Im Armenhaus der Fauna

Doch heute sind die meisten Freigehege leer, und es ist bitterkalt.

In meiner Kindheit war bereits die blanke Aussicht auf einen Zoobesuch das ultimative Premiumereignis. Es war ein Dammbruch der Begeisterung: Glücksneurone überfluteten meinen Hirnfrontallappen, und schwappten in Form von Freudentränen vorne aus den Augen. Kein Kindergeburtstag und kein Heiligabend konnte annähernd dagegen anstinken. Derart ekstatische Vorfreude sollte sich im Leben nie wieder einstellen – einen faden Abklatsch bot in späteren Jahren bestenfalls die Anbahnung von unverhofftem Sex, oder heute nur noch der Duft nach frisch gegrillten Hähnchen.

Umso größer ist fast 50 Jahre später die Sehnsucht, diesem rauschhaften Gefühl noch einmal wenigstens ansatzweise nachzuspüren. Der Westberliner Zoo ist der Späti unter den zoologischen Gärten Deutschlands, dicht auf dicht vollgeramscht mit Tieren, optimale Auswahl auf wenig Raum. Doch heute sind die meisten Freigehege leer, und es ist bitterkalt. An drei verwaisten Käfigen nebeneinander lese ich jeweils „Jaguar“, wo ehrlicherweise „Januar“ oder „Kein Jaguar“ oder „Nüscht“ stehen müsste. Selbst in den warmen Innenbereichen sind erstaunlich viele Areale leer, und wenn mal nicht, sind die Tiere trotzdem irgendwie enttäuschend. Gerade die Klassiker, deretwegen man ja überhaupt erst herkommt. So sind zum Beispiel die Tiger wahnsinnig klein. In meiner Erinnerung waren die immer viel größer. Um den Schwindel zu vertuschen, erfinden sie dann mal eben schnell so ein Fantasy-Label wie „Sumatra-Tiger“, aber das ändert gar nichts: Ich komm doch nicht hierher, um mir winzige Tiger anzugucken.

Ernüchterung macht sich breit. Ich hatte das alles wesentlich beeindruckender im Kopf. Allerdings stammen sämtliche meiner Zoo-Erlebnisse aus einer Zeit, als ich selbst klein war, so dass die Tiere auf mich zwangsläufig größer wirkten. Auch die Giraffen sind überraschend mickrig – gibt es eigentlich Shetland-Giraffen? Ich hab mich schon von weitem gewundert, wie niedrig das Giraffenhaus ist – bücken die sich etwa die ganze Zeit über, habe ich gedacht –, jetzt weiß ich es. Elefanten scheint es gleich gar nicht zu geben, aber vielleicht sind die so klein, dass wir sie übersehen haben.

Nur das Armenhaus der Fauna ist mal wieder komplett am Start. Wohl um den peinlichen Leerstand zu reduzieren, ist in jedem zweiten Käfig so eine Statisten-Spezies untergebracht. Angestrengt scannt man das bis zum Anschlag mit Baumstämmen, Felsen und dichtem Pflanzenbewuchs vollgestopfte Gehege, bis man nach einer halben Stunde endlich ein erbarmungswürdiges Wollknäuel in einer Baumhöhle erspäht. Grau, unscheinbar und wie tot liegt es da, und spottet unseren Erwartungen.

Das kümmerliche Kleinvieh sieht zwar original aus wie eine Hauskatze der Güteklasse C, aber auf dem Schild steht „Zimtkatze“ oder so, und das angeblich wahnsinnig seltene Nachttier will man am anderen Ende der Welt aus dem tiefsten Dschungel gezogen haben.

Verarschen kann ich mich selbst. Das ist so typisch für unsere von vorn bis hinten auf Betrug fußende Eulenspiegelwirtschaft. Die Konsumentin, der Kunde, die Wählerin, der Bürger – sie alle werden mit den billigen Lügen, die man ihnen gegen gutes Geld auftischt, systematisch abgefrühstückt: Behelfstiere im Zoo, Schrott im Museum, Autos ohne Reserverad, belgische Tomaten, umgekehrte Wagenreihung.

