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  <title>Archiv</title>
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       Artikel älter als ein Monat
       
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    <item rdf:about="http://ulihannemann.de/artikel/zaertlichkeit-und-eleganz">        <title>Zärtlichkeit und Eleganz</title>        <link>http://ulihannemann.de/artikel/zaertlichkeit-und-eleganz</link>        <description>Endlich ist es so weit: In Kürze wird mich der Briefträger zum allerersten Mal in Unterhosen sehen. Ich finde das wichtig für unser Vertrauensverhältnis. Immerhin öffne ich ihm jederzeit bereitwillig meine Tür, obwohl er ein Mörder sein könnte, und nehme von ihm Sendungen entgegen, in denen sich womöglich Sprengstoff befindet. Kein Wunder also, dass wir jahrelang akribisch und zielstrebig auf diese symbolische Öffnung hingearbeitet haben, wenngleich wie Tunnelbauer von zwei entgegengesetzten Seiten aus: er aus der Position des völlig Arg- und Ahnungslosen, und ich vom anderen Ende des Berges her, in der Rolle des wissenden Bauleiters unserer Briefträger-Briefbekommer-Beziehung.
Natürlich ist es nicht die Schöne Unterhose. Die muss es zu diesem Zweck auch nicht sein. Er ist schließlich nur mein Briefträger. Folglich will ich nicht nackt mit ihm skypen oder sonst was Richtung Erotik, sondern einfach nur, dass wir auf eine lockere und entspannte Art miteinander klarkommen. Dass wir uns zeigen: hey, du, ich kenne deine Geheimnisse, aber ich kann schweigen und ich akzeptiere dich, so wie du bist.
Und so bleibt die Prachtunterhose unter ihrem schützenden Staubmantel auf dem angestammten Ehrenplatz in meinem Anziehsachenregal: Die „Number One“, wie ich sie augenzwinkernd nenne, kichernd und ein wenig errötend, da sich in ebendiesen Momenten des Augenzwinkerns Anlässe und Erinnerungen im Hinterkopf automatisch querverbinden: Wie ich sie früher alle paar Jahre mal anzog, wenn ich es geschafft hatte, eine besonders kurzsichtige Frau auf einen Kreuthertee einzuladen.
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    <item rdf:about="http://ulihannemann.de/artikel/fest-der-fadheit">        <title>Fest der Fadheit</title>        <link>http://ulihannemann.de/artikel/fest-der-fadheit</link>        <description>Endlich ist Ostern vorbei. Die langweiligsten und unverständlichsten Feiertage der Welt. An Weihnachten habe ich mich ja langsam gewöhnt: Weihnachtsmann, Glühwein, klingeling, alles gut. Der Anlass dieser kollektiven Arbeitsverweigerung ist mir zwar nach wie vor unklar (irgendwas mit nem Streichelzoo und einer Frau, die den Leuten vom Amt nicht sagen will, von wem das Kind ist) aber ich muss ja nicht alles wissen. Immerhin gibt es Geschenke.
Ostern ist dagegen vollkommen hohl. Ostern ist nichts. Null, nada, niente, wolfsburg. Das Wetter ist eigentlich immer scheiße, die Jahreszeit hängt unentschlossen und hilflos in einer Art Patt herum und die Bäume haben noch keine Blätter. Es gibt keine Geschenke, keine Zeitungen (für die hätte ich ja sogar bezahlt), die Läden haben zu und allen ist irgendwie langweilig. Mit Mundwinkeln wie auf den Kopf gestellte U‘s in ihren grauen Spätwintergesichtern latschen sie durch ebenso graue Straßen. Die Bäume haben keine Blätter. Das habe ich zwar schon mal geschrieben, aber man kann das im Grunde nicht oft genug wiederholen. Die verschissenen Bäume haben keine verfickten Blätter.
