Das blaue Wunder

Gläubige in der „Kirche des guten Geschmacks“.

Die Redaktion hat mir die Nachricht einer Seelsorgerin weitergeleitet: „Lieber Herr Hannemann, Ihre heutige Analyse hat mich sehr angesprochen, bis in die Formulierungen. Ich wollte höflich fragen, ob ich einige wenige Formulierungen für eine Andacht übernehmen darf, ohne Sie zu zitieren. Ich habe bereits eine Andacht zu dem Thema geschrieben … blabla … mit Ihren Anregungen … blabla … könnte … blabla … Jedenfalls, vielen Dank.“

Jetzt habe ich es endgültig geschafft; Mein Werk ist offiziell kirchentauglich. Geahnt habe ich es schon länger, wegen meines offensichtlichen Talents, mit meinem geschriebenen Wort die Bevölkerung in ihrem Innersten anzurühren. Es beschäftigt sie, und bringt sie menschlich und intellektuell weiter. Meine Analysen und Formulierungen regt sie an, und schenkt ihr Trost. Ich gebe ihr ein wirksames Werkzeug an die Hand, um die schwierigen Herausforderungen ihres Lebens zu meistern. Ich bin ein Füllhorn der Spiritualität.

Allerdings habe ich keine Ahnung, was die Pfarrerin mit „Analysen“, „Formulierungen“ und „Anregungen“ überhaupt meint. Wie üblich habe ich unter Zeitdruck nur random irgendwas ins Blatt getrollt. Und dennoch muss ich etwas großartiges geäußert haben, ohne es zu merken.

Offenbar bin ich klüger als ich selbst. Beziehungsweise, ist das, was ich schreibe, klüger als das, was ich denke. Die Weisheit strömt eher intuitiv aus mir heraus, ich bin ein schlichtes Gefäß für einen edlen Schatz, ein unscheinbares Medium, das so selbstlos wie unterbewusst Botschaften weit über seinem eigenen Niveau transportiert.

Damit weiß ich zwar noch immer nicht, was sie meint, aber das passt ja zu dem schlichten Gefäß. Bauernschlaue Bescheidenheit ist in der Heilsbringerbranche praktisch der Goldstandard: Auch Jesus war ja bloß Klempner oder so. Aber trotzdem hat er, ob zufällig oder unter Drogeneinfluss, irgendwelche Fantasy-Hohlphrasen abgesondert, und – schwupps! – schon war er ganz formell Heiland einer veritablen Weltreligion. Man muss nur zur rechten Zeit am rechten Ort sein.

Vom Prediger und Propheten zum Kirchenfürsten ist es ja nie weit. Im Grunde sollte ich meine eigene Kirche gründen. „Die Kirche des rechten Wegs“, „des guten Geschmacks“, oder „der späten Erkenntnis“.

So eine Kirche ist ja auch immer sehr lukrativ. Als Religionsführer ziehe ich Spenden ein und erhebe Beratungshonorare für meine Analysen – am besten fange ich damit bei dieser Kirchentante gleich mal an. Und mit dem Klingelbeutel werde ich herumgehen, nachdem ich meine Formulierungen von der Kanzel herunter gepredigt habe. Und zwar im drohenden Schreiton, das wird sie Mores lehren.

Da sprudeln die Spenden dann wie von selbst. Schließlich haben die Sünder – das Wort passt eigentlich immer, denn irgendwas hat ja jeder ausgefressen, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche – eine Scheißangst vor der ewigen Verdammnis. Und nur meine Anregungen können sie vor der Hölle retten: Viel Gemüse, früh schlafen, täglich an die frische Luft, abends einen edlen Roten, und auch mal den Herrgott einen guten Mann sein lassen.

In meinem Dom Sankt Ulrich (Sankt Uli nur für meine Kardinäle) dürfen sie meinen Ring küssen. Ich segne sie, und salbe ihre Hirne, Herzen und Popos mit dem Gleitmittel der Erkenntnis. Es empfiehlt sich, die Wichte immer fest im Griff zu haben. Lange Leine bringt gar nichts – das haben Islamisten, Evangelikale und orthodoxe Juden gut erkannt. Gibst du den Gläubigen den kleinen Finger, sündigen sie auf der Stelle los wie die Teufel. Das ist wie mit so Katzen, die unbeobachtet auf den Esstisch springen.

Mein Klingelbeutel wird rund um den Rand einen geschlossenen Ring aus messerscharfen Zacken haben, die aber nach innen und unten gebogen sind, so dass nichts passiert, wenn man oben nur brav sein Geld reinwirft. Wer aber tief hineingreift, um die Gabe Gottes zu stehlen, wird beim Versuch, die Hand mitsamt dem Diebesgut herauszuziehen, sein blaues Wunder erleben.

Denn auch dafür kann ich sorgen. Eine Religion ohne Strafe ist wie eine Erziehung ohne Schläge: kann man gleich ganz lassen. Das berühmte blaue Wunder des „allgütigen heiligen Vaters der besonderen und krass reinen Lehre“, wie ich mich nenne – manche kennen mich auch als „Großer Weiser der sieben Seelenfarben: rein, ehrlich, achtsam, demütig, rot, grün und blau“ –, wird ein zentrales Feature meiner Allmacht, meiner Größe, aber auch meiner gnädigen Strenge sein.

Die Konkurrenz schläft natürlich nicht. Aber ich erkläre einfach alle, die nicht in meiner Kirche sind, zu Heiden, und belege sie mit einem Bann, der sich gewaschen hat. Die brauchen sich gar nicht einfallen zu lassen, sich in so ner katholischen Kirche zu verstecken. Die Bude schieße ich dann mit meiner Weihwasserkanone zu Klump. Falschgläubige, Wiedertäufer und andere Staubsaugervertreter Satans können mich mal. Kreuzweise.