Alte Freundin, Freundin Alter
Zu Besuch in dem Kaff, wo ich weitgehend aufgewachsen bin. Weitgehend insofern, dass ich schon vorher angefangen habe zu wachsen, und jetzt immmer noch ein wenig wachse, wenn auch mehr nach innen und außen und in die Breite und nach oben ist Schluss.
Beim Fleischer, den man hier Metzger nennt, kam eine Frau auf mich zu, schon gut angebraucht, aber auch nicht so richtig alt. Ich dachte bei mir, "das Gesicht kennst du doch" (mit "du" meinte ich in diesem Falle mich - ich duze mich, sonst hätte ich gedacht: "Das Gesicht kennen Sie doch"). Sie lächelte mich an, und so lächelte ich einfach zurück, und sagte sogar "hallo". Schließlich glaubte ich, wie so oft in dem Kaff, wo ich nach oben gewachsen bin, ein bekanntes und lange nicht mehr gesehenes und darob auch nicht ganz identifizierbares Gesicht vor mir zu haben.
Sie lächelte weiter, und sagte nicht "hallo" sondern "darf ich mal", schob mich transzendental beiseite, griff in das Regal hinter mir, und holte ein Glas "Luise Händlmeyers süßer Senf" heraus. Sie (er)kannte mich nicht.
Ich aber rätselte weiter, und bemerkte dabei, dass sich die Rätselei in den Jahren verdoppelt hatte, da ich inzwischen oft nicht mehr weiß, ob ich die Mutter einer Klassenkameradin vor mir habe, oder eventuell doch gar die Klassenkameradin selber.
Klassenkameradinnen. Manche sind sie einem nach 20 Jahren Nichtgesehen so vertraut, dass man jederzeit ihren Teller leeressen und das Badewasser mit ihnen teilen würde, komisch. Wie Familie. Um nicht missverstanden zu werden: ganz ohne erotische Komponente. Nie hatte ich was mit Klassenkameradinnen, hatte ich doch mein hetero- bzw. überhauptsexuelles Coming-Out erst mit ungefähr dreißig Jahren. Oder waren es hundertdreißig? Oder dreizehn? Ach die lieben, lieben Zahlen. Schall und Rauch sind sie für mich.

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