Hansdampf in allen Gassen

Genau genommen war alles, was er machte, Schrott und Scheiße.

In unserer Reihe „taz goes artsy-fartsy“ möchten wir euch heute Gernot Bübchen aus Plauzburg an der Steinstraße vorstellen. Ob Malerei, Architektur, Musik, Theater, Film, Literatur, Performance, Stand-up-Comedy, Comic-Kunst, Darts, Freestyle-Kamasutra und vieles andere mehr: Der polyvalente Künstler beherrschte nach eigener Aussage als einziger perfekt die komplette Palette künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten.

Im Nachhinein können wir es ja sagen: Das ist so nicht ganz korrekt. Genau genommen war alles, was er machte, Schrott und Scheiße, meistens sogar wortwörtlich.

Doch Kritik ist ja oft ein zweischneidiges Schwert. Als ein Kunstkritiker den Fehler machte, Bübchens Zyklus „die zehn Gebote“ (6 x 10 Meter, Schrott und Scheiße auf Leinwand) als „fickende Strichmännchen“ zu verspotten, lernte die Welt Gernot Bübchen aber mal so richtig kennen.

Seine Angewohnheit, jedes Mal laut zu weinen, sobald jemand eines seiner Werke kritisierte, ließ die Experten rasch verstummen. Feuilletons wurden entweder komplett eingestellt, oder verlangten von neuen Mitarbeitern schon vor Aufnahme ihrer Tätigkeit eine Ausschlusserklärung, die die negative Besprechung von Gernot Bübchens Kunst verbot.

Denn „lautes Weinen“ ist der falsche Ausdruck. Vielmehr handelte es sich um ein markerschütterndes, in nicht für möglich gehaltenem Maße Nerven zerreißendes Plärren, eine abartige Hyperkakophonie, die im Umkreis von vielen tausend Kilometern Gläser zerspringen ließ, Autoreifen in schneller Fahrt zum Platzen brachte und Kurzschlüsse in die Herzschrittmacher zauberte. Den Kühen gerann die Milch im Euter zu verschimmelter Crème fraiche, Föten gingen ab, Vulkane kotzten Blut und Lava, und tektonische Platten verrutschten wie Spielkarten auf einem ICE-Vierertischchen im Verlauf einer Notbremsung.

Diese existenzielle Prüfung für den Planeten beeinflusste die Rezeption von Bübchens Schaffen nicht unwesentlich. Genauer gesagt, beförderte sie die Entstehung eines überaus treuen Publikums, das jedes mal laut jauchzte, wenn das verschmitzte Lächeln des Gelingens auf des Künstlers Antlitz stolz erstrahlte. Dann freuten sich alle mit diesem großen Kind, und ein wohlwollendes Gurren erfüllte die Theater, Konzertsäle, Galerien, Kinos, Sportarenen und Reichsaufmarschfelder, die im Zeichen des erstarkenden Faschismus überall wieder wie braune Brandenburger Bio-Champignons aus dem Boden schossen.

Schließlich wollte ja auch keiner sterben. So wurde seine Malerei völlig neu bewertet. Man habe entscheidende Element übersehen, hieß es, nun aber sei die Kunstszene reif für die neuen grandiosen Einflüsse. Das Lästermaul mit den Strichmännchen kam bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben. Die Bremsleitungen, Karma, Kismet, ein Marder wohl.

In der Folge nahm Bübchens Karriere erst so richtig Schwung auf. Seine Fotografien des Nachthimmels über Plauzburg bei Neumond wurden im London, Barcelona und New York ausgestellt, alles Städte, die mutmaßlich keinen Bock hatten, in Schutt und Asche geheult zu werden.

Das „Karussell der Gartenzwerge“ in Fies Moll, eine Symphonie für Hackbrett, Dudelsack und Singende Säge tourte jahrelang vor ausverkauften Hallen. Wenn er Bock hatte oder betrunken war – und meist war beides der Fall – ließ es sich der Kunstschaffende nicht nehmen, selbst zu „singen“, ob in Bayreuth oder bei „Monster Ronson’s Ichiban Karaoke“ – überall gab die „lebende Mittelohrentzündung“ (Untergrundkritiker vor seiner Verhaftung) ihre grölende Visitenkarte ab. Opportunistisch huldigte die Öffentlichkeit seinem Gesangsstil als „betörendes Kreischen“.

