Geländerbesitzer
Wie jeden Tag habe ich auch gestern mein Fahrrad am U-Bahneingang zum Bahnhof Hermannstraße angeschlossen.
Alle paar Monate bezahle ich diese Angewohnheit mit einem aufgestochenen Reifen (komischerweise immer hinten). Solange die Frequenz solcher, in meinen Augen nicht über die Maßen konstruktiven, Akte sich im gewohnten Rahmen bewegt, nehme ich das in Kauf.
Doch es drohen offenbar noch andere Gefahren. Während des Schließvorgangs wurde ich auf einmal von zwei Männern angesprochen. Ich hatte sie bereits zuvor misstrauisch aus dem Augenwinkel wahrgenommen - zwei unangenehme, gewiss auch bedauernswerte Gestalten, hart auf dem Kamm zwischen Kleinkriminalität und Trinkermilieu surfend. Auch strahlten sie eine unbeholfene, feige und obrigkeitsbeflissene Art von Brutalität aus.
Ein wenig verwunderte, dass sie mit weißem Hemd und dunkelblauer Hose jeweils eine Art Uniform trugen, ungewöhnlich für doch sonst meist lieber in der Anonymität verbleibende Ganoven.
"Sie wollen das Fahrrad jetzt aber nicht hier anschließen?", bellte mich der eine mit gegen zehn Uhr morgens wohl schon naturschwerer Zunge an.
"Doch. Das mache ich seit Jahren."
"Sie wissen, dass das unser Geländer ist?"
Jetzt verstand ich auf einmal - ihren Standort, die einheitliche Bekleidung - sie waren Geländerbesitzer. Es war ihr Geländer, sie bewachten es, hegten es, pflegten es, und ich verletzte seit Jahren ungeniert ihr Eigentum. Das war Hausfriedensbruch, Landfriedensbruch, Geländerfriedensbruch, Sachbeschädigung ... Mord womöglich.
"Da kommt dann jemand von der BVG (ich nehme an die "Bundesvereinigung der Geländerbesitzer" - Anm. des Verf.) und macht Ihr Fahrrad mit dem Bolzenschneider ab. Das können Sie sich dann oben am Zentralen Fundbüro abholen."
"Ja, das mach ich dann. Danke!"

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