Dass die Leute über die Osterfeiertage nicht ihrem gewohnten Konsumverhalten nachkommen können, macht sie ausgesprochen aggressiv. Das merkt man bereits an dem einzigen angeblichen Anlass dieses Fests der Fadheit: die Leute feiern offenbar, dass jemand gestorben ist.
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    <item rdf:about="http://ulihannemann.de/artikel/neulich-in-kopenhagen">        <title>Neulich in Kopenhagen</title>        <link>http://ulihannemann.de/artikel/neulich-in-kopenhagen</link>        <description>Zunächst halte ich das Ganze für einen reichlich blöden Witz. In München oder Zürich hätte ich die gleiche Situation ebenfalls für einen Scherz gehalten, in Berlin oder Hamburg immerhin geglaubt und in Mexiko wäre mir der Arsch vermutlich auf Grundeis gegangen.
Hier in Kopenhagen jedoch verfolge ich mit allenfalls leicht irritiertem Desinteresse, wie um kurz nach zehn (das Lokal hat offiziell bereits geschlossen - Dan, Kirsten und mich hat man als letzte Gäste eben noch abgefertigt) zwei mutmaßlich junge Männer in seltsamer Staffage das indische Restaurant betreten, in dem wir sitzen.
Beide tragen dunkle Kapuzenpullover, haben die Gesichter mit Schals vermummt und halten je einen Trommelrevolver in den Händen. Einer postiert sich an der Eingangstür, der andere geht zielstrebig zum Tresen, hält der Kellnerin die Knarre vors Gesicht und fordert: „Give me the money!“
Was sonst sollte er auch mit seiner Kostümierung sagen: „Ich möchte mit Ihnen über Gott sprechen“, „Bei uns wurde ein Paket für Sie abgegeben“, „Ach, wären Sie vielleicht so nett, auf unsere Sachen aufzupassen, solange wir im Wasser sind“? Das passt doch alles nicht. Nein, „Give me the money“ ist die auf den Kontext definitiv am besten zugeschnittene Bemerkung.
Wohl auch deshalb wird sie nun bereits zum zweiten Mal geäußert, ein wenig genervter schon, und die Angestellte schlüpft hinter den Vorhang hinterm Tresen. „Die haben ja echt Geduld mit den geschmacklosen Streichen der Nachbarsbuben“, denke ich da immer noch. „Ein scharfer Tadel, ein kleiner Backenstreich, und gut ist.“ So hätte man das zu meiner Zeit gelöst. Und wo ist eigentlich die versteckte Kamera?
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    <item rdf:about="http://ulihannemann.de/artikel/den-schreibern-der-unwichtigen-seiten">        <title>Den Schreibern der unwichtigen Seiten</title>        <link>http://ulihannemann.de/artikel/den-schreibern-der-unwichtigen-seiten</link>        <description>Der Balkonstuhl ist am Vorabend nass geworden.
„Warte mal“, sage ich und greife nach der Sonntagszeitung. „Leg doch einfach einen Stapel von den unwichtigen Seiten unter.“
Ich reiche ihr „Karriere“, „Reisen“ und noch irgendetwas, das nie jemand liest. Die unwichtigen Seiten eben. Dann erst denke ich nach: Was, um Gottes Willen, mache ich hier eigentlich? Wichtige Seiten – unwichtige Seiten: unter diesen menschenverachtenden Schubladen befinden sich im Grunde nur noch die für „wertes“ und für „unwertes“ Leben.
Auch die unwichtigen Seiten werden doch schließlich von Menschen geschrieben, mit ihrem ganzen Herzblut, gut ausgebildet und voller Elan. Es sind Menschen wie du und ich, mit Sehnsüchten, Ängsten, Träumen und Wünschen und nicht zuletzt mit dem Recht auf ein menschenwürdiges Dasein. Um die unwichtigen Seiten zu schreiben, überwinden die Schreiber der unwichtigen Seiten tapfer alle inneren und äußeren Widerstände. Mit vor Müdigkeit roten Augen pressen sie des Nachts im flackernden Kerzenschein ihre Hirne und Seelen aus wie Zitronen. Nebenan schreit das Kind.
