Böse Menschen kennen viele Lieder

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Es ist ein Uhr morgens. Von der Grünanlage neben dem Haus dröhnt elektronische Musik zu uns nach oben in den vierten Stock. Na gut, dann machen wir eben das Schlafzimmerfenster zu. Draußen ist es Sommer, drinnen ist es warm – wir bleiben trotzdem cool. Dit is eben unsa Malle Ballin. Da steppt der Bär nach dem achten Bärenpils schon mal ein bisschen lauter, wa.

Halb zwei. Im Zimmer ist es heiß. Trotz geschlossenem Fenster ist es zu laut zum Schlafen. Inzwischen ertönt auch hinten auf der Brücke Musik. Unter den Arkaden dort hallt das ganz wunderbar, da bräuchte man eigentlich keine Verstärker. Mit fetzt allerdings noch mehr. Ich stülpe mir das Kissen wie einen Sturzhelm über den Kopf und stelle mir vor, wie ein Streifenwagen nach dem anderen stumm staunend die öffentlichen Lärmquellen passiert. Ruhestörung ist offenbar kein Offizialdelikt. Ruft niemand bei der Polizei an, unternehmen die auch nichts. Finde ich ja eigentlich gut. Schließlich sind wir gar nicht die Bösen. Also bürgerliche Edelwaldschrate, die, sobald nach 22 Uhr auch nur das zarte Stimmchen einer nachtwandernden Elfe ans empfindliche Ohr dringt, nach dem SEK brüllen. Die Kneipentöter, die Clubkiller, die schwarz-grünen Dorfnazis. Von mir aus können die ja draußen bis Mitternacht rumlärmen. Selbst danach würde ich nicht einfach die Bullen rufen, wie so ein Spießer, für den die Krachmacher uns dennoch halten. Schlafen kann man ihrer Meinung nach noch lang genug, wenn man entweder tot ist oder so alt wie wir – was für die ja sowieso dasselbe ist. Und wer möchte sich schon von Toten, toten Spießern noch dazu, vorschreiben lassen, wo und zu welcher Nachtstunde er Pauke, Signalhorn oder Stalinorgel aufstellt, um frohgemut zu musizieren. Natürlich rufen wir nicht die Bullen. Da sind Petze, Blockwart, Denunziant gefordert. Aber doch nicht wir. Eine Frage muss trotz alledem gestattet sein: warum kann es immer nur das eine oder andere Extrem geben?

Zwei Uhr. Am Eingang zur Hochbahn spielt jetzt eine Rockband. Die Gitarre jault, der Bass puckert, das Schlagzeug scheppert. Dazu singt – gemäß meiner aus dem Kontext getroffenen Ferndiagnose – ein Arschloch. Das Arschloch singt laut. Eine hörbar wachsende Menge Schaulustiger jubelt dem Arschloch zu. Das Inferno tobt nun von allen Seiten. Mir wird klar, warum hier keiner die Bullen ruft. Mitten im Tsunami schreit auch niemand nach der Badeaufsicht.

Halb drei. Betrunkene grölen und werfen mit Flaschen, Glas splittert. Tatütata. Vier Live-Acts werben gleichzeitig um die Aufmerksamkeit eines entfesselten Mobs. Lautes Lachen, Hilferufe und lautes Lachen über Hilferufe. Tatütata. Irgendwer göbelt mit dem Sound eines gepfählten Orks in einen Hauseingang, wahrscheinlich unseren. Wir sind allein mit unserer Verzweiflung und unserer Schlaflosigkeit. Das kann man ja alles niemandem erzählen. Da kämen eh bloß die üblichen Totschlagsprüche wie, „na, wer keinen Lärm aushält, darf eben nicht in der Stadt wohnen“, oder, „zieh doch nach Brandenburg“. Was man eben so sagt, wenn man jung ist. Und dumm. Und rücksichtslos und gemein, so gemein, brunzdumm und hundsgemein. Bin ich so nassgeschwitzt oder sind das alles meine Tränen?

