Auf Klassenfahrt
Kevins Tagebuch...
Erster Tag
Zehn Uhr morgens. Im Schulhof der Graciano-Rocchigiani-Nebenschule läuft der Bus von „Megaturs“ warm für den großen Trip. Wir sind total aufgeregt. Viele von uns werden zum ersten Mal Neukölln verlassen. Und nicht alle schaffen es: Als Herr Bicici, der Busfahrer, gerade durchstarten will, explodiert vor der Windschutzscheibe eine Rauchgranate: Mehrere Vermummte entern den Bus und zerren eine Mitschülerin heraus: Mesut darf wohl nicht mitfahren. Schade, aber die ungleiche Battle kennen wir ja schon vom Schwimmunterricht und so
Nachdem sich der Dampf verzogen hat, geht es aber doch endlich los. Unter befreiten Flüchen rollen die Klassen 8 r bis t vom Hof. Unser Ziel ist der Neuköllner Partnerbezirk Steglitz. Im Rahmen der Völkerverständigung werden wir dort bei unseren Austauschschülern vom Berta-von-Schnöselhoff-Pupswichtich-Gymnasium zu Gast sein. Herr Weetendorf, unser Lehrer für Politik, Islamische Heimatkunde, Sozialarbeit und Schönschrift, kurz Polissei/SA/SS, hat uns in der VoProWo, der Vorbereitungs- und Projektwoche, erklärt, dass uns dort eine völlig andere Kultur, Sprache, anderes Essen und so erwarten. Während der Bus über das Kopfsteinpflaster der Weisestraße rumpelt, brieft er uns nochmals, offen für die fremden Sitten und Gebräuche und so zu sein, und nicht ständig unsere Überlegenheit raushängen zu lassen. Auch „abziehen ist nicht“ – wir wären jetzt schließlich so etwas wie die Botschafter Neuköllns. Danach geht er durch den Mittelgang und sammelt links und rechts die Messer ein und so.
Zweiter Tag
Die alte Puffmutter Neukölln will ihre Pferdchen einfach nicht ziehen lassen: Nach zwanzig Stunden Busfahrt stehen wir noch immer in der Silbersteinstraße im Stau. Die Pops sind alle, die Nerven liegen blank. Ronnie und René, die Neuen von der Horst-Wessel-Irrealschule in Treptow, stimmen in der letzten Reihe Nazilieder an. Der lange Adnan aus der r versucht mit einem Dönermesser, das Herr Weetendorf übersehen hat, René den Kopf wegzumachen. Der duckt sich und lacht frech. Sofort ist hinten totaler Stress – jeder gegen jeden: Araber, Türken, Nazis, Kasachen, Hiphopper.
Herr Bicici brüllt brutal ins Bordmikro. Herr Weetendorf eilt herbei und spricht voll das Machtwort: wir sollen uns alle gefälligst respektieren – so wie wir sind und so. Und wenn hier nicht bald Ruhe wäre, dann würde er die Rädelsführer an Ort und Stelle, also würde er echt machen, „kein Scheiß“, auf die Silbersteinstraße setzen. Serhan erklärt ihm, dass das gar nicht geht, „wegen Versicherung und Aufsichtspflicht und so“, und dass er ihn anzeigt – „ick schwör auf Koran“. Herr Weetendorf und Serhan plärren sich tonnenweise Dezibel in die Ohren. Dann fightet Herr Weetendorf mit Serhan, Murat und Florian. In dem Moment ist auf einmal vorne tierisch Action und so, und alle gucken: Die dicke Jaqueline aus der s, die schon 15 ist, kriegt da voll das Kind. Frau Franke (Karate und Handarbeiten), die als Betreuerin für die Mädchen mit ist, hilft ihr dabei. Obwohl Herr Bicici ins Mic labert, dass wir uns sofort wieder hinsetzen sollen, weil er sonst für nichts garantieren kann, rennen alle nach vorne. Alles ist krass voll mit Blut und so. Zum Glück stehen wir gerade Ecke Eschersheimer, wo die Geburtsklinik ist. Als der Notarztwagen andockt, sagt die Bitch noch, dass sie sich total wundert und so, und dass sie echt nichts gemerkt hat. Damit ist die Schulfahrt für sie beendet.
Dritter Tag
Endlich kommen wir in Lichterfelde-Süd an. Das ist ein Stadtteil von Steglitz, wie wir in geopolitischer Weltkunde gelernt haben. Auf dem Parkplatz vor dem Berta-von-Schnöselhoff-Pupswichtich-Gymnasium warten schon die Opfer: Unsere Austauschschüler und ihre Eltern und so. Herr Weetendorf und ein Lichterfelder Lehrer lesen abwechselnd Namen von einer Liste vor. Bei den anderen sind überhaupt keine Türken oder Araber dabei. So eine Kindercrew kann von korrekten Flows doch nur träumen.
