Der Mond ist aufgegangen
Coming of H
Ich war drei und meine Mutter dreizehn. Beide standen wir auf dem Berg Genezareth und blickten hinunter in das brodelnde Lichtermeer Münchhausens.
„Dort unten ist dein Vater geschlüpft“, wisperte sie in einem Tonfall, in dem sich Algebra und Wonderbra zu einem Brei der widersprüchlichen Erkenntnis mischte. Eine Kröte kroch herbei und malte zu unseren Füßen blutige Buchstaben in den hellen Sand. Rettiche wuchsen. Ein Dompfaff pfiff.
Vom Himmel kamen Reiter und sangen ein Lied, das uns nicht gefiel. Wir schickten sie fort, ohne ihnen Geld zu geben. Das behagte dem einen von ihnen nicht. Er sprach Worte, die wir nicht verstanden, in einer Sprache, die wir nicht verstehen wollten. Nur Sekunden später kam zum Glück die Straßenbahn.
„War das Schluderfranzösisch?“, fragte ich Mutter, vom Erlebnis noch am ganzen Leibe zitternd.
Mutter antwortete nicht. Sie schien zu überlegen, während sie mehrere Schlucke Apfelgärung aus einer Viertelliterflasche links in ihrer Handtasche nahm. Dazu verschmierte sie einen Käsekuchen großzügig an den Haltegriffen, um den Fahrkartenkontrolleur auf eine falsche Fährte zu schicken, was zunächst gelang.
„Mein Bub“, brüllte Mutter schließlich leise, „mein guter Bubenbub. Was ich dir jetzt sage, sage ich dir nicht. Oder sage ich’s dir doch? Ach, ich sage es dir doch: Was der Reiter sang, dessen Lied uns nicht gefiel, woraufhin wir ihm kein Geld gaben und ihn fortschickten, war Fachchinesisch.“
„Ach Mutter, gute Mutter“, gab ich durch ein Megaphon aus Zinn zurück: „Den anderen Reitern gaben wir doch auch kein Geld.“
Die übrigen Fahrgäste waren auf uns aufmerksam geworden und blickten scheel zu uns herüber. Auch der Fahrkartenkontrolleur hatte sich mittlerweile bis auf wenige Millimeter an uns herangepirscht.
Mutter ließ sich davon nicht ins Bockshorn jagen. „Wir hätten den anderen Reitern Geld gegeben“, führte sie geduldig aus, „hätte ihr Gefährte ihnen nicht das Lied verdorben. So aber müssen Mehrere darunter leiden, was ein Einzelner verbrach. So ist das nun mal im Krieg.“
„Haben wir denn Krieg, mein Mütterlein?“, maunzte ich schreckensstarr.
„Nein“, wies sie mich harsch zurecht, derweil sie den zudringlich gewordenen Kondukteur mit einem Gebinde aus essigsaurer Tonerde bearbeitete. „Keinen Krieg. Krieg nicht. S’ist schlimmer noch.“
Der Kontrolleur schrie. Alle schrien jetzt. Die Straßenbahn sauste ungebremst einen steilen Abhang hinunter und huschte mit einem mächtigen Satz über einen Tümpel hinweg. Wäre an dieser Stelle keine Brücke gewesen, so hätte es nun wohl ein gehöriges Unglück gegeben.
„Wäre, Hätte, Zigarette“, kommentierte meine tapfere Mutter nur saucool das Umeinhaarmalheur. „Komm mit!“
Noch vor Erreichen der Endhaltestelle schob sie mich durch den Schornstein der Straßenbahn ins Freie und kletterte selbst behände hinterher und auf das Dach des treuen Schienenfahrzeugs. Heftig schmunzelnd wie zwei Honigkuchenpferde auf Hochzeitsreise konstatierten wir, dass wir die ganze Zeit im Kreis gefahren waren. Wir hätten also ohnehin nichts bezahlen müssen. Diese Erkenntnis teilte ich voll Stolz der Mutter mit, doch zu meinem Erstaunen erntete ich statt Lob nur eine Schelle.
„Ich sagte doch: s’ist schlimmer noch als Krieg“, herrschte sie mich heiser an. Wir schlenderten von der fahrenden Straßenbahn herunter und in eine steinige Kurve hinein. „Erinnerst du dich an den Fahrkartenkontrolleur?“ Sie packte mich am Schlafittchen, das unter der Kraft ihres Griffes riss. Aus ihren Ohrmuscheln stiegen knisternd schwarze Rauchwölkchen. So erregt hatte ich sie noch nie zuvor gesehen.
„Ich erinnere mich“, wimmerte ich kleinlaut.
„Das war dein Vater.“ Sie blickte mir tief in die Augen, auf deren Grund, zwei fette schwarze Fische, die Pupillen schlummerten.
„Ich weiß, Mutter“, gelang es mir kaum, ein Gähnen zu unterdrücken.
„Dann ist es gut“, beschied sie. Ihre Stimme war auf einmal wieder ganz sanft geworden.
„Was hat eigentlich oben auf dem Berg die Kröte geschrieben?“, versuchte ich die unangenehm lastende Stille zu brechen.
„Wer das liest, ist doof.“
„Wirklich?“
„Aber nein, du kleiner Dummerjan.“ Mutter war nun endlich wieder ganz die alte. „Sie hat geschrieben: ‚Kommse rein, könnse rausgucken’.“
„Echt?“
„Du glaubst aber auch wirklich alles“, lachte Mutter ihr glockenreines Lerchenlachen, das ich so sehr liebte. „Nein, da stand: ‚Suchst du nach Witzen auf dem Boden, der größte ist dabei dein Hoden’.“ Sie kringelte sich schier. Ich fragte lieber nicht weiter. Langsam aber sicher nervte mich die dumme Sau.