Drei Uhr. Wir stehen todmüde auf dem Balkon und blicken ungläubig nach unten auf das brodelnde Meer aus zugedröhnten Menschenfeinden. Irres Lachen mischt sich in unser Weinen, als uns die absurdeste Redensart der Welt einfällt: „Böse Menschen kennen keine Lieder“. Denn in Wahrheit kennt keine Personengruppe auch nur annähernd so viele Lieder wie die bösen Menschen. Kaiser Nero, Horst Wessel, Dieter Bohlen. Die Leute denken ja immer gern, klar, Krieg, Folter, Mieterhöhungen – so in etwa sehen sie aus, die klassischen Kernkompetenzen des bösen Menschen -, aber auf die naheliegendste kommen die meisten mal wieder nicht: Lieder.

Es ist ein unendliches Repertoire, die meisten Texte handeln von Ruhestörung, Rücksichtslosigkeit und dem Wahnsinn lächerlicher Liebesprojektionen. Böse Menschen haben das Lied quasi erfunden. Den Trommelwirbel zur Hinrichtung. Den Takt für die Galeerensklaven. Die Marschmusik. Auf den Schlachtfeldern der Geschichte trommelten eigens aufgestellte Musikkompanien den bewaffneten Kollegen den Rhythmus zum Sterben.

Halb vier. Jemand muss nun doch die Polizei gerufen haben. Eine Wanne hält an der Kreuzung, meine lieben Freunde, die wackeren Beamten – formerly fälschlich known as „Drecksbullen“ – steigen aus. Sie begeben sich zur U-Bahn-Combo, man sieht Taschenlampen leuchten, kurz verstummt die Musik. Dann gehen sie zurück auf die andere Straßenseite, wo mittlerweile die Wanne geparkt steht. Rotzfrech fängt die Band sofort wieder an zu spielen. Na, ich hoffe, die Wachtmeister holen bloß schnell ihre Waffen.

Als sie zurückkehren, bin ich enttäuscht. So weit ich das vom Balkon aus erkennen kann, läuft da unten nur so ein windelweiches Deeskalationsgelaber. Wäre ich der Einsatzleiter, würde ich den Knüppel aber mal im 1/32-Takt tanzen lassen und anschließend den Brei großzügig mit Pfefferspray nachwürzen. Das machen sie doch schließlich schon bei friedlichen Demos, am helllichten Tag und ohne Musik. Warum ist das ausgerechnet hier zu viel verlangt, wo endlich mal ein guter Grund vorliegt? Ich würde sogar noch weiter gehen. Erst eine Salve über die Köpfe hinweg – die hört man auch gut – als allerletzten Warnschuss. Und wenn dann immer noch nicht Ruhe ist: die Bande einfach niedermähen. Die Köpfe der Rädelsführer abschlagen und in der näheren Umgebung oben auf Ampeln und Verkehrsschilder stecken, zur Abschreckung. Die Instrumente verbrennen, das Schlagzeug in winzig kleine Teile schreddern. Und natürlich auf die Reste draufscheißen, auf alles und alle gründlich draufscheißen, gähn, bin ich müde.

Ein ernstes Thema

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Mal was Sinnvolles schreiben. Wie so’n Schriftsteller mit Rollkragenpullover. Ein Meinungsstück, das schwerblütig mit „meines Erachtens“ beginnt und mit „die Geschichte wird über uns richten“ endet. Statt meiner üblichen Lyrics wie „gestern an der Kasse bei Edeka, hihi haha“, „ich einsamer alter Mann auf meinem Balkon, buhu buhu“ oder „höhö, ich hab gepupst – Arschloch, Fotze, Ficken“, endlich mal einen Text, der echte Inhalte transportiert, zum Nachdenken anregt, am Ende vielleicht sogar etwas bewirkt, und sei es nur als Auftakt zu einer winzigen Veränderung.

Die Sehnsucht nach mehr Ernsthaftigkeit entstand im Frühjahr. Terroranschläge, Syrien, Flüchtlingselend, AfD. Ich fragte mich zunehmend, warum ich meine Arbeit nicht in den Dienst an der Wahrheit stellte, sondern stets nur fröhliche Unterhaltungsscheiße ohne Nähr- und Mehrwert fabrizierte. Das war ja „noch nicht mal Satire“ wie die Klügsten unter den Klugen in den Kommentarspalten festzustellen wussten.