Mein Name fällt und ein Kid kommt auf mich zu, wie die Mumie eingepackt in so Peek & Verkloppenburg-Schwuchtelklamotten. Er heißt Holger, und dass der Toy konkret nichts drauf hat, sieht ein Maulwurf, der eine Blindschleiche gefrühstückt hat. Ich will dem Vollspast zur Begrüßung ganz normal die Fresse tackern, da sehe ich eben noch rechtzeitig Herrn Weetendorf im Alarm-Modus flexen: Vollkontakt verboten! Er gibt einem Steglitzer Kollegen demonstrativ die Hand und sagt: „Guten Tag!“
Wir erinnern uns an seine Lyrics von wegen Kultur und Botschafter und so und imitieren den Nuttentrack - für Neuköllner Gangster eigentlich voll peinlich. „Fühlt sich krass schwul an“, lacht sich Dschihad fast kaputt und gibt allen die Hand, die er erwischen kann: „Guten Tag, guten Tag, guten Tag…“
Auch Holger gibt mir die Hand. Wenigstens sind die Fingernägel nicht lackiert. Auf einmal sind seine Eltern da, Herr und Frau Bick. „Guten Tag“, sagen sie. Guten Tag, nachdem wir drei Tage lang quer durch die Hölle gedüst sind – na, schönen Dank auch!
Bei denen soll ich also wohnen und so. Sie nehmen mich mit zu ihrem Auto, Passat Zombie oder so - Marke megapeinliche Familienkutsche. Hoffentlich sieht mich keiner in diesem Opfermobil! Die halten echt an jeder roten Ampel. Ich ducke mich dann jedes Mal, obwohl mich hier eigentlich keiner kennen kann. Dagegen ist der Ascona von meinem Alten echt noch fresh.
Vierter Tag
Holgers Family wohnt ganz allein in einem Haus. Dafür sind die Häuser viel mickriger als in Neukölln, gerade mal zwei Stockwerke – voll die Opferhütte. Drum rum sind lauter Bäume und so, ein richtiger kleiner Park. Sie sagen „Garten“ dazu. Leider ist so ein Zaun drum, deswegen kommen keine Dealer rein. Blöd. Ich mach am besten schnell mal die Blocks klar. Ohne Kiff wird das hier sonst ganz schnell langweilig.
Zum Glück ist heute schulfrei und ich kann in Ruhe gucken, was so abgeht. Ein einziger Zeitungskiosk in der Nähe – der Inhalt der Ladenkasse ist ein krasser Arschfick: Die Gage dürfte nicht mal für neue Nike Air-Max reichen. Im „Lichterfelder Stübchen“ ist ebenfalls Zombiefest angesagt – die Freaks wollen mir kein Bier ausschenken. Ein Hotspot sieht anders aus! Der Zigarettenautomat ist auch hinüber, jedenfalls nachdem ich dran war – Ehrensache. In den Straßen herrscht Totentanz. Bäume; Einfamilienhäuser; Bordsteine satt, aber keiner, der sie fressen will. Was für ein lausiger Hood!
Zum Mittagessen sind nur Holger und seine Mutter da. Die Bitch will mir stecken, dass ihr Mann auf Arbeit ist. „Auf Arbeit“? Das wäre ja abgefahren! Aber bestimmt ist das wieder nur die good old Classic Tale für neugierige Nachbarn und kleine Kinder: Im Knast wird er sein, während seine Alte hier den Münchhausen gibt – wo denn sonst?
Holgers Mama hat „gekocht“, wie sie es nennen. Die machen das Schappi anscheinend voll selbst. Müssen sie ja auch - ich hab’s schließlich abgecheckt: kein Imbiss weit und breit - voll die Unterversorgung. Das ist hier echt hammerhart krisenmäßig, voll wie Krieg und Afrika und so. Auf der anderen Seite wird nirgends geschossen – ich vermisse den Sound von Neukölln.
Die haben noch nicht mal Pappteller. Wir müssen so, heititei, mit Besteck von Porzellantellern spachteln. Auf denen liegen so runde gelbe Bollen – der schwule Opferfraß grooved absolut nicht. „Mein lieber Schwan - wenden Sie sich an den Imbiss Ihres Vertrauens“, möchte ich da empfehlen, aber gibt’s ja nicht in dieser Bürgerwildnis. Ich frag, was das für eine Out-of-Order-Pampe ist, und Holger the Hemd schielt wie eine bekiffte Tunte und sagt dann: „Kartoffeln“. Ich frag „Kartoffeln?“, und er so, ja, das wäre so gekocht – man könnte da auch Kartoffelsalat und so draus machen oder Pommes. Und ich peil plötzlich gar nichts mehr und will wissen, ob mich hier einer schräg von hinten disst: wenn das der Grundstoff sein soll, und sie den hier immerhin schon mal haben, wieso es dann, zur Hölle, keinen verfickten Imbiss gibt, der da was Essbares draus klöppelt? Alle lachen, als hätte ich den Ultra-Joke abgezogen. Als ich frage, ob ich vielleicht den Döner haben kann, den ich gestern als Mitbringsel überreicht habe neben den beiden Flaschen „Schultheiß Jubiläums Pilsener“, kichern sie erneut wie abgedrehte Cracknutten. Die ficken meinen Kopf. Ich brauche unbedingt ein Break, sonst kacke ich der Sippe echt noch in den Hals!