Auch literarisch konnte ihm keiner ein X für ein U vormachen. Das machte er schon selbst, ein Pionier der Sprache, der die Buchstaben endlich aus der Bedeutungsenge ihrer ursprünglichen Lautzuschreibungen befreite. Daneben wird sein berühmtes Herbstgedicht („Herbst, Schnerbst; alles bunt, scheißt der Hund“) seit Jahrzehnten in jedem Deutschabitur analysiert.

Großen Einfluss hatte Bübchen auf die Weltarchitektur. Tesafilm, Sicherheitsnadel und Pattex waren die Stabilisierungselemente seiner Wahl. „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“, lautete das Motto des Meisters, der auch privat als kettenrauchender Kondommuffel im Wingsuit stets voranflog. Die extreme Fallhöhe zwischen Schein und Sein bildete einen immanenten Bestandteil seines Kunstkonzepts. Sein Film über den spektakulären Einsturz der von ihm zusammen getackerten „Golden Tape Bridge“ wurde wiederum zum eigenständigen Kunstwerk.

Kein Wunder angesichts all dieser Leistungen, dass die Saftgemeinde Plauzburg ihrem größten Sohn ein Denkmal setzte. Dabei war er da noch gar nicht tot. Sicher steckte hinter der verfrühten Weihe auch der heimliche Wunsch, er wäre es, denn bei aller Bekanntheit die er seiner Heimatstadt verschaffte, lag zugleich stets ein dräuender Schatten über dem Wirken Bübchens.

Denn nie wusste man, was dem begnadeten Utility Artist wohl als nächstes einfiele: Würde er ohne Vorwarnung ein lebendes Schwein aus dem Hubschrauber auf den Marktplatz fallen lassen? Sich in einer Satire-Aktion zum Bundeskanzler wählen, und anschließend in einem teuflischen Krippenspiel alle Erstgeborenen töten lassen? Würde er einen seiner berüchtigten farbigen Riesenpupse in den Äther furzen? Auch dass das Genie bei allem, was es tat, stets konsequent nackt auftrat, schmerzte Vielen in der Seele. Ja, der Name Plauzburg lag in aller Munde, allerdings meist als Synonym für das Unaussprechliche, das Grauenhafte mit der Postleitzahl, die da lautet: 666.

Wenig überraschend fiel die Wahl des Skulpteurs auf Gernot Bübchen selbst. Das hätte er sich sowieso nicht nehmen lassen; andernfalls hätte er auf jeden Fall geweint. Denn neben Stickerei, Rhythmischer Sportgymnastik und dem Zusammensetzen von Ü-Ei-Figuren auf seinem Youtube-Kanal hatte er natürlich auch die Bildhauerei mit der Muttermilch eingesogen. Dazu sei angemerkt, dass jene Generation von Müttern in puncto Enthaltsamkeit während Schwangerschaft und Stillzeit noch nicht so dogmatisch indoktriniert war, wie man es heute kennt. Nikotinentzug? Zu stressig für Körper und Seele einer werdenden Mutter. Auch rieten die Ärzte zu regelmäßigem Alkoholkonsum gegen Langweile, Niedergeschlagenheit und Angstzustände. „Löten Sie sich ruhig jeden Abend ordentlich zu, Frau Bübchen“, hatte Frauenarzt Dr. Haarmann geraten. „Dann wird es garantiert ein Junge.“

Und er hatte Recht. Dieser Junge formte aus eingeweichten Brötchen, Lehm und Kot eine Reiterstatue von gigantischer Größe. Sie überragt die Saftgemeinde und den nahen Höhenzug des Schwalm sogar noch, nachdem sie eingestürzt ist, und unter anderem ihren Schöpfer unter sich begraben hat. Dort ruht er nun in und unter sich selbst, und wir dürfen es endlich wagen, sein Zeug als das zu kritisieren, was es ist: ein elender Pfusch, ein schamloser Schund, der sämtliche Sinne demütigt, schändet und beleidigt; das Salz auf dem einst fruchtbaren Boden der Kultur. Zum Glück ist die Ratte tot.

Kein Deutsch

Nazis sind Leute wie du und ich. Also natürlich mehr noch wie du.

Wir kommen an einem dieser poshen Frühstücksläden in Friedrichshain vorbei, und ich sage: „Die können hier auch kein Deutsch.“

Sofort fange ich mir einen Anpfiff ein. Ob ich überhaupt wisse, wie ich gerade klinge?