Klar, könnte man auch sagen, Wortkunst, selbst sinnarme; Komik, selbst seichte; Zerstreuung, selbst unpolitische, behalten jederzeit ihre Berechtigung ebenso wie Kino, Fußball, Malerei, Kochkunst, Erotik, Kreuzworträtsel als legitimer Ausgleich, um Energie für den Ernstfall zu schöpfen. Nur das Theater mit seinem hysterischen Relevanzzwang simuliert eine Bedeutungsschwangerschaft im zehnten Monat und das Publikum muss bei der schweren und blutigen Geburt dabei sein.

Aber mir ging mein eitles Geschnatter plötzlich selber auf die Nerven, und so war ich zunächst froh, als immerhin zwei oder drei Aufträge für Artikel gegen rechts eintrudelten. Was sich jedoch schnell als Augenwischerei entpuppte: In einer linken Zeitung zu schreiben, wie doof Nazis sind, bedeutet nicht nur, Eulen nach Athen zu tragen, sondern Athen mit einer springflutartigen Eulenplage zu überziehen, einer regelrechten Eulenpest, überall wimmelt es bloß so von Eulen, die Eulen fliegen den Leuten in Mund und Augen, krallen sich schauerlich heulend in die Haare, keiner traut sich mehr auf die Straße, nur noch Autos mit geschlossenen Fenstern quälen sich durch dicke Wolken flatternder Eulen, es müssen Billionen sein, die die Sonne derart verfinstern, dass am Tag das Fernlicht eingeschaltet werden muss, links und rechts der Straße türmen sich die von den Fahrzeugen beiseite geschobenen Eulen zu immer höheren Wällen auf, Straßenreinigung, Armee und Katastrophenschutz sind völlig überfordert, doch trotz aller Vorsicht sind sie längst auch schon in den Wohnungen der Menschen, kaum öffnet man den Kleiderschrank: schuhu, schuhuu!, den Klodeckel: schuhuu, schuhuuu!, im Küchenregal, im Kühlschrank, in Lebensmittelbehältern, in Lampenschirmen, in Kleidung, Bauchfalten, Schamhaar, After, Zahnzwischenräumen sammeln sich lebende Eulen, tote Eulen, Eulenreste, Kehrschaufeln sind längst ausverkauft und ebenso Eulensprays, Verbrennen, Vergraben, Ausstopfen, man wird der Masse einfach nicht Herr, übrigens sind auch die Mäuse ziemlich sauer … was wollte ich sagen … genau, eben deshalb folgt an dieser Stelle tatsächlich mal ein ungewohnt sachlicher Text zu einem ernsten Thema.

Meines Erachtens ist die in Berlin vorherrschende Rücksichtslosigkeit rechtsabbiegender Autofahrer gegenüber radfahrenden Verkehrsteilnehmern ein Skandal. Diesen prangere ich an, um das allgemeine Bewusstsein für die Problematik zu schärfen und so zum Umdenken beizutragen.

Das wird schwer genug, denn was mir hier, im Vergleich zu jedem anderen Ort, an dem sich Räder drehen, seit jeher ins Auge fällt, ist das erschreckende Unvermögen, das der durchschnittliche Berliner bei seinem mehr als dilettantischen Versuch, ein Kfz zu führen, an den Tag legt. Diese einzigartige Gemengelage aus zu schlecht, zu schnell, zu rücksichtslos, unflexibel, rechthaberisch, latent mordlustig und stets die Hupe der Bremse vorziehend, dürfte weltweit einzigartig sein. Und bevor mir jetzt wieder irgendeiner dieser Pfuscher weinerlich die Kompetenz abstreitet: Ich fahre hier seit über dreißig Jahren sehr viel mit dem Rad und sehr viel mit dem Auto.

Auch kennt der Berliner schlicht die Verkehrsregeln nicht. Geschätzte achtzig Prozent der Rechtsabbieger rauben dem geradeaus fahrenden Radler die Vorfahrt, von den restlichen zwanzig Prozent bremst die Hälfte soeben noch im letzten Moment, um ihn anschließend ebenso wüst zu beschimpfen wie es zuvor bereits die achtzig Prozent getan haben. Enttäuschung über das Misslingen des Tötungsversuchs, Unterficktheit, Schulden, Zahnschmerzen oder sonstiger Frust – wer möchte den Grund überhaupt wissen? Ich jedenfalls nicht.

