und Technologie eine schmerzliche Lücke aufweist, weil Google jede Frage beantworten kann – nur nicht, wozu wir leben und was uns Halt gibt.“

Gähn, schnarch, und schon wieder Google. Mit denen hat er es ja wirklich, als hätten sie den Heiland mit Google Cross gekreuzigt. Nun, Herr Haberl, versuchen Sie es doch mal mit einer anderen Suchmaschine. Vielleicht kommt dann das gewünschte Ergebnis, dass nämlich – lasst mich raten – der Herr Jesus für unsere Sünden gestorben ist. Seitdem kehrt er jedes Jahr in Hasengestalt zu uns zurück, und versteckt mit Likör gefüllte Eier im Garten. Was für ein Heidenspaß. Warum uns die Jünger des spendablen Nagers das Tanzen verbieten, ist mir allerdings nach wie vor schleierhaft.

Gasmuttering

Woher kommt das bloß, warum bin ich eigentlich so ein Arschloch?

Im Laden entdecke ich vor der Reihe mit den Kühlregalen, da, wo sich die Fischprodukte befinden, eine Person, die in Kürze einen schlimmen Fehler begehen wird. Dessen bin ich mir sicher. Sofort werde ich ziemlich fuchsig.

Ich postiere mich hinter ihr, leicht genervte Ungeduld ausstrahlend. Sie muss denken, dass ich genau an dieser Stelle auch ans Sortiment will, sie im Weg ist, und sich besser beeilen sollte. Wahrscheinlich deshalb lässt sie nach einem hastigen Griff ins Kühlregal die Schiebetür sperrangelweit offen.

Jetzt habe ich sie! Ich blicke sie, die sich im Weggehen etwas verunsichert nach mir umdreht, böse und traurig an. Atme dabei verächtlich aus. Geh nur, sage ich damit, gesellschaftskonformes Benehmen ist leider nicht Allen gegeben. Ich bin der personifizierte Vorwurf.

Sie nicht aus den Augen lassend, schiebe ich – peng! – mit ostentativem Schwung die Tür zum Kühlregal zu. Seufze dabei noch einmal, menschlich zutiefst enttäuscht. Irgendwer muss das ja machen, soll das heißen. Irgendjemand muss schließlich die Fehler der Asis ausbügeln, und die von den Rücksichtslosen hinterlassene, verbrannte Erde mühsam mit den Pflänzchen zivilisierten Verhaltens wieder aufforsten.

Denn wenn die Waren – und ganz besonders der Fisch! – zu warm werden, entstehen darin Gifte. Daran können Menschen sterben, Kinder, wehrlose unschuldige kleine Kinder. Aber das ist Leuten wie ihr ganz offensichtlich scheißegal.

Ich spüre, wie ich immer wütender werde, je länger ich darüber nachdenke: Die Alte hat doch einen Knall! Ist die im Iglu aufgewachsen? Die kann froh sein, wenn ich ihr nicht hinterherrenne, sie am Kragen packe, schüttle und anschreie. Hau bloß ab. Ja, du, genau du.

Tatsächlich wollte ich selber Fisch kaufen. So ein Zufall. Aber das kann sie ja gar nicht wissen. Sie hat einfach nur die Kühlung offen gelassen – meine Meinung. Andernfalls hätte sie sich zumindest vergewissern müssen, mich fragen oder so, ob ich da wirklich dran wollte. Das wäre nun mal ihre Bürgerpflicht gewesen. So zählt das nicht. Dumme Sau.

Ich kann jetzt natürlich nicht direkt vor ihren Augen die Tür wieder aufschieben, und mir die gewünschte Ware nehmen. Nicht, solange sie noch in der Nähe ist, und die Gefahr besteht, dass sie mich dabei sieht. Ich darf nicht unvorsichtig werden. Das nähme mir komplett den Triumph. Meine ganze Belehrungsarbeit wäre mit einem Schlag zunichte gemacht, und mein Ruf als altruistischer und verantwortungsvoller Ordnungsmensch ruiniert. Meine Einkaufsliste ist ohnehin noch länger. Dann komme ich eben nach ein paar Runden durch die anderen Regalreihen wieder.