„Sch … sch …“, versuchen die Schreiber der unwichtigen Seiten das quäkende Kind zu beruhigen und es in den Schlaf zu wiegen. Das dauert. Kein Wunder, denn das Kind ist hungrig. Schlaff hängt die leere Brust, denn Hunger quält auch die Schreiber der unwichtigen Seiten.
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    <item rdf:about="http://ulihannemann.de/artikel/la-bonne-maman">        <title>La Bonne Maman</title>        <link>http://ulihannemann.de/artikel/la-bonne-maman</link>        <description>Nachdenklich blickt Dominique Strauss-Kahn aus dem Fenster im fünften Stock des Gerichtsgebäudes zu Lille. Draußen im Märznebel liegt „La fleur merdalors“, auf Deutsch „die Blume Vorbelgiens“, wie man die Stadt wegen ihrer mannigfaltigen Graustufen nennt, die ihr ein dezent farbenfrohes Gepräge geben. Soeben hat ihm die Staatsanwaltschaft Beihilfe zu Zuhälterei und Veruntreuung von Firmengeldern vorgeworfen. Er habe auf Sexpartys Kontakte zu fremd bezahlten Prostituierten gehabt.
„Sexpartys! Prostituierte! Lächerlich!“ DSK schnaubt verächtlich. Allôô? Comme crasse est ca, hein? Die ganze Journaille besteht doch nur aus antisemitischen Feministinnen. Schließlich muss er selbst doch am besten wissen, ob er Kontakt zu Prostituierten hatte. Doch nichts dergleichen wäre ihm in letzter Zeit aufgefallen. Er hat ein reines Gewissen.
Auffällig ist allenfalls, dass es irgendwie immer im Zusammenhang mit Frauen so viel Ärger gibt. Die verrücktesten Sachen, eine endlose Kette merkwürdigster Missverständnisse. Eigentlich kein Wunder also, dass auch diesmal wieder ein belangloser Abend vor Gericht endet, nur weil an diesem zufällig Frauen anwesend waren.
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    <item rdf:about="http://ulihannemann.de/artikel/ein-fruehling-auf-dem-lande">        <title>Ein Frühling auf dem Lande</title>        <link>http://ulihannemann.de/artikel/ein-fruehling-auf-dem-lande</link>        <description>Svenni macht alles und Svenni weiß immer Rat. Svenni gehört das Grundstück in der Prignitz oder der Blubbermark oder der Weißdergeierwas, auf dem unsere drei Holzhütten stehen, die wir uns zu zwei Parteien teilen: Familie Ahne und Familie Ich. Doch heute, am ersten richtig schönen Samstag des Frühlings, sind nur Q. und ich da und kriegen zu zweit die volle Ladung Svenni ab.
Svenni ist in seinem Element. „Ihr müsst auch mal da vorne auf dem Dach ne neue Leiste anbringen, die alte ist schon fast weggefault, das seh ich gleich, das seh ich von hier aus“, sagt Svenni, während er uns die Gartenpumpen einbaut und anschließt, damit wir auch diese Saison fließend Wasser in der Datsche haben. „Am besten, ihr nagelt dabei ruhig auch noch ne neue Lage Dachpappe drauf, das jeht janz einfach, das jeht janz schnell.“
Schnell und einfach geht für uns, aus ländlicher Tradition vermutlich zuvorderst angesprochene, Männer hier gar nichts. Wie „Lage“? Wie „Dachpappe“? Was „nageln“? Wir wollten uns hier erholen, grillen und biertrinken. Auch arbeiten, vielleicht ab und zu, aber mit Kladde und Kugelschreiber oder dem Laptop. Und nicht irgendwelche anstrengenden, schwierigen und schmutzigen Sachen mit den Händen, die wir sowieso nicht können.