Oder vielleicht doch? Nach unabhängigen Informationen mehrerer mir bekannter Fahranfänger gilt an Berliner Fahrschulen der Radfahrer wahlweise als ärgerliches Hindernis, komplizierter Versicherungsfall, nervtötender Schreihals, Fahrerfluchtgrund, potentieller Straßenbelag und Risiko für Lack und Stoßstange, doch niemals als Partner im Verkehr. So fluchte erst kürzlich ein jüngerer Kollege, ansonsten eigentlich ein anständiger Mensch, darüber, wie viele unaufmerksame Radfahrer auf dem Herweg doch tatsächlich versucht hätten, ausgerechnet da, wo er mit dem Auto rechts abbog, sich böse schreiend an ihm vorbeizuquetschen. Er wirkte ehrlich empört.

Selbstverständlich war früher nicht alles besser. Es gab weniger Autobahnen und fast hätte die RAF unser Land erobert und dann alle Intellektuellen in die Kartoffelfelder zum Arbeiten geschickt, wo sie jämmerlich krepiert wären. Aber die Fahrausbildung war offensichtlich besser. Im Verkehr der kleinen Kreisstadt, in der ich meine vorgeschriebenen „Stadtfahrten“ abriss, waren Radfahrer Mitte der 80er kaum von Bedeutung. Dennoch wurde mir die Rücksichtnahme auf Radler beim Rechtsabbiegen derart eingetrichtert, dass ich heute noch nicht mal eine rechtsdrehende Autobahnauffahrt ohne Schulterblick absolviere.

Hui, war das jetzt ernsthaft. Dabei erwarten meine wenigen treuen Fans natürlich eine gewohnt humorvolle Lösung von mir oder wenigstens ein Mindestmaß an Zynismus und Menschenverachtung. In ihrer Situation (alle drei lebenslängliche Sicherungsverwahrung) ist nun mal jeder Anlass für ein kleines Schmunzeln höchst willkommen. Also gut: In der Hölle treffen sich ein Selbstmordattentäter und ein Rechtsabbieger. „Was machst du denn hier?“ Fragt der Rechtsabbieger.

Fünf Quadratmeter Deutschland

Fünf Quadratmeter Deutschland

„Die Mutter der Dummheit ist immer schwanger!“ (Afghanische Weisheit)

Überall ist nun Ferienzeit. Schon in Freiburg, wo ich in den aus Basel kommenden Zug steige, ist es ohne Reservierung schwer, einen Platz zu finden. Ich muss also etwas genauer gucken und finde tatsächlich auch ein leeres Abteil, in dem fünf Plätze reserviert sind: von Offenburg, eine Station hinter Freiburg, bis nach Berlin. Ich setze mich auf den einzigen nicht reservierten Sitz.

Dann kommt die Frau mit dem Kinderwagen. In gewissem Sinne ist sie die Frau meines Lebens, denn so eine habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht getroffen. Sie hat fünf Plätze reserviert, einen zu wenig, wohl in der Hoffnung, dass der freie sechste übersehen wird, und jetzt ist sie spürbar sauer, dass ich da bin. Drei Plätze verstünde ich ja, sie braucht einen für sich und zwei für Kinderwagenaufsatz samt Inhalt. Allerdings benötigt sie darüber hinaus offenbar noch drei weitere für ihre Ruhe. Aber auf einem davon sitze jetzt ich. Meine Anwesenheit ist jedenfalls Grund genug, meinen Gruß beim Öffnen der Abteiltür schlicht nicht zu erwidern. Auch akzeptiere ich ihre bittere Enttäuschung über das harte Los, das Abteil nur zu fünf Sechsteln zu besitzen, als guten Grund, mir beim Hereinwuchten von Karre, Kind und Kegel, heftig auf den Fuß zu treten. Die Entschuldigung erfolgt pro forma und ins Leere.

Mag ja sein, dass eine kinderlose Null wie ich entsprechend auch behandelt werden will, doch als ausschließliche Handlungsmaxime greift das hier zu kurz, denn da draußen suchen schließlich auch noch andere Eltern mit kleinen Kindern verzweifelt Plätze. Tja, selber schuld, warum haben diese Rabenvögel nicht ebenfalls pro Arsch fünf Plätze reserviert? Und ich kann ja leider nicht stehen, wegen meiner Kriegsverletzung.

