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Impressionen einer Zugfahrt

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„I just called, to say I love you“, belle ich ins Telefon, doch mein hektischer und genervter Tonfall straft meine Worte Lügen. „Quatsch natürlich - du musst mir helfen!“ Ich stehe auf dem Bahnsteig, München Hbf, der Zug fährt gleich ab, und ich habe meinen Laptop in der U-Bahn zum Bahnhof vergessen. Vermutlich. Jedenfalls ist er nicht da, obwohl er da sein müsste. Nur mein Rucksack ist noch auf dem Rücken und mein Kopf auf dem Hals. Glaube ich. Kleine Preisfrage am Rande: In welchem der beiden Gefäße ist nichts drin? Stets rufe ich in solchen Notfällen als erstes meine Freundin an. Sie muss mir helfen, dafür ist sie da. Wir voriges Jahr in Manchester, als ich meine Brieftasche mit Geld und sämtlichen Papieren verloren hatte, und sie mitten in der Nacht meine Karten sperren durfte. An ihrer Stelle hätte ich mich längst nach einem freundlichen Mann mit Hirn umgesehen, der Ordnung hält und sein Leben im Griff hat. „Ruf bei der U-Bahn an, der Polizei, im Fundbüro!“ Ich merke, dass mein Hals beim Sprechen kratzt. Kein Wunder, denn auch den Schal habe ich bereits am Tag meiner Ankunft hier irgendwo liegen gelassen. Die Halsbonbons sind entweder zu Hause oder unterwegs abhanden gekommen. Dieses Jahr habe ich übrigens bereits eine teure Digitalkamera und sukzessive jede Menge Bargeld eingebüßt. Auf Schritt und Tritt sozusagen. Fremden könnte ich im Grunde nur den Rat geben: Folgt einfach meinem Weg – ihr werdet es nicht bereuen! Mein Gehirn gleicht zunehmend einem wertlosen Brei, dem es komplett am Salz der Konzentration und der Würze der Erinnerung mangelt.

Im Zug meint K., ich wäre ziemlich sicher bereits ohne Laptop vom Hotel losmarschiert. „Google für mich nach der Nummer vom Hotel“, greine ich ins Handy. Und tatsächlich. Ich habe die Tasche dort schlicht am Eingang stehen lassen. Ganz oft stelle ich irgendwelche Sachen von mir einfach irgendwo hin und vergesse sie dann sofort. U. erzählt von einem englischen Künstler, der eine einzige Performance daraus macht, sich nach und nach von seinem gesamten Hab und Gut zu trennen. Bei mir geschieht das ja eher unabsichtlich, aber vielleicht hat er auch mal so angefangen, und dann aus der Not eine Tugend gemacht: Immerhin hat die Aussage „Ich bin Künstler“ selbst dieser Tage noch einen minimal besseren Klang als „Ich bin Volltrottel“.

Die ältere Dame mir schräg gegenüber hat wegen der Telefoniererei von meinem Malheur mitbekommen. Sie erkennt in mir einen Gleichgesinnten, und wagt daher, mich zu fragen, ob ich zufällig ein Ladegerät für ihr Nokia-Handy dabeihabe. Habe ich nicht - ich habe eins von Samsung, seit ich vor zwei Wochen mein Nokia verloren habe. Schade, bedauert die Oma, denn bei ihrem Besuch in Österreich habe das Gerät durch den Netzwechsel offenbar besonders viel Strom verbraucht. Ja, das hat es wohl. Dazu die Berge. Ich glaube, ich bin nicht der Mensch, dem es noch ansteht, andere zu verbessern oder zu belehren.

Nur dass sämtliche Zugklos wieder ewig besetzt sind, macht mich wahnsinnig. So lang kann doch kein Mensch brauchen! Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass da überall Schwarzfahrer sitzen. Man sollte endlich mal dieses leidige Masturbieren auf Zugtoiletten untersagen. Zur Überwachung des Verbots empfehle ich Kameras und dem zu erwartenden Aufschrei der notorischen linken Miesepeter, die anscheinend doch was zu verbergen haben, entgegne ich: Es ist garantiert in unser aller Interesse, auf ein kleines bisschen irrelevanter Privatheit zu verzichten, um dafür eine sehr viel geregeltere und vor allem zweckgebundenere Verteilung der Toilettenzeiten zu erreichen. Nicht zuletzt kämen die Network-Freaks so auch technisch in die Lage, ihre Standortmarkierung nicht nur an jeden virtuellen Baum zu pinkeln, sondern obendrein durch ein entsprechendes Filmchen zu untermauern: „Young Nerd of the Hill: Just checked in ICE 756 „Via Dolorosa“, Wagen 23, Scheißhaus links“ …

Wir halten in Naumburg. „Der Führer ist gar nicht in dem Zug da drüben“, deutet der kleine Junge an meinem Vierertisch auf eine stehende Regionalbahn im Nebengleis. „Gewiss, Herzchen“, möchte ich ihm sagen. „Der Führer ist nämlich fort. Aber irgendwann kommt ein neuer. Und dann fährt auch dieser Zug hier wieder weiter nach Osten.“ Ich lasse es dann sein, da meine Worte auch missverständlich aufgefasst werden könnten.

„Der kommt bestimmt noch“, bestätigt der Vater des Kindes, der übrigens die ganze Zeit von „Dominasteinen“ spricht. Wenn endlich auch im Spielzeugsektor vernünftig gegendert wird, kann man Barbie und Ken bald einschmelzen.

Über den Bordlautsprecher unterrichtet uns der Zugführer über „Anschlusskonflikte“, Fahrzeitreserven“ und „ständigen Kontakt zur Fahrdienstleitung“. So genau wollte ich das eigentlich gar nicht wissen, doch zum Glück habe ich innerhalb weniger Sekunden alles wieder vergessen.

 

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