„Na ja“, sage ich, „was soll ich denn machen: Ich war da schon zweimal drin, und immer, wenn ich was bestellen will, heißt es, ‚sorry, I don’t speak German.‘ Also, wenn ich hier in der Gastronomie arbeite, dann sollte ich eigentlich schon …“ Ich verstumme, um mich nicht noch mehr als Nazi light zu outen. Aber vielleicht mache ich dadurch alles nur noch schlimmer. Auf „sollte ich eigentlich schon …“ könnte nun nämlich genau so gut folgen: … einen Ariernachweis haben; …wissen, wie man aus ein paar Beilagengürkchen auf dem Teller ein Hakenkreuz formt; …die Gäste mit Marschmusik empfangen.

Sie seufzt. „Das ist eben Friedrichshain.“

„Was soll das denn heißen: Das die hier russisch sprechen müssten?“

„Nein, und ich verstehe ja, was du meinst. Aber gerade in diesen Zeiten bekommt das wieder einen total merkwürdigen Klang. Hör dir doch mal zu – sie fakt die heisere Stimme eines üblen Unholds : „Die können hier auch kein Deutsch.“

So habe ich nicht gesprochen. Außerdem sehe ich das anders. Rechte können doch zufällig auch mal etwas schlecht finden, was Nichtrechte ebenfalls nicht mögen. Pest zum Beispiel. Oder beide können das gleiche gut finden, wie „New York Cheesecake“. Obwohl er bei denen wahrscheinlich Neu-Jorker Käsekacke heißt oder so.

Und Nazis können auch mal recht haben, zum Beispiel, bei der Frage wie das Wetter wird. Soll man ihnen das nicht glauben, nur weil sie Nazis sind? Denn die Vorstellung, „die Nazis“ wären in jedem Detail so was wie komplette Negative eines humanistischen Menschenbilds, wirkt ähnlich ignorant, wie wenn Ulf Poschardt „die Radfahrer“ beschreibt: als wie vom Himmel gefallene Antiwesen, lächerlich verzerrte Gespinste des eigenen Vorurteils, die man weder verstehen kann noch will. Alle Nazis mögen Graupelschauer, essen lieber Fleisch als Gemüse, hassen Kätzchen und lieben Wespen?

So einfach ist es aber nicht. Nazis sind Leute wie du und ich. Also natürlich mehr noch wie du. Wie wir aus „Zone of Interest“ wissen, fahren sie total auf Blumen ab. Nazis lieben Kinder, wenn auch nur die eigenen – die anderen müssen sterben, aber manche bedauern das sogar. Sie schreiben für „Welt“, „NZZ“ oder „NIUS“, spielen Fußball, arbeiten bei Edeka und bei der Polizei. Nazis lachen gern und viel.

Ein Kollege hat mal gesagt, man dürfe keine Witze machen, über die Nazis lachen könnten. Aber das basiert auf der weltfremden Annahme, Nazis würden nur über geschredderte Küken oder verhungernde Eisbären lachen. Und nicht „wie wir“ auch über die Szene in der „Nackten Kanone“, in der O. J. Simpson als Detective Nordberg vom Schiff fällt.

Es kann schon sein, dass sie weniger wegen des Slapsticks lachen, sondern weil sich eine schwarze Filmfigur schlimm weh tut. Aber immerhin lachen sie über dieselbe Szene. Und über abgemagerte Eisbären lachen sie obendrein, allein den vielen lustigen Lachsmileys unter jedem Klimabeitrag im Netz nach zu schließen. Nazis sind also rein quantitativ und auf ihre ganz spezielle Art noch fröhlicher und humorvoller als andere.

So viel erst mal dazu. Ob wir in das Café reingehen könnten, bettele ich nun. Ich hätte Lust auf ein Stück Käsekacke. Dafür würde ich selbst meinen überbordenden Rechtsextremismus kurz hintanstellen. Nicht lästern, schön Englisch sprechen. Aber ich bekomme keinen Kuchen, leider, aus der Nazi-Schublade komme ich jetzt schlecht wieder raus.

So nicht, Freunde

Junge Menschen machen mir oft einfach nur noch Angst.

Als ich im Treppenhaus auf die Öffnung des Mehringhoftheaters warte, strömen Massen hemmungslos schnatternder Kids weit unter 50 an mir vorbei, die im Stockwerk drüber in die Abendschule gehen. Ich drücke mich fest an die Wand, denn junge Menschen machen mir oft einfach nur noch Angst. Schon wenn ich sie nur von weitem sehe, denke ich: Oh nein! Bitte nicht! Denn junge Leute bewegen sich immer so schnell und reden so laut. Ich empfinde es als rücksichtslos, wenn sie wieder viel zu dicht an mir vorübertrampeln, gerade so als wäre ich gar nicht da. So was kann ich inzwischen nur noch ganz schlecht ertragen. Mit den Jahren bin ich schreckhafter und lärmempfindlicher geworden.