In Karlsruhe, fragen zwei Leute, ob die Plätze frei seien, die ja immerhin unbesetzt wirken und sowieso auch sind. Die Reservierungszeichen sind mittlerweile längst erloschen. Nein, sagt die Frau, die seien reserviert. Sorry. Nee, sorry natürlich nicht – das war nur mein persönlicher Wunschtraum. Sie lässt nicht zu, dass hier noch mehr lästige Fahrgäste das stille Glück der Kleinstfamilie stören. Denn gäbe man einmal nach, bräche der Wall gegen die Außenwelt endgültig und das Abteil würde von noch mehr Hunnen mit Fahrschein und Rucksack überschwemmt. Ich staune nur noch.

Konsequent über Bord geworfener Anstand begleitet uns über siebenhundert Kilometer verbrannter Erde hinweg, wo einst der Hafer menschlichen Miteinanders blühte, wuchs und gedieh, von Offenburg nach Berlin, und weil Prenzlauer Berg keinen eigenen Bahnhof hat, wird sie am Hauptbahnhof ins Taxi steigen müssen. Kein Gruß, kein Lächeln, kein Trinkgeld. Ja ja, ein Klischee und hier kommt gleich noch ein weiteres – Muttilein, in your face: Leichenblass, trotz ihrer Jugend verhärmt und spillerig wie ein Nacktmull, eine Persönlichkeit aus nichts als Knochen, vor allem Ellbogenknochen, die noch extern auf ein Baby erweitert werden – na, und, sollte man fragen, was kann sie denn dafür, gestresst und alleinerziehend, vielleicht ist oder war sie krank, fühlt und findet sich so nun mal gut, oder frisst eventuell auch einfach weniger Scheiße als ich, und was bitte geht es mich überhaupt an … aber es fällt schwer, unter Ausschluss lookistischer Denkmuster zu urteilen, wenn Ausstrahlung und Verhalten derart deckungsgleich sind. Und weil es eben so schwer ist, und man auch einfach mal loslassen soll, wenn die Rücksicht wehtut und die Nachsicht Magengeschwüre verursacht, frage ich mich gleich auch noch, was das um Gottes Willen für ein hominoider Wurm gewesen sein muss, der dieses asoziale Knochenhuhn geschwängert hat.

Zum Glück setzt sie sich nun vom Sitz direkt neben mir weg und hinüber auf den Platz schräg gegenüber – immerhin verfügt sie ja über ein breites Portfolio verschiedenst gelegener Sitzmöglichkeiten –, denn während der Fahrt durch den Tunnel leuchtet der Monitor so stark im Dunkel, dass ich Angst habe, dass sie mitlesen kann. Im Bordbistro gibt es Sauertopf im Tagesangebot.

In Teufels Küche

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Es ist ein unbestreitbarer Fakt: Ich weiß fast alles besser als fast alle anderen Menschen. Wie viele Einwohner das Kaff XY hat. Wie die Hauptstadt von Z heißt. Zähneputzen vom Zahnfleisch hin zum Zahn. Und dass man Geflügel immer gut durchbraten soll, wegen der Salmonellen. Solche Dinge, um hier nur Beispiele zu nennen, denn selbstverständlich weiß ich noch viel mehr. Doch ich brüste mich nicht damit. Oft stelle ich mich sogar extra dumm und halte mit meinem Wissen bewusst hinter dem Berg. Man verschafft sich ja schon Feinde, wenn man sagt, was man weiß, weil in der Folge nun der Andere merkt, dass man klüger ist als er. Das können die Leute irgendwie nicht ab. Womöglich fühlen sie sich dann exakt so minderwertig wie sie sind.

