Der große Regen
Jetzt endlich habe ich mich so weit wieder gesammelt, dass ich darüber schreiben kann: Über den großen Regen vorgestern abend. Ich lag wie üblich gerade auf dem Sofa, als ich von einem lauten Geräusch, ach was, es waren ganz viele leise, die sich also zu einem lauten Gerausche (ein so genanntes Quantumetantum; Singular als Sammelbegriff vieler Geräusche und zugleich deren Plural) vereinten. Halb neugierig, halb ängstlich erhob ich mich von meiner Denkstatt und blickte aus dem Fenster. Was ich dort sah, ließ mir fast das Bier in den Adern gerinnen.
Es regnete. Es regnete aber nicht nur ganz normal, sondern eine schätzungsweise hundert Kilometer dicke Wand aus Wasser fiel quasi im Stück auf die Erde hinunter, also auf den Hermannplatz und die diesen umflorenden Straßen.
Die Menschen flohen in Panik. Wasserscheu, nehme ich mal an. Manche hatten sich lächerliche Mützchen gebaut oder versuchten, die Frisur mit winzigen Täschchen zu schützen, während sie in der Wasserwand herumgluckerten wie Karpfen mit zwei Beinen und Karstadt-Kundenkarte im Bassin. Mein besonderes Interesse wusste eine junge Dame zu wecken, die sich mit durchnässtem Rock in den Karstadteingang flüchtete, wo sie dann sehr anmutig ihre Schuhe ausleerte. Autos schwammen über die Hasenheidenstraße, die ein rasender Strom geworden war, der sich charybdisch in die gurgelnden Mäuler der Gullis ziehen ließ, die im Nu überschwappten und streikten wie die Kehle eines jugendlichen Flatratenutzers in der Vorstadtdisco.
Ich fühlte mich zunächst sehr wohl hier oben im Trocknen, die Ellbogen gemütlich auf dem Fensterbrett, während unter mir die Menschen litten. So hätte es meinetwegen immer weiter gehen können.
Dann aber dachte ich: Nein. Oje. Ojemineh. Wenn das immer so weiter geht, dann steigt das Wasser irgendwann bis zu mir in den vierten Stock hoch und ich werde selber nass, beziehungsweise ertrinke, was ja letztlich nichts anderes ist als eine extreme Form des Nasswerdens.
Fortan bangte auch ich mit den Menschen dort unten, dass der Regen irgendwann aufhören möge.
Ein Wort noch an die Gebrüder Karstadt. Die nerven gerade mal wieder gewaltig. Das Wetter ist schön, und sie hängen drüben in Trauben aus dem Fenster der Chefetage und glotzen zu mir rüber, während ich hier am Schreibtisch nahe meines Fensters sitze. Wie so oft. Sie sehen mich ganz offensichtlich, denn wenn ich intensiv zurückstarre, dann gucken sie auf einmal unmotiviert im Kreis herum und wie zufällig woanders hin.
Den Grund ihrer Neugier kann ich allenfalls erahnen. Möglicherweise liegt es an meiner Angewohnheit, in der warmen Jahreszeit nur mit einem kurzen Stoffhöschen am Schreibtisch zu sitzen, was, wegen der Lage des Fensterbretts aus ihrer Perspektive so aussehen könnte, als sei ich nackt.
Ich bin's aber nicht. Und wenn ich es wäre, wäre es immer noch egal. Wie klemmig sind denn diese Karstadtbrüder sozialisiert worden? Wäre ich hier in der Gegend irgendwie bekannt, würde ich das ganze ja gerade noch minimal verstehen. Damit das endlich aufhört, und ihre Sensationslust ein für alle mal gestillt wird: Hier ein Nacktfoto von mir.

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Süß