Während ich im Nudelgang Zeit schinde, beruhige ich mich ein wenig. Man könnte sogar sagen, ich reflektiere meine Niedertracht: Ständig muss ich geradezu zwanghaft fremde Menschen für ihre angeblichen Fehler im Nörgelton zurechtweisen – eine Vorliebe, die ich als „Gasmuttering“ bezeichne, ein Mix aus Gaslighting und Muttering. Stets sollen andere Leute denken, dass sie irgendetwas falsch gemacht haben. Das macht mich dann immerhin ein kleines bisschen glücklich.

Woher kommt das bloß, warum bin ich eigentlich so ein Arschloch? Ich habe keine Ahnung. Es ist wie ein unaufhaltsamer Sog in ein schwarzes Loch hinein, das meine Seele ist. Derselbe dunkle Trieb, der einen nachts besoffen zu McDonald’s zieht, oder in anderweitige Eskapaden der bescheuerten Art hinein, wie sie in meiner Jugend, also bis etwa Mitte 40, fast die Regel waren. Da hat Mister Hyde den Dr. Jekyll aber manchmal so richtig gefickt. Im Vergleich dazu empfinde ich den Blockwart-Spleen noch als harmlos.

Nachtrag zum Volksentscheid

Einfach „Ja“ ankreuzen und der Klimawandel ist quasi gestoppt, zumindest berlinweit.

Alles wäre so easy gewesen. Nur ein kleiner Krakel auf einem unscheinbaren Zettel aus Recyclingpapier hätte das höllenartige Berliner Klima im Nu in ein mildes Orchideenparadies verwandelt. Im Sommer beständige 25 Grad bei Sonnenschein; nachts regnet es, aber erst, nachdem die Außenbereiche der Lokale geschlossen haben – kurz, eine Art Madeira für wohnungslose Folienraucher. Denn wortwörtlich heißt es im Text zum Volksentscheid über ein klimaneutrales Berlin ab 2020: „Mit der Gesetzesänderung werden im Wesentlichen folgende Regelungen getroffen: Verminderung der CO²-Emissionen bis zum Jahr 2025 um 70 % und bis zum Jahr 2030 um 95 % gegenüber 1990.“

Yesss! Also ich bin total dafür. Denn leichter geht’s ja wohl nicht: eine markante und zügige Verminderung des schädlichen Kohlendioxydausstoßes allein per entsprechender Verfügung. Mir ist schleierhaft, wie da noch irgendwer dagegen sein kann. Das ist doch eine einmalige Chance für uns alle: Einfach „Ja“ ankreuzen und der Klimawandel ist quasi gestoppt, zumindest berlinweit. Klimaneutral ohne Verzicht – das muss doch auch die Skeptiker und Leugner ansprechen. Schließlich sind deren Hauptsorge vor allem die Unannehmlichkeiten, die der Klimaschutz oder schon der bloße Protest dafür mit sich zu bringen droht: Fleischverzicht, Verbrennerverbot, Tempolimit, Klimakleber, Staus, you name it. Noch nicht einmal der zähnenirschende Weiterbetrieb der Atomkraftwerke wäre nötig. Stattdessen genügt ein schlichter Amtsbeschluss.

Auch mir, als Befürworter des Fortbestands der Menschheit, macht der Gedanke an Einschränkungen ja selbst keinen Spaß. Niemand möchte der notorische Buhmann sein, der sich ständig wie so ne Kindergärtnerin vor die Gruppe stellt und in die Hände klatscht: „Leute! Bitte! Ich sag das doch nicht, um euch zu ärgern! Aber wir können nicht raus auf den Spielplatz, bevor ihr alle vernünftig angezogen seid!“

Da muss die Möglichkeit, mit einem einzigen lässigen Federstrich die Emissionen derart zu verringern, selbst den Renitentesten doch eigentlich wie ein Rettungsanker aus purem Gold erscheinen. „Alles lässt sich irgendwie regeln“, lautet die neue Frohbotschaft, „mit der geänderten Berliner Landesverordnung zum Klimaschutz wird hiermit das Auftauen des Permafrostbodens gestoppt, sowie weitere Waldbrände in Australien untersagt. Bei Zuwiderhandlung droht eine Geldstrafe.“