Mein Langmut endet genau hier und jetzt an diesem erneut sich auftuenden Abgrund mitten in der Dienstleistungswüste Deutschland. „Verdammtes Scheißvieh!“ Ich schreie sie so laut an, dass die anderen Besucher zusammenzucken, doch das ist mir egal. Die Leute lassen sich offenbar alles gefallen, gut, das ist ihre Entscheidung, aber ich mach da nicht mit. „Für so was habe ich nicht 20 Euro Eintritt bezahlt!“

Und es ist ja auch nicht so, dass die Katze nichts dafür könnte – mit einem Minimum an Zivilcourage hätte sie sich schlicht nicht instrumentalisieren lassen, und sich womöglich sogar als Whistleblowerin angeboten. Die Öffentlichkeit soll ruhig wissen, was hier abläuft.

„Du feige Sau, du Fähnchen im Wind, du Mitläuferkatze!“ Ich spucke wutentbrannt gegen das Sicherheitsglas. Kinder weinen, junge Chinesinnen zücken ihre Kameras – Leute, geht weiter, und filmt (in der Erwachsenenversion des Textes steht an dieser Stelle ein anderes Verb) doch euren toten Panda. Nur die Adressatin meines gerechten Zorns schläft seelenruhig weiter. Die Scheiben im Lügenzoo scheinen schallisoliert zu sein.

Unsere letzte Hoffnung ist das Affenhaus, früher traditioneller Höhepunkt eines jeden Zoobesuchs. Doch jetzt sitzen da nur noch völlig apathische Affen herum, und haben sich offensichtlich aufgegeben. Einer hantiert lustlos mit einem kaputten Plastikteil, wie ein Handwerker, der eigentlich schon Feierabend hat, ein anderer mit einem Strohbündel – mehr Ablenkung gibt es nicht. Besonders artgerecht dürfte das nicht sein.

Wir überlegen uns, wie es wohl umgekehrt wäre. Wenn wir Menschen in einem Menschenzoo von den Menschenaffen eingesperrt wären: Ob sie uns besser behandeln würden als wir sie, und uns wenigstens was zum Lesen mit ins Menschenhaus gäben?

Aber das wahrscheinlich gerade nicht. Denn für das Publikum ist es ja interessanter, wenn die Tiere, also in diesem Fall die Menschen, mehr Aktivität zeigen. Und nicht einfach nur so dasitzen und lesen. Vor allem für die kleinen Affenbesucher wäre es folglich viel aufregender, wenn man uns mit Spielkarten, Alkohol, Stichwaffen, pornografischem Material, Rollschuhen und Feuerwerk ausstattete. Oder Internet und Social Media. Und … action!

Wenn die Menschen dann lallend, schreiend und mordbrennend durch ihre Anlage tollen, würde das ein dankbares Leuchten in die Augen der Affenkinder zaubern. Meine Güte, diese Menschen sind so drollig. Da hinten in der Ecke neben der Futterluke erschießt sogar einer einen anderen, der gerade am Computer sitzt. Die Schimpansen kreischen vor Freude. Im Menschenhaus ist es immer mit Abstand am lustigsten – scheiß auf die Minigiraffen, Mogeltiger und Miezekatzen.

Die Metaebene

Derweil ich mehr Müll in mein Körbchen schmiss, plante ich die Kolumne weiter.

Beim Betreten des kleinen Supermarkts, sprach mich eine, ähnlich einer riesigen Mensch-ärgere-dich-nicht-Figur gesichtslose und nur grob umrissene, Gestalt in einer Art Wehrmachtsanorak an, nanu, er sei doch der taz-Kollege Rudi Hupf* (*Name geändert), ob ich ihn denn nicht erkennte, und nach Abnehmen der Brille fiel bei mir der Groschen.

