Barfuß im Kot

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Meine Vorliebe für das Tragen von Flipflops im Sommer ist weit über die Grenzen von Stadt, Land und Kontinent hinaus bekannt und geradezu sprichwörtlich: „Hannemann, geh du voran – du hast ja eh bloß Flipflops an“, heißt es im Volksmärchen „Die Sieben Schwaben“, als diese beratschlagen, wer von ihnen als erster durch eine tiefe Pfütze gehen muss.

Da das von mir bevorzugte stramme Marschtempo mit diesem Hilfsschuhersatz nach orthopädischen Gesichtspunkten an Selbstverstümmelung grenzt, trage ich eine teure Maßanfertigung mit eigenem Fußbett. So etwas gibt es. Es gibt ja auch Champagner aus der Dose.

Leider reißt mir beim Stolpern über eine vorstehende Gehwegplatte (Scheiß-Senat!) der Riemen eines dieser teuren Stücke. Ich muss quasi zu Fuß weitergehen, zu Barfuß. Durch die Straßen. In der Stadt. Das mache ich gar nicht gern.

Barfuß durch die Stadt. Ich glaube, es gibt nur zwei Sorten von Menschen, die diese fragwürdige Gewohnheit pflegen – zwei Gruppen, die, abgesehen vielleicht von der notorischen Bierflasche in der Hand, sehr wenig gemein haben: auf der einen Seite in jeder Beziehung kurz vor dem Durchbruch stehende, junge Leute, die mithilfe dieser Posthippiepose urbane Lässigkeit mit dem Anschein von Natürlichkeit verbinden. Stets wirken sie so spontan, dass man ihnen allein dafür in die Fresse schlagen möchte. Und auf der anderen Seite eben ganz normale Penner – nicht als Pose, sondern wegen Armut und Sommer und Scheißegal.

Nach spätestens fünf Metern sind die Fußsohlen schwarz vor Dreck, ich muss noch mehr als sonst auf Müll und Glasscherben, Kotze und Hundekot achten, in dem beängstigenden Wissen, dass das, was meine Füße schwarz färbt, sowieso die kaum sichtbaren Rückstände des genannten, notdürftig beseitigten Unrats sind.

Jetzt werden Manche schon wieder einwenden, dass ich ja auch bei uns im Garten den ganzen Tag barfuß rumlaufe. Und dass das ja wohl um keinen Deut besser sei, weil da schließlich die ganzen Freaks aus Flora und Fauna im Gras völlig unkontrolliert ihren Scheiß hinterlassen. Sagen also Manche.

Manche sind dumme Arschlöcher. Das mag im ersten Moment ein wenig harsch klingen, doch wenn man die Dinge nicht klar benennt, hilft das letztlich auch keinem weiter. Dabei bin ich echt nicht der Typ, der mit solchen Urteilen inflationär um sich wirft; lieber gehe ich einmal zu oft in mich und prüfe gewissenhaft, ob es nicht vielleicht doch irgendwelche mildernden Umstände geben könnte, die für Manche eine feinere Bezeichnung zuließen. Mit dem Ergebnis: leider nein.

Denn der Dreck im Garten ist doch viel natürlicher. Es ist reiner, guter und sauberer Dreck. Schließlich ist es buchstäblich ein Riesenunterschied, ob da jetzt eine Ameise hingekackt hat, oder ob der Haufen von einem Rottweiler respektive englischen Easyjetter stammt. Ob man auf dem Bürgersteig in die Scherben einer Sternburgflasche tritt, weil ein Berlinbesucher zu betrunken war, um noch ordentlich den Radweg zu treffen, oder in die Überreste des Zechgelages einer Grillengang, mikroskopisch kleine Chitinscherben, die die menschliche Haut nicht mal anzuritzen in der Lage sind. Ob man auf einer Blumenwiese in die duftende Minikotzlache eines Schmetterlings latscht, der zu viel gegorenen Nektar erwischt hat, oder in ein Feld aus Erbrochenem, das ein Nordmann im Hauseingang seiner Wahl bestellt hat.