Was für eine eindeutige Win-win-Situation, ein Elfmeter ohne Torwart, eine Erstbesteigung mit der Seilbahn, ein veganes Schnitzel aus echtem Kalbsfleisch. Kein Ächz-Schwitz-Lastenfahrrad oder Bibber-Schnatter-Schwimmbecken, sondern nur mal eben schnell einer bürokratischen Lösung zugestimmt: Stift, Papier, Kästchen, Kreuzchen, fertig. Das-ist-das-Haus-vom-Ni-ko-laus Lauda. Das tut doch wirklich niemandem weh, und es wäre so eine tolle Gelegenheit gewesen, mühelos die Wende zum Guten einzuleiten. Wie kann man die bloß so vergeigen? Wer macht so etwas, und warum? Woher kommt bloß dieser Hass und dieses Misstrauen gegen die Berliner Politik?

Ein weiterer Pluspunkt der genialen Berliner Methode liegt ja auch noch in ihrer Geschwindigkeit. Immerhin haben wir nicht mehr viel Zeit, bis uns sämtliche Gletscher in Tornadoform um die Ohren fliegen. Dass die Emissionen sich durch eine lapidare Regelung innerhalb von nur zwei Jahren um sage und schreibe 70 % senken lassen, ist doch ein Geschenk Gottes an die Stadt Berlin, beziehungsweise umgekehrt. Wer dieses Geschenk nicht annimmt, kann ja wohl nicht ganz bei Trost sein, denn mit aufwändigen praktischen Maßnahmen wie Umstellung auf erneuerbare Energien, E-Mobilität und energetischen Sanierungen würde das viel länger dauern als mit diesem so klugen wie schlanken Blatt Papier.

Auch ein, ohnehin besonders schwer zu erreichender, Mentalitätswandel in der Bevölkerung wäre damit fein vom Tisch. Per aspera ad acta. Die einen können beruhigt die Sau rauslassen, bei den anderen ist sie bereits draußen. Alles kein Problem, denn eine gesetzliche Vereinbarung würde von nun an für uns arbeiten, und an unserer Stelle die Umwelt und die Ressourcen schonen, während wir einfach weitermachen wie bisher. Abstimmungszettel in die Urne, und anschließend sofort mit der doppelten Freude des guten Gewissens weiterrasen, weiterdüsen, weiterheizen, weiterfressen. Und weiterstrahlen, denn Atomkraft gehört in der öffentlichen Wahrnehmung inzwischen auch fast schon wieder zu den Guten.

Ab mit dem härenen Büßergewand in die Altkleidersammlung! Unseren Enkeln auf dem Schoß werden wir Geschichten von traulich knisternden Uranbrennstäben erzählen; ein lieber Bär namens Wissing wacht des Nachts, beständig brummend wie eine Autobahn, über ihren Schlaf; zum Nachtisch gibt es noch mehr Fleischwurst, liebe Kinder. Alles hätte so schön bleiben können, wie es war, plus CO²-Neutralität für umme.

Doch zu spät – die Chance ist vertan. Das Volk hat entschieden, und es hat scheiße entschieden. Anscheinend wollen die einen gar keine Klimarettung, und die anderen nur auf die harte Askesetour – Neandertaler versus Masochisten. Das können sie natürlich beides haben. Aber schade ist es schon. Es wäre so einfach gewesen, jeder nur ein Kreuz.

Wie ich mal einen Porsche überholt habe

Es besteht kein Zweifel: Wir überholen gerade einen Porsche.

Noch 540 Kilometer bis Berlin. Ich habe einen Lastwagen überholt, und dahinter taucht rechts neben mir ein Porsche auf. Er fährt schätzungsweise an die 120 Stundenkilometer schnell, und ich ungefähr einen Meter pro Stunde schneller. Es besteht kein Zweifel: Wir überholen gerade einen Porsche.

