Ampelhasen
"Ampelphasen in Berlin zu kurz für Senioren" stand neulich als Schlagzeile in irgendeiner Boulevardzeitung. Ich aber las im ersten Moment: "Ampelhasen". Ampelhasen. Haha. Ist das nicht lustig? Nein? Für mich schon. Normalerweise sollte man ja nun denken, dass es des Themas hiermit genug wäre ("Mannomann, der findet es witzig 'Ampelhasen' verstanden zu haben, ich glaub's einfach nicht, und tschüss und ab dafür ..."), und man sich nun wieder echten Problemen (Duisburg, Äthiopien ...) zuwenden könne. Aber nein. Für mich ist nun mal nicht "normalerweise". "Normalerweise" reizt mich und fordert mich heraus. Während um mich herum das Volk ungeduldig murrt und mit den Füßen scharrt, geht mir hier so richtig einer ab, also im übertragenen Sinne, so flapsig ausgedrückt, ne.
"Ampelhasen, Ampelhasen!" rufe ich laut und klatsche in die Hände. Zeile um Zeile füge ich hinzu, das Thema "Ampelhasen" breitzutreten, jetzt erst recht. Ich rücke den Schreibtischstuhl beiseite, hänge mir eine Girlande um den Hals und mache eine Polonaise durch die Wohnung: "Ampelhasen hier, Ampelhasen dort, Ampelhase, Ampelhase - geh bitte nicht fort!" reime ich aus dem Stegreif ein Lied. Stampf, stampf, stampf. In der Küche kommen Topfdeckel und Löffel dazu, den Rhythmus zu unterstützen, und weiter geht's ins Wohnzimmer. Dort öffne ich das Fenster und schreie laut hinaus: "Ampelhasen, Ampelhasen, hey, hey, hey!"
Längst gähnen die Leser vor Wut und haben abgeschaltet. Das hindert mich nicht daran, hier für mich alleine weiterzumachen - ich mache das ja ohnehin alles nur für mich. Ich bin wahnsinnig. Ich stelle mir ausführlich das Ampelhasenproblem vor. Es gibt an einigen Stellen in Berlin, speziell in grüneren Vororten, Versuche die herkömmlichen Ampeln durch Ampelhasen zu ersetzen. Das ist ökologischer und billiger. Die Ampelhasen sitzen am Straßenrand und sollen, eine Mischung aus Schülerlotsen und Verkehrspolizisten, Zeichen mit demn Ohren oder den Pfoten geben. Ohren gekreuzt bedeuetet Rot, Ohren gerade bedeutet Grün. Nur mal so als Beispiel. Es wären allerdings noch etliche andere Möglichkeiten denkbar, die ich gar nicht alle hier anführen will.
Oder doch. Klar, will ich die alle hier anführen. Warum denn nicht? Wenn die Ampelhasen tanzen, darf man gehen, wenn sie still da sitzen, muss man stehen. Wenn sie aufgeregt mit den Pfoten fuchteln und "Halt! Halt!" rufen, ist es ebenfalls nicht ratsam, die Fahrbahn zu betreten. Hängen die Löffel herunter, sind die Ampelhasen außer Betrieb. Ach, jetzt reicht es mir selber langsam.
In jedem Fall sind die Ampelhasen zu kurz. Die gewohnt kurzsichtigen Senioren können die Zeichengebung der Verkehrsnager schlecht erkennen. Eine Giraffe wäre sicher besser gewesen, aber natürlich auch teurer. "Da hätte man ja auch gleich ne Wühlmaus auf die Straße setzen können" meckern die Senioren und gehen einfach los. Quietsch, zack, bumm, splitter! Entsetzt hält sich der eine Ampelhase die Pfoten vor die Augen, der andere türmt, wilde Haken schlagend. Weiß er doch, dass auf der Suche nach den Verantwortlichen am Ende doch wieder er und sein Kollege als das schwächste Glied dran glauben müssen, gespickt in Rotweinsoße. Und nicht etwa der Verkehrssenator.
Ich find's ja immer noch lustig.
Kicher.
Hallo? Noch jemand hier?
Hallo ...?

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