Wer diese Unterschiede nicht erkennt – oder, um das Kind mal schonungslos beim Namen, Kevin-Adolf von Storch, zu nennen: nicht erkennen WILL – ist nicht nur ein Arschloch, sondern obendrein ein Vollidiot. Von dem Straßendreck kriege ich garantiert Lepra oder einen artverwandten Ausschlag. Die Füße werden mir abfaulen. Die Maßanfertigungsflipflopfirma hat mich reingelegt. Das Leben ist schlecht zu mir, obwohl ich selber gut bin. Laut verfluche ich mein Schicksal. Die Passanten drehen sich nicht nach mir um. Der Anblick unmotiviert vor sich hin schreiender Barfüßiger ist hier in der Gegend bittere Routine.

Klar, könnte man auch auf die beschämende Unsitte aus vordigitalen Zeiten zurückgreifen, Probleme so kleinzureden, wie sie wirklich sind. Und, wie die Arschlöcher und Vollidioten vorschlagen, die Füße im Anschluss an den Dreckspaziergang zuhause einfach gründlich waschen. Das tue ich nun auch. Aber wohl ist mir dabei nicht.

Unter Leuten

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(Aus der Serie: Fußballgucken an merkwürdigen Orten)

Außer Pflanzen gibt es auf unserer Datsche wenig: kein Netz, keinen Empfang, keinen Fernseher. Also suchen Gartenfreund Ahne und ich zum Achtelfinale zwischen Kroatien und Portugal die Bar des nahegelegenen Wellness-Hotels auf. Nur haben die offenbar ihre Einlasspolitik geändert: Nichtgäste müssen leider draußen bleiben. Auf gut Glück fahren wir einfach weiter nordwärts ins Nichts hinein, und erreichen nach fünfzehn Kilometern Herzberg (Mark).

Die Straßen sind wie leergefegt. Etwa wegen des Spiels? Kurz meinen wir, dass hinter dem Fenster eines der einheitsgrauen Häuser die Gardine einen Spalt zur Seite geschoben wird. Vielleicht zaubert die Sensation, dass ein Auto mit Berliner Kennzeichen unangemeldet durchs Dorf rollt, dort gerade ein argwöhnisches Flackern in stumpfe Augen. Doch dann ist es nur eine Wolke, die ihren Schatten auf die Fensterscheibe wirft. Selbst treibende Tumble Weeds wären hier eine spannende Abwechslung.

Direkt hinter dem Kreisverkehr, der das Ortszentrum bildet, wartet auf uns eine schöne Überraschung: Wie ein altes graues Tier lauert geduckt der Dorfkrug auf Beute. Drinnen tatsächlich eine Riesenleinwand mit Beamer. Läuft. Ein Gast am Tresen. Ein Wirt dahinter. Zwei Spielautomaten, die von zwei Spielern bedient werden.

Wir grüßen und setzen uns auf zwei Hocker am Tresen. Der Versuch einer Bestellung scheitert zunächst. Ich tippe auf das in der Region geläufige Schutzfremdeln, doch der Tresengast kennt den Wirt besser: „Der hört nüscht.“ Mithilfe von Handzeichen klappt es am Ende doch. Ein Bier kostet 1,30 €. In der ungastlichen Wellness-Klitsche hätten wir fünf gezahlt, aber gut, wer nicht will, der hat schon.

Sachma, Frank“, sagt der Tresengast zum Wirt, nachdem wir eine Weile Soko Istanbul, Rosamunde Pilcher oder einen artverwandten Brainfuck verfolgen, ohne die Laufwege zu verstehen, „kommt Fußball nicht im Zweiten?“

Ja, kommt es. Auch wenn es immer noch nicht wie Fußball aussieht, sondern eher wie der Tatort: Wirrer Plot, schlechte Schauspieler und hanebüchenes Ende bei absurd hoher Einschaltquote. Die Männer am Automaten wenden dem Spielgeschehen konsequent den Rücken zu und verfolgen gebannt die rotierenden Südfrüchte.

Es ist heiß wie in der Sauna. Draußen hat es seit drei Tagen über dreißig Grad, die Türen sind zu, vor den schießschartenartigen Parterrefenstern sind die Rollläden geschlossen und bestimmt auch schon seit Jahren außer Funktion. Dazu wird exzessiv geraucht.