Zwar nur so einen Cheyenne, der aussieht wie alle andern SUVs, egal ob Dacia, VW oder Audi; ich weiß also gar nicht, wozu die Idioten sich dann einen Porsche kaufen, bestimmt machen die dann auch Glühwein aus Champagner, aber das kann mir doch scheißegal sein: Es steht Porsche drauf, ist Porsche drin, das zählt. Ich quieke laut auf vor wilder Freude. Der Fahrtwind zaust mein volles Haar und mein leeres Hirn.

Meine Frau möchte mir was vorlesen. Das ist nett gemeint, aber absolut der falsche Zeitpunkt. „Ich kann jetzt nicht, Frau“, schreie ich. „Ich muss mich konzentrieren: Wir überholen gerade einen Porsche.“

Sie blickt gleichgültig aus dem Beifahrerfenster: „Du meinst diesen hässlichen Muttipanzer da draußen?“

„Das ist ein Porsche.“ Ich bin heiser vor Aufregung. „Ein Cheyenne. Heißt wie ein Mädchen aus Hakenfelde, ist aber ein Porsche.“

Endlich ist sie still, und mühsam überholt das Schleichhörnchen. Ich könnte natürlich schneller fahren. Theoretisch sogar 150 oder so. Aber das will ich nicht. Es ist nicht vernünftig wegen Verbrauch und Umwelt und Gefahr und Alter von dem Auto. Das läuft schon bei 120 km/h auf 4000 Umdrehungen, und gleicht darüber einem All-Inclusive-Urlauber an der türkischen Riviera: laut und versoffen.

Deshalb halte ich mich immer strikt an meine eigene Richtgeschwindigkeit von hundertzwanzig. Denn wenn man da erst mal den Schlendrian einreißen lässt, und nicht ehrlich mit sich selbst bleibt, brechen bald alle Dämme: 125 km/h, 250 km/h, 1000 km/h. Als nächstes Ölwechsel im Naturschutzgebiet, extra vollstoff durch Krötenwanderungen matschen, Fracking und am Ende Mord? Wehret den Anfängen.

Doch behutsam gebe ich Gas: 120,5 km/h. 121 km/h. Wahnsinn, dass die Maschine das mitmacht! Ich kann mich nämlich auch flexibel den Umständen anpassen. Denn wäre ich wirklich so ein überkorrekter Strohmann, wie sie rechte Kabarettisten gerne aus viel Stroh und wenig Mann bauen, würde ich für immer neben dem Porsche verschimmeln. Weil ich ja, so stellen sich das diese Leute jedenfalls vor, wie paralysiert in meinem Wohlverhaltensdogma feststeckte, und keinen Ausweg aus dem Dilemma fände. Ich würde ihn weiter wie eine Schnecke überholen, stundenlang, ohne sichtbaren Fortschritt, bis er von der Autobahn abfährt. Ich kann ja nicht weg, ich bin ja auf der Überholspur. Und so blieben beide Autos in diesem Patt gefangen, wenngleich der Andere wahrscheinlich nicht das geringste von dem Drama ahnt, sondern sich einfach nur nicht stressen und in Ruhe Classic Radio hören möchte.

Weitaus realistischer wäre es jedoch, dass mich bis dahin längst so ein Rasernazi erst mit der Lichthupe anzählt und dann mit dem Kühlergrill von der Überholspur räumt. Die sind ja immer so ungeduldig. Sie haben kein Auge für die Schönheit des Vorgangs und die Größe des Moments, für dieses herrliche Ringen zwischen David und dem schlafenden Goliath.

Vor denen habe ich echt Angst. Es wäre mir deutlich angenehmer gewesen, hätte man hinter mir die Autobahn gesperrt, damit ich in aller Ruhe überholen kann. Doch ich fürchte, das gibt die Gesetzeslage nicht her. Die müsste überhaupt viel besser auf meine Bedürfnisse zugeschnitten sein: kostenlose Badeentchen, alle Wege nur bergab und draußen nicht nur Kännchen. Aber ich zähle ja offenbar nicht.

Es ist nichts passiert

Die Musiklehrerin der Kinder ist scheiße, aber Fil ist heute wieder lustig.

