Im Winde gescheit
Wie konische Tätowierungen in einen zartblauen Himmel gestochen, der Vermutung hieß, aber Verheißung genannt werden wollte, standen die satten Hügel der Wattau. Die Landschaft, die Menschen, das Vieh, die Häuser: Eins. Aber auch zwei und drei und vier. Viele. In der zerfallenden Scheune, die wie ein lungenkranker Bär in den Schatten geduckt am Fuße des Wanstkogels lag, hingegen zwei. Zweimal eins. Eine. Damals. Im Schnee. Der Vater. Im Vater der Schnee. Spiralen konzentrisch ineinanderfließender Irrlichtblicke wie Leuchtdioden eines kranken Tierchens. Oszillierend dahin dorthin. Stille dann. Dachte. Byrgit. Und dachte nicht. Über Frieder und ihr damoklesisch der Balken. Das wuchtiggroße Querholz des Dachstuhls, das der Vater vor Jahren einst mit großer Kunstfertigkeit aus einer gewaltigen Roterle, die er an einem diesigen Februarmorgen unten am Wanninger gefällt, in einem Stück herausgeholt,- gesägt, -geschnitzt, -gebrochen hatte, in langen Stunden glattgehobelt mit der schweren, alten Schmiedhuberfräse aus Plautzener Stahl, ein uraltes Ungetüm, aber es funktionierte, wie der Vater. Wertarbeit. Sie, die Mutter, die Geschwister, sie alle hatten des Alten harte Hand gefürchtet, doch mehr noch die weiche. Wehe, wenn sie weich wurde. Zerbrochenes Zartbitter. In der Ferne zagte, wie bestätigend, in diesem Moment der klagende Ruf des Grobgefleckten Schmalfußkauzes. Zufall? Zufall. Und doch nicht.
Auf seiner Beerdigung hatte sie nicht geweint. Stur nach unten nur gestarrt auf ihre bärlauchgrünen Manchild-Sneakers zwischen faulendem Laub und Morast. Stumm malmend, mahlend, einen Kaugummi, Airwave Cassis. Und weh das Herz und doch gut. Aufatmen. Aufbruch. Apfelkraut.
Einer plötzlichen Eingebung folgend, pflückte sie, Frucht einer zähen Rastlosigkeit, den Kaugummi mit spitzen Fingern aus dem Mund, führte die Hand in raschem Schwung an Frieders Kopf vorbei und klebte das verbrauchte Naschwerk an den Balken. Als wolle sie des Vaters Werk entweihen. Mit aller Gewalt. Hier und jetzt. Posthum.
„Im Winde gescheit, ei dideldei“, lebte ein uraltes Lied kurz im Kopfe des Mädchens auf, und verflog im Nu wieder. Träge beißender Senfgeruch in der Nase. Bald würde es Frühling werden oder Sommer oder Herbst.
Ein wenig erschrocken und doch neugierig zugleich betrachtete Frieder den Kaugummi.
„Cunst am Caugummi“ dachte er und zuckte ob der Banalität des Gedanken zusammen. Durfte er so etwas denken, sagen, fühlen, ohne sich im gleichen Maße mitschuldig zu machen? Gewiss, er hatte den Anlaut von „Cunst“ und Caugummi“ bewusst jeweils mit C geschrieben gedacht, um den Worten an Ernst und Schärfe zu nehmen. Das Spielerische war eine klare Stärke des phantasievollen Jungen. Er könnte auch „Cowgummi“ denken, führte Frieder denkend weiter aus. Pfiffig. Die Phonetik gleich im Deutschen wie im Angelsächsischen, verbunden mit der in kurioser semantischer Finte überaus feinen Anspielung an das sich selbst stets aufs Neue gebärende Wiederkäuen der Kuh, das so sehr an das Kauen (oder „Cowen“?!) eines Kaugummis erinnerte, letztlich auch an Byrgit in persona - hier musste Frieder lächeln. „Cowgummi“, und lächelte erneut. Erschrak dann, stutzte: Durfte er soviel lächeln?
Byrgit neben ihm merkte zum Glück nichts von dem heftigen Widerstreit, der in dem blonden Unterprimaner an ihrer Seite tobte. „Ei dideldei, im Winde gescheit“, stob erneut diese eine magnifizente Liedzeile wie ein scheues Reh durchs Unterholz ihrer Empfindungen, zeigte kurz dem Jäger die Flanke, zu kurz, verschwand.
Haarscharf dachten also die beiden nebeneinanderher. So haarscharf, dass beider Gedanken aneinander Reibung empfingen, einander wärmten, ohne voneinander zu wissen, und letztlich Funken schlugen.
Die Ahnung weiter von Frieders unnatürlich abgespreiztem Ringfinger, der sich dem Handrücken des Mädchens näherte, nähern wollte, ohne in der Tat sich zu bewegen. Still. Ihre, Byrgits, Ahnung wiederum, dass ebendieses geschähe, geschah, geschehen sollte. Beider Furcht ebendies dabei, das eben jenes des jeweils anderen dieses nicht in selbiger Weise ahnte und dächte. Die trollgleich stehengebliebene Zeit: Aufgeplusterte Graubacken, die unsichtbar Luft ausstießen. Zischende Erpel unten am Wanninger. Trübe das Wasser. Bäuchlings treibend der Unken Schwarm im Winde gescheit.
Als es dann schließlich doch erfolgte, das Unerhörte, Ungeheuerliche, merkte das Universum, dass der Zeitpunkt verstrichen war, den es, das Universum ,wie jedem anderen Zeitpunkt auch, so auch diesem Zeitpunkt nur zu einem einzigen fixen Zeitpunkt zugestanden hatte, eine Zeitpunktnische quasi, deren Verfehlung, und sei sie noch so knapp, den Zeitpunkt zum Nichts machte, zu keinem Zeitpunkt also, für immer vorbei.
Byrgit zog ihre Hand weg und Frieder, in außerordentlicher Beschämung, fragte in einer beinahe als drollig zu bezeichnenden Übersprungshandlung, die die schreckliche Tiefe seiner Verletzung so verzweifelt wie vergeblich mit ganz viel Leere zu füllen suchte, nach der Uhrzeit, die er närrischerdings gar nicht wissen wollte, zumindest nicht genauer, als er sie denn ohnedies schon wusste: Es war zu spät.
Da plötzlich fasel popasel fortsetzung folgt fielleicht …

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