Natürlich fahre ich jedes Mal furchtbar zusammen. Was da alles passieren könnte. Ich könnte stürzen und mir den Oberschenkelhals brechen oder auch irgendwelche Gehörknöchelchen, allein durch ihre Unachtsamkeit. Ach was. „Unachtsamkeit“, im Grunde vermute ich längst böse Absicht dahinter. Bei Lichte betrachtet, ist das doch die schiere Mordlust. „Ihr wollt mich töten, ist es das?“, möchte ich ihnen entgegen rufen, doch meinem Mund entfährt nur verzagt ein tonloses Maunzen.

Ich bin in ihren Augen offensichtlich vogelfrei. Was habe ich ihnen eigentlich getan? Und ist es von anderen Personen im Ernst zu viel verlangt, einen normalen Sicherheitsabstand von etwa dreißig Metern einzuhalten, und im Umkreis von, sagen wir, hundert Metern mit gedämpfter Stimme zu sprechen, und zwar nur das allernötigste, und am Wochenende gar nicht? Ich denke, kaum. Schließlich ist das schon ein Kompromiss an sich. Ich komme den Aggressoren damit wirklich bereits äußerst weit entgegen. Ich müsste das nicht tun.

Aber nein. Am liebsten würde ich gar nicht mehr aus dem Haus gehen, doch praktikabel ist das nicht. Außerdem wäre das die reinste Täter-Opfer-Umkehr. Auch sehe ich überhaupt nicht ein, warum ich mir von den jungen Menschen komplett das Leben versauen lassen soll. Sollen die doch zuhause bleiben, wenn sie sich nicht zu benehmen in der Lage sind. Dort können sie sich das ja noch mal in aller Ruhe überlegen: Ausgang unter der Prämisse zivilisierten Betragens, oder eben Hausarrest.

Denn das wohl bedrückendste an der ganzen Sache ist, sobald ich irgendwas sage, wie, „So nicht, Freunde – ihr habt mich fast umgerannt“, „Etwas mehr Ruhe, bitte“ oder „Passt doch um Himmels Willen besser auf – ich könnte jetzt tot sein“, und sie mich dann stumm und, wie ich finde, oft auch ziemlich feindselig anstarren. Die verstehen das einfach nicht. Da mangelt es schlicht an der emotionalen Intelligenz und wohl auch am Willen, sich in andere hineinzuversetzen. Respekt vor dem Alter? Ebenfalls Fehlanzeige. Es fehlt bloß, dass sie mir irgendwann auch noch die Brille wegnehmen. Man hört ja so Sachen.

Deshalb schlucke ich meine Empörung lieber runter. Ich will doch nur in Frieden leben. Jetzt drängen immer mehr von denen durch das enge Treppenhaus. Und fast jede rempelt mich beinah an. Da fehlt echt überhaupt nicht viel. Woher kommt dieser Hass? Ich war stets nur gut zu den Jungen. Geduldig habe ich ihnen erklärt, wie die Welt funktioniert, was sie unbedingt wissen müssen, und wie sie sich am besten verhalten. Politik. Erdkunde, Geschichte, Biologie. Selbstlos habe ich all mein Wissen geteilt, auch und gerade hier in diesem Blök. Sie sind quasi nur durch mich lebensfähig. Und das ist jetzt der Dank?

Was lernen die eigentlich in ihrer verfickten Abendschule? Anstand jedenfalls nicht. Inzwischen frage ich mich, warum sie mir nicht einfach mit einer Trompete direkt ins Ohr blasen, den Hammer über den Kopf ziehen, meine Leiche anzünden und sie in den Müll werfen. Das wäre immerhin ehrlicher, und weniger hintenrum. Aber nein, stattdessen rasen die hier schrill plappernd kaum einen halben Meter an mir vorbei und checken mich um ein Haar brutal gegen die Wand. Hilfe! Und der Staat unternimmt mal wieder nichts. Das ist so typisch.

Eis

„Kampf gegen grüne Verkehrspolitik“

Zurück aus dem Urlaub empfängt mich Schnee und Eis. Von dreißig Grad plus grade ich down auf neun Grad minus, und von null Paar Socken grade ich up auf drei Paar. So wirklich helfen will das aber nicht. Es gibt keine falsche Kleidung, es gibt nur falsches Wetter. Vielleicht sollte ich auch mal Schuhe anziehen.