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    <item rdf:about="http://ulihannemann.de/artikel/falscher-film">        <title>Falscher Film</title>        <link>http://ulihannemann.de/artikel/falscher-film</link>        <description>Eigentlich möchte ich bei ihm schon lang nicht mehr kaufen, aber sein Standort ist so praktisch, dass ich noch nicht mal vom Rad absteigen muss: dem ambulanten Verkäufer des Stadtmagazins „Zitty“, der jeden zweiten Dienstag im Görlitzer Park steht, genau an der Stelle, an der ich ohnehin stets vorbei muss.
Der Mann hat im Wesentlichen zwei grobe Haken, respektive Vollmeisen: Zum einen lacht er stets freundlich. Schon allein das ist mir zutiefst suspekt. Als Deutscher, als Berliner, als Protestant. Um keine Missverständnisse zu aufkommen zu lassen: Ich glaube nicht an Gott, bin kein gebürtiger Berliner und auch kein Nazi. Was ich meine, ist eher diese einzigartige Mischung aus klemmig, versoffen und pedantisch. Mein Wesen ist so deutsch, dass ich beim Fahrradfahren eigentlich eine Pickelhaube tragen müsste. Doch die Mentalität hat auch unbestreitbar ihre Vorteile, denn sie versetzt mich in die Lage „gute Laune“ und „Leutseligkeit“ als das zu erkennen, was sie sind: Galoppierender Schwachsinn und fehlende Distanz.
Denn es ist ja nicht nur das blöde Grinsen. Sondern viel schlimmer. Jedem, der bei ihm ein Heft kauft, zwingt er „zum Dank“ einen kurzen Witz auf. Wenn man Glück hat. Wenn man Pech hat, sind es zwei kurze Witze. Heute habe ich Pech, denn aus Höflichkeit (die Tugend der Faulpelze, Feiglinge und Opportunisten) lasse ich mir die Zumutung immer wieder gefallen.
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    <item rdf:about="http://ulihannemann.de/artikel/Ein%20schlimmer%20Morgen">        <title>Ein schlimmer Morgen</title>        <link>http://ulihannemann.de/artikel/Ein%20schlimmer%20Morgen</link>        <description>Das Frühlingsfrühstück auf dem Balkon könnte so schön sein. Die Sonne scheint, es gibt sogar Aufschnitt. Wenn sich nur das Scheißbrötchen nicht so schlecht schneiden ließe: Mit dem Messer kriege ich erst kaum ein Loch hinein, um dann das Innere eher fransig in die Länge zu ziehen, statt es in zwei Hälften zu schneiden, so als hätte ich einen stumpfen Schraubenzieher von der Seite in einen Riesenkaugummi gesteckt.
Das macht mich wahnsinnig wütend. Und auch traurig. Die haben mir da beim Bäcker echt ein schlechtes Brötchen verkauft. Dabei war ich war total freundlich, wie immer, habe gegrüßt und bezahlt, den vollen Preis. Und die Bäckersfrau hat ebenfalls ganz freundlich getan, auch wie immer, und so als wäre nichts und mir dann dieses Brötchen untergejubelt. Bestimmt hat mir die Hexe, als ich damit rausgegangen bin, hinter meinem Rücken eine lange Nase gezeigt.
Jetzt sitze ich mit diesem „Brötchen“ da. Ein trojanisches Brötchen, das nichts als Kummer und Verderben bringt. Ich habe Schweißperlen auf der Stirn bei dem unmöglichen Versuch, das Scheißteil durchzuschneiden. Auf einmal habe ich das Gefühl, dass die genau genommen unangenehm blasse Sonne höhnisch auf mich heruntergrinst, als wolle sie spotten: „Haha, du erbärmlicher Scheißidiot, du wirst es niemals schaffen, auch nur dieses Brötchen sauber durchzuschneiden.“ Ähnliches scheint sich der Aufschnitt zu denken, der mich aggressiv und schweigend anstarrt.