In der Pause von Fils Show gehe ich runter in den Hof des Mehringhoftheaters, um eine zu quarzen. Nach mehrtägiger Abstinenz kickt die eine mega. Als ich das Treppenhaus wieder hochgehe, befällt mich leichter Schwindel. Das will man ja eigentlich auch, genau dafür sind Drogen schließlich da, sonst könnte man auch hartgekochte Eier essen; doch hinter den Spaß haben die Götter das Restrisiko gesetzt: Oben angekommen gerate ich ins Taumeln, und schlage am Eingang zum Foyer relativ unkontrolliert lang hin. Ich fange mich noch leicht mit Händen und Knien ab, und knalle mit der Kopfkrone zwar hörbar, aber zum Glück nicht allzu hart, gegen die offene Eingangstür.

Die zahlreichen Umstehenden gucken natürlich alle; ich sehe, was sie denken: Weia, was für ein stockvoller Zausel hier herumstolpert; nicht mal bei Kulturveranstaltungen bleibt man von diesen armen Teufeln verschont – wo ist der Sicherheitsdienst / Streetworker / Kältebus / Rettungswagen?

Es ist so peinlich. Ich rapple mich auf, und imitiere ein souveränes Grinsen. „Nichts passiert“, verkünde ich gut gelaunt in die Zufallsrunde hinein. „Bloß meine erste Zigarette seit Tagen“, erkläre ich mich dem Publikum; niemand verlangt das, keiner will das wissen, ich tu’s trotzdem, es wird dadurch nur umso peinlicher, ich reite mich immer tiefer rein, klaftertief, abgrundtief, inside deep shit.

Ein gutgekleideter Typ mit geschmackvoll gestutztem Bart mustert mich kurz, gelangweilt und leicht angewidert. Weder glaubt er mir, noch interessiert ihn, was ich sage. Er kennt mich nicht, und will mich auf keinen Fall kennenlernen. Was faselt dieser elende Trunkenbold? Hoffentlich kommt er mir nicht zu nahe, und beschmutzt mein feinesTuch mit giftigem Speichel, Sekret vom offenen Bein und angetrocknetem Exkrement. Stünde er wenigstens ehrlich zu seinem traurigen Schicksal, wäre immerhin ein Anfang gemacht. Dann gäbe ich ihm vielleicht sogar einen Euro oder die Adresse eines zuverlässigen Abdeckers.

Das denkt der Typ natürlich nicht, dazu ist ihm das alles viel zu egal, und den Anderen auch. Ein kurzer Kontrollblick nur, ob irgendwo Blut ist, und schon wenden sich alle wieder ihren Pausengesprächen zu: Protestaktionen sollten grundsätzlich niemanden stören, der Feigensenf ist so teuer geworden, die Musiklehrerin der Kinder ist scheiße, aber Fil ist heute wieder lustig. Nur diese Gentrifizierungsnummern checkt beim besten Willen keiner. Sollte er mal lassen.

„So glaubt mir doch, edler Herr“, will ich rufen. „Ich hab echt nur ein Glas Wein getrunken“, „ich bin eigentlich ganz nett“, oder „ich bin Uli Hannemann, der sagenhafte Liebling der Massen“, doch ein lichter Moment lässt mich innehalten: Woher kommt denn jetzt immer dieser Drang, mich zu rechtfertigen, und in dieser feigen Mittelmäßigkeit aufzugehen? Früher wollte ich doch gerade nicht konform sein, und lieber aus der Reihe fallen. Bei Rot über die Ampel, freihändig auf dem Fahrrad, und auch mal ein Laugenbrötchen mit Marmelade essen – das ist Punk, he ho, was kostet die Welt!

Nun aber, müde, alt und vom jahrelangen Kampf gegen die Konventionen gebrochen, will ich offenbar nur noch gut, brav, korrekt aussehen. Ebenso, wenn ich dem Postboten um 12 Uhr mittags in Schlafklamotten öffne, und sofort durchschaubar ins Gesicht lüge, ich sei krank. Kein Schwein glaubt das, kein Schwein interessiert das. Oder neulich, als ich einer Bekannten überraschend in der Sauna begegne, und als erstes ungefragt behaupte: „Ich weiß schon, aber ich komm grad aus dem Eisbecken.“ Wer will das wissen? Es ist so erbärmlich.