„Schillernde Kiez-Größe“
Der Inhaber der „legendären“ Kneipe „Zur Ritze“ auf St. Pauli hat vorigen Freitag den Bierlöffel abgegeben. „Na und?“ könnte man sagen und achselzuckend zur wichtigeren Tagesordnung übergehen, wäre nicht im Tagesspiegel ein rührender Nachruf auf den großen alten Mann der Reeperbahn erschienen, eine halbe Seite lang: Unter dem Titel „St. Pauli trauert“ heißt es unter anderem: „Um Reichtum ging es ihm nach eigenen Worten nie. Obwohl man mit Boxen, Gastronomie, Frauen und ‚Zimmervermietungen’ durchaus reich werden konnte, wenn man sein Geld etwas beisammenhielt und sich vor Schulden hütete. Aber das fällt bekanntermaßen nicht nur Zuhältern schwer.“ Ein Zuhälter. Erpressung, Drohung, Ausbeutung, wie romantisch – sind ja eh bloß Nutten. Natürlich kann man über das Milieu schreiben, aber muss das in dieser kritiklos verklärenden Form passieren, als „Prominenten“-Nachruf? Nun könnte man ja einfach denken, „hei, das ist ja ein strammer Max, der sich seit eh und je in der Welt der Söldner, Gladiatoren und Frauenhändler bewegt – ein viriler Insider, der sieht hier noch das Menschliche beziehungsweise übersieht das Unmenschliche“, doch so viel ungesunde Härte traue ich den Bürgerjournalisten gar nicht zu. Ohne ihnen pauschal zu nahe treten zu wollen, dürfte so eine „mit Fünfzehn von zu Hause weg, dann drei Jahre auf See, Fremdenlegion, Philosophiestudium, Bohrinsel, Zeitungen austragen, voll auf Trip ohne Sauerstoff und Schuhe im Schlauchboot über den Himalaya, Schießereien in Manila und Ciudad Juarez, Krankenhaus, Gefängnis, Flucht über einen mit einem Teelöffel aus eigenen Knochen gegrabenen Tunnel, anschließend Rockmusiker, Brandungssurfer, Reiseschriftsteller, Steilwandfahrer und Kunstficker – er hat sie alle gehabt, einschließlich ihrer Krankheiten! -, zwischendurch schnell ein Milliardenvermögen als Investmentbanker in Tschetschenien geschossen, nur um sich zu beweisen, dass er es kann, wie alles andere auch, das Geld komplett hergeschenkt an Waisenkinder und Kampfhundwelpen, nur um endlich wieder so richtig frei zu sein, und dann erst die absolut krasse Herausforderung: als Reporter zum Tagesspiegel, Schwerpunkt ‚bunte Seite’“–Post-Hemingway-Vita doch eher die Ausnahme sein.
Dabei sind die unterschwelligen Komplexe des „unmännlichen Sesselpupers“ überflüssig, denn im Grunde ist es die größere Leistung, sich wenigstens halbwegs an zivilisatorische Standards zu halten. Außerdem kann es durchaus auch ein Abenteuer sein, das Reihenhaus abzubezahlen, oder den Volvo-Kombi während der Rushhour durch den Elbtunnel zu steuern.
Viel mehr erlebt habe ich ja selber nicht, doch Luden waren immerhin dabei – in meinem Taxi: unvergessen die arroganten Machtspiele, die ich von vorneherein verloren hatte. Die latente Gewaltandrohung, die die Luft andickte. Die Begleiterin im Fond: mal stille Angst, mal kreischender Opportunismus, mal heimliches Mitleid mit dem anderen Opfer. Sein Haustier, seine Hure, seine Freundin, seine Ehefrau? Das war ihm so egal wie mir seine Todesart, solange die nur mit dem Adverb "bald" verknüpft ist.
„Kiezgröße“, „Zuhälter“: dass ich nicht lache. Seit jeher lassen sich Autoren von der Folklore des Bösen faszinieren, dessen „interner Moral“ sie sich gerne auf der Spur glauben. Eine solche Moral gibt es aber nicht – ein krudes Konstrukt an Übereinkünften, das nur nach innen zielt und sich in all seiner Arschlochhaftigkeit weiter selbst reproduziert, während es jedes Individuum außerhalb missachtet, hatten auch die Nazis. Der „schillernde Halbwelttyp“ ist eine lächerliche Legende. Er ist kein Robin Hood, oder, das aktuellste Synonym für einen Edelkriminellen, kein Feldmarschall Rommel, sondern nichts als ein stinkfauler, gewalttätiger und rundum menschenfeindlicher Schwerverbrecher - eine Drohne, die sticht.
„Wir nennen es Arbeit“, grunzt sie auch noch dabei, ich nenne es „Scheiße“. Was daran schillernd oder romantisch sein soll, ist mir schleierhaft. Schillernd wie Erbrochenes allenfalls, das ein Säufer vor einer besonders traurigen Kaschemme (z.B. der „Ritze“) in den Rinnstein gekotzt hat, und romantisch wie eine Vergewaltigung – der scheinbar geschmackloseste Vergleich passt hier leider am Besten.
So jemandem also wird fast die gesamte Bunte Seite gewidmet, anstatt Leuten, die älteren über die Straße helfen oder zerknitterte Meerschweinchen glattbügeln. Von mir aus auch irgendwelchen x-beliebigen Pennern, die einfach gar nichts machen, aber dabei wenigstens niemandem schaden oder wehtun. Dir oder mir.
Am Ende nicht fehlen darf in dem Artikel natürlich das „markante ‚Ritze’-Eingangsbild“, ein Paar gespreizter Frauenbeine, in deren Mitte sich die Eingangstür befindet. Die Ritze, haha, zur „Ritze“ hoho. Damit der Wilmersdorfer Leser auch abseits der Blitzampel Ecke Güntzelstraße mal die raue Welt des Rotlichts kennenlernt. Und natürlich sind wir alle ein bisschen neidisch über diesen herrlich ursprünglichen Blickwinkel auf die Frau. Wenn die einen mal wieder anschreit, weil man die Spülmaschine nicht ausgeräumt hat. Das in meinen Augen einzige Verdienst des Scheißladens war, dass dort einmal ein Zuhälter vom Hocker geschossen wurde, und ein zweiter sich im Boxkeller erhängte. Zwei weniger - wäre so etwas viel öfter passiert, wäre ich von denen glatt noch Facebook-Fan geworden.

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