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    <item rdf:about="http://ulihannemann.de/artikel/tage-der-superlative">        <title>Tage der Superlative</title>        <link>http://ulihannemann.de/artikel/tage-der-superlative</link>        <description>Dass bereits die ersten Tage nach meiner Heimkehr von absoluten Highlights meines beruflichen und privaten Lebens gezeichnet würden, hätte ich ja nicht zu hoffen gewagt. Doch unerwartet fragte ein überaus geschätzter Kollege an, ob ich als Gast bei seiner Buchpremiere mitmachen wolle. Und zwar ausgerechnet jener Kollege, dessen Schaffen ich für derart genial halte, dass selbst wenn der Heiland himself ihn bei seiner Premiere unterstützen würde, er alles nur versemmeln und versauen würde und das Publikum nach einem kläglichen Mitleidsapplaus für ihn, den Heiland, ungeduldig auf den erwartet bombastischen Beitrag des besagten Kollegen warten würde. Noch nie in meinem ganzen Leben hatte ich mich derart geehrt gefühlt.
Wie ich denn zu dieser Ehre käme, wollte ich mit vor Ehrfurcht erstickter Stimme wissen, was man bei einer  Mail zum Glück nicht mitbekommt.
Ach, gab der Größte unter den Großen zu verstehen, das sei ja nur so ein Kinderbuch, quasi außerhalb der Reihe, da wolle er nicht die „richtigen Kollegen“ verheizen. Natürlich habe er zunächst ein paar Penner auf der Straße gefragt, die er für einfältig genug hielt, doch keiner wollte. Wie es denn bei mir aussehe? Ich müsse an dem Abend auch nur den halben Eintrittspreis entrichten.
Ich wurde fast ohnmächtig vor Stolz. Vor Begeisterung riss ich mir sämtliche Kleider vom Leib und veranstaltete damit ein Freudenfeuer. Anschließend zog ich ein Jubelgewand aus der Schublade, das ich mir eigens für solche Anlässe aus Goldpapier gebastelt hatte, zog es über und tanzte damit angetan durch die ganze Wohnung. Was für eine Ehre! Wie mich dieser Grandseigneur der gereimten Grille im Inneren seines Herzens schätzen musste! Womit hatte ich das verdient?
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    <item rdf:about="http://ulihannemann.de/artikel/Zurueck%20in%20der%20Spur">        <title>Zurück in der Spur</title>        <link>http://ulihannemann.de/artikel/Zurueck%20in%20der%20Spur</link>        <description>Es dürfte so etwa fünf Uhr morgens sein, als ich aufwache. Es ist stockdunkel. Auch als ich mich erhebe, habe ich noch immer keine Ahnung, wo ich bin.
Nur langsam beginnen meine Augen, schemenhafte Einzelheiten zu erkennen: Vor einer Art Fenster oder so hängt eine merkwürdige bunte Decke anstatt eines Vorhangs und weiter hinten leuchtet ein kleiner roter Punkt. Ein Tier?
Ich glaube inzwischen, dass ich in einer Art nach hinten halboffenen, primitiven Hütte bin, die vermutlich zu irgendeinem costaricanischen Hostel gehört? Der Eindruck verstärkt sich durch den groben Holzboden, den ich unter meinen Füßen spüre. Schade, dass ich keine Taschenlampe habe. Barfuß im Dunkeln aufs Klo zu tapern, ist hier nicht ganz ungefährlich, wegen diverser Gift- und Stacheltiere. Doch wo ist das Klo? Und wo ist überhaupt die Tür? Seit ich als kleines Kind in fremder Umgebung aufgewacht bin, habe ich mich nicht mehr derart orientierungslos gefühlt. Allerdings ist der Unterschied zu damals: Heute gehe ich stramm auf die Tausend zu und ich befinde mich zuhause, in meinem eigenen Schlafzimmer.