Ich begegne ihm ab und zu, er wohnt wohl in der Nähe, und ist also keiner der vielen Menschen, die ich nach nur einmaligem Sehen nicht wieder erkenne. In diesem Fall verwies ich entschuldigend auf meine beschlagene Brille: „Sorry, aber ich konnte dich so gar nicht sehen.“

Daraufhin sprach er diese klugen Worte: „Da kannst du doch auch mal eine Kolumne drüber schreiben“. Genauer gesagt waren es auf den ersten Blick dermaßen dumme Worte, dass ihre Dummheit nur noch von der darunter liegenden Geringschätzung übertroffen wurde, die der Knabe offenbar meinen Kolumnen gegenüber hegte. Denn etwas Boringeres als über das zufällige Ansichtigwerden eines Kollegen im lokalen Kaufladen zu berichten, ist objektiv wie subjektiv kaum denkbar.

Doch auf den zweiten Blick fand ich die Idee megaschlau, so dass ich dachte „Yessiyess! Das mach ich!“ Schließlich beschränkte sich mein aktives (Er-)Leben wie für so viele ältere Menschen im Wesentlichen auf den gelegentlichen Einkauf von Lebensmitteln, die dafür sorgten, dass ich sinnlos weiter fraß und schiss und atmete. Und dann erneut einkaufen ging. Worüber also könnte ich sonst noch groß schreiben?

Während ich schon atemlos plottete, entwickelte und ganze Stränge wieder verwarf, kreuzten sich am Kühlregal noch einmal unsere Wege. Ich griff dort zu einem Fischprodukt von Gut & Günstig und sagte, „Du kannst ja drüber schreiben, was ich hier für einen Schrott kaufe.“ Völlig unlogisch im Grunde, denn ich sollte ja die Kolumne schreiben. Und nicht er. Was daran hatte ich bitteschön nicht verstanden?

Und dann der Geistesblitz. Ich könnte eine sogenannte „Metaebene“ einflechten, wie so viele, die im Brustton eines Zweijährigen, der beim Anblick eines Hundes erkenntnisstolz „Wauwau“ sagt, behaupten, allein durch die Verwendung dieses Zauberworts etwas fürchterlich Banalem die Weihe des Nichtbanalen zu verleihen. Dabei ist die angebliche Metaebene für Normalsterbliche nur eine Ablenkung davon, dass es noch nicht mal eine Ebene gibt. Nur ganz wenige, wirklich kluge Menschen (etwa eine aus einer Million) sind ernsthaft metaebenenfähig. Beziehungsweise wären es, denn speziell die würden ihr wertvolles Hirnpulver kaum für eine derartige Lappalie verschießen. Ich wäre also der einzige.

Super. Derweil ich mehr Müll in mein Körbchen schmiss, plante ich die Kolumne weiter. Ich könnte darin behaupten, den Kollegen wider das eingeführte, und ja per se nicht unglaubhafte Narrativ, ich hätte ihn wegen der trüben Gläser nicht erkannt, absichtlich ignoriert zu haben. Aus Hass oder Gleichgültigkeit. Aus Bequemlichkeit, damit ich ihn nicht grüßen musste. Oder schlicht, um seine Seele aus der Balance zu bringen, da ich auf lange Sicht nach seinem Redakteursposten trachtete. Das klassische Gaslighting („Welcher Uli? Sie verwechseln mich hier!“) würde am Ende wirken wie kleinste Dosen Gifts, die ein Mörder dem Opfer über Jahre hinweg geduldig einflößt.

Andersherum wäre eine rein anekdotische Schilderung tatsächlich etwas dröge. Denn das Großartige am magischen Realismus eines Murakamis, der Autofiktion eines Knausgårds, den bunten Fantasiewelten eines Prechts, ist ja gerade, dass sie eine Geschichte an der Stelle beliebig fortspinnen können, wo sie beim gewöhnlichen Chronisten bereits endet, nämlich im Eingangsbereich von Edeka in der Pannierstraße.

