Ganz unten
Zurück bei mir zu Hause. Ernüchtert, traurig, schockiert. Eigentlich wollte ich ja einen der voraussichtlich letzten milden Sonnennachmittage des Jahres auf der Parkwiese genießen. Doch auf einmal war alles voller Marienkäfer. Anfangs lächelte ich noch blödselig wie eine hormonell bekiffte Jungmutti, sah die Gefahr nicht, war mir der Menge der Feinde nicht bewusst, ja, nicht einmal ihrer Feindschaft. Auf einmal aber schwirrten sie zu Hunderten um mich herum und piesackten mich. Sie schlüpften mir unters Hemd, ins Haar und in die Ohren. Sie hängten sich von innen und außen an die Gläser meiner Sonnenbrille und versuchten auf diese Weise mehr und mehr von meiner Kleidung, meinem Körper und in letzter Konsequenz wohl auch von meiner Seele Besitz zu ergreifen. Mein Lächeln erstarb. Sie waren klein, doch sie waren viele. Ich war groß, doch ich war wenige. Genau genommen allein. Wohl selten in meinem ganzen Leben hatte ich mich derart allein gefühlt. Die Menschen um mich herum konnten mir nicht helfen, denn ihnen erging es ähnlich. Man sah es ihnen zwar noch nicht direkt an, aber auch sie kämpften um ihr Leben. Den größten Schmerz verursachte das Gefühl der absoluten Erniedrigung: Ich, ein bis dahin vollwertiges Member der Krone der Schöpfung, dessen Artgenossen wie selbstverständlich auf der Toilette sitzend mithilfe ausgetüftelter Applications ihren Stuhl bestimmen, ließ mich von winzigen roten Käfern mit schwarzen Punkten in die Flucht schlagen. Von Käferchen dazu, die gemeinhin als äußerst harmlose Glücksboten gelten. Über Jahrmillionen hinweg hatten sie uns offenbar geschickt getäuscht und eingelullt, um hier und heute umso erbarmungsloser zuzuschlagen. Von nun an dürfte es ein alltäglicher Anblick werden: Ein menschlicher Kadaver im Gebüsch, in dessen leeren Augenhöhlen es bunt von zahllosen Marienkäfern schillert. Wer das noch „niedliche Glücksbringer“ nennt, schwärmt gewiss auch von der Ästhetik von Atomkraftwerken.
Ich flüchtete. Eine Woche der Demütigungen hatte hier im Grunde nur ihren bitteren Höhepunkt erfahren. Denn bereits Sonntagnachmittag hatten mir irgendwelche Schweine, denen giftige Käfer die Eier zerfressen mögen, das Fahrrad geklaut. Das Pferd des modernen armen Mannes. Hilflos fühlt man sich ohne, und wie ein Idiot beim leeren Sprung auf einen Sattel, der plötzlich nicht mehr da ist, weg, gestohlen wie der Rest vom Rad.
Ich verstehe jedenfalls, warum Pferdediebe am nächsten Baum aufknüpft wurden. Zu faul, zu feige und zu fantasielos, um von den Reichen zu klauen. Das ist nämlich schwieriger – die können ihren Kram besser schützen. Was waren das noch für Zeiten, als große Männer es sich zur Aufgabe machten, den Reichen zu nehmen, um den Armen, sich selber oder dem Teufel zu geben: Robin Hood, Dschingis Khan, Charles Manson …
Und dann noch gestern Abend unser Fußballspiel gegen die Grünen. Genau: dieselben Grünen, die nach Zweikämpfen gerne rumheulen wie Jungrobben im Angesicht des Fellholers, und noch jedes Mal hartnäckig behaupten, sie hätten „die Deutsche Autorennationalmannschaft“ geschlagen, nachdem sie gegen unser Berliner Rumpfteam gekickt haben. Wir hatten keinen Torwart und irgendwie hatte ich mich mal wieder breitschlagen lassen, witterte aus konditionellen Gründen sogar durchaus Vorzüge, da ich noch an dem Fahrraddiebstahlwegtrinkkater vom Vorabend laborierte. Dass ich den Torjob eigentlich nie mehr machen wollte, nach diversen Fingerbrüchen sowie einer Gleitsichtentwicklung, die speziell bei schummrigem Flutlicht den Ball grundsätzlich erst vor dem Hintergrund eines grünen Tornetzes erkennt: geschenkt.
Geschenkt auch wie die meisten Tore - ich fasse zusammen: Sechs Gegentore gegen einen eigentlich bestenfalls gleichwertigen Gegner, davon dreimal Vollschuld, zweimal Halb- und das fünfte hätte ein Torwart vermutlich ebenfalls gehalten.
Das sechste schmiss ich mir gleich komplett selber rein und begann, bei aller bisherigen Eigennachsicht, mich spätestens jetzt ganz eindeutig in einer fatalen Abwärtsspirale der öffentlichen Lächerlichkeit wiederzufinden. Stärker noch als nach den anderen Gegentoren fühlte ich mich versucht, dem Gegner die Wahrheit ins Gesicht zu plärren: „Hallo! Ich bin doch gar kein echter Torwart!!“
Doch das konnte ich einfach nicht bringen. Denn wer drinsteht ist, und wenn er sich zehnmal hat breitschlagen lassen, nun mal der Torwart. Eine solche Einstellung leben uns unsere Politiker, die man ja nie genug loben und von denen man stets so viel lernen kann, gerade was Fragen der Moral, der Verantwortlichkeit und des Anstands betreffen, schließlich vor. Da stellt sich auch nicht der Wirtschaftsminister hin und greint: „Ich versteh gar nichts von Wirtschaft – ich bin Jurist/Physiker/Historiker/Hausfrau – ich bin eigentlich gar kein Wirtschaftsminister!“ Nein, der presst vielmehr die Zähne zusammen und pfuscht sich klaglos durch die wildfremde Materie, eine Schnitzeljagd von groben Schnitzern hinter sich lassend.
Und so ertrage auch ich diese weitere Demütigung. Hätte ich da schon das mit den Marienkäfern geahnt, hätte ich über so eine vergleichsweise Lappalie bestimmt nur gelacht.

Zurück: Respect, Brother Tourist!