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    <item rdf:about="http://ulihannemann.de/artikel/was-nuetzt-die-liebe-in-gedanken">        <title>Was nützt die Liebe in Gedanken?</title>        <link>http://ulihannemann.de/artikel/was-nuetzt-die-liebe-in-gedanken</link>        <description>Ich weiß es nicht, vielleicht stehe ich ja mit meiner Haltung relativ isoliert da, doch ich kann das Gejammer der Linken wegen ihrer Überwachung durch den Verfassungsschutz absolut nicht nachvollziehen. Im Gegenteil, ich beneide sie zutiefst.
Dennoch ist mir mein Geständnis sogar fast ein bisschen peinlich, aber wir sind hier zum Glück ja unter uns: Allein schon der Gedanke, vom Verfassungsschutz beobachtet zu werden, erregt mich ungemein. In meiner Vorstellung bin ich dabei meist völlig nackt, höchstens  trage ich mal einen leichten und rasch zu öffnenden  Mantel mit nichts darunter. Stets denke ich mir auch einige Verfassungsschützerinnen aus, mit strengem Gesicht  und einem Klemmbrett in der Hand, auf das sie unablässig Notizen kritzeln, während sie jede Fiber meines Körpers und meiner politischen Einstellung mit ihren großen braunen Augen, die konspirativ hinter einem Tarnnetz aus langen Wimpern verborgen sind, abscannen, aber sonst vor allem Männer: Denn erstens funktionieren erotische Wunschträume am besten, wenn man sie mit realen Elementen versieht, und zweitens: Wer selbst noch seine geheimsten Phantasien heteronormativ zensiert, schläft auch mit den Händen auf der Bettdecke, mit dem Gesicht zum Kruzifix an der Wand.
In meiner Phantasie hingegen gibt es auf beiden Seiten keine Scham und keine Grenzen. Der Verfassungsschutz und ich – wir lassen beide hemmungslos die Sau raus:
„Wissen Sie, dass unsere V-Leute Sie jahrelang beobachtet haben: beim An- und Ausziehen, beim Duschen, beim Sex und sogar beim Abspülen?“
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    <item rdf:about="http://ulihannemann.de/artikel/vorwort">        <title>Vorwort</title>        <link>http://ulihannemann.de/artikel/vorwort</link>        <description>Welch bizarrer Reigen der Überflüssigkeiten: Schon wieder ein Buch und schon wieder ein Vorwort.
Ich persönlich halte von Vorworten ja rein gar nichts. Was im Buch drin steht, zeigt doch schon das Inhaltsverzeichnis oder die sogenannte KL, die „Kurze Lüge“ (Herausgeberjargon) auf der vierten Umschlagsseite. Ohne jenen gnadenlos bescheuerten Vollpfeifen, die sich nicht entblöden, ihre Bücher mit einem Vorwort zu garnieren wie ein Tellergericht mit einem absolut geschmacklosen Salatblatt, im Geringsten nahetreten zu wollen: Vorworte sind ein vorauseilender Offenbarungseid für alles, was danach kommt. Denn dem wird ja anscheinend nicht vertraut, sonst müsste man es weder vorbereiten noch erklären. Wer Vorworte verfasst, analysiert auch bei Witzen umständlich die Pointe, fragt postkoital „Wie war ich?“ und streicht beim Internet-Banking auf der TAN-Liste die verbrauchten TAN-Nummern ab.