Der Fachmann nennt das Gewürge auf der Leinwand „taktischer Leckerbissen“ oder gar „Konzeptkunst“. Was für ein Oxymoron, im Nebenstilmittel Euphemismus: Taktischer Leckerbissen, schöne Scheiße, Mordsspaß. Die eine Mannschaft kann nicht und die andere will nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass die, die nicht kann, ebenfalls nicht will, und die, die nicht will, obendrein nicht kann. Portugal und Kroatien sind wie zwei wunderschöne Frauen, die nicht da sind, und auch niemals kommen werden. Stattdessen haben sie zwei unfrankierte Eimer mit klebriger Scheiße geschickt. Wer so etwas Konzeptkunst nennt, lacht auch, wenn sich Kinder mit der Bastelschere in de Finger schneiden. Spannender wäre es, einem toten Fisch beim Atmen zuzusehen. Und die kroatischen Fans feuern ihn auch noch dabei an. Kann man eigentlich vor Langweile ohnmächtig werden?

Zur Pause geht der Tresengast – in einem der grauen Häuser wartet sein graues Bett. Ist schließlich fast schon zehn. Nun sind wir noch zu viert plus Wirt. Gartenfreund Ahne fragt, was denn eigentlich wohl wäre, wenn wir nicht hier wären? Komische Frage. Was soll sein? Dann wäre eben Frank da und die beiden Spieler. Wie immer. Nichts wäre. Nichts weiter.

Das Spiel schleppt sich in die Verlängerung. Einer der Automatenmänner jubiliert: Nun kann er länger bleiben. Offenbar hat er Mutti, wie man hier gern die Ehefrau nennt, erzählt, dass er Fußball guckt, „wichtiges Spiel“, im Dorfkrug, bei Frank.

Ihr Spiel ist jedenfalls todsicher, denn kein Unbefugter berührt jemals diese Automaten. Es ist ihr Automat und ihr Geld. Sie sind die einzigen, die den Automaten leeren, allerdings auch die einzigen, die ihn mit ihrem Geld befüllen. Kennzeichnete man die Münzen, die sie danach bei Frank zurücktauschen in Scheine, mit denen sie gestern erst ihr Bier bezahlt haben, wofür sie als Wechselgeld die Münzen herausbekamen, mit dem sie wiederum den Automaten füttern, würden sie jede einzelne wiedererkennen, da sie den geschlossenen Kreislauf Spieler-Wirt-Spielautomat kaum mal verlässt, so wenig wie sie selber Herzberg, wo sie geboren sind, und wo sie sterben werden.

Aber Mutti wird ihn verlassen. Den Kreislauf, den Ort und auch den Mann. Irgendwann hat sie nämlich genug von angeblichen Fußballspielen mit angeblichen Verlängerungen und den immergleichen Münzen, die niemals mehr werden und niemals reichen, und türmt in ernsthaft besiedelte Gebiete, wo es Arbeit gibt. Dort trifft sie auch ihre Freundinnen von früher wieder.

Die Männer würden es gar nicht merken. Mutti kommt, Mutti geht, egal. Sie nehmen es hin wie den Wechsel der Jahreszeiten und das Drehen der Walzen im Automat. Sie müssen spielen, zwanghaft, es ist eine Blaupause für das Spiel auf der Leinwand: Nichts geht und doch wird gespielt, ein vergebliches Anrennen gegen den Tod, aber auch gegen das Leben und dessen Sinnlosigkeit. Kroaten und Portugiesen sind ihre Brüder im Geiste. Sie alle wissen nur eines: sie möchten so lange spielen wie möglich, denn zuhause wartet eh bloß Mutti.

Ein Denkfehler

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Manchmal, wenn ich da so in der Hasenheide sitze, denke ich, es könnte, nein, es muss doch eigentlich jeden Moment unweigerlich folgendes passieren:

Ich fläze also auf der Wiese am ostseitigen Hang der langen Senke – hier hat man am längsten Abendsonne – und lese ein Buch. Da sehe ich von weitem zwei Typen zielgerichtet auf mich zukommen. Der eine filmt mit seiner Handykamera, der andere trägt ein langes Schwert. Ich habe kein gutes Gefühl.