Und so kommt es, dass Wissen heute quasi als Verbrechen gilt, bestenfalls noch als zu belächelnde Spießermarotte. Was in der Mode Wollsocken in Sandalen, sind Intelligenz und Bildung unter den persönlichen Eigenschaften. Mit Nichtwissen wird hingegen kokettiert als wäre es eine lässige Lifestyle-Attitüde. Politische Uninformiertheit aus Desinteresse signalisiert der Umgebung, man habe wichtigeres zu tun, z.B. Pokémons zu fangen oder den Vollmond anzupupen. Millionen junger Briten fanden ihre Nichtbeteiligung am Brexit-Diskurs erst ganz doll hip und jetzt sitzen sie da und machen Mimimi. Millionen prekärer und zukunftsängstlicher Bürger wählen AFD, offenbar ohne auch nur einen Blick in deren ultraneoliberales Grundsatzpapier, in dem es beispielsweise Arbeitslosen aber mal so richtig an den Kragen geht, geworfen zu haben, und das sie endgültig zu unerwünschten Randexistenzen (um im rechten Bild zu bleiben: unweit zum Status des guten alten Volksschädlings) stempelt – da können sie so deutsch sein, wie sie wollen. Die ebenfalls im Parteiprogramm verankerten Ansichten zum Klimaschutz sind wiederum derart bizarr, dass man irre vor sich hin kichernde Aluhütchenträger vor dem geistigen Auge hat, aber Hauptsache Ausländer raus. Das alles müsste man einfach nur nachlesen, doch das Lesen ist nicht mehr beliebt. Schreien ist viel angesagter. Die dümmsten Kälber wählen nicht nur ihre Schlächter selber, sondern erklären sie vor ihrem Tod notariell zu Alleinerben, ehe sie ihnen auf der Schlachtbank rasch noch einen blasen.

Dabei ist es doch kein Fehler, sich vernünftig zu informieren – ganz im Gegenteil. Genau das erkläre ich auch den Leuten mit einer Schafsgeduld, dabei höchstens mal ein bisschen lauter werdend, weil Geschrei mögen sie ja offenkundig. Oft entfernen sie sich daraufhin von mir, räumlich und emotional. Sie entfreunden sich analog und für immer; viele Menschen haben anscheinend starke Probleme mit Autoritäten. Echte Checker meines Schlags sind ihnen unheimlich.

Schade. Ich bin nun meistens allein. Hoch oben auf dem einsamen Dachfirst der Erkenntnis ist es kalt, während sich unten, im heißen Partykeller der Dummheit, die Ratten nur so tummeln.

Selbstredend kann ich es auch nicht leiden, wenn mir jemand widerspricht. Das finde ich ganz schauderhaft. Ich mache dann so ein säuerlich gespitztes Mündchen, meine Stirn furcht sich dezimetertief und mir entweicht eine scharf gezischte Zurechtweisung der Natur, dass ich Schlaumeierei auf den Tod nicht ausstehen könne, das Kaff XY laut Wikipedia exakt sieben Einwohner mehr habe als von der dummen Sau mir gegenüber frech behauptet, und es mir dann sogar lieber sei, die Leute informierten sich gar nicht, anstatt immer nur so halb. Denn das ist eigentlich das schlimmste: Wenn zwei sich streiten, von denen einer tatsächlich alles besser weiß und der andere bloß dasselbe von sich denkt. Da kommt man doch in Teufels Küche – meine Freundin kann ein Lied in Fies Moll davon singen. Besser gesagt, meine Ex-Freundin. Man kann nicht nur alles besser wissen, man kann es stets auch besser sagen.

Lebensraum im zweiten Stock

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Mit Freuden stelle ich dieser Tage fest, dass ich zunehmend autark werde. Auf meinem Balkon reifen und gedeihen die Nutzpflanzen wie bescheuert. Die Tomaten werden rot. Eine habe ich sogar schon gegessen. Ich werde kein Geld mehr brauchen, um mich selbst zu versorgen. Die Früchte wachsen mir quasi in den Mund. Über den Winter frieren sie sich von selber ein, im Sommer lebe ich im Überfluss. Gelüstet es mich nach Fleisch, so fange ich ein paar Spatzen oder Hummeln und lasse sie in der Sonne garen. Wenn mich dürstet, labe ich mich am prasselnden Regen. Der Balkon ist praktisch mein eigener kleiner Lebensraum im Osten, erobert mit friedlichen Mitteln von einem Führer der Liebe, der Weisheit und der Bescheidenheit: von mir.