Tag der offenen Tür

„Die Maßnahme liegt in ihren letzten Zügen.“

Als ich aus meiner Wohnung ins Treppenhaus trete, kommen mir auf der Treppe zwei Polizisten und eine Polizistin entgegen. „Bleiben Sie stehen!“, ruft der vorderste, „zeigen Sie mir Ihre Hände! Was haben Sie da drin?“

Ich bleibe stehen und halte Mutti Staat die sauberen Hände hin – in der rechten habe ich noch die Wohnungsschlüssel. Erwähnen könnte ich vielleicht, dass die Bullen Stahlhelme, schusssichere Westen und Maschinenpistolen tragen. Und zwar Mordswummen, und nicht diese kleinen Uzis, die wir bei der Bundeswehrmacht immer hinten auf den Gepäckträger geklemmt haben, und wenn man über einen Huppel fuhr, schossen sie plötzlich von selber los. Zum Glück Platzpatronen, war ja nur Manöver.

„Ist Ihnen hier jemand mit einer Langwaffe in einer Sporttasche entgegengekommen?“, fragt mich nun der erste.

„Nein“, antworte ich wahrheitsgemäß. Im nächsten Moment frage ich mich jedoch, woher ich das hätte wissen können, selbst wenn mir jemand mit Sporttasche begegnet wäre. Der packt doch seinen Speer, oder was auch immer das für eine „Langwaffe“ sein soll, sicher genau deshalb in die Tasche, weil der Anblick eben nicht für aller Augen gedacht ist. Sondern ein Geheimnis, knickknack, zwinkizwonki. Also ist die Frage Quatsch. Was lernen die eigentlich in ihrer Ausbildung?

Wir verhandeln kurz. Ich soll sofort hier weg. Entweder in meine Wohnung zurück, oder aus dem Haus. Da ich eh raus wollte, entscheide ich mich für letzteres. Vorne an der Ecke stehen fünf Einsatzfahrzeuge mit Blaulicht, und als ich mich noch einmal umdrehe, halten die Beamten mit den Riesenballermännern jetzt vor meiner offenen Haustür Wache. Wahrscheinlich sind die nur aus dem Grund gezielt in dieses Haus rein, weil es als einziges offen steht, und sich daher einem flüchtigen Strolch als Schlupfloch anböte, der dann auch mal eben schnell da rein gewitscht ist, und sich mit seiner Lanze in der Tasche in irgendeinem Winkel verkrochen hat.

Das Schnellrestaurant hier im Haus lässt nämlich nach Lieferungen gern sämtliche Hoftüren sperrangelweit auf. Alles wird geklaut, Fahrräder, Post, und oft logieren tausend Obdachlose im Hausflur. Bestimmt ist die Adresse schon auf TripAdvisor gelistet. Es ist auch schon passiert, dass ich auf der Treppe einer Dame mit heruntergelassener Hose begegnet bin, die sich gerade eine Spritze in die Leiste setzte, und BioNTech war das nicht, das weiß ich, das wird ja immer in den Arm geimpft.

Aber genau wegen dieser Kollateralscheiße mag ich das Restaurant nicht besonders. Durch den Lieferanteneingang gehen auch ständig Leute mit Salafistenbartmode ein und aus. Denen würde ich eine Langwaffe glatt zutrauen, oder zumindest eine Sporttasche mit Turnhose, Duschdas und Energydrink darin. Aber das sind natürlich blöde Stereotype – die haben mir schließlich nichts getan. Außer, dass sie stets die Haustür auflassen, das ist schon ärgerlich. Vielleicht sind sie ja auch bloß evangelisch – immerhin erinnert der Bart ebenso an einen Ostpfarrer. Man steckt einfach nicht drin.

Als ich zurück komme, wachen die Drei noch immer vor meinem Haus. Mir fällt jetzt erst auf, wie klein sie sind, oder es kommt mir nur so vor, weil sie so große Knarren haben. Jedenfalls sieht das unfassbar niedlich aus, wie Kinder, die sich Salatschüsseln als Helme auf den Kopf gesetzt und Papas Jacke angezogen haben.

Ich unterdrücke meinen Wunsch, jedem von ihnen ein Bonbon zu geben, und frage stattdessen, ob ich denn nun wieder rein dürfe.

