Uli - Allein zu Haus
Schön. Die Frau ist weg. Weit weg. Schön weit weg. Endlich habe ich mal so richtig Zeit für mich. Ich sortiere meine Buntstifte, erst nach Größe, dann nach Farbe, am Ende schmeiße ich sie wieder alle durcheinander, wohl weil mir nicht zuletzt die extreme Verlogenheit jener Übersprungshandlung bewusst wird: Ich besitze gar keine Buntstifte. Sie fährt nach China, hat sie gesagt. Das Irre und Unglaubwürdige dieser Aussage fällt mir jetzt erst auf, da sie schon über eine Woche fort ist. „Nach China“: Wer glaubt denn so was? Das fällt doch exakt in dieselbe Kategorie wie das altbekannte „… Und ich bin der Kaiser von China …“, mit dem einem Gesprächspartner seit jeher Unglauben und Verachtung signalisiert wird, vom berühmten Sack Reis erst gar nicht zu reden. Entsprechend erinnert die Totschlagfloskel „Ich fahr denn ma nach China“ an das noch bekanntere, sinnverwandte „Ich geh ma eben Zigarettenholen“, in dem sich der schlampige Zynismus des Scheidenden ausdrückt, mit dem er dem Zurückgebliebenen demonstriert, dass der ihm noch nicht einmal eine glaubwürdige Ausrede mehr wert ist. Scheiße, und ich merke das erst jetzt! Sie ist weg. Und ich bin allein.
Früher war ich ja gerne allein. Zumindest hatte ich das geglaubt und hielt es für ein Zeichen der Unabhängigkeit und Stärke. Doch in Wahrheit war ich entsetzlich schwach: Wenn auch nur eine Laus entschlossen auf mich zuwetzte, und mich anzurempeln drohte, schrie ich laut auf und sprang beiseite. Das muss man sich nur einmal vorstellen: Eine winzigkleine Laus! Sah ich Jemanden aus einem Hauseingang kommen, so betrat ich dieses Haus auf gar keinen Fall, da ich es nunmehr für verhext hielt. Wenn der Briefträger klingelte, versteckte ich mich zitternd unter dem Bett und winselte um Gnade. Kaufte ich ein Brötchen, so fütterte ich zunächst mit einem Teil die Enten, weil ich in ständiger Furcht vor einem Giftanschlag schwebte. Dabei hielt ich mich jedoch stets sorgfältig hinter einem Baum verborgen, aus panischer Angst davor, eine Ente könnte in mein Hosenbein hineinschlüpfen, darin in blinder Raserei hochklettern und mir mit ihrem harten Schnabel erst die Geschlechtsorgane verstümmeln, um sich anschließend durch meinen Bauchraum voranzuarbeiten und am Ende meine Leber zu fressen..
Am meisten Angst hatte ich jedoch vor Menschen. Lieber hätte ich mein ganzes Leben in einem verschlossenen lichtlosen Container voller Ratten und Kakerlaken verbracht, als auch nur drei Stunden auf einer „fröhlichen“ Geburtstagsparty, auf der boshafte Kommunikationsvortäuscher ihren Hang zur Nichtigkeit zelebrierten. Und besonders die Liebe war für mich nichts als eine inhaltsleere Umschreibung des (in meinen Augen übrigens völlig normalen) Grundzustands „Hass“, eben nur mit anderen Buchstaben. Ich hatte sogar meine eigene, ganz persönliche Nomenklatur dafür geschaffen: „Schwarzhass“ für das, was Andere (nach meiner damaligen Nomenklatur: „die Doofen“) landläufig unter Hass verstehen, und „Weißhass“ für das Wort „Liebe“.
Doch eines Tages wurde alles anders. Denn plötzlich fragte ich mich: „Denkt eigentlich noch irgendjemand an Knut? Die Menschen sind so wahnsinnig undankbar.“ Meine Empörung überdeckte sogar noch meine Angst. Doch dann merkte ich, wie viele Menschen es gab, die ähnlich dachten. Das fand ich so schön, dass mit einem Mal die schweren Fesseln um mein Herz zersprangen und ich ein völlig anderer Mensch wurde. Freundlich, offen und selbst mit Gevatter Eros schloss ich zumindest Waffenstillstand.
Nur leider habe ich damit auch das Alleinsein verlernt. Stunde um Stunde sitze ich nun hier und warte, dass sie aus China zurückkommt. „Aus China“. Haha. Da kann ich vermutlich lange warten: Die Erkenntnis senkt sich wie ein Dolch in mein trübes Herz. Nie zuvor erschien mir die Raufasertapete, auf die meine brennenden Augen seit Stunden starren, rauer als heute; nie zuvor erschien mir Volkers Geburtstagsgeschenk, die lustige Leichenpuppe mit den auf Druck herausquellenden Eingeweiden, die wie erhängt an meiner Schreibtischlampe baumelt, als adäquateres Symbol für meine gequälte Seele. Laute Schreie durchschneiden wie Säbel aus gehärtetem Weh die dicke Luft in meinem Arbeitzimmer – erst Stunden später merke ich an den Heiserkeitsschmerzen in der wunden Kehle, dass die Schreie von mir stammen. Draußen steht die Polizei. Sie verstehen nichts. Mit einer Feile zersäge ich die Gasleitung.

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