Das alles hindert mich nicht daran, am Abend wie gewohnt mit dem Fahrrad ins Kino zu fahren. „Huiuiui“, denke ich auf den ersten Metern. Danach denke ich gar nichts mehr, das Gehirn ist eingefroren. Aber ich muss ja auch nicht denken. Ich fahre einfach nur der reifenbreiten freien Rille auf dem sonst eisbedeckten Radweg nach. Dann komme ich schon ans Ziel.

Meine Augen tränen, warum, weiß ich nicht. Ich bin weder traurig noch gerührt. Zur Erinnerung: Ist ja immer noch vor dem Kino. Ich fahre schnell, denn wenn ich zu lange brauche, falle ich wie so ein erfrorener kleiner Vogel tot vom Fahrrad. Wie zur Warnung überholt mich ein Rettungswagen mit eingeschaltetem Martinshorn.

Geräumt ist ja nicht so richtig. Also die Straßen schon, und die Radwege gehen zum Teil, und wo nicht, gibt es immer noch die Straße. Hier trägt Kai Wegners „Kampf gegen grüne Verkehrspolitik“ (BILD) erste Früchte. „Wir machen Schluss mit der einseitigen Politik gegen die Autofahrer“, hatte der Regierende Bürgermeister angekündigt.

Für alle anderen, vor allem für die Fußgänger, heißt es jetzt: „Wir müssen leider drinnen bleiben.“ Der Winterdienst scheint zu streiken, oder man hat die Mitarbeiter bereits abgeschoben.

Insgesamt ist die Räumsituation noch schlimmer als zu Wowereits schlimmsten Zeiten, mit seinem nonchalanten Senf: „Berlin ist nicht Hawaii“, als einsame Greise zuhause verhungert sind, weil wochenlang nichts geräumt war. Aber war halt nicht Hawaii, da musste man schon auf den Karneval der Kulturen warten. Dann, wer noch lebte, Blumenkette um, kulturelle Aneignung an, helau, alaaf, aloha he und ab die Post!

Aber nicht jetzt. Jetzt ist Winter. „Ich will dafür sorgen, dass in Berlin wieder alles funktioniert“, hatte der König bei der Machtübernahme getönt. „Na dann geh mal Schnee schippen, Alter“, wäre man im ersten Moment versucht, zu sagen, angesichts der völlig unbehandelten Eisbuckel überall auf den Gehwegen. „Und das Eis kann ruhig auch weg. Ist super glatt da draußen. Oder ist dir der Anblick deiner Untertanen vom Dienstwagen aus mit seinen North Face Islandic Crosscountry XXL Cruel Grip Winterreifen zu unangenehm?“

Doch das ist zu kurz gedacht, denn das Ganze folgt offensichtlich einem ausgefeilten Plan. Und der lautet, „Ausgangssperre für Alte, damit die Rettungsdienste nicht überlastet werden“. Das wiederum ist nur durchsetzbar, wenn absolut nichts getan wird. So dass den renitenten Alterchen spätestens nach dem Öffnen der eigenen Haustür sofort klar wird: Umkehren oder Tod. Das funktioniert also prächtig.

„Nur eine saubere Stadt ist auch eine sichere und lebenswerte Stadt“, hat Wegner versprochen. Sauber ist es ja. Kein Wunder, wenn die ganzen Schmutzfinken schön zuhause bleiben. Bevölkerung stört nur, und macht immer alles dreckig.

Ah, das steht der Notarztwagen auf der Kreuzung Alte und Neue Jakobstraße. Die Sanis sind schon auf dem Bürgersteig daneben, wo ein älterer Mann mit verbogenen Beinen auf dem Eis liegt. „Aua, aua“, sagt der Verunglückte, und will auf diese Weise Mitleid schinden.

Selber schuld der Typ. Der hat wohl den Schuss nicht gehört. Ich würde ihn ja liegenlassen. „Betreten der Eisfläche verboten“: Kam das nicht genau so im Radio? Aber die Retter haben bestimmt irgend so einen hypokritischen Eid geschworen. Da müssen sie dann eben wohl oder übel mit Hand anlegen. Sonst schimpft wahrscheinlich Gott oder so.

Ulf und Uwe

Wer Friends wie uns hat, braucht jedenfalls keine Enemies mehr.