„Das geht leider nicht“, bedauert er. „Wir haben eine Maßnahme im Haus.“ Auf meine Frage nach deren Dauer, funkt er kurz nach hinten: „Die Maßnahme liegt in ihren letzten Zügen.“

„Das ist ja schön.“ Ich freue mich sehr darüber, das ich bald in meine Wohnung zurück darf. „Dann warte ich hier mal auf das Ende der Maßnahme“, sage ich friedlich. Dazu setze ich mich an einen der Imbisstische draußen. So ist der Laden wenigstens mal zu was gut.

Das rechte Brot

Alles, was ich schreibe, dokumentiert stets zu hundert Prozent die Realität.

Der Backstand bei, ich sachma, Tengelmann steht verwaist. Nach einer Weile rufe ich halblaut und altersgerecht: „Palim, palim!“ Danach dauert es immer noch, bis endlich – puff! – wie in so einem Weltraummärchen auf einmal die Verkäuferin strahlend mitten in ihrem Verkaufsraum steht. Kann losgehen.

Hinter ihr im Baguetteregal stehen zwei längliche Brote. Ein längeres weißes und ein kurzes, breites, dunkles. Genau das hätte ich gern: „Das dunkle Brot da oben, bitte, das rechte.“

Seltsam unentschlossen hampelt sie vor dem Regal herum. Es sind übrigens wirklich nur zwei Brote; alles, was ich schreibe, dokumentiert stets zu hundert Prozent die Realität – ich bin ja nicht Claas Relotius. Der hätte wahrscheinlich drei Ciabattas mit Einschusslöchern draus gemacht, aus dem Regal einen Schrank, aus Tengelmann Kaiser’s, und über die Verkäuferin hätte er geschrieben: „Vor dem Brotregal steht eine Frau mit zerfurchter Haut und aufgerissenen Augen, wie eine Grimasse.“

Dabei ist an ihr überhaupt nichts besonderes, außer dass es sie augenscheinlich überfordert, mir das gewünschte Brot zu geben. „Dit hier?“ Sie zeigt auf das linke. Das klassische Weißbrot.

„Nee: rechts“, sage ich, „und zwar von uns aus gesehen.“ Das füge ich nur für den in meinen Augen eher unwahrscheinlichen Fall hinzu, dass sie sich derart mit dem Regal identifiziert, dass sie alles komplett von seiner Warte aus betrachtet: „Ich bin ein schönes Brotregal, li la lei, in mir stehen braun und weiß der langen Brote zwei. Ein Kunde will das rechte Brot, das geb ich ihm geschwind, denn ich bin äußerst hilfsbereit, wie wir Regale sind.“

Oder so ähnlich, vielleicht auch ungereimt. Ja, je mehr ich darüber nachdenke, desto ungereimter kommt mir das Ganze auch vor. „Das kürzere“, präzisiere ich. „Das braune.“

„Sag das do’ gleich“, sagt sie. „Wär besser jewesen, du hättest jesacht, das dunkle. Ick hab do’ ne Rechts-Links-Schwäche.“

Dass sie eine Rechts-Links-Schwäche habe ich bereits geahnt: Im Eingangsbereich des Ladens hatte mal ein wütender Afrikaner herumgeschrien, und sie hat irgendwie ungut reagiert. Ich erinnere mich nicht mehr detailliert an ihre Worte; in mir ist von damals nur so ein diffus madiges Gefühl hängengeblieben, und seitdem vermute ich, dass sie zumindest eine Schwäche für rechts hat.

Sie nimmt nun das richtige Brot vom Regal, und versucht das klobige, kompakte kleine Brot in eine viel zu enge Baguettetüte zu stopfen. Das hat etwas davon, einer ächzenden Person vor dem Spiegel bei der Anprobe unglücklich gewählter Kleidung zuzusehen. Am Ende schafft sie es wider Erwarten. Der stramme Brotbube steckt wie Presswurst in seinen zu engen Leggings, und sie triumphiert: „Sarick dir doch: das fungßjonuckelt.“

Das war mir im Übrigen auch schon aufgefallen: Sie duzt ungefragt die Stammkunden. Bei einigen kommt das auch gut an. Mir selbst ist es so ein bisschen egal. Ich stutze zwar jedes Mal, doch die immanente Feindseligkeit, die ein ausdrückliches Verwehren gegen das Du verströmt, ist mir in der Regel zu grausam. Ich denke, die Frau tut das, um einerseits eine vertraute und lockere Atmosphäre zu kreieren – das scheint jedenfalls sie zu glauben –, und andererseits von ihrer mutmaßlich rechten Gesinnung abzulenken.

