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Meine WM II

So geht sie weiter

26. Juni

Noch verzweifelter als ich sind eigentlich nur die Leute, die sich die Spiele auch noch live im Stadion ansehen müssen. Nach der herbsten amerikanischen Niederlage seit Vietnam schwenkt die Kamera aufs Publikum. Ein paar US-Fans haben sich die Ami-Flagge horizontal ins Gesicht geschminkt. Durch die Längsstreifen wirken ihre langen Gesichter noch länger als ohnehin schon.

Warum sagt denen denn keiner, wie nachteilhaft das aussieht? So machen sie der gesamten Gattung Mensch Schande, ach was, allen Säugetieren, was sag ich, sämtlichen Wirbeltieren, im Grunde schämt sich jeder Mehrzeller für sie. Vor Entsetzen stelle ich den Ton lauter. Heute kein Bier. Stattdessen Wein aus einem bleiernen Kelch. Versucht, mitten in der Nacht Mutter anzurufen. Keiner da. Nach meinem Namen gegoogelt. Auch hier niemand. Der Wecker am Bett zeigt Null zu Null. So spät ist es schon. Zu spät?

 

27. Juni

Ein Mann steht vor der Tür und zwingt mich mit vorgehaltener Bierflasche, mitzukommen. Ehe ich an Flucht nur denken kann, befinde ich mich bereits im Schweinepensionat, einer kombinierten Public-Viewing-Drinking-Chatting-and-Playing-Location für die ganze Prenzlauer-Berg-Familie. Hier ist es gut, sagt der Mann, ein guter Freund bis dahin.

Doch nichts ist gut. Eine Stunde vor dem Anpfiff steht es Null zu Null. Siebzehn gelbe Karten flattern zum Trocknen aufgehängt im mörderisch heißen Ostwind. Überall sind Kinderwagen. Lockere Daddys mit Kreativbrillen. Ernsthafte Muttis, die mit ihresgleichen plaudern und dabei wachsam Ausschau halten, wer eventuell nicht hierher gehört. Ich ducke mich ängstlich, hängt mir asozialen Hedonistensau doch weder Kinderkacke noch Babybrei im Bart.

Die Kleinen dürfen spielen, die Väter gucken. Einer darf zur Feier des Tages sogar ein Bier trinken und lallt verwirrt etwas von einem Deutschland. Der neue Patriotismus mit Kreativbrillenantlitz soll ja total nett und harmlos sein. Ähnlich wie die neuen Panzer, die überall in der Welt jetzt tüchtig Frieden schaffen.

Ich hoffe, dass es Verlängerung gibt, damit ich es doch noch vor Spielschluss in der kürzesten Schlange der Welt bis vor zur langsamsten Tresenkraft der Welt schaffe. Heimweh nach dem Fernseher auf meinem Schreibtisch. Rasant einsetzende Legasthenie und Zersetzung meiner körpereigenen Eiweiße in Pixel. Währenddessen verhindern die Latte Gottes und die Netzhautverkrümmung des Schiedsrichters, dass der neue unverkrampfte Patriotismus sich gleich schon mal in einem lockeren Pogrom mit modernem menschlichen Gewand versucht. Alle in die Fresse - Ausländer und Kinderlose zuerst.

 

30.Juni

Vorige Nacht eine ungefähr achtstündige Dokumentation über das sogenannte „Wembley-Tor“ gesehen. Altersschwache Zeitzeugen mümmeln zahnlose Vermutungen, vorgebliche Wissenschaftler verdaddeln Steuergelder mit abstrusen physikalisch-geometrischen Berechnungen. Dazu Wahrsager, Kaffeesatzpinkler und Original- sowie nachgestellte Aufnahmen aus der Perspektive der Linienrichtertoilette, vom Mond und aus der Ehrenloge der Königin. Ergebnis: die Pille war nicht drin. Vor Erleichterung Unmengen Bier getrunken. Unruhiger Schlaf. Heute zum Glück ein sehr beruhigendes Spiel. Null zu Null, keine Torchancen. Womöglich auch spielfrei.

 

1. Juli

Gestern war tatsächlich spielfrei und ich habe es nicht gemerkt, vermutlich wegen der umfangreichen Rahmenberichterstattung, die einen ständigen Fortlauf der Spiele simuliert. Doch heute ist erneut spielfrei und inzwischen weiß ich es. Leider, denn der Erkenntnisgewinn hat nun den Effekt, als fange ein Hochseilakrobat mitten über der Schlucht plötzlich an, sein Tun zu reflektieren. Sofort große Verzweiflung und Unsicherheit. Wieso spielfrei? Was soll ich denn jetzt tun? Das können die doch nicht machen! Meine letzten Gehirnzellen denken an Selbstmord, doch zum Glück sind sie für die endgültige Ausführung einfach zu wenige. Mit fünf Bit kommt selbst ein analoges Hirn nicht weit.

Theoretisch müsste mein Kopf sich ohne WM ja wieder ein Stück erholen können. Frische Gehirnzellen bilden, Sozialkompetenz, Stubenreinheit und eventuell sogar die Lesefähigkeit wiedergewinnen. Doch da ist die Rahmenberichterstattung vor: Der dreijährige Skisteiger beim Schweinfahren (oder ist es Schweinsteiger beim Skifahren?). Gummiartige Pressekonferenzen mit lebenden Spanplatten. Eine ehemalige Sportplanscherin, die von einem Fernsehteam auf einer Slumsafari in Bad Soweto mit echten schwarzen Menschen begleitet wird. Ein in gönnerhaft neokolonialistischem Tonfall gehaltener Bericht über Armut und vor allem Aidsproblematik in Lesotho endet mit einem Sonnenuntergang hinter dem Waisenhaus sowie dem Satz: „Das Lachen der Kinder ist ansteckend.“ Auch die Fernsehleute selbst scheint ihre WM längst wahnsinnig gemacht zu haben.

 

11. Juli

Während des Endspiels brennt mein Haus ab, doch ich nehme keinerlei Notiz davon. Not gegen Elend. Zweiundzwanzig rote Karten, Null zu Null nach Elfmeterschießen, Doppelweltmeister. Es ist vorbei.

Das Ende der WM, sollte man eigentlich denken, müsste für mich doch sein wie die Sonne, die nach langem Regen direkt in mein Herz hineinscheint. Aber die Sonne ist einfach zu stark. Ohne langsame Entwöhnung durch möglichst unendliche Platzierungsspiele versengt sie das durch meine Kopflosigkeit völlig ungeschützte Herz.

 

32. November

Seit ungefähr vier Monaten bin ich jetzt in diesem schönen Heim im Wald. Nach wie vor sehe ich jeden Tag Fußball, sogar ganz ohne Fernseher. Larifari gegen Ballaballa. Null zu Null. Siebenhundert gelbe Karten, die Hälfte davon in den spacigsten Farben schillernd, die man sich nicht vorstellen kann. Obersturmpfleger Günther bestärkt mich in meinem schönen Hobby, weil ich dann nicht so laut schreie und im ganzen Haus die Kloschüsseln zerschlage. Das Glück ist ein zerbrechlicher Kranich. Ich freue mich schon auf die Weltraummeisterschaft 3007.

 

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