Blök
Ostzeiten
"Schon zu Ostzeiten": Die Formulierung halte ich ja für irreführend, da es sich bei Ost um eine Himmelsrichtung und nicht um eine Zeit handelt. Das wäre also etwa so, wie wenn man sagt "ich gehe meist zu östlicher Stunde zu Bett", oder etwas sei "hundert Meter schwer". Aber vielleicht geht das ja inzwischen alles, der Umgang mit die Sprache wird zunehmend libertärer gehandhabt und damit ihre gesamten Ausdrucksformen und -möglichkeiten. So ist es seit ein paar Tagen ohne Mühe möglich, eine aktualisierte und modernisierte Neuauflage von "Mein Kampf" zu erwerben. Noch vor wenigen Jahren wäre das undenkbar gewesen. Erst recht zu Ostzeiten.
Privatliquidation
Eigentlich sollte man ja meinen, dass Ärzte gute Menschen sind, die das Wohl und vor allem (Weiter-)Leben ihrer Patienten im Auge haben. Nicht dazu passt allerdings das Schreiben, das ich dieser Tage aus der Praxis meines Orthopäde erhielt. Dort wird eine Quartalsgebühr eingefordert, die ich selbstverständlich entrichtet habe, denn sonst wäre ich ja nicht behandelt worden. Zur zentralen Hälfte besteht das kurze, aber grobe Anschreiben aus dem in Hilfsdeutsch verfassten Satz: „Wir bitten Sie daher, sich umgehend mit uns in Verbindung zu setzen und Ihre Versicherungskarte und den Überweisungsschein vorzulegen, gegebenenfalls die Praxisgebühr zu entrichten, um Ihnen die Kosten einer Privatliquidation zu ersparen.“
Sehr geehrte Mitbürger
Und schon wieder zwei Jahre älter. Ach Quatsch, ein Jahr! Ein Jahr natürlich! Ich bin ja manchmal so was von schusselig. Da komme ich heute Morgen zum Beispiel nach Hause und finde einen Zettel von der Polizei an und ein neues Schloss in meiner Tür: Wasserhahn wohl aufgedreht gelassen. Irgendwer, ich wahrscheinlich – sämtliche Indizien (Tatort, Uhrzeit) deuten darauf hin. Nachdem ich per Notruf die unleserlichen Polizeiangaben auf dem Zettel erfolgreich ergänzt und mir auf der Wache die neuen Schlüssel abgeholt habe, finde ich eine furztrockene Wohnung vor. Sollte ich also alles nur geträumt haben?
Wie ich mal jemandem geholfen habe
Ich glaube, es war gestern. Die Sommersonne schien und ich war mit der Regionalbahn unterwegs von da nach dort, einemVerkehrsmittel, das traditionell wie gemalt erscheint, um die abgelegensten Landstriche Deutschlands und zugleich deren exotische Insassen buchstäblich zu erfahren. Kurz, ich fühlte mich glücklich und mit mir selbst im Reinen. Vom Rausch der schönen Landschaft betäubt, muss ich wohl ein wenig eingenickt sein, denn als ich die Lider hob, stand der Zug. Ich blickte nach rechts aus dem Fenster und gewahrte nichts als Natur in Form von die Strecke säumenden dichten Gestrüpps. Anschließend schwiffen meine Augen weiter in den Bereich der Wagentür und erfassten dort einen weißen Schopf, einen krummen Buckel und eine überhaupt gebückte Gestalt. Ein sichtlich uralter Mann fingerte mit gichtiger Hand nach der Wagentür, öffnete sie quietschend und ließ sich langsam die Stufen herab nach draußen. Dieser vertrottelte Greis stieg doch tatsächlich auf freier Strecke aus dem Zug! Der dichte Wald würde den verwirrten Alten verschlucken wie einen ostheoporösen Drops und erst Jahre später bis auf die Knochen abgelutscht wieder ausspucken. Irgendjemand musste ihm doch helfen und zwar auf der Stelle! Keiner der Ländler in dem vollen Zug nahm jedoch auch nur Notiz von dem sich anbahnenden Drama. Geistesgegenwärtig sprang ich auf und schrie: „Nee! Halt! Nicht!“
Endlich wieder Fußball
Die Bundesliga startet in die neue Saison. Für das ZDF ein willkommener Anlass, um auf dessen Trittbrett die Quotenjubler, die sich nicht ernstlich für Fußball interessieren, von der WM herüberzuretten. „Wir nennen es Fußball“ sagen sich die arglistigen Programmplaner und bewerben offensiv ihre Liveübertragung eines irrwitzigen Wettbewerbs namens Europaligaqualifikation am Donnerstagabend. Der Traditionsverein Borussia Dortmund (51.000 verkaufte Dauerkarten) spielt gegen eine barfüßige Dorfmannschaft aus einem dieser frisch geschiedenen bettelarmen Kleinstaaten, die es bis vor 14 Tagen noch gar nicht gab. „Das wird schwer!“ raunen „Experten“ im Vorbericht. „Nicht unterschätzen!“, „Acht zentralzwergtransdüsische Nationalspieler!“ Dieselben Experten gehen wahrscheinlich auch auf irgendwelche Spielplätze, picken sich das winzigste und schwächste Kind heraus, blenden es mit Pfefferspray, verkloppen es zu siebt und jubeln dann hinterher über ihren Heldenmut. Und als ob das immer noch nicht reicht, wird ein absurder Spot hinterhergeschaltet: Sie zeigen eine Großfamilie vor dem Fernseher, die sich in einer Mischung aus Panik und Wollust schreiend auf dem Sofa türmt und sich dabei die Fingernägel vor Spannung bis auf die Grundmauern abkaut. „Aha; Schweini, Sonne, Jubelkorso“ denkt sich der ahnungslose WM-Jubler und schaltet ein.
