"Warum ist er jetzt da?"
"Der geht gleich". Gefragt hat ein kleines Mädchen, zu dem ich neulich eine halbe Stunde lang in ein behelfsmäßiges Krankenzimmer des Urbanlazaretts geschoben wurde. Und die beruhigende Antwort kam von einer Schwester, die das Kind dann mit nach draußen nahm, damit es solange auf dem Gang spielen konnte, bis der Böse Onkel abgeholt wurde zur Materialentfernung. Bei "Materialentfernung" muss ich immer an die Demontage von Industrieanlagen denken, mit denen sich so mancher Sieger nach Kriegsende schadlos hielt. Doch es war nur wertloser Draht, aus einem kranken Fingerchen. Man müsste übrigens schon sehr viele Drähte aus sehr vielen Fingerchen mopsen, um den Gegenwert der geklauten Oberleitung an der Strecke Berlin - Hannover aufzuwiegen. Warum mir diese kleine Episode, die nun auch schon wieder einige Wochen zurückliegt, jetzt gerade einfällt?
Vermutlich wegen der Eingangsfrage, die ich mir selber auch oft stelle: "Warum ist er jetzt da?" Beziehungsweise aus meiner Sicht natürlich: "Warum bin ich jetzt da?"
Eine schwierige und jetzt mal gar nicht so absolut komplett unexistenzielle Frage. Ich denke mal, ich bin zum einen da als vorübergehender Materialträger. Verschiedenes Material kann in verschiedenen Teilen von mir zwischen- oder endgelagert wie auch wieder entnommen werden. Das ist praktisch und sinnvoll. Desweiteren als Tonträger. Ich höre Dinge, die ich weitersage, die wieder jemand anderes hört, der sie dann weitersagt und so weiter. Eine Mischung aus Stille Post also und archaischer Vorstufe der Telekommunikation. Last but not least bin ich natürlich auch da als ganz wesentlicher Bedenkenträger. Viele Bedenken, die ich habe, machen sich andere, ich sachma durch die Bank einfältigere, Zeitgenossen gar nicht, z. B.: "Wo geht es lang?", "Habe ich noch Zeit?", "Brummt der Bär beim Scheißen?" und natürlich wieder und wieder und wieder: "Warum ist er jetzt da?"
Die Antwort ist die immergleiche, ewige, bittere Wahrheit: "Der geht gleich". Ob morgen, in einem Jahr oder in vierzig. Für den Lauf der Welt ist jeder dieser Zeiträume "gleich". Die Krankenschwester hat also recht gehabt.

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