Vorworte sind minderwertiges Geschwafel zur Ankündigung von minderwertigem Kram, dessen Wert sie allein durch ihre Existenz sogar noch weiter mindern. Schließlich stellt bereits der Begriff „Vor-Wort“ unmissverständlich klar, dass es sich um gar kein richtiges Wort handelt, sondern nur um die primitive Vorstufe eines Wortes ähnlich dem Vormenschen als unvollkommene Frühform des Menschen. Wo der Homo Sapiens weise das Wort erhebt, grunzt der Vormensch bloß sein Vorwort: „Ugga, ugga! Ich Tarzan, du Leser! Ich klug und lustig – du mir jeden Scheiß glauben! Ugga, ugga!“
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    <item rdf:about="http://ulihannemann.de/artikel/mein-erster-kuss">        <title>Mein erster Kuss</title>        <link>http://ulihannemann.de/artikel/mein-erster-kuss</link>        <description>Ich weiß nicht genau, warum ich ausgerechnet heute daran denken muss: wie ich das allererste Mal ein Mädchen küsste. Vielleicht liegt es ja daran, dass ich gerade über eine Stunde lang laufen war und ziemlich viel Spucke sowie einen ausgesprochen üblen Geschmack im Mund habe. Vielleicht aber auch, weil der Weg dahin so mühselig war und so lange gedauert hat.
Denn das kann mich sich ja heutzutage gar nicht mehr vorstellen – es war ja damals eine völlig andere Welt. Oldtimer fuhren hupend und klingelnd durch die Straßen, die von zerbombten Häusern gesäumt waren, beziehungsweise Plattenbauten, die ungeachtet ihres Alters oder Zustands einen  Geist grundsätzlicher Zerbombtheit verströmten. Darin mussten wir wohnen. Auch die allgemeine Ordnung war eine andere: Exotische Tiere waren in zoologischen Gärten untergebracht, anstatt in Parks die Jogger anzuspringen, die damals noch „Dauerläufer“ hießen oder „wegrennende Handtaschenräuber“. Dreiste Verbrecher wiederum mussten in Gefängnissen Körbe flechten, anstatt Bankgeschäfte durchzuführen, Kreuzfahrtschiffe zu steuern oder Bundespräsidentenämter zu bekleiden. Es war nicht alles schlecht.
Für den ersten Kuss eines erotisch erwachenden Knaben war die Zeit jedoch alles anderes als günstig, denn die Informationsgesellschaft steckte noch in ihren Kinderschuhen. Niemand wusste was. Während man heute das Küssen im Internet erlernen kann oder Kuss-Apps herunterlädt, die das Küssen gleich ganz für einen erledigen, gab es zu jener Zeit nichts außer Gerüchten: So hatte mir der Pfister Joachim (wir wohnten mittlerweile auf dem Land, wo man Vor- und Nachnamen falsch herum nannte) auf dem Schulhof unter dem Siegel der Verschwiegenheit verraten, ein Mädchen küsse man, indem man es zu Boden trat und ihm anschließend fest mit einem Hammer auf den Kopf schlug. Dass ich dem schulbekannten Rabauken glaubte, verschaffte der Haubentaucher Heidi einen heftigen Sprung in der Schüssel und mir ein Gespräch beim Direktor sowie einen Tadel erster Ordnung. So ging es also nicht.</description>        <dc:publisher>No publisher</dc:publisher>        <dc:creator>hannemann</dc:creator>        <dc:rights></dc:rights>                    <dc:subject>Blog</dc:subject>                <dc:date>2012-01-20T17:59:45Z</dc:date>        <dc:type>Nachricht</dc:type>    </item>
    <item rdf:about="http://ulihannemann.de/artikel/erwischt">        <title>Erwischt!</title>        <link>http://ulihannemann.de/artikel/erwischt</link>        <description>Wie so oft surfe ich gerade auf der Seite einer besonders mildtätigen Tierschutzorganisation, um zu sehen welchen Tieren ich wie noch helfen kann, als es passiert: Fast der ganze Bildschirm wird schwarz, nur in der Mitte erscheint ein umfangreicher Warnhinweis. Ich fange an zu lesen: „Durch das Besuchen von Seiten mit infizierten und pornografischen Inhalten ist das Computersystem an eine kritische Grenze angekommen, nach der das System zusammenbrechen und die ganzen Dateien verloren gehen können ...“
Sofort werde ich wahnsinnig rot, fange an, wie verrückt zu schwitzen und stottere herum. Das heißt, ich stottere beim Denken, denn in diesem Moment bin ich allein. Zum Glück. Das kann doch gar nicht sein: „Seiten mit pornografischen Inhalten“ - nie im Leben, quiek, quiek, ich weiß doch gar nicht was das ist! Und, äh, wie kommen die bloß darauf?
