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Streik - und keiner merkt's

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Ich brauche einen neuen Reisepass. Der alte ist seit 100 Jahren abgelaufen, ungültig, verloren, weggeschmissen, zu Staub zerfallen - was weiß ich. Leider muss ich zu diesem Zweck das Bürgeramt Neukölln aufsuchen, das besser Antibürgeramt hieße.

Das hat Dienstag zum Beispiel von 11-18 Uhr geöffnet. Spätestens ab 12 Uhr gibt es keine Wartenummern mehr. Der Wartesaal ist randvoll, ebenso der ganze Bereich vor dem Gebäude. Zum Glück ist es ein einigermaßen warmer Tag. Am Nummernautomat hängt ein Zettel: Im Amt wird gestreikt. Keiner geht ans Telefon.

Ähnlich wie beim BVG-Streik (da hat man jungen Müttern und Rentnern über Wochen aber so richtig gezeigt, was eine Harke ist) tritt die Behörde bevorzugt auf die, die ohnehin schon in irgendeiner Form am Boden liegen: Hier, wo der Andrang auch aufgrund anfallender Ausländerangelegenheiten traditionell groß ist, zeigt man den Bürgern, was man von ihnen hält: nichts.

Sind doch eh arbeitslos, können ruhig den ganzen Tag hier rumsitzen. Und morgen wiederkommen. Oder davor auf der Straße rumlungern - das tun sie doch sowieso am liebsten. Dreck.

Das Schlimmste: Die Situation unterscheidet sich kaum von der ohne Streik. Ich kenne das seit Jahren. Um halb zwölf vorbeigucken. Nummer ziehen. Kopfrechnen. Pling. Nach Hause fahren. Zwei Stunden arbeiten. Wieder zurück. Pling. Nochmal Kopfrechnen. Pling. Fotos für den neuen Personalausweis oder was auch immer machen. Erneut vorbeigucken. Pling. Diesmal ins Café. Eine Stunde später wieder in den Wartesaal. Aha, noch zehn Nummern. Kein Sitzplatz. Die leeren Augen wartender junger Menschen starren, jeder Energie beraubt, auf die Tafel vor ihnen: Pling. Nummer 386. Viele reagieren gar nicht mehr. Glück für die 387. It's your lucky day! Ich flüchte auf die Straße vor dem Amt. Es schneit. Brauche ich wirklich unbedingt einen Reisepass? Urlaub im Ausland ist doch eher was für Zehlendorfer. Oder sollte ich vielleicht lieber wegziehen von hier?

Mittelschicht soll in Neukölln gehalten werden, oder gar dahin zurückfinden? Heuchelei, Sonntagsreden, der Bürger ist hier nichts als ein störender Haufen Scheiße, und zwar jeder - mitgefangen, mitgehangen.

Und diejenigen, denen man vollmundig verspricht, man werde sie da rausholen, es käme nur auf ihre Eigeninitiative an? Solange die Eigeninitiative sich zwangsläufig auf den täglichen Versuch beschränken muss, in irgendeinem Amt irgendeine Wartenummer zu ergattern, wird sich nicht viel ändern. So viel tote Zeit, so viel Frust, so viel Lügen.

Artikelaktionen

Kommentar von Jakob am 14.10.2008 16:55
Hinweis lieber Uli:

Gerade heute berichtet auch Nachbar Kantel im Schockwellenreiter ueber seine Technik in der Donaustrasse.

schade

Kommentar von uli am 15.10.2008 09:59
Ach schade, von Chaos-Experten hätte ich mir da ja gern was abgeschaut.

Urlaub

Kommentar von BB am 14.10.2008 18:59
Na vieleicht nicht doch besser zum Urlaub an den Strand von Malle? Da ist es zu deiner gewählten Reisezeit auch nicht so warm wie in Mexico und du kannst den Bart dran lassen! ;o)

business

Kommentar von nullzeitgenerator am 15.10.2008 09:50
... Oder gerade für die neue Mittelschicht mit Geschäftsideen. Nummerzieher als Ausbildungsberuf. Wie bei der Zulassungsstelle. Kannst du Urlaub finanzieren.

urlaub und business

Kommentar von Uli Hannemann am 15.10.2008 10:05
Mein Urlaub scheint ja das beherrschende Thema zu sein. Opas erste (und letzte) große Reise. Erinnert mich irgendwie an den diesjährigen Bachmann-Gewinner.