Prawo i sprawiedliwosc
Hier in der Gegend, von da, wo ich bin (jetzt) steht in der Lokalzeitung herinnen geschrieben, dass wie wo ein Wolf gesichtet worden ist auf der Fackinger Alm (Almname jetzt ohne Gewähr, sonst müsste ich noch einmal im Altpapier herüben nachblättern tun zefix). Und dass dieser Wolf nachert das Wild nachhaltig vergrämen tut, so dass die Jäger befürchten, als wie dass sie seinerseits ihre Abschussquoten nicht erfüllen können nicht herobi, sackrafix dudeldu, und deshalben der Baumbestand Verbissschäden erleiden tut und krank und kaputt und aus. Sattsam herausgeblendet aus der Diskussion ist freilich gewesen, dass der Wolf ja selber fleißig mit Pfote anlegt beim Verbimsen des Hufwilds und diesem höchstselbst Verbissschäden angedeihen lässt, die sich gewaschen haben und ihm (dem Hufwild) eine gehörige Lehre sein werden, so dass sie (die Hufwilde), wenn sie eines Rindenbaumes nur von weitem heransichtig werden, nur noch schreien „Heiß! Heiß! Heiß!“ und sich ihre gefräßigen Hufen vor die Augen halten und haltlos schluchzend Land gewinnen, ohne dem Baum auch nur ein Ästchen gekrümmt zu haben.
Lebenszwischenbilanz, vorläufig
Ein Mann, der in dem Buch vorkommt, das ein anderer Mann geschrieben hat, dessen Buch ich gelesen habe, hat immer denselben Traum: Er sieht einem Mann zu, der Pfannkuchen wendet, viele Pfannkuchen offenbar, aber das sind dann am Ende gar keine Pfannkuchen, sondern Gesichter. Mannmannmann, habe ich gedacht: Das sind ja ganz ähnliche Träume wie ich sie immer habe. Nur dass darin keine Pfannkuchen vorkommen und keine Gesichter und kein Mann. Sondern ein Eichhörnchen, dass da, wo ich zurzeit untergebracht bin zur Erholung, gerade über den regennassen Rasen läuft. Also auch kein Traum. Aber sonst ist praktisch alles gleich. Verblüffend.
Energieschübe
Verändert sich das Jahr zum Spätsommer und Frühherbst hin, bekomme ich quasi mit dem ganz eigenen Licht dieser besonderen Saison richtiggehende Energieschübe injiziert. Ich habe ja die unglaublich originelle Theorie, dass jeder Mensch eine unterschwellige Affinität zu der Jahreszeit, in der er geboren ist, aufweist. So kenne ich, glaube ich, einen, der, glaube ich, Weihnachten oder so Geburtstag hat, und der, wie soll ich sagen, dann Weihnachten auch immer ganz gut drauf war oder so, aber ganz genau kann ich mich jetzt auch nicht mehr erinnern. Ist das nicht verrückt? In jedem Fall habe ich auf einmal wieder jede Menge neuer Pläne.
Gemäßigter Anschiss
Gerade wieder gemerkt, wie anstrengend es ist, wenn einem anderen die eigenen Machwerke nicht gefallen, er aber dennoch relativ ausgleichend, gemäßigt und sachlich argumentiert. Wobei das Wort "argumentiert" eigentlich sowieso nur in diesem Zusammenhang richtig passt. In solchen Fällen muss ich nämlich darüber nachdenken und darauf eingehen. Das bin ich gar nicht mehr gewohnt, das ist anstrengend und schmerzt im Kopf. Gerade in Zeiten der Internetforen geht es ja sonst meist nur noch darum, möglichst laut loszuplärren und irgendwo unter die Gürtellinie zu ballern. Also alles Dinge, die mir als Feingeist bekanntermaßen vollkommen fremd sind.
Alle verrückt geworden
Während unsereiner hier in blöden Seniorenwitzchen schwelgt, dreht sich draußen die Erde weiter und mitten drauf unser kleines Land (deutsch) auf dem einige (deutsch) mittlerweile komplett den heiligen Sockenschuss (heiliges römisches Reich deutscher Nationen) empfangen haben müssen. Der Bundestag hat die Herren Arnold Tölg und Hartmut Saenger vom Bund der Vertriebenen (BdV) für den Stiftungsrat der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung benannt. Die beiden behaupten, Polen trage Mitschuld am Zweiten Weltkrieg und die Entschädigung polnischer Zwangsarbeiter sei ein Fehler gewesen. Dass der Bundestag derart offen Rechtsradikale protegiert, ist mir persönlich relativ neu, aber ich bekomme auch nicht immer alles mit.


alles schön und gut