Ohnehin habe ich Leute, die „funktionuckelt“ sagen, „schittebön“, „zum Bleistift“, „bis dennewitz“ oder „ich kenne doch meine Pappeimer“, grundsätzlich als unberechenbare Risiken für ein friedliches Zusammenleben auf diesem Planeten abgespeichert. In ihrem Fall vervollständigt sich hier durchaus ein Bild – das ist wie Malen nach Zahlen von 18 bis 88.

Deutsche Tugend, deutsche Jugend

Wir brauchen wieder viel mehr Leitbilder im Fußballsport.

Eine ganze Nation wartet auf den neuen Bundestrainer wie auf den Messias. Denn vor allem in Deutschland wird der Fußball permanent mit soziokultureller Bedeutung überfrachtet. Ob Politiker, Künstler oder Philosophen: Sie alle deuten in das Gekicke völlig unangebrachte Metaphern für praktisch alles hinein, vom Bruttosozialprodukt bis hin zum Sinn des Lebens. Das ist ein wenig so, als würde man Brokkoli anbeten.

Den Grundstein zu dieser Götzenbildung legte das sogenannte „Wunder von Bern“, das nicht zufällig auch das erfolglose Ende der Entnazifizierung bedeutete: Elf bis zur Halskrause gedopte Kriegs- und Nachkriegsveteranen lehrten die Welt das Fürchten und holten 1954 nach, was man auf dem Schlachtfeld 1945 noch verpasst hatte: den Weltmeistertitel. Seitdem ertönt, wenn dieses Deutschland nicht ständig gewinnt, im ganzen Land narzisstisch gekränktes Greinen wie von Vierjährigen, die den Sinn eines Spiels noch nicht erfasst haben: Nur einer kann gewinnen; Dabeisein ist alles; Hauptsache, an der frischen Luft.

Nun hat man mal ein paar Spiele nicht gewonnen, und sofort fantasiert man auch hier ein angebliches Spiegelbild der gesellschaftlichen Zustände herbei: alles verrottet, nur Versager, zu viele Ausländer. Kein Drill, keine Zucht, kein Siegeswille. Und nun droht dem Lieblingssport der Deutschen auch noch Ungemach von unten: Kinder in den Altersklassen U7 und U9 sollen mit weniger ergebnisorientierten Übungsformen spielerischer an den Sport herangeführt werden.

Das ruft natürlich die alte Funktionärs- und Kommentatorenriege auf den Plan, denn die bangt nun um die viel beschworenen „Deutschen Tugenden“, die im Fußball wie auch in sämtlichen anderen Bereichen (Automobilindustrie, Geschlechtsverkehr, Krieg) schon seit jeher für eine ins Groteske übersteigerte Wettbewerbsfähigkeit stehen. Eine deutsche Elf hat entsprechend aus zehn muskelbepackten Mordgesellen mit der Lieblingshimmelsrichtung „Geradeaus“ zu bestehen, deren Begabungsschwerpunkte eher vegetativ, denn über spezielle Hirnareale gesteuert werden; dazu 1 Langhaariger, der im Ferrari zum Training kommt, und nie den Ball abgibt. Der Sieg ist das Ziel.

Jahrhundertelang spielte Deutschland ein bewährtes System mit Libero, Vorstopper und Reichskanzler. Hans-Peter Breughel der Stärkere, die Förster-Brüder, Fritze Haarmann. Doch in Zukunft werden nur noch verspielte Kasper im ziellosen Ringelreih über den Platz tänzeln, anstatt den Ball aus vierzig Metern fromm ins Tor zu hämmern. Ist es nicht jetzt schon fast so?