„To-käh! To-käh!“, schreit es in der Nacht, als wir schon längst zu Bett gegangen sind.

Wer da brüllt, ist Ulf. So haben wir den vermeintlichen „Riesengecko“ genannt, der Abend für Abend hinter dem Sofa auf der Terrasse unserer Ferienunterkunft an der Wand klebt, während wir davor sitzen. Ulla, Uli und Ulf. Wir drei, Freunde in der Fremde, und frei nach Andy Möller: „Ob Thailand oder Madrid – Hauptsache Italien.“

Eine Bildersuche ergab allerdings, dass Ulf eigentlich ein Tokeh ist, der „alles frisst, was er überwältigen kann.“ (Wikipedia) Wer von dem Aggrovieh gebissen wird, so der Rat im Internet, solle sich nicht wehren. Dann würde der Tokeh irgendwann loslassen, eventuell. Seitdem sitzen wir dort stets ein bisschen wie auf Kohlen. Ihm das Möbel ganz zu überlassen, kommt für uns bislang noch nicht in Frage.

Doch der Nervenkitzel lohnt sich: „Drei Grad minus, gefühlt sieben Grad unter Null“, lesen wir aus Berlin. Das hört man gern. Wir posten Bilder von Ulf, und von exotischen Biermarken, mit Palmen und Meer und Sonnenuntergang als Hintergrund. Die Motive gleichen Fototapeten in Jugendzimmern der 1980er Jahre, minus das Bier. Das hat nur den einen Zweck, Hass, Zwietracht und Neid unter den Daheimgeblieben zu schüren. Wer Friends wie uns hat, braucht jedenfalls keine Enemies mehr.

Von unserer Terrasse aus sehen wir eine Gruppe hässlicher alter Menschen durch die Anlage gehen, hoffentlich bleiben die nicht, die spiegeln uns zu sehr. Wir erfreuen uns lieber täglich an den Jungen und Schönen hier: die Typen alle so braungebrannte, superakzentuierte Muckitröten; die Frauen durch die Bank normgestreamlint, als ob es dafür jetzt irgendwo eine Orkfabrik gäbe. Und dann eben wir. Die Ökonische für die schrulligen Alterchen mit ihrem creepy Hausdrachen, die immer so früh schlafen gehen, ist mit uns bereits besetzt. Haut ab, ihr Krepel. Danke.

Ulf sieht die Konkurrenten nicht; er klebt wie immer hinterm Sofa. Dafür ist im Bad jetzt Uwe unterwegs, eine gigantische Kakerlake, die nicht mal abhaut, wenn man kommt und Licht macht, wie Schaben das normalerweise tun. Nein, ich muss zur Seite treten. Nicht zufällig haben wir für beide Männernamen gewählt: dumm, groß, stark und grundlos selbstbewusst – das haben Ulf und Uwe gemein. Sie machen keinen Platz, ihnen wird Platz gemacht, wie man das sonst eher von Elefanten, Nashörnern oder Frauen (sic!) mit Kinderwagen kennt.

Am „Hidden Beach“ soll es heute eine Party geben. Gut zu wissen, dann gehen wir da nicht aus Versehen hin. Sollen sich dort ruhig die Jungen und Schönen verausgaben. Wenn die das brauchen, bitte. Für Rambazamba à la Berlin sind wir nicht nach Thailand gebrummt. Wir gehen hier früh zu Bett und stehen früh wieder auf. Das ist für uns Urlaub. Wir vermissen ja auch keine Crackraucher im Hauseingang, Currywurst oder Shopping Malls mit H & M.

Aus gutem Grund. Denn mittlerweile erreichen uns nur noch absurd klingende Nachrichten aus einer jetzt schon längst entfremdeten Welt: David Lynch ist tot; Hitler soll ein Linker sein, dafür sind in den USA endgültig alle Nazis geworden; Kai Wegner will in Berlin aus Kostengründen eigenhändig alle Zootiere töten.

Apropos. Jetzt haben wir Ulf schon zwei Tage nicht mehr gesehen. Vielleicht sucht er sich woanders leichtere Beute, die nicht so laut schreit, und die er nicht erst mühsam in tausend Stücke zerteilen muss; vielleicht haben wir ihn auch durch unsere relative Furchtlosigkeit zermürbt. Oder er ist beleidigt, weil wir ihn ständig über Social Media dissen, und nun sogar in diesem Blök. In Wahrheit ist er nämlich voll sensibel.

Ulla, Uli und Ulf. Wir drei, Freunde in der Fremde.