Andere haben es längst vorgemacht. So ernährt sich mein Freund Mark seit Jahren ausschließlich von Tomaten. Das hat ihm nicht bloß einen einprägsamen Spitznamen verschafft, er wirkt auch sehr gesund unter der vernachlässigbaren äußeren Hülle aus Schrund und Ekzemen, die nur unterstreicht, dass seine Lebensweise ihn bis zum Anschlag mit innerer Schönheit und Stärke ausgestattet haben muss. Und er hat nur Tomaten. Da wird es mir doch gerade noch gelingen, mich von Tomaten, Basilikum, Schnittlauch und Petersilie zu ernähren. Und Efeu. Und Blumen.

Viele Blumen kann man ja essen. Eigentlich alle. Sie schmecken bloß nicht gut. Aber wir sollten endlich davon abgehen, zu viel vom Leben zu verlangen: Züge, die fahren. Fernsehen, das unterhält. Freunde, die wir mögen. Bezahlbaren Wohnraum. Heilbare Krankheiten. Essen, das schmeckt. Es ist ebendiese Anspruchshaltung, die unseren Planeten an den Rand des Abgrunds befördert hat; eine Haltung, die wir verwöhnten Prinzesschen lieber heute als morgen ablegen müssen. Fragt nicht, was das Leben für euch tun kann – fragt, was ihr für das Leben tun könnt.

Wozu wir denn dann überhaupt noch leben sollen, wird nun wieder irgendein Kamerad Naseweis unken: Da bliebe am Ende doch nur noch Freudlosigkeit pur.

Wozu, wozu, wozu? Wer Wozu fragt, trägt auch beim Bügeln einen Sturzhelm. Das Wozu ist neben dem Warum und dem Wieso eine der drei großen Schwestern von Scheiße. Wieso denn um Himmels Willen „Freudlosigkeit pur“? Nichts in aller Welt bereitet dem Redlichen doch mehr Freude als sein Leben dem altruistischen Dienst an der Askese zu widmen. Das warme Bad in der Schuldlosigkeit unter dem blütenweißen Schaum des guten Gewissens, auf dem das Badeentchen der Willensstärke mehr majestätisch schwebt denn dümpelt. Und noch nie hat man gehört, dass ein Mensch, der sich ausschließlich von auf dem eigenen Balkon gezogenen Tomaten ernährt, ein Gemetzel unter der Zivilbevölkerung angerichtet hätte. Umgekehrt finden sich hingegen Dutzende: Massenmörder, Diktatoren, Menschenfeinde – sie alle ließen andere für sich anbauen oder kauften gar im Laden. Diese Zusammenhänge gilt es zu verstehen, möchte man als mündiger Bürger gelten.

Doch natürlich gehört nicht nur die der eigenen Krume abgerungene Ernährung zu einem unabhängigen Lebensentwurf. Auch andere Bedürfnisse körperlicher, geistiger und kultureller Natur möchten mit autarken Mitteln gestillt werden.

Wenn ich krank bin, esse ich etwas Petersilie. Danach geht es mir gleich wieder gut. Ist mir kalt, so schneidere ich mir ein Kleid aus den kuscheligen Blüten des genügsamen Huflattichs. Will ich eine Fremdsprache lernen, lehne ich mich über die Brüstung und lausche den englischen und spanischen, den französischen und italienischen Vokabeln der unten vorüberziehenden ZooSzenekiezbesucher. Auch Theater wird hier geboten, am dramatischsten gerät die Inszenierung freilich, wenn ich in der Vornacht einige Straßenschilder umgestellt habe. So bin ich Gott, Regisseur, Zuschauer und – wenn es optimal läuft – Mordzeuge in einem. Befällt mich der Geschlechtstrieb, werfe ich zusammen mit wohlgesetzten Schmeicheleien einfach ein paar Blumen vom Balkon auf mir genehme Passantinnen hinunter und schon klingeln die Sturm. Möchte ich verreisen und der ignorante Veranstalter akzeptiert meinen Schnittlauch nicht als Währung – kein Problem: Ich rauche einfach die getrockneten, jungen Triebe des Efeus und bin anschließend stunden-, ja tagelang in den aufregendsten und buntesten Welten unterwegs wie sie nie zuvor ein Mensch erblickt hat. Auf dem Flug dahin trinke ich meinen eigenen Tomatensaft.