Hans-Joachim „Aki“ Watzke, Geschäftsführer eines Ballspielvereins aus Dortmund, steht mit seiner vehementen Kritik an den neuen Erziehungsmethoden beispielhaft für die Rotte der Fußballtraditionalisten: „Aus dem Schmerz der Niederlage erwächst die Kraft für den nächsten Sieg.“ Keine Noten in der Schule, keine Sechzigstundenwoche in der Arbeit, keine Tabellen mehr im Fußball und überall spinnen die Weiber – kein Gott, kein Staat, kein Kopfballduell mit doppeltem Augenhöhlenbruch: Armes Deutschland – quo vadis?

Wohin man auch blickt, herrscht nur noch Windelweichspülmentalität. Das erschreckende Resultat sieht man ja bereits beim Reiten und beim Rudern. Wo früher sämtliche Medaillen automatisch an Deutschland gingen, stehen nun Tschetschenen und Apachen auf dem Siegertreppchen, Leute mit Mumm halt.

Ginge es nach Watzke, Baumgart, Hamann und Co., muss der deutsche Junge im Fußballtraining für den Krieg, das deutsche Mädel für die Geburt fitgemacht werden. Und wie könnte das besser gehen als durch den Punktspielbetrieb schon in der F-Jugend des SSC Napola, inklusive taktischer Videoschulung, Sieg und Niederlage, Sing und Sang, Hopp und Topp.

Das Initiationsritual der eingesprungenen Blutgrätsche, die aus dem Jungen den Mann, dem Mädchen die Frau und beiden die Sportinvaliden macht, bleibt für die Gilde der Gralshüter alternativlos. Schweiß statt Freude. Wer mit drei Jahren noch keine Dreierkette beherrscht, wird auch mit dreißig Jahren noch Defizite in der sittlichen Reife aufweisen. Das werden auch die lieben Kleinen irgendwann einsehen, und den vernünftig Gebliebenen dankbar sein, die sie erst mal zwanzig Runden um den Platz laufen lassen. Dabei stört ein Ball nur.

Watzke selbst soll ja auf einer mehrtägigen Wanderung durch Transsylvanien einem angreifenden Braunbären mit einer simplen Abwehraktion sämtliche Zähne ausgetreten haben, ohne dabei auch nur eine Sekunde lang die Ordnung der Viererkette zu vernachlässigen. Wir brauchen wieder viel mehr Leitbilder im Fußballsport.

Fast noch schlimmer als die Insider, ist der von ihnen aufgewiegelte Laienmob. Niederlagen nimmt er persönlich krumm; zu viel Leichtigkeit im Fuß sowie Pigmente in der Haut sind Spielertypen, die den Verfechtern der reinen groben Lehre suspekt sind. Schon ein Trainer mit Brille ist verdächtig. Ebenso ein Spieler mit bunten Fußballschuhen, ein leiser Funktionär, ein nüchterner Zuschauer, ein linker Fan. Fußball soll nicht schön aussehen, sondern wehtun. Deutschland soll gewinnen.

So ixt ein „Steffienchen“ auf der Pöbelplattform „X“: „1:4 Blamage gegen Japan. Alles, einfach alles, wofür unser Land mal stand, Industrie, Fußball, Heimatliebe, Innovation, ‚Made in Germany‘, usw. vernichtet. Wir sind zu einer absoluten Lachnummer verkommen.“ Sechstausend andere Leuchten liken diesen völkischen Alarmismus. Eigentlich denke ich die meiste Zeit über nur noch abwechselnd diese beiden Wörter: „Alkohol“ und „Auswandern“.

In England ist freiere Entfaltung im Jugendbereich übrigens längst üblich, deshalb sind die heute auch besser. Leistung, Sieg und Niederlage spielen dabei durchaus noch eine Rolle, eben nur auf andere Weise. Doch Fakten sind für die die alten Funktionärsschlachtrösser im Rahmen eines Diskurses nur das, was ihnen „Schönspielerei“ auf dem Platz bedeutet: „Brotlose Kunst“, wie der Purist alles nennt, was er nicht kennt und nicht versteht.