Dann stehen sie vor mir und fragen mich, ob ich wisse, besser gesagt, sagen mir, warum ich nun gleich sterben muss. Also eher mit nem halben Fragezeichen. Hauptsächlich spricht der mit dem Schwert, und der andere filmt die ganze Zeit über abwechselnd mich und seinen Kumpel. Und ich sage, hmm, keine Ahnung, aber dass manche ja heutzutage die komischsten Gründe für so etwas fänden, also „Gründe“ etwa von jener Qualität, dass sie für sämtliche Leute, die auch nur eine einzige kaputte kleine Tasse im Schrank haben, eigentlich gar keine sind, und vielleicht wäre es ja in meinem Fall zum Beispiel, dass ich beim Sitzen die Beine überkreuzt halte oder dass der zweitoberste Knopf von meinem Hemd offensteht oder ich lese das falsche Buch. Doch, um solcherlei wilden Spekulationen Einhalt zu gebieten, sowie die ganze Sache abzukürzen und zu vereinfachen: nein, das wisse ich wirklich nicht. Ich glaube, ich muss dazusagen, dass sich während besagten Sondierungsgesprächs mein schlechtes Gefühl noch verstärkt.

Erst recht, als der mit dem Schwert weit ausholt. Schon die Ausholbewegung erzeugt ein sirrendes Geräusch in der Luft, das Schwert muss sehr scharf sein; der andere filmt dabei mit der Handykamera – der ist, und da urteile ich aus meiner an sich natürlich unmaßgeblichen Sicht heraus wohl kaum zu leichtfertig, bestimmt ebenfalls böse – und ich weiß, ich habe keine Chance, außer vielleicht diese eine klitzekleine: und spanne sämtliche Muskeln meines Körpers auf nie zuvor dagewesene Weise an, bis ich bloß noch ein einziger Muskel bin, und schnelle, SCHNELLE dem Schwertmann etwa in Höhe seiner Schienbeine entgegen.

Dummerweise trifft er mich schon in der Luft voll, fast tödlich. Mein buchstäbliches Entgegenkommen verdoppelt die auf mich einwirkenden Kräfte des Schwerts. Und während er mich komplett zerhackt wie einen Salathering, kann ich eben noch denken, dass mir ein schwerer, logischer Denkfehler unterlaufen ist: Wenn man keine Chance hat, gibt es auch nicht die eine.

Roskilde ’88 – Vivantes ’16: Der Kreis schließt sich

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Beim Fußballspielen geht mal wieder irgendeine Kleinigkeit kaputt. Die übliche Materialermüdung. Der siebte Psalm Schweinsteiger: Je weiter sich die Grube öffnet, desto mehr macht der Muskel zu. Als ich nach einer schlaflosen Nacht kaum laufen kann, beschließe ich, der Sache ernsthaft nachzugehen. Zu dem Orthopäden, zu dem ich lieber nicht will, kann ich frühestens Ende der Woche, zum anderen, zu dem ich will, in dieser Woche gar nicht mehr. Folglich ziehe ich den beliebten Joker: Urban-Krankenhaus. Wenn die überhaupt was können, so spricht der Volksmund, dann Orthopädie.

So ganz wohl ist mir dabei allerdings nie. Weil ich denke, im Krankenhaus sind ja oft auch Leute, die wirklich so richtig krank sind. Und dass die Ärzte vielleicht genervt sind, wenn da so ein Halbhypochonder rein schneit und ihnen die Zeit mit seinem Zipperlein stiehlt, während um sie herum die Opfer von Pest, Cholera und Autounfällen um Hilfe kotzen.

Auf der anderen Seite zahle ich Kassenbeiträge auch fürs Krankenhaus und wenn ein Notfall einträfe, ginge der sowieso vor. Und wer möchte mir verübeln, dass ich eine Diagnose gern noch vor meinem Ableben hätte? Oder wer legt die Grenze fest, oberhalb derer eine Erkrankung als schwerwiegend genug gilt, um zum Aufsuchen eines Hospitals zu berechtigen?

Also fahre ich hin. Bei der Voraufnahme kriege ich so ein VIP-Bändchen ums Handgelenk mit Vorgangsnummer, Namen, Geburtsdatum und mutmaßlichem Geschlecht. Beringt wie ein Vogel werde ich von Station zu Station flattern, alles wird haarklein dokumentiert. Aber, ich sach ma, besser ein Bändchen am Arm als ein Zettel am Zeh. Außerdem finde ich das Teil auch ziemlich schick. Echte Urban Art und eigentlich auch ein fancy Festival-Bändchen. Roskilde ’88 – Vivantes ’16: Der Kreis schließt sich. Das lasse ich jetzt immer dran, dann weiß ich auch nach feuchtfröhlichen Nächten noch, wer ich bin.