Entsetzt lese ich weiter: „... Um das System wiederherstellen zu können, müssen Sie ein zusätzliches Sicherheitsupdate herunterladen. Dieses Update ist ein kostenpflichtiges Upgrade für besonders infizierte Windowssysteme. Es beschützt das System vollständig von Virus und Schadprogrammen stabilisiert Ihr Computersystem und verhindert den Datenverlust.“
Das ganze kostet nur 50 Euro. Der schwarzrotgoldene Rahmen um die Warnung herum zeigt, dass diese offenbar direkt aus dem Bundesministerium des Inneren stammt, was mich ungemein beruhigt und tröstet, denn wenn der Bund dahintersteckt, dann geht das immerhin in Ordnung. Einen kurzen Augenblick lang hatte ich nämlich fast Angst gehabt, dass mir da irgendwelche unbefugten Hacker einen von den Sicherheitsbehörden nicht legitimierten Scareware-Trojaner untergejubelt hätten.</description>        <dc:publisher>No publisher</dc:publisher>        <dc:creator>hannemann</dc:creator>        <dc:rights></dc:rights>                    <dc:subject>Blog</dc:subject>                <dc:date>2012-01-17T12:13:54Z</dc:date>        <dc:type>Nachricht</dc:type>    </item>
    <item rdf:about="http://ulihannemann.de/artikel/moralanfaelle">        <title>Moralanfälle</title>        <link>http://ulihannemann.de/artikel/moralanfaelle</link>        <description>Kein Wunder, dass mich gerade im Winter gern einer dieser Moralanfälle ereilt, die mich gelegentlich die eigene Nutzlosigkeit verfluchen lassen.
Den ganzen Abend lang liege ich auf dem Sofa und glotze die englische Adelsserie „Downton Abbey“. Zwischendurch schicke ich das Personal nach draußen in die Kälte, um mir vom Vietkong ein leckeres Take Away zu holen. Grob feixe ich als wie ein reichlich rauer Bursche über das Gesehene, um zu überspielen, dass ich an einem riesigen Rührungstränenknödel kaue. Danach ratze ich zehn Stunden lang wie ein depressives Murmeltier.
Am nächsten Morgen will ich mal wieder nicht aufstehen. Ich muss auch nicht - keiner zwingt mich, braucht mich oder wartet auf mich. Die Kinder sind noch tot, ich muss nicht das Land regieren und die Kühe wollen nicht gemolken werden. Ich habe keine Interessen, keine Pflichten, ich habe überhaupt nichts Nützliches zu tun. Ich bin eine Drohne – ich glaube, so nennt man im Tierreich „Freiberufler“ wie mich. Die paar Zeilen, auf die ohnehin keiner wartet, kann ich auch später zusammenschmieren, am Nachmittag, morgen oder am Besten vielleicht auch gar nicht: Über meine Texte lachen sowieso nur böse Menschen, und böse Menschen zum Lachen zu bringen, ist im Grunde noch schlimmer als Niemanden zum Lachen zu bringen. Böse Menschen sollen weinen – dafür zu sorgen, wäre eine sinnvolle Beschäftigung.
Immerhin weine ich jetzt in meinem weichen Bett. Ich bemitleide mich selbst für mein mangelndes Mitleid für andere Menschen, meine eigene Dekadenz macht mich krank. Apropos krank: Wo bleibt eigentlich mein Kaffee? Ich hab zwar nicht die geringste Eile, aber trotzdem dauert mir das hier alles irgendwie zu lang.
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