Fünfter Tag
Heute müssen wir mit zur Schule. In den Klassen unserer Gastgeber verfolgen wir den Unterricht. Die lernen da voll die Sprachen, dabei können sie noch nicht mal ihre eigene richtig: Heute Morgen hat mich Holger doch tatsächlich gefragt, was ein Spast ist. Er, hab ich daraufhin gesagt, er ist ein Spast – aber er hat’s trotzdem nicht gepeilt. Während Bulgarisch oder Latein oder so schlafe ich voll ein, weil ich vor Unterrichtsbeginn noch zwei Tuben Klebstoff aus meiner großen Alditüte gesaugt habe. Als ich wieder aufwache, läutet es zur großen Pause.
Auf dem Schulhof treffe ich endlich mein Team wieder - alle haben voll die Stories auf Lager: Bei keinem trinken die Väter Bier zum Frühstück; in der Nähe von dem Haus von Serhans Gasteltern steht eine Telefonzelle, die funktioniert; Mandys People haben im Bad eine Art flache Kloschüssel nur zum Arschwaschen; Igor schwört, er hat - echt kein Anti-Fake! - auf der Straße gesehen, wie jemand die Scheiße von seinem Hund aufgehoben und in eine Plastiktüte gesteckt hat. Wir lachen uns krass weg. Am besten aber ist die Story von Enver: Er so gestern Flasche Schnaps von seinen Eltern als Mitbringsel, hat er selber getrunken und so, und ist dann im Wohnzimmer wie ein Penner mit der Stirn auf den Teppich gebounced. Da war dann erst Mords der Alarm, und er, Enver dann cool die dicke Hose anbehalten und straight die Message rübergebracht, er muss beten. Auf dem Teppich und voll nach Mekka, Inschali und Inschala und so. Daraufhin der Gastvater völlig ernst rumgechillt, von wegen blabla und so, und alle Religionen muss man voll respektieren und so, hat ihm also die scheintote Missgeburt geholfen, den Teppich in sein Zimmer zu schleppen, damit er immer in Ruhe beten kann, solange er da wohnt. Du wirst hier echt noch weich…
Am Abend ist eine Party in der Aula, weil wir ja morgen schon wieder fahren – die Woche ist rum. Wir Neuköllner ziehen hinter dem Rücken der Aufpasser tight die Wodka-O-Nummer ab, während die Uptownpussies brav ihre Cola schlürfen. So schön langsam kickt die Party denn auch. Ein paar von unseren Homies kommen voll auf Aggro und taggen die Wände der Lernklitsche vom Keller bis zum Dachboden. Als wir gerade die Scheiben im Lehrerzimmer scratchen, kommt der Hausmeister. Als wir den Hausmeister scratchen, kommen die Bullen. Als die Bullen kommen, ist die Party gefickt. Schade – die Show hat gut gerockt!
Sechster Tag
Der Abschied ist am Ende voller Tränen. Was erst keiner gedacht hätte: Irgendwie haben wir uns doch echt aneinander gewöhnt und so. Der Austauschgedanke hat sich voll mit Leben gefüllt: Viele von uns tragen Klamotten und Schuhe von den Lichterfeldern. Im Schatten des Busses wechseln noch jetzt die letzten Kleidungsstücke die Besitzer. Noch mehr Tränen. Herr Weetendorf guckt nur noch weg, der Blender hat echt nichts drauf. Dann geht es los. Wir winken alle – die mit den Händen, wir mit Faust und Mittelfinger. „Ihr Nutten bremst bei Gelb“, rufen wir ihnen zum Abschied hinterher, dann biegt der Bus um die Ecke und die schwelende Ruine des Gymnasiums ist aus unserem Blickfeld verschwunden.
Siebter Tag
Herr Bicici hupt einen Müllwagen an, der die Hofeinfahrt zur Graciano-Rocchigiani-Nebenschule blockiert. Der hupt frech zurück. Die beiden rasten aus wie die Cracknigger und boxen sich, bis der Asphalt brennt. Unser Mann zeigt die besseren Skills – Respect! Der Müll-Faker liegt blutend am Boden. Es ist schön, wieder daheim zu sein.


alter