Nach drei Stunden im Wartebereich werde ich endlich nach hinten gerufen. Sofort hat mich mein schlechtes Gewissen wieder, denn im Korridor zu den Behandlungszimmern liegen echte Kranke zu Dutzenden gepfercht. Kranke, die aber mal hallo herzlich kacke aussehen, alte Kranke, ganz Kranke, kranke Kranke, vielleicht auch Sterbende – man steckt nicht drin, zum Glück. Es sieht aus wie in einem Feldlazarett vor Königsberg, kurz bevor die Rote Armee einreitet. Und ich komme hier mit so einem Wehwehchen. Mein Hinken muss diesen Ärmsten der Armen erscheinen wie ein leichtüßiges Tänzeln. Das würden sie sich wohl wünschen: noch einmal humpeln zu können, statt nur rumzuliegen.

Ich sitze noch nicht lang im Zimmer, als ein Mädchen um die Ecke kommt. Ich brauche kurz, bis ich begreife, dass das die Ärztin ist. Au Backe, bin ich alt geworden. Sie ist so süß, dass mir allein vom Anblick beinah schlecht wird. Zuckerschock. Besser gesagt, schlecht werden könnte, würde sie nicht so viel natürliche Autorität ausstrahlen – sie hat hier schließlich zu arbeiten. Die Stimme fest und sachlich, fragt sie nach meiner lächerlichen, kleinen Malaise, verzieht keine Miene bei meinen Antworten und trotzdem vermeine ich stets die Frage im Raum zu spüren, was jemand wie ich denn hier will. Im Krankenhaus.

Sofort komme ich mir wieder vor wie ein Scharlatan. Unter diesen Vorzeichen hat die Liebe nicht die geringste Chance, ihre Fäden aus giftiger Seide zu einem unentrinnbaren Kokon tödlicher Zweisamkeit zu entspinnen. Überhaupt geht nun alles sehr schnell. Ein paar Handgriffe nur, kein Ultraschall und kein Röntgen, und schon hat sich meine Ahnung bestätigt: akute Lappalie mit schmerzbedingtem Schonhinken rechts. Na immerhin Ronaldo hätte geweint.

Was hatte ich mir eigentlich erhofft? Vielleicht eine genauere Ansage über das Ausmaß des Schadens und die Dauer der Heilung. Aber egal. Wenigstens habe ich so endlich mal wieder ordentlich Krankenhausluft geschnuppert. Als ich nach nur wenigen Minuten wieder aus dem Behandlungszimmer hinke, blicken mich die echten Patienten im Gang argwöhnisch an. Doch sie können mir nichts beweisen.

Erfolg

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Gewöhnlich geht mir der Erfolg anderer Autoren, die ihren Kram tonnenweise in die Bahnhofsbuchhandlungen pressen, während ich mit meinen zauberhaften Elaboraten voller Klugheit und Eleganz kommerziell untergehe, am Arsch vorbei. Höchstens frage ich mich mal, ob sie sich dabei wohl diebisch über die Beliebigkeit eines Systems freuen, das die Reißbrettschreibe auch noch belohnt – ich an ihrer Stelle würde das jedenfalls tun.

Aber neidisch bin ich nicht. Immerhin habe ich auch selber schon von einem Mechanismus profitiert, der das Fade feiert und den Konsens krönt. Außerdem habe ich im Gegensatz zu denen wenigstens Spaß an der Arbeit. Solange es für Miete, Wurst und Dünnbier reicht, bin ich zufrieden.

Doch wehe, wenn vor lauter Unabhängigkeit vom Publikumsgeschmack sogar die Befriedigung dieser Grundbedürfnisse auf der Kippe steht. Dann rutsche ich schon mal kurz in ein anklagendes Mimimi hinein: wieso die und warum nicht ich und die Welt ist so ungerecht und korrupt und geschmacklos und ich bin der einzige aufrechte Vertreter einer guten Kunst.

Das Gejaule ist jedoch Quatsch. Denn was würde ich an ihrer Stelle machen? Selbstverständlich genau dasselbe. Das ist doch überhaupt nicht vorwerfbar. Nehmen wir nur mal an, ich sitze morgens in meinem stillen Kämmerlein und habe gerade einen riesigen, stinkenden Kackhaufen gemacht. Und dann klingelt es an der Tür, und man putzt sich allenfalls noch rasch den Hintern ab und zieht die Hosen hoch, und draußen stehen Leute mit Brillen im Gesicht und sagen: „Tach auch, uns ist zufällig zu Ohren gekommen, Sie hätten da einen irren Kackhaufen gemacht. Den möchten wir gerne für ganz viel Geld kaufen, weil sich bestimmt Millionen für Ihren Kackhaufen interessieren.“

Dann sage ich doch auch nicht: „Nö. Ist doch Quatsch. Das ist doch nur ein Kackhaufen. Was wollnse denn damit? Und wie der schon stinkt. Furchtbar. Ich spül‘ den jetzt runter und gut ist.“

Da wäre ich doch schön blöd. Natürlich setze ich stattdessen einen Vertrag mit den offenbar verrückten Kackhaufenkäufern auf – man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist. Ich lasse mir viel Geld bezahlen, tingle mit dem Kackhaufen durch die Talkshows und beherrsche mit ihm die Feuilletons. Wahrscheinlich freue ich mich diebisch über den Fäkal-Fake.

Die Medien schwelgen eine Weile lang in den höchsten Tönen – „ein Kackhaufen wie eine Naturgewalt“, „ein Riesenkackhaufen, der keine Frage des Lebens unbeantwortet lässt“, „ein erfrischend neuer, erfrischend anderer, erfrischend frecher Riesenkackhaufen“ -, bis dann, ebenso ritualisiert und erwartbar, die Stimmung kippt und eine zweite Welle der Kritiker der ersten klarmacht, warum der Kackhaufen in Wahrheit einfach bloß Scheiße ist, und sie, die ersten Kritiker, bescheuert und unfähig sind. Zwischen den Zeilen wird kaum verhohlen unterstellt, dass sachfremde Motive bis hin zu empfangenen sexuellen Gefälligkeiten den korrumpierten Kritikern die lobende Feder führten. Nach kurzer Zeit tobt nur noch ein Krieg der Meta-Kritik zwischen den verschiedenen Kritikerlagern, was den Hype aber noch weiter anheizt: Der Riesenkackhaufen verkauft sich wie geschnitten Kot.

Nur langsam verflacht der Rummel um den Haufen, verebbt am Ende aber doch. Dem Lockruf des Goldes erlegen, mache ich mich daher an die Produktion eines neuen Kackhaufens: das Sequel „Der Riesenkackhaufen kehrt zurück“. Der Erfolg des Vorgängers hat meinen Lebensstandard verändert – nun kann ich nicht mehr zurück. Statt Dünnbier gibt es jeden Tag Champagner, die neue Wohnung mit dem Luxusklo aus finnischem Marmor, in dem meine Kackhaufen entstehen, kostet 2000 € Miete, meine treue Lebensgefährtin habe ich durch eine materiell höchst anspruchsvolle 25-jährige „Muse“ – das klingt besser als Edelprostituierte – ersetzt, die mir beim Drücken helfen soll.

Doch diesmal kommt nicht mehr viel. Der Arsch ist so leer wie das Hirn. Nurmehr einen Minikackhaufen bekomme ich zustande, einen Kaninchenköttel, mit dem ich mit viel Glück bei einem Dorfslam in die zweite Runde käme. Die Leute vom Kackhaufenverlag sind auf einmal gar nicht mehr so nett. Sie schreien mich am Telefon an und drohen mit Konventionalstrafen. Die Presse nennt mich „verbrannt“ und leakt Bilder, auf denen meine Muse mich im Zustand völliger Hilflosigkeit durch Alkohol und Drogen ohrfeigt, bevor sie mit Dieter Nuhr oder Thilo Sarrazin abzischt. Die Bahnhofsbuchhandlungen schleifen die Altäre, die sie mir und meinem Riesenkackhaufen errichtet haben.

Schließlich breche ich alle Brücken hinter mir ab und suche meine Wurzeln. Ich wandere über viele Wochen hin bis zu besagtem Dorfslam, der in einer Scheune stattfindet. Von allem Ballast und allen Zwängen endlich wieder befreit, stehe ich nun dort und rezitiere: „Und eines Tages werd‘ ich alt sein, oh baby, werd´ ich alt sein und an all die Kackhaufen denken, die ich hätte machen können.“